8. Inklusionspädagogisches Wochenende

Vom 10.-12.3.2017 findet in Dorum das 8. Inklusionspädagogische Wochenende statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung halte ich das Eröffnungsreferat mit dem Titel „Ein Blick durchs Kaleidoskop – Inklusion in Deutschland“

Die Ausschreibung und mehr Informationen gibt es hier:

http://sop.gew-nds.de/images/GEW_PDF/dorum-programmheft_2017.pdf

Das Menschenrecht auf inklusive Bildung

Ich habe mich vor einiger Zeit mit der Frage der Realisierung des Menschenrechs auf inklusive Bildung  in Deutschland beschäftigt. Herausgekommen ist dabei der Text „Das Menschenrecht auf inklusive Bildung: Positionen zum Umsetzungstand und Umsetzungsperspektiven in Deutschland“.

Den Text gibt es hier zum herunterladen: das-menschenrecht-auf-inklusive-bildung

Ich freue mich auf Anregungen, Diskussionen, Anmerkungen, Kritik.

„Haltung und Umsetzung müssen immer zusammen gedacht werden.“ – ein Interview mit Anett Zeidler

Die „SozDia Stiftung Berlin – Gemeinsam Leben Gestalten“ gründete sich Ende 2013 als Weiterentwicklung aus dem Verein „Sozialdiakonische Jugendarbeit Lichtenberg e.V.“. Die SozDia Stiftung Berlin ist in den Feldern der Hilfen für Jugendliche und Familien, in der Tagesbetreuung für Kinder und im Bereich der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe aktiv.

Im Jahr 2015 führte die SozDia Stiftung Berlin ein Themenjahr zum Thema Inklusion durch. Das Projekt „All Inclusive?! SozDia Themenjahr Inklusion“ wurde sowohl im Voraus, als auch im Nachhinein durch weitere Veranstaltungen begleitet, vorbereitet und nachbereitet. Anett Zeidler, Erwachsenenbildnerin und Projektentwicklerin, leitete das Projekt in der SozDia Stiftung Berlin. Ich habe mit ihr über das Projekt, den Aufbau und die Ergebnisse gesprochen.

 Anett, du hast das Projekt „All Inclusive?! SozDia Themenjahr Inklusion“ in der SozDia geleitet. Bevor wir uns etwas näher mit dem Projekt beschäftigen noch ein paar Fragen zu dir. Was verbindest du persönlich mit dem Thema Inklusion?

Mit dem Thema Inklusion verbindet mich persönlich der Gedanke an den Prozess. Du hast gerade von Projekt gesprochen. Es handelte sich zwar um ein Themenjahr und somit ist es laut Definition ein Projekt, aber Inklusion ist ein fortwährender Prozess, bei dem man kein Ende setzen kann.

Spannend finde ich, dass sich in diesem Prozess auch die eigenen inhaltlichen Schwerpunkte verändern. Bei mir persönlich lag der Fokus vor einem Jahr noch vorrangig auf der Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Mittlerweile verknüpfe ich mit dem Thema auch die Inklusion von Geflüchten in die Gesellschaft oder von Menschen mit den unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen. Diese Themen habe ich bisher nicht unter dem inklusiven Grundgedanken mitgedacht. Inklusion ist eine Haltung und das bedeutet, dass man bestimmte Werte vertritt, die für alle Menschen gelten.

Ein bisschen hast du es ja eben schon angedeutet – was interessierte oder reizte dich daran dieses Projekt, beziehungsweise diesen Prozess zu leiten?

Mich reizte es die Möglichkeit zu haben, Veränderungen bewirken zu können. Inklusion bedeutet für jeden etwas anderes. Und das macht für mich diesen Inklusionsprozess so spannend. Es geht darum, die ganzen unterschiedlichen Stimmen einzufangen und miteinander in Austausch zu bringen und zwischen ihnen zu vermitteln. Es gibt viele Wege der Inklusion und deshalb ist nichts richtig oder falsch. Man kann viele Ansätze vertreten, die aber im Endeffekt alle das gleiche Ziel haben. Nämlich das Ziel, dass wir Menschen in einer Vielfalt gemeinsam leben und unser Leben gemeinsam gestalten wollen. Und das habe ich auch immer wieder in den Arbeitsgruppen und Workshops gemerkt, dass bei dem Thema an vielen Stellen eine unglaubliche Energie und Motivation vorhanden war. Auch wenn vieles manchmal schwierig gewesen ist und überfordernd schien, war der Wille zur Veränderung da. Das hat mich beeindruckt und machte diese Prozessleitung für mich auch so spannend und wertvoll.

Kannst du ein bisschen was zu den Hintergründen erzählen, wie es zu der Entscheidung gekommen ist diesen Inklusionsprozess zu beginnen? Und warum wurde sich für diese Form der Arbeit – ein Themenjahr – entschieden?

Im Jahr 2014 hat sich aus dem Verein „Sozialdiakonische Jugendarbeit Lichtenberg“ heraus die Stiftung SozDia gegründet. Eine Stiftung hat einen gesellschaftlichen Auftrag und eine Vorbildfunktion für den Kiez und für die Stadt. Unsere Stiftungskultur knüpft direkt an die Kultur des Vereins an. Ziel der sozialdiakonischen Arbeit ist es, gemeinsam mit den Kindern, Jugendlichen und Familien Partizipation in der konkreten Lebenswelt, in der sie leben, zu erlangen. Sie werden dabei ermutigt und begleitet ihr Leben eigenverantwortlich, aktiv und positiv zu gestalten. In diesem Sinne heißt unser Motto: Gemeinsam Leben Gestalten.

Unsere Kultur als sozialdiakonischer Träger spielt eine entscheidende Rolle, denn sie wirkt nach innen und nach außen. Deshalb wollen wir uns stets qualitativ weiter entwickeln.

Im Jahr 2014 fand ein Leitungsworkshop mit den Einrichtungsleiter_innen, dem Vorstand und mit vielen Menschen aus der SozDia statt, bei dem erörtert und diskutiert wurde welche Themen uns als Stiftung interessieren und in welchen Bereichen wir uns weiter qualifizieren wollen.

Am Ende des Leitungsworkshops gab es zwei Schwerpunktthemen: Inklusion und Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit den MitarbeiterInnen der SozDia wurde festgelegt, dass zunächst Inklusion, danach Nachhaltigkeit tiefgreifender in den Einrichtungen der SozDia thematisiert werden soll.

