„Haltung und Umsetzung müssen immer zusammen gedacht werden.“ – ein Interview mit Anett Zeidler

Die „SozDia Stiftung Berlin – Gemeinsam Leben Gestalten“ gründete sich Ende 2013 als Weiterentwicklung aus dem Verein „Sozialdiakonische Jugendarbeit Lichtenberg e.V.“. Die SozDia Stiftung Berlin ist in den Feldern der Hilfen für Jugendliche und Familien, in der Tagesbetreuung für Kinder und im Bereich der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe aktiv.

Im Jahr 2015 führte die SozDia Stiftung Berlin ein Themenjahr zum Thema Inklusion durch. Das Projekt „All Inclusive?! SozDia Themenjahr Inklusion“ wurde sowohl im Voraus, als auch im Nachhinein durch weitere Veranstaltungen begleitet, vorbereitet und nachbereitet. Anett Zeidler, Erwachsenenbildnerin und Projektentwicklerin, leitete das Projekt in der SozDia Stiftung Berlin. Ich habe mit ihr über das Projekt, den Aufbau und die Ergebnisse gesprochen.

 Anett, du hast das Projekt „All Inclusive?! SozDia Themenjahr Inklusion“ in der SozDia geleitet. Bevor wir uns etwas näher mit dem Projekt beschäftigen noch ein paar Fragen zu dir. Was verbindest du persönlich mit dem Thema Inklusion?

Mit dem Thema Inklusion verbindet mich persönlich der Gedanke an den Prozess. Du hast gerade von Projekt gesprochen. Es handelte sich zwar um ein Themenjahr und somit ist es laut Definition ein Projekt, aber Inklusion ist ein fortwährender Prozess, bei dem man kein Ende setzen kann.

Spannend finde ich, dass sich in diesem Prozess auch die eigenen inhaltlichen Schwerpunkte verändern. Bei mir persönlich lag der Fokus vor einem Jahr noch vorrangig auf der Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Mittlerweile verknüpfe ich mit dem Thema auch die Inklusion von Geflüchten in die Gesellschaft oder von Menschen mit den unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen. Diese Themen habe ich bisher nicht unter dem inklusiven Grundgedanken mitgedacht. Inklusion ist eine Haltung und das bedeutet, dass man bestimmte Werte vertritt, die für alle Menschen gelten.

Ein bisschen hast du es ja eben schon angedeutet – was interessierte oder reizte dich daran dieses Projekt, beziehungsweise diesen Prozess zu leiten?

Mich reizte es die Möglichkeit zu haben, Veränderungen bewirken zu können. Inklusion bedeutet für jeden etwas anderes. Und das macht für mich diesen Inklusionsprozess so spannend. Es geht darum, die ganzen unterschiedlichen Stimmen einzufangen und miteinander in Austausch zu bringen und zwischen ihnen zu vermitteln. Es gibt viele Wege der Inklusion und deshalb ist nichts richtig oder falsch. Man kann viele Ansätze vertreten, die aber im Endeffekt alle das gleiche Ziel haben. Nämlich das Ziel, dass wir Menschen in einer Vielfalt gemeinsam leben und unser Leben gemeinsam gestalten wollen. Und das habe ich auch immer wieder in den Arbeitsgruppen und Workshops gemerkt, dass bei dem Thema an vielen Stellen eine unglaubliche Energie und Motivation vorhanden war. Auch wenn vieles manchmal schwierig gewesen ist und überfordernd schien, war der Wille zur Veränderung da. Das hat mich beeindruckt und machte diese Prozessleitung für mich auch so spannend und wertvoll.

Kannst du ein bisschen was zu den Hintergründen erzählen, wie es zu der Entscheidung gekommen ist diesen Inklusionsprozess zu beginnen? Und warum wurde sich für diese Form der Arbeit – ein Themenjahr – entschieden?

Im Jahr 2014 hat sich aus dem Verein „Sozialdiakonische Jugendarbeit Lichtenberg“ heraus die Stiftung SozDia gegründet. Eine Stiftung hat einen gesellschaftlichen Auftrag und eine Vorbildfunktion für den Kiez und für die Stadt. Unsere Stiftungskultur knüpft direkt an die Kultur des Vereins an. Ziel der sozialdiakonischen Arbeit ist es, gemeinsam mit den Kindern, Jugendlichen und Familien Partizipation in der konkreten Lebenswelt, in der sie leben, zu erlangen. Sie werden dabei ermutigt und begleitet ihr Leben eigenverantwortlich, aktiv und positiv zu gestalten. In diesem Sinne heißt unser Motto: Gemeinsam Leben Gestalten.

Unsere Kultur als sozialdiakonischer Träger spielt eine entscheidende Rolle, denn sie wirkt nach innen und nach außen. Deshalb wollen wir uns stets qualitativ weiter entwickeln.

Im Jahr 2014 fand ein Leitungsworkshop mit den Einrichtungsleiter_innen, dem Vorstand und mit vielen Menschen aus der SozDia statt, bei dem erörtert und diskutiert wurde welche Themen uns als Stiftung interessieren und in welchen Bereichen wir uns weiter qualifizieren wollen.

Am Ende des Leitungsworkshops gab es zwei Schwerpunktthemen: Inklusion und Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit den MitarbeiterInnen der SozDia wurde festgelegt, dass zunächst Inklusion, danach Nachhaltigkeit tiefgreifender in den Einrichtungen der SozDia thematisiert werden soll.

Im November 2014 wurde dann ein WorldCafè Tag mit allen interessierten Mitarbeiter_innen veranstaltet. Es sollten so früh wie möglich alle Mitarbeiter_innen am Prozess beteiligt werden. Aus der Diskussion darüber, welche Themen uns unter dem Aspekt Inklusion interessieren und was unser inhaltlicher Fokus sein soll, entstanden fünf Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten: Barrierefreiheit, Gender, Migration, Partizipation und Diversität.

Dem Thema Inklusion kann man sich auf unterschiedliche Art und Weise nähern. Warum wurde sich in der SozDia Stiftung für die Form eines Themenjahres entschieden?

Ich denke im Rahmen eines Themenjahres ist es gut möglich eine Plattform zu schaffen, um sich auszutauschen und dem Thema zu nähern. Ein Themenjahr erstreckt sich über einen überschaubaren Zeitraum, so dass man ein Gefühl vermittelt, dass die neuen Aufgaben auch zu schaffen sind. Ein endlos wirkender Prozess, oder ein Projekt, das zwei bis drei Jahre dauert, läuft Gefahr ergebnislos zu enden. Mit Hilfe eines Themenjahres schafft man einen Projektcharakter, mit kleinen Zielen und man vermittelt das Gefühl, dass Schritt für Schritt vorgegangen wird.

Fraglich ist andererseits natürlich, inwieweit es bei dem Thema Inklusion Sinn macht ein vermeintliches Ende zu setzen, denn nach einem Jahr ist das Themenjahr zu Ende und das ist auch das Gefühl, was bei den Mitarbeiter_innen in Bezug auf die Umsetzung von Inklusion entstehen kann, nämlich dass das erst einmal abgeschlossen ist.

Nun wollen wir ein bisschen genauer auf das Projekt schauen. Was waren die einzelnen Elemente des Themenjahres Inklusion?

Das erste Element war die grundsätzliche Unterstützungsbasis von der Leitungsebene und von den Multiplikator_innen. Darum gab es, wie ich eben schon beschrieben habe, am Anfang des Projektes den Leitungsworkshop. In jedem Prozess gibt es Momente, in denen man vieles in Frage stellt und daher ist diese Unterstützungsbasis als Prozessmotor so wichtig. Dann kann auch geschaut werden, was gerade für den Prozess benötigt wird – z.B. ein fachlicher Input oder mehr Zeit.

Dazu gehört dann auch eine Prozessleitung, beziehungsweise Koordination, um den Prozess wirklich nachhaltig anzuregen.

Ein weiteres wichtiges Element waren auf jeden Fall von Anfang an partizipative Methoden, um alle Mitarbeiter_innen am Prozess zu beteiligen. Denn Inklusion ist auch ein Organisationsentwicklungsprozess. In dem Prozess sollte eine gemeinsame Haltung entwickelt und ein gemeinsames Verständnis von Inklusion geschaffen werden. Es gibt verschiedene Methoden zur Partizipation. Wir haben uns für das erwähnte WorldCafè entschieden.

Das dritte entscheidende Element war der Förderpreis. Der Förderpreis wurde vom Vorstandsbeirat der SozDia Stiftung ausgeschrieben. Mitarbeiter_innen in der SozDia konnten sich Fachbereich übergreifend zusammen finden, ein gemeinsames Projekt starten und sich mit ihren Projekten bei uns bewerben. Die eingereichten Projekte wurden von einer Jury begutachtet und vier Projekte haben jeweils einen Preis in Höhe von 2000€ gewonnen. Das Ziel der Ausschreibung dieses Förderpreises war es, dass die Kolleg_innen innovativ und kreativ sein können und sich Gedanken darüber machen, wie eine inklusive Praxis tatsächlich aussehen kann.

Das vierte Element waren die Treffen der Arbeitsgruppen. Diese fanden sechs bis sieben Mal im Jahr statt. Hin und wieder gab es im Rahmen der Arbeitsgruppen einen fachlichen Input, um die Auseinandersetzungen anzuregen und den Prozess voran zu bringen. Hier wurden zwei Ziele verfolgt: Zum einen, dass Mitarbeiter_innen zusammenkommen, um eine Haltung zu entwickeln. Zum Anderen, um handlungsorientierte Methoden zu entwickeln, die von den Teams in der Praxis nachhaltig für die eigene Qualifizierung genutzt werden können.

Das fünfte Element war, dass sich zum Ende des Themenjahres noch einmal die Leitungsrunde getroffen und geschaut hat, was wir in der Zukunft an weiteren Maßnahmen in der SozDia Stiftung umsetzten wollen. Eine solche Runde ist wichtig, um sich zu vergewissern, ob noch alle in einem Boot sitzen und in die gleiche Richtung segeln wollen.

Als letztes Element haben wir einen Fachtag am 9. Februar 2016 veranstaltet. Hier ging es uns darum hauptamtlich Tätige aus der sozialen Arbeit einzuladen sowie Eltern und Angehörige. Gemeinsam haben wir geschaut, wie jede Einrichtung und jedes Individuum eine inklusive soziale Arbeit umsetzen kann und welche Schritte man gehen muss. In Workshops konnten sich die Teilnehmer_innen zu unterschiedlichen Themen weiterbilden. Der Tag war eine wunderbare Plattform um sich auszutauschen und die Lernspiele auszuprobieren. Die kamen sehr gut an.

Wir hoffen, dass wir das Thema durch die Spiele nachhaltig in die Teams reinbringen und somit das gesamte Team davon profitiert. Das ist auch ein wichtiges Element, das über das Themenjahr hinaus geht.

Was genau sind das für Lernspiele und was ist deren Ansatz?

Die Teilnehmer_innen der Arbeitsgruppen wollten während des Themenjahres gerne als Multiplikator_innen fungieren und die besprochenen Themen und Inhalte aus den Arbeitsgruppen in ihre Teams hineintragen. Und da es auf den Teamtreffen, wie sicherlich in vielen Einrichtungen, immer sehr viel zu besprechen gibt, ist die Zeit meist sehr knapp. So ist der Gedanke für kurze, knackige Reflexionsspiele für die Qualifizierung des Individuums und des Teams entstanden. Einige der Spiele können auch sehr gut auf Elternabenden oder auf Festen von Einrichtungen oder Kiezfesten gespielt werden.

Die Methoden sind handlungsorientiert und so angelegt, dass sie in einer kurzen Zeit zu spielen sind. Ein Lernspiel dauert circa zehn Minuten. Anhand von Fallbeispielen lernen die Teilnehmer_innen zum Beispiel Methoden der Teilhabe von Nutzer_innen oder von Eltern und Angehörigen kennen. Oder sie reflektieren Fallbeispiele einer inklusiven sozialen Arbeit. In einem anderen Spiel lernen sie Kriterien für alternative Kinderbücher kennen und wenden diese an einer Auswahl an Büchern an. Diese Spiele machen sehr viel Spaß. Der Austausch ist garantiert!