Im November 2014 wurde dann ein WorldCafè Tag mit allen interessierten Mitarbeiter_innen veranstaltet. Es sollten so früh wie möglich alle Mitarbeiter_innen am Prozess beteiligt werden. Aus der Diskussion darüber, welche Themen uns unter dem Aspekt Inklusion interessieren und was unser inhaltlicher Fokus sein soll, entstanden fünf Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten: Barrierefreiheit, Gender, Migration, Partizipation und Diversität.

Dem Thema Inklusion kann man sich auf unterschiedliche Art und Weise nähern. Warum wurde sich in der SozDia Stiftung für die Form eines Themenjahres entschieden?

Ich denke im Rahmen eines Themenjahres ist es gut möglich eine Plattform zu schaffen, um sich auszutauschen und dem Thema zu nähern. Ein Themenjahr erstreckt sich über einen überschaubaren Zeitraum, so dass man ein Gefühl vermittelt, dass die neuen Aufgaben auch zu schaffen sind. Ein endlos wirkender Prozess, oder ein Projekt, das zwei bis drei Jahre dauert, läuft Gefahr ergebnislos zu enden. Mit Hilfe eines Themenjahres schafft man einen Projektcharakter, mit kleinen Zielen und man vermittelt das Gefühl, dass Schritt für Schritt vorgegangen wird.

Fraglich ist andererseits natürlich, inwieweit es bei dem Thema Inklusion Sinn macht ein vermeintliches Ende zu setzen, denn nach einem Jahr ist das Themenjahr zu Ende und das ist auch das Gefühl, was bei den Mitarbeiter_innen in Bezug auf die Umsetzung von Inklusion entstehen kann, nämlich dass das erst einmal abgeschlossen ist.

Nun wollen wir ein bisschen genauer auf das Projekt schauen. Was waren die einzelnen Elemente des Themenjahres Inklusion?

Das erste Element war die grundsätzliche Unterstützungsbasis von der Leitungsebene und von den Multiplikator_innen. Darum gab es, wie ich eben schon beschrieben habe, am Anfang des Projektes den Leitungsworkshop. In jedem Prozess gibt es Momente, in denen man vieles in Frage stellt und daher ist diese Unterstützungsbasis als Prozessmotor so wichtig. Dann kann auch geschaut werden, was gerade für den Prozess benötigt wird – z.B. ein fachlicher Input oder mehr Zeit.

Dazu gehört dann auch eine Prozessleitung, beziehungsweise Koordination, um den Prozess wirklich nachhaltig anzuregen.

Ein weiteres wichtiges Element waren auf jeden Fall von Anfang an partizipative Methoden, um alle Mitarbeiter_innen am Prozess zu beteiligen. Denn Inklusion ist auch ein Organisationsentwicklungsprozess. In dem Prozess sollte eine gemeinsame Haltung entwickelt und ein gemeinsames Verständnis von Inklusion geschaffen werden. Es gibt verschiedene Methoden zur Partizipation. Wir haben uns für das erwähnte WorldCafè entschieden.

Das dritte entscheidende Element war der Förderpreis. Der Förderpreis wurde vom Vorstandsbeirat der SozDia Stiftung ausgeschrieben. Mitarbeiter_innen in der SozDia konnten sich Fachbereich übergreifend zusammen finden, ein gemeinsames Projekt starten und sich mit ihren Projekten bei uns bewerben. Die eingereichten Projekte wurden von einer Jury begutachtet und vier Projekte haben jeweils einen Preis in Höhe von 2000€ gewonnen. Das Ziel der Ausschreibung dieses Förderpreises war es, dass die Kolleg_innen innovativ und kreativ sein können und sich Gedanken darüber machen, wie eine inklusive Praxis tatsächlich aussehen kann.

Das vierte Element waren die Treffen der Arbeitsgruppen. Diese fanden sechs bis sieben Mal im Jahr statt. Hin und wieder gab es im Rahmen der Arbeitsgruppen einen fachlichen Input, um die Auseinandersetzungen anzuregen und den Prozess voran zu bringen. Hier wurden zwei Ziele verfolgt: Zum einen, dass Mitarbeiter_innen zusammenkommen, um eine Haltung zu entwickeln. Zum Anderen, um handlungsorientierte Methoden zu entwickeln, die von den Teams in der Praxis nachhaltig für die eigene Qualifizierung genutzt werden können.

Das fünfte Element war, dass sich zum Ende des Themenjahres noch einmal die Leitungsrunde getroffen und geschaut hat, was wir in der Zukunft an weiteren Maßnahmen in der SozDia Stiftung umsetzten wollen. Eine solche Runde ist wichtig, um sich zu vergewissern, ob noch alle in einem Boot sitzen und in die gleiche Richtung segeln wollen.

Als letztes Element haben wir einen Fachtag am 9. Februar 2016 veranstaltet. Hier ging es uns darum hauptamtlich Tätige aus der sozialen Arbeit einzuladen sowie Eltern und Angehörige. Gemeinsam haben wir geschaut, wie jede Einrichtung und jedes Individuum eine inklusive soziale Arbeit umsetzen kann und welche Schritte man gehen muss. In Workshops konnten sich die Teilnehmer_innen zu unterschiedlichen Themen weiterbilden. Der Tag war eine wunderbare Plattform um sich auszutauschen und die Lernspiele auszuprobieren. Die kamen sehr gut an.

Wir hoffen, dass wir das Thema durch die Spiele nachhaltig in die Teams reinbringen und somit das gesamte Team davon profitiert. Das ist auch ein wichtiges Element, das über das Themenjahr hinaus geht.

Was genau sind das für Lernspiele und was ist deren Ansatz?

Die Teilnehmer_innen der Arbeitsgruppen wollten während des Themenjahres gerne als Multiplikator_innen fungieren und die besprochenen Themen und Inhalte aus den Arbeitsgruppen in ihre Teams hineintragen. Und da es auf den Teamtreffen, wie sicherlich in vielen Einrichtungen, immer sehr viel zu besprechen gibt, ist die Zeit meist sehr knapp. So ist der Gedanke für kurze, knackige Reflexionsspiele für die Qualifizierung des Individuums und des Teams entstanden. Einige der Spiele können auch sehr gut auf Elternabenden oder auf Festen von Einrichtungen oder Kiezfesten gespielt werden.