Die Lernspiele wurden auch auf dem Fachtag am 9. Februar 2016 präsentiert und können jetzt auch bei uns ausgeliehen werden. Ich habe einen Überblick über die Spiele und die Spielanleitungen online gestellt. Man kann mich aber auch jederzeit anrufen und sich beraten lassen.

Du hast es teilweise schon angesprochen. Vielleicht noch einmal kurz und knapp: Was sollte mit dem Themenjahr Inklusion konkret erreicht werden?

Ein Ziel war es, eine Reflexionsebene zu schaffen, so dass man miteinander ins Gespräch kommt und einen Austausch unter den Mitarbeiter_innen schafft. Sie sollten die Möglichkeit haben ihr Bewusstsein zu schärfen. Das hat, wenn man von einer organischen Organisationsdefinition ausgeht, natürlich auch Auswirkungen auf die Organisation und die Organisationskultur, denn die Organisation lernt ja nur durch ihre Mitarbeiter_innen.

Darauf baute das nächste Ziel auf, nämlich dass wir als Stiftung eine inklusive Kultur ausstrahlen und diese Kultur auch leben wollen.

Weitere Ziele waren handlungsorientierte Methoden für die Berufspraxis zu konzipieren und innovative Ideen und Projekte durch den Förderpreis anzuregen.

Das Themenjahr ist inzwischen beendet. Wie schätzt du in der Auswertung und im Rückblick das Themenjahr in der Umsetzung ein?

Auf der einen Seite war das Themenjahr als Projekt gesehen zu lang. Es bedarf kürzerer Phasen mit klaren Zielen. Haltungs- und Reflektionsarbeit und die praktische Umsetzung inklusiver Ideen und Projekte sollten sich immer abwechseln. Das muss nicht im Jahresrhythmus, sondern kann zum Beispiel im Halbjahresrhythmus stattfinden.

Mitarbeiter_innen hatten diesen Wunsch eingebracht, dass man kürzer gesteckte Ziele nicht nur auf einer Haltungsebene hat, sondern auch auf einer praktischen Umsetzungsebene. So hat z.B. die AG Migration viel über Sprache diskutiert und darüber, wie Menschen, die wenig oder kein Deutsch sprechen oder verstehen oder nicht lesen können, Zugang zu Informationen erhalten können. Also dass man beispielsweise Kitaverträge oder Speisekarten in unserem Ausbildungsrestaurant Kuhgraben oder Infotafeln in der Kita in mehreren Sprachen, in einfacher Sprache und vielleicht durch Piktogramme unterstützt anbringt.

Diese kurz gesteckten Umsetzungsschritte sind wichtig für die Motivation. Denn dann sind konkrete Veränderungen spürbar. Es ist schön, wenn sich meine Haltung oder Einstellung ändert, aber es muss auch Erfolge oder einen Nutzen für meine praktische Arbeit haben.

Auf der anderen Seite ist das Jahr zu kurz. Weil es ist eben kein Projekt, sondern ein Prozess. Und da muss nachhaltiger gedacht werden.

Wie wurde das Themenjahr auf der Ebene der Mitarbeiter_innen angenommen?

Das Themenjahr ist bei den Mitarbeiter_innen sehr gut angekommen und sie haben sich stark in den Arbeitsgruppen engagiert.

Sehr positiv war der fachbereichsübergreifende Austausch in den Arbeitsgruppen. Es ist meiner Ansicht nach immer ein Vorteil, wenn man nicht nur in seinem eigenen Fachbereich schaut, sondern auch andere Perspektiven kennen lernt.

Darüber hinaus hat sich durch das Themenjahr ein Verständnis dafür entwickelt, Inklusion nicht nur als Modewort zu verstehen. Inklusion ist mehr als nur ein Ersatzwort für Integration und bedeutet etwas ganz anderes als Integration. Inklusion betrifft auch nicht nur Menschen mit Behinderungen.

Welche Einflüsse und Auswirkungen hatte und hat das Projekt auf die teilnehmenden Einrichtungen?

In der Beantwortung dieser Frage bleibe ich auf der Ebene der praktischen Umsetzung. Zum Einen haben wir die handlungsorientierten Methoden, die für Teamprozesse genutzt werden können. Zum Anderen haben wir aber auch ganz konkrete Umsetzungsvorhaben, wie beispielsweise die Übersetzung von Kitaverträgen oder die Beantragung von Fördermitteln, um Gebäude, Räume und auch Kitaspielplätze barrierefrei zu gestalten.

Für die Auswirkung und Umsetzung von Maßnahmen spielt der Träger eine entscheidende Rolle. Es hängt viel davon ab, was der Träger auch finanziell ermöglicht. Denn es geht um Dinge wie z.B. Förderanträge, Konzeptentwicklung und Prozessbegleitung. Das Personal, was die Anträge schreibt und die Prozesse begleitet muss ja auch finanziert werden.

Des Weiteren wollen wir perspektivisch unsere Homepage barrierefrei gestalten, was dann wiederum Auswirkungen auf die Einrichtungen haben wird.

Also viele kleine Schritte, hinter denen eine ganze Menge steckt und die viel verändern und bewirken können.

Wie wirkt sich das Projekt darüber hinaus in der Stiftung SozDia aus? Du hast ja eben die Homepage erwähnt. Was sind weitere konkrete Auswirkungen?

Neben der barrierefreien Homepage haben wir weitere klare Ziele. Beispielsweise geht es um eine Veränderung unserer Bewerbungsprozesse. Wir wollen auch unsere Organisationsstrukturen verändern, nämlich in Hinblick auf die Vielfalt z.B. in der Mitarbeiter_innenschaft. So sollen Bewerbungsunterlagen ohne Bild eingefordert und dieses ganz konkret in der Ausschreibung formuliert werden. Wir wollen dadurch signalisieren, dass wir offen sind für vielfältige Menschen. Dieser Ansatz, Bewerbungsbilder wegzulassen, entspringt der Annahme, dass man bei der Begutachtung der Bewerbungsunterlagen einfach vorschnell aufgrund von irgendwelchen Mustern, die man sich durch seine Sozialisation angeeignet hat, handelt und entscheidet. Und dem soll dadurch entgegengewirkt werden. Es ist wichtig zu sagen, dass wir Vielfalt wollen und deshalb einen barrierearmeren Zugang schaffen müssen, um sich bei uns zu bewerben.

Darüber hinaus möchten wir mehr partizipative Mitmachmöglichkeiten schaffen und uns in diese Richtung weiter entwickeln – für unsere Mitarbeiter_innen, für die Bürger_innen und für die Nutzer_innen unserer Angebote. Das umfasst etwa niedrigschwellige Zugänge, Möglichkeiten, Angebote in den Einrichtungen selbst mit zu entwickeln und umsetzen zu können und natürlich eine Vielfalt in Angeboten, Zielgruppen und MitarbeiterInnen.

Und natürlich wollen wir auch unsere Öffentlichkeitsarbeit verändern. Die Sprachenvielfalt soll nicht nur in Kitaverträgen berücksichtigen werden, sondern auch z.B. auf unseren Flyern oder auf Plakaten für Kiezfeste.

Weiterhin finde ich ganz wichtig, dass wir in der Stiftung erreichen, dass sich alle Mitarbeiter_innen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung einsetzten und gezielt dagegen vorgehen. Dafür ist die Haltung wichtig. Aber unter Umständen bedarf es auch eines Beratungs- oder Unterstützungsangebots für fachliche Impulse oder zum Austausch. Es geht also darum, als Organisation mehr Raum und Zeit zur Verfügung zu stellen, um sich mit solchen Problemen auseinander setzen zu können.

Wurde das Themenjahr aus dem Budget des Trägers oder aus Fördergeldern finanziert?

Das Themenjahr finanzierte sich aus den Mitteln der Stiftung. Also z.B. meine Stelle wurde auch durch die Stiftung finanziert und nicht durch Fördermittel bewerkstelligt. Allerdings haben wir für den Fachtag am 9. Februar 2016 einen Förderantrag bei Aktion Mensch gestellt.

In der Diskussion rund um das Thema Inklusion wird immer wieder deutlich, dass Menschen und Institutionen verschiedene Dinge unter Inklusion verstehen. Gibt es in der SozDia ein gemeinsames Verständnis von Inklusion? Und falls es dieses gibt, wie sieht es aus?

Zu behaupten unsere knapp 400 Mitarbeiter_innen hätten ein gemeinsames Verständnis von Inklusion wäre gelogen. Aber wie ich eben schon gesagt habe, hat sich bei den Mitarbeiter_innen insofern etwas getan, als dass klar geworden ist, dass es um Vielfalt, um Teilhabe und um Wertschätzung geht und auch darum, eine eigene Haltung zu entwickeln.

Und was, wie ich finde, sehr befruchtend für den Prozess ist, ist, dass jeder seinen eigenen Fokus hat, wenn es um Inklusion geht. Und davon ausgehend findet ein Austausch auch über Verknüpfungspunkte statt. Das entspricht einem interdisziplinären und intersektionalen Ansatz und um den zu fördern braucht es unterschiedliche Fokussierungen und Schwerpunktsetzungen von den Menschen, die zusammen über Inklusion nachdenken.

Auf eurer Homepage habe ich gesehen, dass für die SozDia Stiftung sozialdiakonische Werte eine wichtige Rolle spielen. Als erstes ist meine Frage was sind sozialdiakonische Werte? Und was können diese sozialdiakonischen Werte und Grundsätze zur Diskussion zum Thema Inklusion beitragen?

Sozialdiakonische Werte, wie wir sie in der SozDia Stiftung verstehen, bedeutet, die Menschen, die im Kiez leben, wahrzunehmen, wertzuschätzen, ihre Bedürfnisse anzuerkennen, gemeinsam Leben zu gestalten und sie nicht auszuschließen. SozDia Stiftung – Gemeinsam Leben Gestalten ist der Name der Stiftung und das entspricht auch unserem Kurs. Wir vertreten das Menschenbild, dass jeder Mensch es wert ist wahrgenommen und respektiert zu werden. Mit diesem Menschenbild, das alle Menschen wertschätzt, bin ich offen gegenüber anderen Menschen. Das ist das starke diakonische Moment.

Und dadurch ergeben sich natürlich auch viele Verknüpfungen zum Thema Inklusion.

Genau. Mein Konfirmationsspruch zum Beispiel heißt: „Lasset uns nicht lieben mit Worten, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ Das ist 1. Johannes 3,18. Und das ist meine Grundlage, nach der ich auch lebe. Ich liebe Worte. Ich schreibe gerne, ich bin Germanistin und Worte schaffen eine Form von Wahrheit und Wirklichkeit. Aber ausschließlich Worte reichen nicht. Ich muss auch handeln. Nur so sehen andere Menschen was ich denke, welche Haltung ich habe und für was ich mit dem Herzen lebe. Das wird mir die letzten Jahre immer bewusster. Dieser Spruch begleitet mich und das ist für mich mein ganz persönlicher diakonischer Gehalt. Und ich finde er passt gut zum Thema Inklusion. Die praktische Umsetzung zählt. Und zwar von jeder einzelnen Person, von Trägern der sozialen Arbeit, von der Politik. Es braucht eine Haltung und es braucht die praktische Umsetzung. Wer nur redet, meint es nicht ernst.

Wie geht es nach dem Themenjahr mit dem Thema Inklusion in der SozDia Stiftung weiter und welche Ideen gibt es bisher?

Unser nächstes Themenjahr ist zum Thema Nachhaltigkeit, wobei wir es nicht mehr Themenjahr nennen wollen. Wir haben aus dem Themenjahr Inklusion gelernt und sehen das jetzt eher als einen Prozess an und weniger als Projekt. Das Thema Inklusion spielt auch beim Thema Nachhaltigkeit eine Rolle. Wir verstehen Nachhaltigkeit in einem ganzheitlichen Sinn, also nicht nur auf der umwelttechnischen, ökologischen Ebene, sondern z.B. auch auf der sozialen Ebene. Nachhaltigkeit auf der sozialen Ebene soll zum Beispiel dadurch umgesetzt werden, dass alle Bürger_innen in gesellschaftliche Gestaltungsprozesse einbezogen werden. Nachhaltigkeit auf einer sozialen Ebene bedeutet ebenso, dass ich dafür sorge, dass sich alle Mitarbeiter_innen in meiner Organisation wohlfühlen und sich nicht ausgeschlossen fühlen, indem ich beispielsweise darauf achte, dass Krankheitsstände nicht zu hoch sind, Krankheitsursachen in der Arbeit vermeide, auf Pausen achte, für die Mitarbeiter_innen sorge und sorgfältig mit ihren Ressourcen umgehe.

In der Organisationsentwicklung wollen wir verstärkt partizipative Methoden einsetzen. In diesem Jahr soll die SozDia-Strategie, in der es auch um das Thema Nachhaltigkeit geht, mit allen Mitarbeiter_innen diskutiert werden. Mein Wunsch ist es, dass in dieser Strategie das Thema Inklusion weiter mitgedacht wird.

Und darüber hinaus wird das Thema Inklusion direkt weiter geführt, z.B. durch die barrierefreie Gestaltung der Homepage oder durch bauliche Vorhaben.

Welche Empfehlungen kannst du nach den bisher gemachten Erfahrungen anderen Trägern und Einrichtungen in Bezug auf das Thema Inklusion mitgeben?

Ich empfehle auf jeden Fall, dass man sich als Träger oder Einrichtung externe, erfahrene Personen als Prozessbegleiter_innen heran holt und darüber hinaus in den Austausch mit Organisationen tritt, die so einen Prozess schon einmal initiiert haben, um nicht schon gemachte Fehler zu wiederholen, sondern es gleich besser zu machen.

Wir hatten auch eine Prozessbegleiterin, die uns die ganze Zeit begleitet und bei den Workshops neue Impulse gegeben hat. Das ist sehr wichtig. Man ist nicht von vornherein Fachexperte in allem.

Dann ist es meiner Ansicht nach wichtig, den Prozess langfristig nachhaltig zu denken, aber diesen, um die Motivation zu fördern, in kurze Schritte aufzuteilen und mit einer praktischen Umsetzung zu verknüpfen. Haltung und Umsetzung müssen immer zusammen gedacht werden. Das ist ganz wichtig.

Ebenso wichtig ist es groß zu träumen, um ein Ziel, eine Vision zu haben. Gekürzt wird dann in vielen Fällen so oder so, aber der Weg bleibt weiterhin klar.

Und am Ende kann man sich auch mal auf die Schulter klopfen und sich und die eigene Arbeit feiern und wertschätzen.

 Anett, ich danke dir für das Gespräch.

„Wir haben gesagt, wir starten einfach“ – Interview mit Claudia Vatter, Leiterin des Ganztagsbereichs „GrüneBirke“–Teil II

Foto: Claudia Vatter

Habt ihr im Team des Ganztagsbereichs einen gemeinsamen Begriff von Inklusion und was ist Inklusion für euch? Du hast es ja eben schon angedeutet, vielleicht nun nochmal etwas konkreter.

Also wir haben keinen Leitsatz oder dergleichen speziell für die Inklusion entwickelt. Wir haben uns in unserem Konzept sehr viel mit dem Bild vom Kind auseinandergesetzt und ich denke, das ist auch unsere Grundlage, mit der wir arbeiten. Ansonsten ist es so, dass die klassische Definition bei der es um die Teilhabe aller geht, das ist, was uns leitet. Von so her gibt es nicht den gemeinsamen Begriff, den wir haben. Und ich finde es auch wichtig, wenn wir über Inklusion sprechen, dass eben dieser Ansatz gilt, es sind eben nicht alle gleich. Deswegen ist es wichtig auch in den Erziehungsstilen eine große Vielfalt zu haben. Auch das bedeutet für mich Inklusion. Es gibt hier Kollegen, die arbeiten stärker nach dem erlebnispädagogischen Prinzip, es gibt Kollegen, die arbeiten stärker angelehnt an montessorische Inhalte. Es gibt Kollegen, die sind laissez-fairer, es gibt Kollegen, die sind konsequenter in der Arbeit. Also es gibt da eine große Bandbreite. Genau diese Vielfalt und das auch auszuhalten auch das ist Inklusion. Weil mit genau dieser Erziehungsvielfalt kann man wiederum auch alle Kinder ansprechen und die Kinder finden dann sozusagen ihren Partner, ihren Erzieher. Beziehungsweise schauen wir auch, welches Kind braucht denn gerade welchen Erziehungsstil. Deswegen haben wir das nicht festgeschrieben, sondern befinden uns in einem stetigen Prozess. Diese Unterschiedlichkeit auch auf der Ebene zu leben und auch da vielfältig zu sein.

Was ganz konkret bedeutet Inklusion im Ganztagsbereich?

Ich denke, das, was ich davor gesagt hab, ist für uns eigentlich gelebte Inklusion. Es kommen sehr viele unterschiedliche Kinder im Schulkontext an und für uns ist Inklusion immer auf den ganzen Tag zu schauen, es nicht separiert zu sehen. Hier ist der Schulalltag und da ist der Ganztags-Freizeitbereich. Sondern für uns bedeutet Inklusion den Ganztag zu betrachten und das Familiensetting und das Sozialraumsetting. Arbeiten im Netzwerk und in Kooperation das ist ein wichtiger Schlüssel im inklusiven Arbeiten.

Was sind deiner Ansicht nach Gelingensbedingungen für die Umsetzung von Inklusion im Ganztagsbereich?

Eine Gelingensbedingung ist tatsächlich ein guter Teamprozess. Das Thema darf nicht aus dem Fokus rücken. Es reicht nicht aus, sich einmal mit dem Thema Inklusion auseinander zu setzen und dann ist es vorbei. Ich denke schon, dass es eine Leitungsaufgabe ist, das Thema Inklusion und alles was dazugehört immer wieder zu thematisieren und auch mit unterschiedlichen Methoden im Team zu platzieren und es tatsächlich das Jahr über nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Das ist für mich eine Gelingensbedingung. Eine weitere Gelingensbedingung sind natürlich auch immer die gesicherten Ressourcen. Das ist dann die politische Ebene auf der man einfach aktiv bleiben muss und auch wenn es mal Rückschläge gibt oder wenn auf der Ebene mal was nicht perfekt in die Wege geleitet wird, dann nicht zu resignieren und zu sagen, da verändert sich ja eh nichts oder da haben wir jetzt schon wieder nicht die Finanzierung dazu, jetzt machen wir das einfach nicht mehr. Also da auch den Biss zu entwickeln dran zu bleiben.

Was sind deiner Ansicht nach Stolpersteine für die Umsetzung von Inklusion im Ganztagsbereich?

Es ist nach wie vor die personelle Ausstattung, die könnte natürlich nochmal besser und auch gesicherter sein, insbesondere dass auch der Krankenstand entsprechend mit einberechnet wird. Kinder, gerade die auch auf pflegerische Hilfe angewiesen sind, benötigen diese eben täglich egal wie viele Personen vor Ort sind. Und ein weiterer Punkt gerade im schulischen Kontext ist der, dass die Kinder mit Förderbedarf morgens ein Verfahren haben, wo es um den Förderstatus geht und im Nachmittagsbereich haben wir auch nochmal ein Verfahren dazu. Die Schule schreibt Förderpläne, wir schreiben Förderpläne. Da ist das Kind in der Testung, bei uns ist das Kind in der Testung. Also das sind Dinge, bei denen ich denke das das Stolpersteine sind. Das sind Personalressourcen, die dort rein fließen, die nochmal anders gebündelt werden könnten. Ganz klar erhoffen wir uns auch, dass im Zuge einer Verabschiedung des Inklusionskonzeptes auf der Berliner Ebene, mehr in den Fokus rückt, dass Ärzte, Therapeuten, Ergotherapeuten vor Ort am Standort Schule arbeiten. Es ist schon ein wahnsinnier Aufwand, alle miteinander zu verknüpfen. Wenn alles an einem Standort ist, würde es einfacher werden. Das sind nach wie vor Stolpersteine. Ebenso, dass die Diagnostik für die Kinder unheimlich lange dauert. Und natürlich hätten wir hier auch gerne einen Therapieraum. Ich weiß, das ist alles jammern auf sehr hohem Niveau. Vielleicht noch ganz praktische Stolpersteine. Man braucht sich auch keine Illusionen machen. Es ist so, dass Kinder, ich grenze es jetzt mal ein auf Kinder mit Behinderung, nicht immer Spielpartner in der Gruppe finden, nur weil wir inklusiv arbeiten. Das ist nicht etwas, wo automatisch alle lieb und nett miteinander sind. Das muss man realistisch betrachten und sich dementsprechend auch darauf einstellen. Wir befinden uns hier nicht in einem Feld, in dem man sagt, wir arbeiten jetzt inklusiv und die Kinder mit Behinderung sind Teil der Gruppe und haben ganz viele Freunde und sind wunderbar eingebunden. Das ist ein Weg und manchmal funktioniert es und manchmal funktioniert es nicht. Und da müssen wir uns auch den Grenzen bewusst sein.

Du hattest ja vorhin gesagt, dass ihr im Team schon seit langem im Prozess seid und auch sehr intensiv zum Thema Inklusion gearbeitet habt – theoretisch, konzeptionell und inhaltlich. Ich weiß nicht wie die Fluktuation der Mitarbeiter_innen bei euch im Team aussieht. Ist das vielleicht auch nochmal ein Stolperstein, wenn neue Kolleg_innen kommen? Wie geht ihr damit um? Oder ist es eher kein Problem, sie mit einzubeziehen und den Prozess weiter fortzusetzen?

Wir haben ein relativ stabiles Stammteam, was jetzt seit 2007/2008 hier am Standort gearbeitet hat und auch noch arbeitet. Natürlich haben wir eine ganz normale Fluktuation. Aber das sind tatsächlich nicht viele Personen, die uns verlassen oder dazukommen. Und die Personen, die neu zu uns ins Team kommen, die wachsen in das Thema mit rein. Sie erhalten sowohl einmal von mir als Leitung, wie aber auch von der Patin einen Einblick in unseren Prozess. Sie lesen unsere gesammelten Arbeitsergebnisse und sind dann relativ schnell in dem Thema drin. Es ist auch eine Grundzugangsvoraussetzung, sage ich jetzt mal, um bei uns arbeiten zu können. Wer sich bis dato nicht mit dem Thema Inklusion auseinander gesetzt hat und das ist ein Anspruch, den ich in der Zwischenzeit habe, bei Pädagogen müssen eigentlich in der Zwischenzeit zumindest Grundkenntnisse zum Thema Inklusion da sein, wer das nicht hat, der ist bei uns auch nicht am richtigen Platz. Man muss dafür bereit sein. Das muss man sich vorher überlegen und die Frage stelle ich jedem einzelnen. Von so her treffe ich da schon ein Stück weit auch eine entsprechende Auswahl.

Die nächste Frage hattest du im Laufe des Gesprächs auch schon angedeutet. Nun gehen wir nochmal etwas genauer darauf ein. In den Diskussionen zum Thema Inklusion tauchen immer wieder die zwei einander gegenüber stehenden Pole auf – nämlich Inklusion als Ressourcenfrage auf der einen Seite und Inklusion als Haltungsfrage auf der anderen Seite. Wie geht ihr im Ganztagsbereich mit der Ressourcenfrage in Bezug auf das Thema Inklusion um und welche Bedeutung haben die Ressourcen für euren Prozess und was bedeuten vielleicht auch mangelnde Ressourcen für diesen?

Diese Frage taucht immer wieder auf und wir versuchen das in der Waage zu halten. Wenn man sich zu sehr nur auf die Haltung konzentriert und auf der Ebene ist und die Realität nicht mehr im Auge hat, dann ist auch eine Umsetzung nicht möglich. Dann schwebt man tatsächlich in einem Bereich in dem man ganz viele tolle Ideen hat, sie aber nachher nicht umgesetzt kriegt. Und genauso anders herum. Wir wollen uns nicht nur auf die Ressourcenfrage konzentrieren. Wenn wir uns nur darauf konzentrieren, dann würden wir an den Punkt kommen und sagen, das geht nicht und dieses geht nicht und das ist nicht umsetzbar. Deswegen versuchen wir da wirklich eine Balance zu halten und auf beiden Ebenen zu gucken was wir verbessern, was wir erreichen können. Ich denke, da ist Vieles möglich und man kann immer wieder einen Fördertopf auftun. Man kann aber auch mit den Mitteln, die da sind, kleine Veränderungen schaffen. Und ich denke darum geht es und von so her beschäftigen uns diese Fragen, aber sie sind nicht unser Fokus.