Die Methoden sind handlungsorientiert und so angelegt, dass sie in einer kurzen Zeit zu spielen sind. Ein Lernspiel dauert circa zehn Minuten. Anhand von Fallbeispielen lernen die Teilnehmer_innen zum Beispiel Methoden der Teilhabe von Nutzer_innen oder von Eltern und Angehörigen kennen. Oder sie reflektieren Fallbeispiele einer inklusiven sozialen Arbeit. In einem anderen Spiel lernen sie Kriterien für alternative Kinderbücher kennen und wenden diese an einer Auswahl an Büchern an. Diese Spiele machen sehr viel Spaß. Der Austausch ist garantiert!

Die Lernspiele wurden auch auf dem Fachtag am 9. Februar 2016 präsentiert und können jetzt auch bei uns ausgeliehen werden. Ich habe einen Überblick über die Spiele und die Spielanleitungen online gestellt. Man kann mich aber auch jederzeit anrufen und sich beraten lassen.

Du hast es teilweise schon angesprochen. Vielleicht noch einmal kurz und knapp: Was sollte mit dem Themenjahr Inklusion konkret erreicht werden?

Ein Ziel war es, eine Reflexionsebene zu schaffen, so dass man miteinander ins Gespräch kommt und einen Austausch unter den Mitarbeiter_innen schafft. Sie sollten die Möglichkeit haben ihr Bewusstsein zu schärfen. Das hat, wenn man von einer organischen Organisationsdefinition ausgeht, natürlich auch Auswirkungen auf die Organisation und die Organisationskultur, denn die Organisation lernt ja nur durch ihre Mitarbeiter_innen.

Darauf baute das nächste Ziel auf, nämlich dass wir als Stiftung eine inklusive Kultur ausstrahlen und diese Kultur auch leben wollen.

Weitere Ziele waren handlungsorientierte Methoden für die Berufspraxis zu konzipieren und innovative Ideen und Projekte durch den Förderpreis anzuregen.

Das Themenjahr ist inzwischen beendet. Wie schätzt du in der Auswertung und im Rückblick das Themenjahr in der Umsetzung ein?

Auf der einen Seite war das Themenjahr als Projekt gesehen zu lang. Es bedarf kürzerer Phasen mit klaren Zielen. Haltungs- und Reflektionsarbeit und die praktische Umsetzung inklusiver Ideen und Projekte sollten sich immer abwechseln. Das muss nicht im Jahresrhythmus, sondern kann zum Beispiel im Halbjahresrhythmus stattfinden.

Mitarbeiter_innen hatten diesen Wunsch eingebracht, dass man kürzer gesteckte Ziele nicht nur auf einer Haltungsebene hat, sondern auch auf einer praktischen Umsetzungsebene. So hat z.B. die AG Migration viel über Sprache diskutiert und darüber, wie Menschen, die wenig oder kein Deutsch sprechen oder verstehen oder nicht lesen können, Zugang zu Informationen erhalten können. Also dass man beispielsweise Kitaverträge oder Speisekarten in unserem Ausbildungsrestaurant Kuhgraben oder Infotafeln in der Kita in mehreren Sprachen, in einfacher Sprache und vielleicht durch Piktogramme unterstützt anbringt.

Diese kurz gesteckten Umsetzungsschritte sind wichtig für die Motivation. Denn dann sind konkrete Veränderungen spürbar. Es ist schön, wenn sich meine Haltung oder Einstellung ändert, aber es muss auch Erfolge oder einen Nutzen für meine praktische Arbeit haben.

Auf der anderen Seite ist das Jahr zu kurz. Weil es ist eben kein Projekt, sondern ein Prozess. Und da muss nachhaltiger gedacht werden.

Wie wurde das Themenjahr auf der Ebene der Mitarbeiter_innen angenommen?

Das Themenjahr ist bei den Mitarbeiter_innen sehr gut angekommen und sie haben sich stark in den Arbeitsgruppen engagiert.

Sehr positiv war der fachbereichsübergreifende Austausch in den Arbeitsgruppen. Es ist meiner Ansicht nach immer ein Vorteil, wenn man nicht nur in seinem eigenen Fachbereich schaut, sondern auch andere Perspektiven kennen lernt.

Darüber hinaus hat sich durch das Themenjahr ein Verständnis dafür entwickelt, Inklusion nicht nur als Modewort zu verstehen. Inklusion ist mehr als nur ein Ersatzwort für Integration und bedeutet etwas ganz anderes als Integration. Inklusion betrifft auch nicht nur Menschen mit Behinderungen.

Welche Einflüsse und Auswirkungen hatte und hat das Projekt auf die teilnehmenden Einrichtungen?

In der Beantwortung dieser Frage bleibe ich auf der Ebene der praktischen Umsetzung. Zum Einen haben wir die handlungsorientierten Methoden, die für Teamprozesse genutzt werden können. Zum Anderen haben wir aber auch ganz konkrete Umsetzungsvorhaben, wie beispielsweise die Übersetzung von Kitaverträgen oder die Beantragung von Fördermitteln, um Gebäude, Räume und auch Kitaspielplätze barrierefrei zu gestalten.

Für die Auswirkung und Umsetzung von Maßnahmen spielt der Träger eine entscheidende Rolle. Es hängt viel davon ab, was der Träger auch finanziell ermöglicht. Denn es geht um Dinge wie z.B. Förderanträge, Konzeptentwicklung und Prozessbegleitung. Das Personal, was die Anträge schreibt und die Prozesse begleitet muss ja auch finanziert werden.

Des Weiteren wollen wir perspektivisch unsere Homepage barrierefrei gestalten, was dann wiederum Auswirkungen auf die Einrichtungen haben wird.

Also viele kleine Schritte, hinter denen eine ganze Menge steckt und die viel verändern und bewirken können.

Wie wirkt sich das Projekt darüber hinaus in der Stiftung SozDia aus? Du hast ja eben die Homepage erwähnt. Was sind weitere konkrete Auswirkungen?

Neben der barrierefreien Homepage haben wir weitere klare Ziele. Beispielsweise geht es um eine Veränderung unserer Bewerbungsprozesse. Wir wollen auch unsere Organisationsstrukturen verändern, nämlich in Hinblick auf die Vielfalt z.B. in der Mitarbeiter_innenschaft. So sollen Bewerbungsunterlagen ohne Bild eingefordert und dieses ganz konkret in der Ausschreibung formuliert werden. Wir wollen dadurch signalisieren, dass wir offen sind für vielfältige Menschen. Dieser Ansatz, Bewerbungsbilder wegzulassen, entspringt der Annahme, dass man bei der Begutachtung der Bewerbungsunterlagen einfach vorschnell aufgrund von irgendwelchen Mustern, die man sich durch seine Sozialisation angeeignet hat, handelt und entscheidet. Und dem soll dadurch entgegengewirkt werden. Es ist wichtig zu sagen, dass wir Vielfalt wollen und deshalb einen barrierearmeren Zugang schaffen müssen, um sich bei uns zu bewerben.

Darüber hinaus möchten wir mehr partizipative Mitmachmöglichkeiten schaffen und uns in diese Richtung weiter entwickeln – für unsere Mitarbeiter_innen, für die Bürger_innen und für die Nutzer_innen unserer Angebote. Das umfasst etwa niedrigschwellige Zugänge, Möglichkeiten, Angebote in den Einrichtungen selbst mit zu entwickeln und umsetzen zu können und natürlich eine Vielfalt in Angeboten, Zielgruppen und MitarbeiterInnen.

Und natürlich wollen wir auch unsere Öffentlichkeitsarbeit verändern. Die Sprachenvielfalt soll nicht nur in Kitaverträgen berücksichtigen werden, sondern auch z.B. auf unseren Flyern oder auf Plakaten für Kiezfeste.

Weiterhin finde ich ganz wichtig, dass wir in der Stiftung erreichen, dass sich alle Mitarbeiter_innen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung einsetzten und gezielt dagegen vorgehen. Dafür ist die Haltung wichtig. Aber unter Umständen bedarf es auch eines Beratungs- oder Unterstützungsangebots für fachliche Impulse oder zum Austausch. Es geht also darum, als Organisation mehr Raum und Zeit zur Verfügung zu stellen, um sich mit solchen Problemen auseinander setzen zu können.

Wurde das Themenjahr aus dem Budget des Trägers oder aus Fördergeldern finanziert?

Das Themenjahr finanzierte sich aus den Mitteln der Stiftung. Also z.B. meine Stelle wurde auch durch die Stiftung finanziert und nicht durch Fördermittel bewerkstelligt. Allerdings haben wir für den Fachtag am 9. Februar 2016 einen Förderantrag bei Aktion Mensch gestellt.

In der Diskussion rund um das Thema Inklusion wird immer wieder deutlich, dass Menschen und Institutionen verschiedene Dinge unter Inklusion verstehen. Gibt es in der SozDia ein gemeinsames Verständnis von Inklusion? Und falls es dieses gibt, wie sieht es aus?

Zu behaupten unsere knapp 400 Mitarbeiter_innen hätten ein gemeinsames Verständnis von Inklusion wäre gelogen. Aber wie ich eben schon gesagt habe, hat sich bei den Mitarbeiter_innen insofern etwas getan, als dass klar geworden ist, dass es um Vielfalt, um Teilhabe und um Wertschätzung geht und auch darum, eine eigene Haltung zu entwickeln.

Und was, wie ich finde, sehr befruchtend für den Prozess ist, ist, dass jeder seinen eigenen Fokus hat, wenn es um Inklusion geht. Und davon ausgehend findet ein Austausch auch über Verknüpfungspunkte statt. Das entspricht einem interdisziplinären und intersektionalen Ansatz und um den zu fördern braucht es unterschiedliche Fokussierungen und Schwerpunktsetzungen von den Menschen, die zusammen über Inklusion nachdenken.

Auf eurer Homepage habe ich gesehen, dass für die SozDia Stiftung sozialdiakonische Werte eine wichtige Rolle spielen. Als erstes ist meine Frage was sind sozialdiakonische Werte? Und was können diese sozialdiakonischen Werte und Grundsätze zur Diskussion zum Thema Inklusion beitragen?

Sozialdiakonische Werte, wie wir sie in der SozDia Stiftung verstehen, bedeutet, die Menschen, die im Kiez leben, wahrzunehmen, wertzuschätzen, ihre Bedürfnisse anzuerkennen, gemeinsam Leben zu gestalten und sie nicht auszuschließen. SozDia Stiftung – Gemeinsam Leben Gestalten ist der Name der Stiftung und das entspricht auch unserem Kurs. Wir vertreten das Menschenbild, dass jeder Mensch es wert ist wahrgenommen und respektiert zu werden. Mit diesem Menschenbild, das alle Menschen wertschätzt, bin ich offen gegenüber anderen Menschen. Das ist das starke diakonische Moment.

Und dadurch ergeben sich natürlich auch viele Verknüpfungen zum Thema Inklusion.

Genau. Mein Konfirmationsspruch zum Beispiel heißt: „Lasset uns nicht lieben mit Worten, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ Das ist 1. Johannes 3,18. Und das ist meine Grundlage, nach der ich auch lebe. Ich liebe Worte. Ich schreibe gerne, ich bin Germanistin und Worte schaffen eine Form von Wahrheit und Wirklichkeit. Aber ausschließlich Worte reichen nicht. Ich muss auch handeln. Nur so sehen andere Menschen was ich denke, welche Haltung ich habe und für was ich mit dem Herzen lebe. Das wird mir die letzten Jahre immer bewusster. Dieser Spruch begleitet mich und das ist für mich mein ganz persönlicher diakonischer Gehalt. Und ich finde er passt gut zum Thema Inklusion. Die praktische Umsetzung zählt. Und zwar von jeder einzelnen Person, von Trägern der sozialen Arbeit, von der Politik. Es braucht eine Haltung und es braucht die praktische Umsetzung. Wer nur redet, meint es nicht ernst.

Wie geht es nach dem Themenjahr mit dem Thema Inklusion in der SozDia Stiftung weiter und welche Ideen gibt es bisher?

Unser nächstes Themenjahr ist zum Thema Nachhaltigkeit, wobei wir es nicht mehr Themenjahr nennen wollen. Wir haben aus dem Themenjahr Inklusion gelernt und sehen das jetzt eher als einen Prozess an und weniger als Projekt. Das Thema Inklusion spielt auch beim Thema Nachhaltigkeit eine Rolle. Wir verstehen Nachhaltigkeit in einem ganzheitlichen Sinn, also nicht nur auf der umwelttechnischen, ökologischen Ebene, sondern z.B. auch auf der sozialen Ebene. Nachhaltigkeit auf der sozialen Ebene soll zum Beispiel dadurch umgesetzt werden, dass alle Bürger_innen in gesellschaftliche Gestaltungsprozesse einbezogen werden. Nachhaltigkeit auf einer sozialen Ebene bedeutet ebenso, dass ich dafür sorge, dass sich alle Mitarbeiter_innen in meiner Organisation wohlfühlen und sich nicht ausgeschlossen fühlen, indem ich beispielsweise darauf achte, dass Krankheitsstände nicht zu hoch sind, Krankheitsursachen in der Arbeit vermeide, auf Pausen achte, für die Mitarbeiter_innen sorge und sorgfältig mit ihren Ressourcen umgehe.