Inklusion wird ja immer als etwas Prozesshaftes beschrieben. Du hast es ja auch gesagt, dass es ein Prozess ist. Du hast ja auch schon erzählt, wie ihr den Prozess am Laufen haltet, so dass er im Alltagsgeschäft nicht unter geht. Aus meiner Praxis weiß ich, dass das recht schnell passieren kann. Man hat es vor und dann verschwindet es, weil dann andere Sachen im Fokus stehen. Du hast gesagt, dass ihr diesen Inklusionstag habt und dann auch im Team das Thema nochmal mit aufgreift. Vielleicht kannst du das noch ein bisschen genauer ausführen, wie ihr den Prozess konkret gestaltet.

In den Teamtagen ist es eigentlich immer so, dass sich aus diesem Inklusionstag immer die Arbeitsaufträge für das Jahr entwickeln, die dann in allen möglichen Bereichen auch umgesetzt werden. Wir arbeiten dabei mit Zielvereinbarungen. Wir arbeiten aber auch mit dem Index für Inklusion. Wir haben unterschiedliche Instrumente, wie wir das Jahr über an dem Thema dran bleiben und der Auftakt für das kommende Jahr ist dann immer der Inklusionstag. Aber auch, wie gesagt, in den pädagogischen Dienstbesprechungen gibt es immer wieder Aspekte von Inklusion, die da mit einfließen. Ich arbeite mit einer Spinnnetzanalyse, das ist ein bestimmtes Prinzip, was ich hier für die Einrichtung entwickelt habe. Das ist ein Selbstreflexionssystem zu den unterschiedlichen Punkten, die schon genannt worden sind: Anti-Bias, demokratische Erziehung und so weiter. Damit reflektieren sich die Kollegen nochmal selber – wo stehe ich gerade, welche Aspekte habe ich mehr im Fokus, welche Aspekte habe ich weniger im Fokus. Und das ist auch eine Methode um über das Jahr in der Reflexion darüber zu bleiben. Also letztendlich fließt das Thema Inklusion mindestens 2mal im Monat mit in die pädagogischen Dienstbesprechungen ein. Und auch durch die vielen Fallbesprechungen, die wir haben, ist es natürlich so, dass wir kontinuierlich an dem Thema dran sind.

Was sind deiner Erfahrung nach Reaktion von Eltern, Familien, Erziehungsberechtigten zu dem inklusiven Ansatz hier im Ganztagsbereich? In der medialen Diskussion stehen meiner Auffassung nach häufig Ängste und Befürchtungen im Vordergrund. Du hattest ja vorhin auch schon gesagt, wie Eltern mitunter darauf reagieren. Welche Rolle spielen diese Ängste und Befürchtungen in eurer Arbeit und wie reagiert ihr darauf oder was entgegnet ihr diesen Befürchtungen?

Also die Befürchtungen sind, wie ich vorher schon sagte, mein Kind wird nicht genügend gefördert, mein Kind geht in der Gruppe unter, ihr arbeitet offen, mein Kind verschwindet hier vielleicht, mein Kind hat Trisomie 21 und es verlässt das Schulgelände – wie könnt ihr da für Sicherheit sorgen? Also es sind oft ganz banale Fragen, die die Eltern beschäftigen. Ein ganz wichtiges Prinzip wie wir dem begegnen, ist über eine Bezugserzieherarbeit. Jedes Kind hat einen Bezugserzieher und bei Kindern mit besonderen Herausforderungen sind die Kollegen auch oft zu zweit oder zu dritt für das Kind zuständig. Wir nehmen den Eltern auch durch eine ganz enge Elternzusammenarbeit die Ängste. Da reicht es eben nicht einmal im Jahr ein Entwicklungsgespräch zu machen, sondern da sind mehrere Gespräche notwendig. Da ist ganz viel Tür-und Angel-Arbeit wichtig, um den Eltern eine Rückmeldung zu geben, wie der Tag war. Und auch in den Elternabenden widmen wir uns diesen Themen. Wir haben den Eltern erklärt, wie wir inklusiv arbeiten, was dahinter steckt, was unsere Prinzipien sind und wie wir die Kinder so begleiten, dass hier jedes einzelne Kind einen guten Entwicklungsweg gehen kann. Also die Transparenz, über das, wie wir arbeiten, das nimmt ganz viele Ängste. Wir laden Eltern auch gerne dazu ein bei uns im Alltag zu hospitieren. Wir machen unsere Türen auf und sorgen somit dafür, dass die Ängste genommen werden und das ist glaube ich ein ganz wichtiges Prinzip – die Transparenz der Arbeit.

Werden Ängste und Befürchtungen auch von Eltern mit Kindern ohne Behinderung formuliert?

Ja. Und das reicht wirklich von der Frage, ob es ansteckend ist, was das eine Kind hat bis hin zu dem Wunsch, dass das eigene Kind nicht mit dem behinderten Kind spielt. Also da haben wir wirklich die komplette Bandbreite. Und an der Stelle geht es, glaube ich, auch darum Haltung zu zeigen und auch Vorurteile zu entkräften. Da funktioniert aber nicht der Weg das als Lehrmeister zu tun, sondern da funktioniert tatsächlich nur der Weg es ganz praktisch aufzugreifen. Wir arbeiten viel mit Fotodokumentationen, die überall im Ganztag ersichtlich sind, wo die Eltern immer sehen, wie sind die Kinder hier im Ganztag und was machen sie, was spielen sie. Das nimmt den Eltern dann die Sorge. Und es geht natürlich um Aufklärung.

Welche Veränderungen nimmst du im Laufe des Prozesses hin zu einem inklusiven Ganztagsbereich bei den Schüler_innen war, sowohl positiv als auch negativ? Also welchen Einfluss hat der Prozess auf die Kinder?

Also wir stellen fest, dass sich die Konflikte minimiert haben und die Konflikte an sich werden von den Schülern reflektierter betrachtet. Das war ein sehr spannender Prozess. Die Kinder hier am Standort sehen es als eine Selbstverständlichkeit einem anderen Kind zu helfen. Und da ist es egal, ob das jetzt ein Kind mit Behinderung ist oder ein anderes Kind, was Unterstützung braucht. Diese Hilfsbereitschaft und auch das Sehen des Anderen, die Rücksichtnahme und auch die Wertschätzung für den Anderen haben zugenommen. Die sozialen Kompetenzen der einzelnen Schüler haben sich in dem Prozess tatsächlich verbessert und das spürt man direkt in der Arbeit. Die Schüler, die jetzt bei uns in der 5./6. Klasse sind, sind in der Lage auf einer Ebene Konflikte oder Probleme zu reflektieren, die dann in die lösungsorientierte Richtung gehen. Und das ist sehr schön. Nichts desto trotz gibt es auch Schüler, die auch ganz klar sagen, mit dem einen Kind da will ich nichts zu tun haben oder keine Lust haben gerade zu helfen. Und ich finde das ist auch in Ordnung. Es kommt immer darauf an, wie man dem begegnet. Nur weil ein Kind im Rollstuhl sitzt, sage ich jetzt mal, muss ich es nicht mögen. Und das ist glaub ich nochmal eine ganz andere Auseinandersetzung die wir auch führen müssen.

Welche Rolle und Bedeutung spielen außerschulische Angebote und Projekte zum Beispiel der Kinder- und Jugendhilfe für die Umsetzung von Inklusion im Ganztagsbereich. Du hattest vorhin kurz die Verzahnung im Sozialraum angedeutet.

Ich glaube das ist ganz wichtig. Also gerade wenn ich an unser Ferienprogramm denke. Schule darf keine Insel sein. Ganztag darf keine Insel sein. Damit die Kinder irgendwann wenn sie den Standort verlassen gut angebunden sind, müssen wir den Kindern die Möglichkeiten hier im Sozialraum aufzeigen. Was gibt es noch darüber hinaus, wo kann ich hingehen, wo sind Ansprechpartner, die ich dann vorfinde und so weiter. Ich denke das ist so das, was Kinder- und Jugendhilfe leisten muss und auch kann und auch sollte. Darüber hinaus denke ich, dass dadurch, dass wir auch mit einer großen Altersmischung arbeiten, dass das einfach auch nochmal ganz viel befördert für die älteren Kinder. Sie können daran wachsen verantwortliche Aufgaben zu übernehmen und die jüngeren Kinder sind gut eingebunden in dieses Gesamtsystem. Die Altersmischung, mit der wir hier arbeiten, denke ich, das zeichnet die Kinder- und Jugendhilfe auch aus. Dass sie nicht altershomogen arbeitet, das ist eine Bereicherung für den inklusiven Prozess.

Und welche Bedeutung und Rolle spielen die Schulsozialarbeiter_innen an der Schule für eure Arbeit und für den inklusiven Prozess?

Die Schulsozialarbeit leistet, glaube ich, einen ganz wichtigen Punkt gerade im Vormittagsbereich. Es ist einfach so, dass viele Schüler, viele Familien eine Einzelfallbegleitung benötigen, die wir im Ganztag nicht leisten können. Sei es nochmal konkret mit Eltern bestimmte Gänge zu erledigen, die sie alleine nicht schaffen oder aber auch mit Schülern nochmal im Schulalltag zu arbeiten, wo wir als Erzieher in der Klassengemeinschaft eingebunden sind, der Schüler gerade aber ein Einzel- oder ein Rückzugssetting benötigt. Das ist glaube ich das, wo Schulsozialarbeit ganz wichtig ist. Und natürlich auch im Bereich der Prävention. Und da komme ich nochmal zu einem Bereich, den ich auch ganz wichtig finde – Gesundheit. Gesundheit lässt sich, denke ich, nicht von Bildung absplitten und auch nicht von dem Bereich Inklusion. Gesundheit muss einen größeren Stellenwert bekommen und da kann die Schulsozialarbeit ganz viel präventiv tun, wenn Kinder und Familien auch dort in dem Bereich Unterstützung benötigen.

In welche Richtung meinst du Gesundheit in diesem Zusammenhang?

Gesundheit im Sinne von Beratung. Ich denke die Vermittlung und die Begleitung, den Schritt zu gehen und sich an den Kinder-Jugendgesundheitsdienst zu wenden oder aber an der einen oder anderen Stelle zu schauen, ob wir jetzt in den Kinderschutzbereich kommen. Natürlich ist das der Auftrag von allen Pädagogen hier vor Ort. Aber ich glaube Schulsozialarbeit kann durch ihren Stand dort nochmal gezielter in die Familienstrukturen reingehen. Sie machen Hausbesuche, sie sehen den Zustand von Wohnungen, sehen wo unter Umständen Unterstützung notwendig ist, weil zum Beispiel Verwahrlosung ein Thema ist. Das hat für mich immer auch diesen Gesundheitsaspekt. Und da kann die Schulsozialarbeit viel leisten. Ich war vor kurzem auf einer Studienreise in Stockholm zu dem Thema Integration und Teilhabe und ich war sehr begeistert von dem Prinzip, dass jede Schule eine Schulkrankenschwester hat. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte für den inklusiven Prozess, wäre das eigentlich etwas, was ich finde, was da sein sollte, weil ich denke, das ist ein wichtiges Thema.

Das ist schon die direkte Überleitung zur nächsten Frage. Was wünschst du dir für die Zukunft in Bezug auf das Thema Inklusion im Ganztagsbereich allgemein und konkret für euren Ganztagsbereich „GrüneBirke“?