In der Organisationsentwicklung wollen wir verstärkt partizipative Methoden einsetzen. In diesem Jahr soll die SozDia-Strategie, in der es auch um das Thema Nachhaltigkeit geht, mit allen Mitarbeiter_innen diskutiert werden. Mein Wunsch ist es, dass in dieser Strategie das Thema Inklusion weiter mitgedacht wird.

Und darüber hinaus wird das Thema Inklusion direkt weiter geführt, z.B. durch die barrierefreie Gestaltung der Homepage oder durch bauliche Vorhaben.

Welche Empfehlungen kannst du nach den bisher gemachten Erfahrungen anderen Trägern und Einrichtungen in Bezug auf das Thema Inklusion mitgeben?

Ich empfehle auf jeden Fall, dass man sich als Träger oder Einrichtung externe, erfahrene Personen als Prozessbegleiter_innen heran holt und darüber hinaus in den Austausch mit Organisationen tritt, die so einen Prozess schon einmal initiiert haben, um nicht schon gemachte Fehler zu wiederholen, sondern es gleich besser zu machen.

Wir hatten auch eine Prozessbegleiterin, die uns die ganze Zeit begleitet und bei den Workshops neue Impulse gegeben hat. Das ist sehr wichtig. Man ist nicht von vornherein Fachexperte in allem.

Dann ist es meiner Ansicht nach wichtig, den Prozess langfristig nachhaltig zu denken, aber diesen, um die Motivation zu fördern, in kurze Schritte aufzuteilen und mit einer praktischen Umsetzung zu verknüpfen. Haltung und Umsetzung müssen immer zusammen gedacht werden. Das ist ganz wichtig.

Ebenso wichtig ist es groß zu träumen, um ein Ziel, eine Vision zu haben. Gekürzt wird dann in vielen Fällen so oder so, aber der Weg bleibt weiterhin klar.

Und am Ende kann man sich auch mal auf die Schulter klopfen und sich und die eigene Arbeit feiern und wertschätzen.

 Anett, ich danke dir für das Gespräch.

„Wir haben gesagt, wir starten einfach“ – Interview mit Claudia Vatter, Leiterin des Ganztagsbereichs „GrüneBirke“–Teil II

Foto: Claudia Vatter

Habt ihr im Team des Ganztagsbereichs einen gemeinsamen Begriff von Inklusion und was ist Inklusion für euch? Du hast es ja eben schon angedeutet, vielleicht nun nochmal etwas konkreter.

Also wir haben keinen Leitsatz oder dergleichen speziell für die Inklusion entwickelt. Wir haben uns in unserem Konzept sehr viel mit dem Bild vom Kind auseinandergesetzt und ich denke, das ist auch unsere Grundlage, mit der wir arbeiten. Ansonsten ist es so, dass die klassische Definition bei der es um die Teilhabe aller geht, das ist, was uns leitet. Von so her gibt es nicht den gemeinsamen Begriff, den wir haben. Und ich finde es auch wichtig, wenn wir über Inklusion sprechen, dass eben dieser Ansatz gilt, es sind eben nicht alle gleich. Deswegen ist es wichtig auch in den Erziehungsstilen eine große Vielfalt zu haben. Auch das bedeutet für mich Inklusion. Es gibt hier Kollegen, die arbeiten stärker nach dem erlebnispädagogischen Prinzip, es gibt Kollegen, die arbeiten stärker angelehnt an montessorische Inhalte. Es gibt Kollegen, die sind laissez-fairer, es gibt Kollegen, die sind konsequenter in der Arbeit. Also es gibt da eine große Bandbreite. Genau diese Vielfalt und das auch auszuhalten auch das ist Inklusion. Weil mit genau dieser Erziehungsvielfalt kann man wiederum auch alle Kinder ansprechen und die Kinder finden dann sozusagen ihren Partner, ihren Erzieher. Beziehungsweise schauen wir auch, welches Kind braucht denn gerade welchen Erziehungsstil. Deswegen haben wir das nicht festgeschrieben, sondern befinden uns in einem stetigen Prozess. Diese Unterschiedlichkeit auch auf der Ebene zu leben und auch da vielfältig zu sein.

Was ganz konkret bedeutet Inklusion im Ganztagsbereich?

Ich denke, das, was ich davor gesagt hab, ist für uns eigentlich gelebte Inklusion. Es kommen sehr viele unterschiedliche Kinder im Schulkontext an und für uns ist Inklusion immer auf den ganzen Tag zu schauen, es nicht separiert zu sehen. Hier ist der Schulalltag und da ist der Ganztags-Freizeitbereich. Sondern für uns bedeutet Inklusion den Ganztag zu betrachten und das Familiensetting und das Sozialraumsetting. Arbeiten im Netzwerk und in Kooperation das ist ein wichtiger Schlüssel im inklusiven Arbeiten.

Was sind deiner Ansicht nach Gelingensbedingungen für die Umsetzung von Inklusion im Ganztagsbereich?

Eine Gelingensbedingung ist tatsächlich ein guter Teamprozess. Das Thema darf nicht aus dem Fokus rücken. Es reicht nicht aus, sich einmal mit dem Thema Inklusion auseinander zu setzen und dann ist es vorbei. Ich denke schon, dass es eine Leitungsaufgabe ist, das Thema Inklusion und alles was dazugehört immer wieder zu thematisieren und auch mit unterschiedlichen Methoden im Team zu platzieren und es tatsächlich das Jahr über nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Das ist für mich eine Gelingensbedingung. Eine weitere Gelingensbedingung sind natürlich auch immer die gesicherten Ressourcen. Das ist dann die politische Ebene auf der man einfach aktiv bleiben muss und auch wenn es mal Rückschläge gibt oder wenn auf der Ebene mal was nicht perfekt in die Wege geleitet wird, dann nicht zu resignieren und zu sagen, da verändert sich ja eh nichts oder da haben wir jetzt schon wieder nicht die Finanzierung dazu, jetzt machen wir das einfach nicht mehr. Also da auch den Biss zu entwickeln dran zu bleiben.

Was sind deiner Ansicht nach Stolpersteine für die Umsetzung von Inklusion im Ganztagsbereich?

Es ist nach wie vor die personelle Ausstattung, die könnte natürlich nochmal besser und auch gesicherter sein, insbesondere dass auch der Krankenstand entsprechend mit einberechnet wird. Kinder, gerade die auch auf pflegerische Hilfe angewiesen sind, benötigen diese eben täglich egal wie viele Personen vor Ort sind. Und ein weiterer Punkt gerade im schulischen Kontext ist der, dass die Kinder mit Förderbedarf morgens ein Verfahren haben, wo es um den Förderstatus geht und im Nachmittagsbereich haben wir auch nochmal ein Verfahren dazu. Die Schule schreibt Förderpläne, wir schreiben Förderpläne. Da ist das Kind in der Testung, bei uns ist das Kind in der Testung. Also das sind Dinge, bei denen ich denke das das Stolpersteine sind. Das sind Personalressourcen, die dort rein fließen, die nochmal anders gebündelt werden könnten. Ganz klar erhoffen wir uns auch, dass im Zuge einer Verabschiedung des Inklusionskonzeptes auf der Berliner Ebene, mehr in den Fokus rückt, dass Ärzte, Therapeuten, Ergotherapeuten vor Ort am Standort Schule arbeiten. Es ist schon ein wahnsinnier Aufwand, alle miteinander zu verknüpfen. Wenn alles an einem Standort ist, würde es einfacher werden. Das sind nach wie vor Stolpersteine. Ebenso, dass die Diagnostik für die Kinder unheimlich lange dauert. Und natürlich hätten wir hier auch gerne einen Therapieraum. Ich weiß, das ist alles jammern auf sehr hohem Niveau. Vielleicht noch ganz praktische Stolpersteine. Man braucht sich auch keine Illusionen machen. Es ist so, dass Kinder, ich grenze es jetzt mal ein auf Kinder mit Behinderung, nicht immer Spielpartner in der Gruppe finden, nur weil wir inklusiv arbeiten. Das ist nicht etwas, wo automatisch alle lieb und nett miteinander sind. Das muss man realistisch betrachten und sich dementsprechend auch darauf einstellen. Wir befinden uns hier nicht in einem Feld, in dem man sagt, wir arbeiten jetzt inklusiv und die Kinder mit Behinderung sind Teil der Gruppe und haben ganz viele Freunde und sind wunderbar eingebunden. Das ist ein Weg und manchmal funktioniert es und manchmal funktioniert es nicht. Und da müssen wir uns auch den Grenzen bewusst sein.

Du hattest ja vorhin gesagt, dass ihr im Team schon seit langem im Prozess seid und auch sehr intensiv zum Thema Inklusion gearbeitet habt – theoretisch, konzeptionell und inhaltlich. Ich weiß nicht wie die Fluktuation der Mitarbeiter_innen bei euch im Team aussieht. Ist das vielleicht auch nochmal ein Stolperstein, wenn neue Kolleg_innen kommen? Wie geht ihr damit um? Oder ist es eher kein Problem, sie mit einzubeziehen und den Prozess weiter fortzusetzen?

Wir haben ein relativ stabiles Stammteam, was jetzt seit 2007/2008 hier am Standort gearbeitet hat und auch noch arbeitet. Natürlich haben wir eine ganz normale Fluktuation. Aber das sind tatsächlich nicht viele Personen, die uns verlassen oder dazukommen. Und die Personen, die neu zu uns ins Team kommen, die wachsen in das Thema mit rein. Sie erhalten sowohl einmal von mir als Leitung, wie aber auch von der Patin einen Einblick in unseren Prozess. Sie lesen unsere gesammelten Arbeitsergebnisse und sind dann relativ schnell in dem Thema drin. Es ist auch eine Grundzugangsvoraussetzung, sage ich jetzt mal, um bei uns arbeiten zu können. Wer sich bis dato nicht mit dem Thema Inklusion auseinander gesetzt hat und das ist ein Anspruch, den ich in der Zwischenzeit habe, bei Pädagogen müssen eigentlich in der Zwischenzeit zumindest Grundkenntnisse zum Thema Inklusion da sein, wer das nicht hat, der ist bei uns auch nicht am richtigen Platz. Man muss dafür bereit sein. Das muss man sich vorher überlegen und die Frage stelle ich jedem einzelnen. Von so her treffe ich da schon ein Stück weit auch eine entsprechende Auswahl.

Die nächste Frage hattest du im Laufe des Gesprächs auch schon angedeutet. Nun gehen wir nochmal etwas genauer darauf ein. In den Diskussionen zum Thema Inklusion tauchen immer wieder die zwei einander gegenüber stehenden Pole auf – nämlich Inklusion als Ressourcenfrage auf der einen Seite und Inklusion als Haltungsfrage auf der anderen Seite. Wie geht ihr im Ganztagsbereich mit der Ressourcenfrage in Bezug auf das Thema Inklusion um und welche Bedeutung haben die Ressourcen für euren Prozess und was bedeuten vielleicht auch mangelnde Ressourcen für diesen?

Diese Frage taucht immer wieder auf und wir versuchen das in der Waage zu halten. Wenn man sich zu sehr nur auf die Haltung konzentriert und auf der Ebene ist und die Realität nicht mehr im Auge hat, dann ist auch eine Umsetzung nicht möglich. Dann schwebt man tatsächlich in einem Bereich in dem man ganz viele tolle Ideen hat, sie aber nachher nicht umgesetzt kriegt. Und genauso anders herum. Wir wollen uns nicht nur auf die Ressourcenfrage konzentrieren. Wenn wir uns nur darauf konzentrieren, dann würden wir an den Punkt kommen und sagen, das geht nicht und dieses geht nicht und das ist nicht umsetzbar. Deswegen versuchen wir da wirklich eine Balance zu halten und auf beiden Ebenen zu gucken was wir verbessern, was wir erreichen können. Ich denke, da ist Vieles möglich und man kann immer wieder einen Fördertopf auftun. Man kann aber auch mit den Mitteln, die da sind, kleine Veränderungen schaffen. Und ich denke darum geht es und von so her beschäftigen uns diese Fragen, aber sie sind nicht unser Fokus.