Also ganz konkret wünsche ich mir hier für unseren Bereich das wir im Prozess, der jetzt auch im Zuge von der Schulfusion weiter läuft, zu einem differenzierteren Miteinander gelangen, das wir Wege zwischen Schule und zwischen dem Ganztag nochmal optimieren und Personalressourcen anders bündeln. Ebenso wünsche ich mir, dass der Aspekt des lebenspraktischen Lernens auch in der Verknüpfung zwischen Ganztag und Schule einen stärkeren Fokus bekommt. Und ansonsten bin ich eigentlich zufrieden mit unserem Prozess. Wir haben als Einrichtung schon ganz früh damit angefangen und wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir sagen, wir genießen jetzt auch mal das, was wir hier für uns geschaffen haben. Wir gehen weiter, wir entwickeln uns weiter, aber wir freuen uns auch an dem Stand, der jetzt gerade da ist. Allgemein wünsche ich mir, dass Menschen die Angst vor der Inklusion verlieren, weil ich denke, die Inklusion ist eine Chance, eine ganz große Veränderung zu schaffen. Da wünsche ich mir, einen Prozess wo sich viel mehr Einrichtungen und viel mehr Schulen damit beschäftigen, die Ängste Stück um Stück abzubauen, auch die Berührungsängste in Bezug auf Kinder mit Behinderung. Ich wünsche mir, dass Stück um Stück erkannt wird welche Entwicklungschance darin liegt, nicht nur für die Standorte, sondern auch für die Gesellschaft allgemein gesehen.

Claudia, ich danke dir für das Gespräch.

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

„Wir haben gesagt, wir starten einfach“ – Interview mit Claudia Vatter, Leiterin des Ganztagsbereichs „GrüneBirke“–TEIL I

Foto: Claudia Vatter

Im Berliner Bezirk Spandau gibt es den Ganztagsbereich „GrüneBirke“ an der Schule am Grüngürtel und an der Birken-Grundschule. Der Ganztagsbereich, der sich in Trägerschaft von FiPP e.V. befindet, betreut täglich 140 Kinder und beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema Inklusion. Der Ganztagsbereich „GrüneBirke“ hat sich schon frühzeitig auf den Weg in Richtung Inklusion und inklusives Arbeiten gemacht. Über diesen Prozess, seinen Beginn, den aktuellen Stand und über Inklusion in einem Ganztagsbereich habe ich mit Claudia Vatter, Leiterin des Ganztagsbereichs „GrüneBirke“ gesprochen.

Claudia, du leitest den Ganztagsbereich „GrüneBirke“ an der Schule am Grüngürtel und an der Birken-Grundschule. Wie viele Kolleg_innen seid ihr? Was sind die Aufgaben des Ganztagsbereichs? Wie sieht ein Tag im Allgemeinen aus und wie ist er strukturiert?

Wir sind derzeit 16 Erzieher hier vor Ort und es sind auch alle in der Funktion von Erziehern angestellt. Wir haben aber unterschiedliche Abschlüsse mit denen die Leute zu uns gekommen sind. Es gibt Fachkräfte für Integration, wir haben eine Erziehungswissenschaftlerin hier im Team, es gibt jemanden der hat Bildung und Erziehung studiert, oder auch Soziale Arbeit. Es ist also eine sehr große Mischung, die hier arbeitet. Was die Nationalitäten im Team betrifft haben wir ebenfalls eine Mischung vertreten und auch im Altersdurchschnitt sind wir bunt gemischt. Es bildet sich bei uns im Team hier auch schon Vielfalt ab.

Wir arbeiten im offenen Ganztag mit beiden Schulen zusammen. Die Schulen befinden sich seit einem Jahr in einem Fusionsprozess und wir arbeiten hier alle unter dem Arbeitstitel inklusiver Campus. Es ist so, dass unsere Aufgaben insofern beschrieben werden können, dass wir vormittags den Frühdienst übernehmen, dann in Kooperation mit den Lehrern in Klassenteams arbeiten – wir begleiten die 1.-4. Klasse. Und die Erzieher sind dann nachmittags für die klassischen Aufgaben, wie man sie kennt, zuständig: Begleitung des Mittagessens, Hausaufgabenbegleitung, Freispielleitung, Freispielorganisation, AG- und Freizeitangebote im Allgemeinen und der Spätdienst wird von uns übernommen. Das heißt im Grunde sind wir von 6-18 Uhr da. Wir sind die Profession, die am längsten vor Ort ist. In der Kooperation mit Schule und in den Klassenteams ist der Fokus auf die Begleitung gerichtet, nicht auf das Unterrichten. Da grenzen wir uns auch ganz klar ab. Unser Fokus ist das Soziale Lernen in der Klasse. Es ist die Unterstützung von Einzelnen und der Gesamtgruppe und wir sind natürlich auch auf Ausflügen mit dabei. Wir initiieren gemeinsam mit den Lehrern Projekte, sind im Austausch wenn es um die Elternzusammenarbeit geht und arbeiten dort ganz eng in Kooperation. Zu meinen Aufgaben als Leitung gehört auch die Vernetzung mit der Schulleitung und dem Schulleitungsteam, also der erweiterten Schulleitung, mit Blick darauf, wie wir den Standort hier organisieren.

Auf eurer Homepage steht, dass ihr inklusiv arbeitet. Du hattest ja eben auch schon den inklusiven Campus angesprochen. Lass uns zuerst einen Blick in die Vergangenheit werfen. Wann habt ihr im Ganztagsbereich angefangen euch mit dem Thema Inklusion zu beschäftigen und was war konkret der Anlass dafür?

Wir haben uns hier 2010 auf den Weg gemacht, beziehungsweise im Schuljahr 2009/2010. Der Anstoß war eigentlich, dass das Thema Inklusion immer mehr in aller Munde war. Wir haben erst mal auf Leitungsebene entschieden, dass wir jetzt den Fokus auf die inklusive Arbeit legen wollen und haben dann den Teamprozess angeschoben. Der Anlass dafür war letztendlich, dass wir gemerkt haben, dass wir, was diese klassischen Dinge betreffen zwischen der Integration und der Inklusion, einfach aus einer gewissen Natürlichkeit heraus schon den inklusiven Ansatz im Grunde gelebt haben. Das ist sicherlich durch die offene Arbeit hier bei uns im Haus mit den Funktionsräumen, dem Anti-Bias-Ansatz und -schwerpunkt vom Träger und so weiter begünstigt worden. Und dann haben wir uns entschieden die Prozessspirale mit dem Team anzufangen.

Das ist im Vergleich zu anderen Trägern und Bereichen recht früh gewesen. Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist 2009 in Kraft getreten und viele Träger und Einrichtungen beschäftigen sich seit 1 bis 2 Jahren mit dem Thema.

Sicherlich hat das auch die Zusammenarbeit mit der Schule am Grüngürtel begünstigt. Wir hatten schon die große Vielfalt. Erst mal auch aufgrund von dem Standort der Einrichtung eine sehr große kulturelle Vielfalt, aber auch die Kinder mit Behinderungen und Kinder mit Einschränkungen und Beeinträchtigungen waren alle schon hier bei uns am Platz und wir haben mit dieser Vielfalt schon gearbeitet. Also von so her war das Thema für uns einfach nicht neu oder fremd oder dergleichen. Und auch die multiprofessionelle Zusammenarbeit in den Klassenteams hat es natürlich auch begünstigt, dass sich das Thema für uns einfach ganz natürlich entwickelt hat.

Wie waren die Rahmenbedingungen zu der Anfangszeit eurer Auseinandersetzung mit dem Thema Inklusion und welche Reaktionen habt ihr bekommen?

Von den Rahmenbedingungen war es eigentlich schon immer so, dass diese hier am Standort eigentlich nicht optimal sind. Das ist, denke ich, im Bereich der Ganztagsschule ein grundsätzliches Problem. Da gibt es viel Entwicklungspotenzial sowohl was die Räumlichkeiten betrifft, als auch bei der personellen Ausstattung. Für uns war klar, dass wir die Rahmenbedingungen nicht so stark gewichten, so dass wir sagen, wir können damit nicht starten. Deswegen lag der Fokus gar nicht auf den Rahmenbedingungen. Uns war am Anfang wichtig, dass wir die Stellenanteile haben, die wir benötigen um gut in dem Bereich arbeiten und alle Kinder gut in die Gesamtgruppe integrieren zu können. Da waren wir immer in einem großen Auseinandersetzungsprozess mit allen Beteiligten und von so her ist die Ausstattung bei uns, auch über die Anteile der Förderbedarfe, eigentlich relativ stabil gewesen. Also hatten wir eigentlich immer ganz gute Bedingungen um zu starten. Das muss man definitiv sagen. Und auch unsere räumlichen Bedingungen sind im Vergleich zu anderen Ganztagsbereichen so, dass wir von Schule auch immer Schulräume mit nutzen konnten um Angebote mit den Kindern durchzuführen. Und das hat sich jetzt durch den Prozess natürlich die letzten Jahre noch verbessert.

Bei den Reaktionen war es bei den Eltern so, dass sie im Grunde kein anderes Arbeiten kannten, da wir Kinder nie aus der Gruppe herausgenommen haben um sonderpädagogische Angebote zu machen. Aber als wir dann anfingen konkret darüber zu sprechen und auch gerade in Bezug auf die Offene Arbeit waren immer auch erst mal Vorbehalte der Eltern da. Gerade von den Eltern mit Kindern mit Förderbedarf gab es viele Fragen: Wird mein Kind genügend in der Gruppe gefördert? Geht es in der Gruppe nicht unter? Kommt mein Kind nicht zu kurz? Also wir waren mit diesen Vorurteilen, die auch überall in der Presse diskutiert werden, konfrontiert und mussten uns damit auseinander setzen und entsprechend unsere Arbeit transparent machen.

Und von Schul- und Trägerseite. Wie waren da die Reaktionen?

Die Frage ist ein bisschen schwierig zu beantworten, weil das eine prozesshafte Geschichte war. Wir haben nicht mit dem Gongschlag gesagt: so und ab jetzt schreiben wir uns Inklusion auf die Fahne. Sondern es war wirklich ein Prozess. Und innerhalb von dem Prozess ist dann auch dem Träger und auch den Schulen langsam klar geworden was hier gerade bei uns im Ganztag passiert. Wir haben uns gefragt, welchen Weg wir einschlagen, wo bilden wir uns fort, wo gehen wir in die Tiefe, wo verändern wir auch nochmal unsere Systeme? Wo schauen wir hin und wo passiert Ausgrenzung? Wo ist Teilhabe nicht möglich? Und die Reaktionen an sich sind von allen Seiten eigentlich sehr positiv, da gab es immer Unterstützung von allen Seiten. Und es wurde zum Beispiel von Trägerseite geschaut, wie man das Thema auch nochmal stärker in den Fokus rücken kann. Sabine Tönnis, Fachberatung im Bereich Kinder- und Jugendhilfe und Schule beim Träger FiPP e.V. und ich machen für den Ganztag jetzt trägerintern die AG inklusive Bildung im Ganztag. Der Träger hat das Thema auch durch die jährliche Arbeitstagung stärker in den Fokus gerückt, was uns natürlich als inklusive Einrichtung freut.

Wie viel Vorkenntnisse hattet ihr zu dem Thema Inklusion und wie sah eure fachliche Ausgangsbasis aus? Woran konntet ihr anknüpfen und gegebenenfalls aufbauen?

Das ist meine Lieblingsfrage. Im Grunde ist es so, dass das Thema Inklusion erst mal so im Raum stand und im Grunde wusste eigentlich keiner so richtig, was es denn ist und wo es herkommt und was anders ist im Vergleich zur Integration. Wir haben gesagt, wir starten einfach, wir lesen uns in die Thematik ein, wir besorgen uns Bücher. Es gibt viel Literatur dazu und wir schauen jetzt erst mal mit welchen Materialien wir arbeiten wollen. Und wir warten nicht und sagen: wir brauchen hier und da noch eine Fortbildung, sondern wir haben gesagt wir machen uns auf den Weg. Ich glaube das war auch so das, was uns alle letztendlich in dem Prozess geprägt hat, dass wir uns die Dinge selber erarbeitet haben. Natürlich ist Fortbildung wichtig. Aber ich denke, dass viel aus sich selber heraus erarbeitet werden kann und im Grunde hatten wir nicht den Inklusionsfachmann hier im Team oder die Inklusionsfachfrau. Auch haben wir ebenfalls angefangen in unseren Teamkonzeptionstagen immer Inklusionstage einzubauen.

Welche Rolle spielten die Schule und der Träger bei der Umsetzung des Vorhabens? Ein bisschen hast du das bereits angedeutet. Kannst du das noch etwas vertiefen?