Inklusion wird ja immer als etwas Prozesshaftes beschrieben. Du hast es ja auch gesagt, dass es ein Prozess ist. Du hast ja auch schon erzählt, wie ihr den Prozess am Laufen haltet, so dass er im Alltagsgeschäft nicht unter geht. Aus meiner Praxis weiß ich, dass das recht schnell passieren kann. Man hat es vor und dann verschwindet es, weil dann andere Sachen im Fokus stehen. Du hast gesagt, dass ihr diesen Inklusionstag habt und dann auch im Team das Thema nochmal mit aufgreift. Vielleicht kannst du das noch ein bisschen genauer ausführen, wie ihr den Prozess konkret gestaltet.

In den Teamtagen ist es eigentlich immer so, dass sich aus diesem Inklusionstag immer die Arbeitsaufträge für das Jahr entwickeln, die dann in allen möglichen Bereichen auch umgesetzt werden. Wir arbeiten dabei mit Zielvereinbarungen. Wir arbeiten aber auch mit dem Index für Inklusion. Wir haben unterschiedliche Instrumente, wie wir das Jahr über an dem Thema dran bleiben und der Auftakt für das kommende Jahr ist dann immer der Inklusionstag. Aber auch, wie gesagt, in den pädagogischen Dienstbesprechungen gibt es immer wieder Aspekte von Inklusion, die da mit einfließen. Ich arbeite mit einer Spinnnetzanalyse, das ist ein bestimmtes Prinzip, was ich hier für die Einrichtung entwickelt habe. Das ist ein Selbstreflexionssystem zu den unterschiedlichen Punkten, die schon genannt worden sind: Anti-Bias, demokratische Erziehung und so weiter. Damit reflektieren sich die Kollegen nochmal selber – wo stehe ich gerade, welche Aspekte habe ich mehr im Fokus, welche Aspekte habe ich weniger im Fokus. Und das ist auch eine Methode um über das Jahr in der Reflexion darüber zu bleiben. Also letztendlich fließt das Thema Inklusion mindestens 2mal im Monat mit in die pädagogischen Dienstbesprechungen ein. Und auch durch die vielen Fallbesprechungen, die wir haben, ist es natürlich so, dass wir kontinuierlich an dem Thema dran sind.

Was sind deiner Erfahrung nach Reaktion von Eltern, Familien, Erziehungsberechtigten zu dem inklusiven Ansatz hier im Ganztagsbereich? In der medialen Diskussion stehen meiner Auffassung nach häufig Ängste und Befürchtungen im Vordergrund. Du hattest ja vorhin auch schon gesagt, wie Eltern mitunter darauf reagieren. Welche Rolle spielen diese Ängste und Befürchtungen in eurer Arbeit und wie reagiert ihr darauf oder was entgegnet ihr diesen Befürchtungen?

Also die Befürchtungen sind, wie ich vorher schon sagte, mein Kind wird nicht genügend gefördert, mein Kind geht in der Gruppe unter, ihr arbeitet offen, mein Kind verschwindet hier vielleicht, mein Kind hat Trisomie 21 und es verlässt das Schulgelände – wie könnt ihr da für Sicherheit sorgen? Also es sind oft ganz banale Fragen, die die Eltern beschäftigen. Ein ganz wichtiges Prinzip wie wir dem begegnen, ist über eine Bezugserzieherarbeit. Jedes Kind hat einen Bezugserzieher und bei Kindern mit besonderen Herausforderungen sind die Kollegen auch oft zu zweit oder zu dritt für das Kind zuständig. Wir nehmen den Eltern auch durch eine ganz enge Elternzusammenarbeit die Ängste. Da reicht es eben nicht einmal im Jahr ein Entwicklungsgespräch zu machen, sondern da sind mehrere Gespräche notwendig. Da ist ganz viel Tür-und Angel-Arbeit wichtig, um den Eltern eine Rückmeldung zu geben, wie der Tag war. Und auch in den Elternabenden widmen wir uns diesen Themen. Wir haben den Eltern erklärt, wie wir inklusiv arbeiten, was dahinter steckt, was unsere Prinzipien sind und wie wir die Kinder so begleiten, dass hier jedes einzelne Kind einen guten Entwicklungsweg gehen kann. Also die Transparenz, über das, wie wir arbeiten, das nimmt ganz viele Ängste. Wir laden Eltern auch gerne dazu ein bei uns im Alltag zu hospitieren. Wir machen unsere Türen auf und sorgen somit dafür, dass die Ängste genommen werden und das ist glaube ich ein ganz wichtiges Prinzip – die Transparenz der Arbeit.

Werden Ängste und Befürchtungen auch von Eltern mit Kindern ohne Behinderung formuliert?

Ja. Und das reicht wirklich von der Frage, ob es ansteckend ist, was das eine Kind hat bis hin zu dem Wunsch, dass das eigene Kind nicht mit dem behinderten Kind spielt. Also da haben wir wirklich die komplette Bandbreite. Und an der Stelle geht es, glaube ich, auch darum Haltung zu zeigen und auch Vorurteile zu entkräften. Da funktioniert aber nicht der Weg das als Lehrmeister zu tun, sondern da funktioniert tatsächlich nur der Weg es ganz praktisch aufzugreifen. Wir arbeiten viel mit Fotodokumentationen, die überall im Ganztag ersichtlich sind, wo die Eltern immer sehen, wie sind die Kinder hier im Ganztag und was machen sie, was spielen sie. Das nimmt den Eltern dann die Sorge. Und es geht natürlich um Aufklärung.

Welche Veränderungen nimmst du im Laufe des Prozesses hin zu einem inklusiven Ganztagsbereich bei den Schüler_innen war, sowohl positiv als auch negativ? Also welchen Einfluss hat der Prozess auf die Kinder?

Also wir stellen fest, dass sich die Konflikte minimiert haben und die Konflikte an sich werden von den Schülern reflektierter betrachtet. Das war ein sehr spannender Prozess. Die Kinder hier am Standort sehen es als eine Selbstverständlichkeit einem anderen Kind zu helfen. Und da ist es egal, ob das jetzt ein Kind mit Behinderung ist oder ein anderes Kind, was Unterstützung braucht. Diese Hilfsbereitschaft und auch das Sehen des Anderen, die Rücksichtnahme und auch die Wertschätzung für den Anderen haben zugenommen. Die sozialen Kompetenzen der einzelnen Schüler haben sich in dem Prozess tatsächlich verbessert und das spürt man direkt in der Arbeit. Die Schüler, die jetzt bei uns in der 5./6. Klasse sind, sind in der Lage auf einer Ebene Konflikte oder Probleme zu reflektieren, die dann in die lösungsorientierte Richtung gehen. Und das ist sehr schön. Nichts desto trotz gibt es auch Schüler, die auch ganz klar sagen, mit dem einen Kind da will ich nichts zu tun haben oder keine Lust haben gerade zu helfen. Und ich finde das ist auch in Ordnung. Es kommt immer darauf an, wie man dem begegnet. Nur weil ein Kind im Rollstuhl sitzt, sage ich jetzt mal, muss ich es nicht mögen. Und das ist glaub ich nochmal eine ganz andere Auseinandersetzung die wir auch führen müssen.