Beide Schulstandorte waren an einem sehr unterschiedlichen Punkt. Der Fokus der Birken-Grundschule war eher so, dass die interkulturelle Arbeit eine größere Rolle gespielt hat, wobei in der Schule am Grüngürtel die integrative Arbeit wiederum im Fokus stand. Beide Punkte haben in der Inklusion einen großen Stellenwert und hier in der Mitte bei uns trifft alles zusammen. Von so her hatten wir eine gute Schnittmenge. Mit den Schulen sind wir jetzt auch in der Gesamtentwicklung gesehen mit dem inklusiven Campus auf einem guten inklusiven Weg.

Kannst du rückblickend einige Stationen beziehungsweise Schritte benennen, die aus heutiger Sicht entscheidend für den Prozess waren und die zu dem aktuellen Stand, wie wir ihn heute vorfinden, beitrugen?

Was ganz ausschlaggebend war, war tatsächlich die Einführung der Inklusionstage in den Teamtagen, wo wir uns mit dem Thema ganz gezielt auf unterschiedlichen Ebenen auseinandergesetzt haben. Und ganz entscheidend war am Anfang wirklich, sich mit dem Gesamtteam anzuschauen, was die Unterschiede zwischen Integration und Inklusion sind. Dort passieren einfach viele Schnellschüsse – die Inklusion ist nichts anderes wie die Integration etc. Aber es ist etwas anderes, es ist nochmal eine andere Haltung dahinter und es ist ein anderer Ansatz. Wir haben uns sehr viel mit den Materialien von Hinz und Boban auseinandergesetzt, wo das ja auch sehr schön auseinandergepuzzelt wird, was die Unterschiede sind. Zu diesem Zeitpunkt gab es auch die ersten Aha-Effekte. Ganz entscheidend war auch zu schauen, wo die Einrichtung eigentlich steht. Also letztendlich eine Analyse zu machen, wo wir schon inklusiv arbeiten und wo wir noch integrativ arbeiten. Und wir haben auch eine Analyse gemacht, wo Kinder in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind. Ebenso haben wir uns sehr schnell darauf verständigt, dass, wenn wir von Inklusion sprechen, es nicht auf die Kinder mit Behinderungen begrenzen, sondern es gleich immer im Großen diskutieren. Und das waren glaube ich ganz wichtige Stationen. Darüber hinaus war auch von Anfang an klar, dass die Fachkräfte für Integration hier Teil des Teams sind. Das war auch nochmal ein ganz wichtiger Aspekt genauso, dass wir Kinder nicht separieren. Wenn sie einen Förderbedarf haben, sind sie ganz normal Teil der Gruppe, haben eine Förderplanung, werden aber in den Angeboten nicht extra herausgeholt. Es gibt keine Sprachfördergruppe oder dergleichen, sondern es ist tatsächlich in dem Angebot von jedem Erzieher, von jedem Pädagogen die Aufgabe, innerhalb der Angebote zu differenzieren. Also nach dem Motto, was man ja auch oft in der Inklusion hört und jetzt auch schon publiker ist, dass die Kinder sich nicht nach dem System richten müssen, sondern das System nach den Kindern. Das ist unser Credo, bei dem wir auch sehr schnell gesagt haben, dass das genau der Punkt ist, um den es, wenn man es jetzt ganz weit auf den Kern herunter bricht, geht. Da wollen wir immer ansetzten. Ich glaube das war auch eine ganz wichtige Station.

Gucken wir ein bisschen auf die Gegenwart. Wie sieht der aktuelle Stand in Bezug auf das Thema Inklusion aus? Was hat sich seitdem auch nochmal maßgeblich verändert zum Beispiel auf der Teamebene, auf der Konzeptebene, auf der Angebotsebene und auf der Ebene der Zusammenarbeit mit den beiden Schulen?

Ich glaube auf der Teamebene ist der Blick erst mal differenzierter geworden und zwar nicht nur für die Kinder mit Behinderungen sondern tatsächlich für alle Kinder. Und auch auf der Teamebene das lösungsorientierte Herangehen an Schwierigkeiten hat sich als Grundhaltung etabliert.

Das finde ich einen sehr schönen Prozess. Es gibt irgend eine Problematik, irgend eine Herausforderung, dann ist nicht der Tenor, das geht nicht, das können wir nicht, das schaffen wir nicht, sondern es ist erst mal diese Überlegung im Team da zu sagen, okay jetzt haben wir irgendwie eine Herausforderung, wie gehen wir sie an, welche Möglichkeiten gibt es. Da hat sich in diesem ganzen Inklusionsprozess ganz viel entwickelt. Auf der Teamebene hat eine fünfjährige Auseinandersetzung auch auf der Fachebene stattgefunden. Und die Kollegen haben sich mit ganz unterschiedlichen Aspekten der Inklusion auseinandergesetzt und von so her ist auch eine hohe Fachkompetenz bei jedem Einzelnen da und nicht nur bei den Fachkräften für Integration, sondern bei allen Pädagogen vor Ort.

In der Angebotsebene gab es z.B. eine stärkere Ausrichtung in den Bereich Psychomotorik und Bewegung. In der Bücherei z.B. ist die Struktur sehr deutlich zu erkennen so dass alle Kinder diese gut nutzen können und nicht nur die Kinder, die kognitiv sehr fit sind. Auf der Angebotsebene hat sich aber auch bei den Ausflügen viel verändert. Wir schauen vorher immer wie die Bedingungen vor Ort sind, ob alle Kinder das Angebot gut nutzen können und wenn wir ein Museum besuchen gehen dann wird vorher überprüft, ob das ein Angebot ist, wo alle Kinder teilhaben können. Also da hat sich der differenzierte Blick ganz klar entwickelt.

Und auf der Konzeptebene?

Inklusion zieht sich wie ein roter Faden durch unser Konzept. Wir haben uns aber auch dazu entschlossen in unserer Konzeption einen extra Punkt daraus zu machen. Aber es fließt in alle anderen Bereiche mit ein. Und das ist, glaube ich, auch so das ausschlaggebende, Inklusion nicht nur als einen Punkt zu sehen, sondern, es muss sich in allen Bereichen abbilden. Auf der konzeptionellen Ebene ist auch nochmal dazu zu sagen, dass wir es als einen Prozess verstehen, es ist etwas, was auf Entwicklung basiert und nichts Festgeschriebenes. Auch ist konzeptionell verankert, dass wir nicht nur in unseren Inklusionstagen mit dem Thema arbeiten, sondern auch kontinuierlich über das Jahr. Wir haben zwei Besprechungen in der Woche, eine pädagogische und eine organisatorische Dienstbesprechung. In der pädagogischen Dienstbesprechung finden Fallbesprechungen statt, es ist aber auch so, dass dort an dem Thema Inklusion auf den unterschiedlichen Ebenen weitergearbeitet wird.

Und mit dem Blick auf Schule? Was hat sich vielleicht durch den Prozess in der Zusammenarbeit mit den beiden Schulen verändert?

Was sich am Standort entwickelt hat ist, dass wir durch den Zusammenschluss der Schulen und unterstützt vom Bezirk unter dem Arbeitstitel Inklusiver Campus arbeiten. Wir sind jetzt auf einem flächendeckenden Weg. Wir waren schon so ein Stück weit am Anfang die Insel sozusagen. Wir haben uns mit dem Thema Inklusion sehr stark auseinandergesetzt. Ich denke auch durch die bezirkliche Entscheidung wird da nochmal ein größerer Prozess daraus und es ist jetzt zum Beispiel auch so, dass es in der Schule eine Fachkonferenz für Inklusion gibt, wo alle Professionen zusammen sitzen und regelmäßig schauen, welche Veränderungen noch am großen Schulcampus geschaffen werden müssen. Es geht natürlich auch noch darüber hinaus. Es waren vor einem halben Jahr Personen aus dem Bezirksamt da, die die Standorte begutachtet haben und auch gesagt haben, dass hier Fahrstühle eingebaut werden müssen. Es ist wirklich ein flächendeckender Prozess, der jetzt in Gang gekommen ist. Ich würde uns da nicht als Motor bezeichnen, sondern einfach nur als ein Teil an einem Campus, der einfach aus einem eigenen Interesse schon früher angefangen hat an dem Thema zu arbeiten.

Wenn ich zu euch in den Ganztagsbereich komme. Gibt es deiner Ansicht nach irgendetwas, woran ich sofort erkenne, dass es sich um einen inklusiven Ganztagsbereich handelt, vielleicht auch im Gegensatz zu einem nicht-inklusiven Ganztagsbereich?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Wir haben uns ganz gezielt davon abgegrenzt, dass wir das jetzt nicht überall plakativ aufzeigen. Ich denke, die Inklusion zeichnet sich nicht dadurch aus, dass man im Eingangsbereich ein Plakat hat, wo dann ein Mensch im Rollstuhl sitzt. Das empfinden wir auch an der einen oder anderen Stelle als plakativ. Wir haben gesagt wir müssen hier jetzt nicht nochmal Inklusion als Schlagwort an die Tür schreiben, sondern die Menschen kommen zu uns und wir haben uns hier sehr viel mit einer Willkommenskultur auseinandergesetzt. Das ist auch ein Teil im inklusiven Prozess, sich mit der Willkommenskultur der Einrichtung auseinander zu setzen. Und ich denke es ist spürbar, wenn hier Menschen zu uns ins Haus kommen, dass sie lächelnde Personen vorfinden und das sie begrüßt werden und es wird eine Offenheit signalisiert, bei der wir sagen: du bist jetzt hier bei uns, welches Anliegen hast du, wie können wir dir weiter helfen. Ich glaube das ist eher so das, was wir uns auf die Fahne geschrieben haben. Es soll spürbar werden von den Menschen, die in der Einrichtung sind und nicht von Zeichen und Piktogrammen.

Auf eurer Homepage habe ich Schlagwörter gefunden wie demokratische Mitbestimmung aller Kinder, Offene Arbeit, Spiel, Entdeckendes Lernen, Partnerschaften mit Eltern, Interkulturelle Arbeit. Was haben diese Schlagwörter, die alle in eurem Konzept stehen mit einem inklusiven Ansatz zu tun?

Ich denke diese Schlagworte sind unsere Arbeitsgrundlage um zu dem Ziel der Inklusion zu kommen. Wenn ich nicht mit demokratischen und partizipativen Methoden arbeite und das in den Angebotsstrukturen nicht zum Tragen kommt, dann kann ich auch nicht inklusiv sein. Wenn nicht alle mitbestimmen und nicht alle mitentscheiden können, dann sind wir in einer hierarchischen Struktur, die mit Inklusion dann auch nichts mehr zu tun hat. auch die Offene Arbeit ist, denke ich, ganz wichtig um der Individualität der unterschiedlichen Kinder gerecht zu werden. Auch die Partnerschaft mit den Eltern gehört immer dazu. Die Eltern sind die Experten für ihre Kinder und deswegen ist die Partnerschaft nicht davon abzukoppeln. Und darum sind das alles die Bausteine die zum inklusiven Arbeiten führen. Ich denke Inklusion ist der große Arbeitstitel, der gefüllt werden muss mit Methoden, mit Didaktik und auch mit einer Haltung. Und genau diese Dinge unterfüttern dann letztendlich die Inklusion.

Also sind deiner Auffassung nach zum Beispiel Entdeckendes Lernen, Offene Arbeit und Spiel geeignete Methoden für den inklusiven Prozess?

Ja, auf jeden Fall. Gerade die Arbeit in unserer Lernwerkstatt ist tatsächlich eine Bereicherung für alle Kinder. Wenn Menschen unser Haus besuchen und in unsere Lernwerkstatt gehen oder auch in die anderen Räume, wo das entdeckende und forschende Lernen ein Thema ist, kommt oft die Frage, ob die Kinder mit geistiger Behinderung hier überhaupt ankommen und überhaupt einen Zugang finden. Und ich muss das ganz klar mit Ja beantworten. Gerade die Kinder, die in Schule manchmal im Tagesablauf an bestimmte Themen nicht immer angebunden sind, finden hier im Nachmittag über dieses Konzept der Lernwerkstatt eine andere Differenzierung. Alle Kinder kommen dort tatsächlich an und jeder wird einfach an seinem Punkt abgeholt. Der eine beschäftigt sich vielleicht irgendwie drei Wochen nur mit dem Zusammenstecken von Klopapierrollen und dann ist es aber in dem Moment das Lernfeld des Kindes, während ein anderes Kind sich vielleicht mit dem Bauen des Flugzeugs auseinandersetzt. Und wir werten es nicht, sondern es geht auch da um den Prozess des einzelnen Kindes und nicht um das Ergebnis. Das begünstigt die Inklusion dann natürlich auch nochmal.