Welche Rolle und Bedeutung spielen außerschulische Angebote und Projekte zum Beispiel der Kinder- und Jugendhilfe für die Umsetzung von Inklusion im Ganztagsbereich. Du hattest vorhin kurz die Verzahnung im Sozialraum angedeutet.

Ich glaube das ist ganz wichtig. Also gerade wenn ich an unser Ferienprogramm denke. Schule darf keine Insel sein. Ganztag darf keine Insel sein. Damit die Kinder irgendwann wenn sie den Standort verlassen gut angebunden sind, müssen wir den Kindern die Möglichkeiten hier im Sozialraum aufzeigen. Was gibt es noch darüber hinaus, wo kann ich hingehen, wo sind Ansprechpartner, die ich dann vorfinde und so weiter. Ich denke das ist so das, was Kinder- und Jugendhilfe leisten muss und auch kann und auch sollte. Darüber hinaus denke ich, dass dadurch, dass wir auch mit einer großen Altersmischung arbeiten, dass das einfach auch nochmal ganz viel befördert für die älteren Kinder. Sie können daran wachsen verantwortliche Aufgaben zu übernehmen und die jüngeren Kinder sind gut eingebunden in dieses Gesamtsystem. Die Altersmischung, mit der wir hier arbeiten, denke ich, das zeichnet die Kinder- und Jugendhilfe auch aus. Dass sie nicht altershomogen arbeitet, das ist eine Bereicherung für den inklusiven Prozess.

Und welche Bedeutung und Rolle spielen die Schulsozialarbeiter_innen an der Schule für eure Arbeit und für den inklusiven Prozess?

Die Schulsozialarbeit leistet, glaube ich, einen ganz wichtigen Punkt gerade im Vormittagsbereich. Es ist einfach so, dass viele Schüler, viele Familien eine Einzelfallbegleitung benötigen, die wir im Ganztag nicht leisten können. Sei es nochmal konkret mit Eltern bestimmte Gänge zu erledigen, die sie alleine nicht schaffen oder aber auch mit Schülern nochmal im Schulalltag zu arbeiten, wo wir als Erzieher in der Klassengemeinschaft eingebunden sind, der Schüler gerade aber ein Einzel- oder ein Rückzugssetting benötigt. Das ist glaube ich das, wo Schulsozialarbeit ganz wichtig ist. Und natürlich auch im Bereich der Prävention. Und da komme ich nochmal zu einem Bereich, den ich auch ganz wichtig finde – Gesundheit. Gesundheit lässt sich, denke ich, nicht von Bildung absplitten und auch nicht von dem Bereich Inklusion. Gesundheit muss einen größeren Stellenwert bekommen und da kann die Schulsozialarbeit ganz viel präventiv tun, wenn Kinder und Familien auch dort in dem Bereich Unterstützung benötigen.

In welche Richtung meinst du Gesundheit in diesem Zusammenhang?

Gesundheit im Sinne von Beratung. Ich denke die Vermittlung und die Begleitung, den Schritt zu gehen und sich an den Kinder-Jugendgesundheitsdienst zu wenden oder aber an der einen oder anderen Stelle zu schauen, ob wir jetzt in den Kinderschutzbereich kommen. Natürlich ist das der Auftrag von allen Pädagogen hier vor Ort. Aber ich glaube Schulsozialarbeit kann durch ihren Stand dort nochmal gezielter in die Familienstrukturen reingehen. Sie machen Hausbesuche, sie sehen den Zustand von Wohnungen, sehen wo unter Umständen Unterstützung notwendig ist, weil zum Beispiel Verwahrlosung ein Thema ist. Das hat für mich immer auch diesen Gesundheitsaspekt. Und da kann die Schulsozialarbeit viel leisten. Ich war vor kurzem auf einer Studienreise in Stockholm zu dem Thema Integration und Teilhabe und ich war sehr begeistert von dem Prinzip, dass jede Schule eine Schulkrankenschwester hat. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte für den inklusiven Prozess, wäre das eigentlich etwas, was ich finde, was da sein sollte, weil ich denke, das ist ein wichtiges Thema.

Das ist schon die direkte Überleitung zur nächsten Frage. Was wünschst du dir für die Zukunft in Bezug auf das Thema Inklusion im Ganztagsbereich allgemein und konkret für euren Ganztagsbereich „GrüneBirke“?

Also ganz konkret wünsche ich mir hier für unseren Bereich das wir im Prozess, der jetzt auch im Zuge von der Schulfusion weiter läuft, zu einem differenzierteren Miteinander gelangen, das wir Wege zwischen Schule und zwischen dem Ganztag nochmal optimieren und Personalressourcen anders bündeln. Ebenso wünsche ich mir, dass der Aspekt des lebenspraktischen Lernens auch in der Verknüpfung zwischen Ganztag und Schule einen stärkeren Fokus bekommt. Und ansonsten bin ich eigentlich zufrieden mit unserem Prozess. Wir haben als Einrichtung schon ganz früh damit angefangen und wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir sagen, wir genießen jetzt auch mal das, was wir hier für uns geschaffen haben. Wir gehen weiter, wir entwickeln uns weiter, aber wir freuen uns auch an dem Stand, der jetzt gerade da ist. Allgemein wünsche ich mir, dass Menschen die Angst vor der Inklusion verlieren, weil ich denke, die Inklusion ist eine Chance, eine ganz große Veränderung zu schaffen. Da wünsche ich mir, einen Prozess wo sich viel mehr Einrichtungen und viel mehr Schulen damit beschäftigen, die Ängste Stück um Stück abzubauen, auch die Berührungsängste in Bezug auf Kinder mit Behinderung. Ich wünsche mir, dass Stück um Stück erkannt wird welche Entwicklungschance darin liegt, nicht nur für die Standorte, sondern auch für die Gesellschaft allgemein gesehen.

Claudia, ich danke dir für das Gespräch.

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.