ENDE Teil I

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews.

Inklusion ist eine Frage der Haltung!

In Diskussionen, Gesprächen, Beiträgen wird immer wieder deutlich gemacht, dass Inklusion ohne Ressourcen nicht möglich sei. Inklusion sei eine Ressourcenfrage. Gibt es nicht mehr Ressourcen, sei auch eine Umsetzung von Inklusion nicht möglich. Auch bekannt sein dürfte der (vielleicht konstruierte) Gegensatz Inklusion als Ressourcenfrage auf der einen Seite und Inklusion als Haltungsfrage auf der anderen Seite. Gerne wird es auch miteinander verbunden. Deutlich wird das an Aussagen wie z.B.: „Natürlich ist die Haltung wichtig, aber ohne Ressourcen kann man Inklusion nicht umsetzen. Nur mit der Haltung allein funktioniert es nicht!“.

An dieser Stelle möchte ich einige Gedanken formulieren, die die Position stark machen, dass Inklusion eine Frage der Haltung ist und dass die Ressourcen für die Umsetzung der Inklusion nur eine marginale Rolle spielen.

Unter Umständen schreckt das jetzt einige Leser_innen ab oder ruft ein wenig Abwehr hervor. Dennoch möchte ich dazu einladen, meinen Gedanken zu folgen. Für Anregungen, Kritik, Ergänzungen, Richtigstellungen z.B. in den Kommentaren bin ich sehr dankbar.

Nehmen wir zu Beginn an, Inklusion ist eine Frage der Ressourcen und es sind mehr Ressourcen notwendig, um Inklusion umzusetzen. Welche Ressourcen genau werden benötigt? Personal? Geld? Materialien? Wie sollen sie eingesetzt werden? Wofür? Mit welchem Ziel? In welcher Form? Mit welchen Methoden?

Verändert der Ruf nach mehr Personal und mehr finanziellen Möglichkeiten etwas an den Strukturen, an den Bedingungen für Exklusion, Separation und Diskriminierung? Wenn dem so wäre, dann würde unsere ausschließende, ausgrenzende, diskriminierende Gesellschaft nur darauf beruhen, dass zu wenig Personal und Geld vorhanden wäre, um nicht ausgrenzend und diskriminierend zu sein. Das bedeutet zugespitzt, dass wir alle eigentlich niemanden diskriminieren oder ausgrenzen wollen, aber aufgrund der fehlenden personellen und finanziellen Ressourcen leider nicht anders können. Und deshalb ist der Schlüssel für die Umsetzung von Inklusion mehr Geld und mehr Personal.

Aber aus welcher Position heraus und mit welchem Blickwinkel, mit welcher Perspektive wird über die Art der notwendigen Ressourcen und ihrem Einsatz entschieden? Werden dadurch nicht bestimmte Vorstellungen, Normen, Werte möglicherweise unhinterfragt weiter gefestigt, indem bestimmte Ressourcen auf eine bestimmte Weise eingesetzt werden? Setzen sich ausgrenzende und diskriminierende Denkmuster, Strukturen nicht auch in der Tatsache der gestiegenen Ressourcen weiter fort?

Wichtig ist dafür sicherlich die Definition von Diskriminierung und Ausgrenzung. Ich verstehe diese als Gelernte und verinnerlichte Strukturen und Denkweisen. Meine eigene Denkweise nehme ich als Normalität wahr. Selten denke ich dabei aber an die Gründe für das So-Gewordensein, an meine eigene Positionierung in den gesellschaftlichen Strukturen, an meine Privilegien. Mit welcher Brille schaue ich auf die Welt und wieso? Und welche Folgen hat das für meine Wahrnehmung, für mein Denken, für mein Handeln?

Inklusion verlangt einen Blick- und Perspektivwechsel. Der Blick soll weggehen vom Individuum (mit seinen möglichen oder zugeschriebenen Mängeln und Defiziten) und hin zur Gesellschaft und ihren Bedingungen (mit ihren diskriminierenden und ausgrenzenden Strukturen). Das bedeutet, dass ich mich mit verschiedenen Diskriminierungsformen, ihren Ausprägungen, Erscheinungsformen, Strukturen, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beschäftigen muss. Und es bedeutet ebenso, dass ich mich mit meiner eigenen Brille, meiner eigenen Positionierung in diesem System auseinandersetzen muss. Ich muss meine eigene Haltung, meine Werte, meine Normen erkennen, reflektieren, überprüfen. Ich muss mich in einem Lernprozess begeben, um meine Positionierung als eine unter vielen möglichen zu begreifen und nicht als Norm, ich muss mich damit auseinandersetzen an welchen Stellen ich selber andere Menschen diskriminiere, diskriminierende Strukturen stärke und vor allem warum. Ich muss den für Inklusion wichtigen Blickwechsel stets üben, denn an vielen Stellen hat sich die Suche nach Gründen für Probleme beim Individuum fest verankert. Dies gilt es zu verlernen, bzw. auch abschalten zu können.

Das hat sehr viel mit der eigenen Haltung zu tun. Insofern ist die Arbeit an und die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung ein Schlüsselmoment in der Frage der Umsetzung der Inklusion. Deshalb gehe ich soweit zu sagen: Inklusion ist eine Haltungsfrage.

Erst wenn ich in diesen Prozess einsteige, merke ich auch an welchen Stellen ich was benötige. Und dann kann ich darüber nachdenken, ob mir noch Gelder fehlen oder Personal oder etwas anderes. Und mit dieser neuen Perspektive kann ich Geld und Personal so einsetzen, dass sie zur Umsetzung von Inklusion beitragen. Vielleicht merke ich aber auch, dass ich vorerst nicht mehr Geld oder Personal benötige.

Dazu ein praktisches Beispiel: Ich biete regelmäßig Soziales Lernen als Projekttag für Schulklassen an. Nun kann ich natürlich mit mehr Personal und mehr Geld arbeiten. Aber das bedeutet noch nicht zwangsläufig, dass das Soziale Lernen dadurch inklusiver geworden ist. Denn ich muss mich z.B. damit auseinandersetzen, welche Methoden verwende ich, wie sind die Methoden strukturiert, was setzen sie voraus? Wen schließen bestimmte Methoden aus? Welches Verständnis von Lernen habe ich und warum? Was sind meine Ziele im Sozialen Lernen? Wieso? Welche Normvorstellungen vertrete ich? Woher kommen diese? Ist mein Ablauf für alle ansprechend und interessant? Können alle an die Inhalte anknüpfen?

Und nach diesem Schritt/diesen Schritten kann ich eventuell zu dem Punkt kommen, dass dieses und jenes methodisch sehr geeignet ist und dass ich für die Umsetzung dieser methodischen und didaktischen Herangehensweise ggf. noch dieses und jenes benötige. Oder eben auch nicht.

Das Verständnis von Inklusion als Ressourcenfrage läuft Gefahr die Umsetzung von Inklusion zu gefährden. Denn die Umsetzung ist dann (ausschließlich) an die Zurverfügungstellung von zusätzlichen Ressourcen gekoppelt. Und dadurch kann ich das Thema und die Umsetzung und jegliche Verantwortung dafür von mir wegschieben.

Inklusion als Frage der Haltung zu verstehen ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Sie ist mit viel Kraft, mit viel Aufwand, mit vielen Irritationen und Auseinandersetzungen verbunden. Dieses Verständnis von Inklusion ist mühselig. Aber meiner Ansicht nach führt daran kein Weg vorbei. Wenn wir tatsächlich auf eine inklusive Gesellschaft hinarbeiten wollen, dann müssen wir uns mit diskriminierenden und ausgrenzenden Strukturen und Denkweisen, die wir auch verinnerlicht haben, auseinandersetzen. Denn sonst laufen wir Gefahr, diese Strukturen und Denkweisen weiter zu stützen, zu stabilisieren und weiter zu tragen. Und genau das müssen wir verhindern. Fangen wir also bei uns selber an.

Buchtipp: Dominanzkultur Reloaded

IMG_3570

Versteht man Inklusion als Verhinderung von Diskriminierung, so kommt man nicht drum herum die Strukturen der Gesellschaft zu betrachten. Ein Begriff, der zur Beschreibung von gesellschaftlichen Strukturen in den 1990er Jahren eingeführt wurde, ist der von Birgit Rommelspacher geprägte Begriff der „Dominanzkultur“.

Im Jahr 2015 erschien ein Sammelband, der ursprünglich als Festschrift zum 70. Geburtstag von Birgit Rommelspacher gedacht war. Birgit Rommelspacher verstarb im April 2015 und so wurde aus dem Buch eine Gedenkschrift. Dieses Buch trägt den Titel: „Dominanzkultur reloaded. Neue Texte zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ihren Wechselwirkungen“.

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte aus dem Buch, die ich im Kontext von Inklusion in der Kinder und Jugendhilfe besonders spannend finde.

Das Buch

Zu Beginn möchte ich kurz erläutern, worum es sich bei der sogenannten Dominanzkultur handelt und was darunter zu verstehen ist. Dominanzkultur bedeutet, „daß unsere ganze Lebensweise, unsere Selbstinterpretation, sowie die Bilder, die wir vom Anderen entwerfen, in Kategorien der Über- und Unterordnung gefaßt sind. Wobei Kultur hier in einem umfassenden Sinn verstanden wird, und zwar als das Ensemble gesellschaftlicher Praxen und gemeinsam geteilter Bedeutungen, in denen die aktuelle Verfaßtheit der Gesellschaft, insbesondere ihre ökonomischen und politischen Strukturen, und ihre Geschichte zum Ausdruck kommen. Sie bestimmt das Verhalten, die Einstellungen und Gefühle aller, die in einer Gesellschaft leben, und vermittelt zwischen den gesellschaftlichen und individuellen Strukturen. Diese Kultur ist in westlichen Gesellschaften vor allem durch die verschiedenen Traditionen von Herrschaft geprägt, die zugleich auch sehr unterschiedlichen Dimensionen umfassen. […] Dominanzkultur [ist] als ein Geflecht verschiedener Machtdimensionen zu begreifen, die in Wechselwirkung zueinander stehen.“ (Rommelspacher, Birgit (1995): Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin, s. 22f. – zitiert nach Attia, Köbsell, Prasad 2015, S. 10)

In Ihrem Text setzt sich Silvia Staub-Bernasconi mit dem Werk von Birgit Rommelspacher auseinander. Demzufolge ging es Birgit Rommelspacher in ihrem Werk immer wieder um die Frage „Wie setzen sich Machtverhältnisse in Gefühle, Denken und handeln von Menschen um und wie reproduzieren diese wiederum die Machtverhältnisse?“ (S. 14)

Das Buch ist in 7 Abschnitte untergliedert, zu denen verschiedene Texte unterschiedlicher Autor_innen gehören: Dominanzkultur; Erinnerungskulturen; Menschenrechte intersektional; Asymetrische Globalität; Dominanz und Diskriminierung im Kontext Sozialer Arbeit; Schweigen, Sprechen und Schreiben.

Dominanzkultur

Swantje Köbsell setzt sich in ihrem Beitrag „Ableism. Neue Qualität oder >alter Wein< in neuen Schläuchen mit der Diskriminierungsform Ableism auseinander. Dabei bedeutet Ableism nicht nur Behindertenfeindlichkeit, sondern nach dem Verständnis der Disability Studies ist Ableism „ein Gesellschaften durchziehendes und strukturierendes Verhältnis [mit] hierarchische[r] Bewertung von Menschen anhand angenommener, zugeschriebener oder tatsächlicher Fähigkeiten“ (S. 21).

Beim Ableism geht es um die „Nicht-/Erfüllung von Normalitätsanforderungen im Hinblick auf bestimmte geistige und körperliche Fähigkeiten [und diese] Nicht-/Erfüllung entscheidet über die Bewertung und gesellschaftliche Position von Menschen“ (S. 25). „Unterschiede [werden] naturalisiert, Menschen in Gruppen homogenisiert, in der Zuordnung >>behindert-nichtbehindert<< polarisiert und der Erfüllung erwarteter Fähigkeiten entsprechend in eine hierarchische Ordnung gebracht“ (ebd.). Im Kontext von Ableism müssen die Verhältnisse in der Gesellschaft betrachtet werden, denn „Ableism durchzieht alle gesellschaftlichen Bereiche, wird in uns alle hineinsozialisiert, beeinflusst so die Einstellungen und Haltungen aller Mitglieder einer Gesellschaft und damit auch hre Handlungen, die, wenn sie unreflektiert und unhinterfragt bleiben […] zur Konstruktion von Behinderung und Normalität beitragen“ (S. 26). „Die Funktion von Ableism sei die Aufrechterhaltung der scheinbar natürlichen, naturalisierten Norm der Nichtbehinderung“ (S. 28).

Zülfukar Çetin ist mit dem Text „Der Schwulenkiez. Homonationalismus und Dominanzgesellschaft“ in dem Sammelband vertreten. Im Zentrum des Beitrags steht der Homonationalismus. Dieser „basiert […] auf der zunehmenden Akzeptanz von Schwulen und Lesben in westlichen Staaten als Ausdruck einer >Zivilisationsüberlegenheit< speziell gegenüber muslimischen Gesellschaften“ (S. 36). „Auf der Basis der Konstruktion eines >demokratischen, toleranten, zivilisierten Wir< wird wiederholt die Notwendigkeit des Schutzes der >unterdrückten, nicht emanzipierten und verschleierten muslimischen< Frau einerseits und des >muslimischen< Schwulen andererseits propagiert“ (S. 38).

Darüber hinaus sind die folgenden Texte in diesem Abschnitt enthalten:

Yasemin Shooman: Einblick gewähren in die Welt der Muslime. >Authentische Stimmen< und >Kronzeugenschaft< in antimuslimischen Diskursen

Rolf Cantzen: Germanen, Götter und Gelehrte. Zu völkischen Denkmustern und Deutungsschemata vom Deutschen Kaiserreich bis heute

Erinnerungskulturen

Iman Attia setzt sich in ihrem Beitrag „Geteilte Erinnerungen. Global- und beziehungsgeschichtliche Perspektiven auf Erinnerungspolitik“ mit verschiedenen Aspekten der Erinnerungspolitik auseinander. „Geschichtsunterricht in Europa ist seit seiner Einführung ein Mittel der Nationsbildung“ (S. 76). Die Darstellung der Geschichte „als fortschreitende Entwicklung wird auf eigene Erfolge und interne Bedingungen bezogen, während innere Widersprüche und Brüche, abweichende Sichtweisen und relationale Dimensionen ausgelassen werden“ (ebd.). „Der Eurozentrismus on der Geschichtsschreibung blendet die globale Verwobenheit von Geschichte(n) und transnationale Perspektiven aus“ (S. 77).

„Geschichte kann aber auch in einer Weise erzählt und erinnert werden, die sowohl den Konstruktionscharakter von Geschichte als auch die konflikthafte Hervorbringung von Nationen der Reflexion zugänglich macht. Geschichte – auch die einer Nation – wird dann als globale asymmetrische Beziehungsgeschichte [Herv. i.Orig.; Anm. d. Verf.] erzählt; relationale Dimensionen, marginalisierte und externalisierte Perspektiven, Brüche und Widersprüche in den Narrativen sind dann besonders interessant und bilden den Ausgangspunkt von Erinnerungskultur und Bildungsarbeit.“ (Ebd.)

„Gegenhegemoniale kulturelle Erinnerungen, die häufig negative Bezugspunkte für hegemoniale Erinnerungen darstellen, sind in der Lage, nationale Konstruktionen zu irritieren“ (S. 78).“Die Diversität kultureller Erinnerungen in der historisch-politischen Bildung anzuerkennen, erteilt großen Erzählungen eine Absage“ (S. 82).

Darüber hinaus sind die folgenden Texte in diesem Abschnitt enthalten:

Isidora Randjelović: Erinnerungsarbeit an den Porajmos im Widerstreit. Gegen Epistemologien der Ignoranz

Debora Antmann: Vom Vergessen und Erinnern: Ein Porträt der AG >>Frauen gegen Antisemitismus<<

Rudolf Leiprecht: Interdependenz von Inklusion und Exklusion – ein sozialwissenschaftlicher Selbstversuch. Zu einer deutsch-niederländisch-jüdischen Familiengeschichte im Kontext von Rassismus und Krieg

Menschenrechte intersektional

Judy Gummich beschäftigt sich in ihrem Text „Verflechtungen von Rassismus und Ableism. Anmerkungen zu einem vernachlässigten Diskurs“ mit der Schnittstelle zwischen Rassismus und Ableism und stellt fest, dass [a]uch wenn Kategorien konstruiert sind, haben sie doch reale Folgen“ (S. 144) und „[d]ie verschiedenen Machtdimensionen strukturieren die Gesellschaft und bestimmen das Zusammenleben“ (ebd.). Dabei ist zu berücksichtigen, dass „diese Dimensionen nicht eindimensional [wirken], sondern in einem >>Dominanzgeflecht<<“ (ebd.).

Rassismus und Ableism haben, so Judy Gummich, viele Gemeinsamkeiten (vgl. S. 145). „Im Zusammenhang mit beiden Machtdimensionen wird von einer hegemonialen Position aus eine Normalität konstruiert, die Schwarze Menschen / People of Color beziehungsweise Menschen mit Behinderungen als anders definiert und stigmatisiert.“ (ebd.)

„Konzepte wie Intersektionalität, aber auch Mehrfachdiskriminierung und Dominanzkultur thematisieren die Komplexität von Diskriminierungserfahrungen und verdeutlichen, dass ein eindimensionaler Blick den verschiedenen Lebensrealitäten nicht gerecht wird“ (ebd.).

In dem Text „Vom medizinischen zum menschenrechtlichen Modell von Behinderung. Konzepte für Behindertenrecht und –politik“ von Theresia Degener geht es um verschiedene Modelle, wie Behinderung betrachtet wird. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Nach dem medizinischen Modell von Behinderung „gilt Behinderung […] als ein Problem, das behandelt, kuriert, therapiert oder rehabilitiert werden muss“ (S. 155). „Ein weiteres Wesensmerkmal des medizinischen Modells von Behinderung sind zwei menschenrechtsgefährdende Annahmen: (1) Behinderte Menschen brauchen vor allem Schonraum und Wohlfahrtspolitik und (2) eine gesundheitliche Beeinträchtigung kann die Menschenrechtsfähigkeit mindern. Die erste Vorgabe legitimiert segregierende Einrichtungen wie Förderschulen, Wohnheime der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Die zweite Annahme hat zur Entstehung von entmündigenden Psychiatriegesetzten und Vormundschafts- bzw. Betreuungsrecht geführt“ (S. 156).

„Während das soziale Modell die soziale Konstruktion von Behinderung verdeutlicht, gründet das menschenrechtliche Modell auf moralischen Prinzipien einer Behindertenpolitik, in deren Mittelpunkt die Menschenwürde steht“ (ebd.).

„Das Absolutheitspostulat der Menschenrechtstheorie besagt, dass Menschenrechte absolute Rechte in dem Sinne sind, dass sie uns Menschen mit der Geburt verliehen werden. […] Dieser besondere rechtlich-moralische Charakter der Menschenrechte macht sie zu bedingungslosen Rechten. […] Das Menschenrechtsmodell […] stellt die Annahme einer geminderten Menschenrechtsfähigkeit aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigung in Frage. Das soziale Modell bietet dies nicht.“ (S. 157) Im menschenrechtlichen Modell gilt das „Prinzip des Respekts vor behinderter Differenz als Teil menschlicher Vielfalt […]. Mit diesem Prinzip wird klargestellt, dass gesundheitliche Beeinträchtigung nicht als Defizit betrachtet werden darf, das die Würde des Menschen einschränkt. […] Es gilt, Behinderung mit allen ihren Aspekten als Bestandteil menschlicher Vielfalt und Lebenslagen zu verstehen.“ (S. 160)

Theresia Degener möchte das menschenrechtliche Modell als Ergänzung zum sozialen Modell verstanden wissen und nicht als Gegenspieler (vgl. S. 165).

Darüber hinaus sind die folgenden Texte in diesem Abschnitt enthalten:

Nivedita Prasad: Entweder Schwarz oder weiblich? Zum Umgang mit Intersektionalität in UN-Fachausschüssen

Asymmetrische Globalität

In diesem Abschnitt sind folgende Texte enthalten:

Donja Amirpur: >>Hier geht alles ziemlich langsam voran…<< Der Transnationale Soziale Raum als Ressource für Familien im Kontext von Migration und Behinderung

Encarnación Gutiérrez Rodríguez: >>Doppelte Bestimmung<< im Privathaushalt. Zum Zusammenkommen von Feminisierung und Kolonialität in der bezahlten Hausarbeit

Nira Yuval-Davis: The Caring Question. The Emotional and the Political

Dominanz und Diskriminierung im Kontext Sozialer Arbeit

Ruth Großmaß setzt sich in dem Text „Soziale Arbeit im Netz der Macht. Versuch einer sozialphilosophischen Einordnung“ mit der gesellschaftlichen Positionierung von Sozialer Arbeit auseinander.

„Soziale Arbeit findet immer in einem kulturellen, politischen und rechtlichen Kontext statt, durch den ihr Wirkungsbereich bestimmt ist, ebenso wie der konkrete Hilfeauftrag und die Ressourcen, die zum Einsatz kommen können“ (S. 215).

„Die Beantwortung der Frage nach dem Verhältnis der Sozialen Arbeit zur Macht ist jedoch nicht nur aufgrund ihrer Komplexität eine schwierige, sie scheint zudem für die in der Sozialen Arbeit Tätigen alles andere als unproblematisch zu sein. […] [I]n der Praxisreflexion […] positionieren sich die meisten Praktiker_innen in einem Bereich potenzieller Ohnmächtigkeit, in dem sie von Mittelkürzungen, neoliberaler Politik und geringer gesellschaftlicher Wertschätzung betroffen sind […].“ (S. 216)

„Wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen – zu denen auch die Armenfürsorge und erste Bildungsangebote für die unteren Schichten gehörten – dienten in diesem gesellschaftlichen Umfeld [Industrialisierung, Anm. d. Verf.] der Befriedung sowie der Eindämmung republikanischer und sozialistischer Massenbewegungen“ (S. 218).

Auch heute „besteht in vielen Bereichen der Sozialen Arbeit […] an den Grenzen der Freiwilligkeit auch die Möglichkeit von Zwangsmaßnahmen, und gerade an diesen Grenzen ist erkennbar, dass Soziale Arbeit, indem sie den ökonomisch und gesundheitlich Schwachen sowie den sozial Ausgegrenzten Hilfe und Unterstützung bietet, eine gesamtgesellschaftliche Funktion erfüllt, die etwas mit der >>Regierung der Bevölkerung<< zu tun hat und die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse gegen Unruhen und Widerstand >>immunisiert<<“ (ebd.). Somit „erfüllt die Soziale Arbeit ein staatliches Lenkungsinteresse, das sich an so etwas wie >Normalität< orientiert“ (ebd.).

Soziale Arbeit ist „über die Verwaltungsstrukturen, durch die erforderlichen Konzepte und Begründungen für unterschiedliche Hilfen, durch die Beteiligung an sozialwissenschaftlicher Forschung bzw. durch die Nutzung ihrer Ergebnisse in vielfacher Hinsicht in gesellschaftliche Machtverhältnisse einbezogen. In der Arbeit mit der Klientel sind die Sozialarbeiter_innen selbst dann insofern unmittelbar Akteure der Macht, als die personenbezogene Hilfe über Konzepte und Praktiken erfolgt, die immer auch der Integration/Inklusion in bestehende gesellschaftliche Verhältnisse dienen.“ (S. 221)

„Auf drei Ebenen […] kann die Soziale Arbeit in gesellschaftliche Machtstrukturen eingeordnet werden:

– Als sozialstaatlich etablierte Struktur leistet sie über Versorgung und Befriedung einen Betrag zur Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse.

– Über die genannten Knotenpunkte der Macht definiert sie soziale Probleme, prekäre Bevölkerungsgruppen und Einsatzstellen für soziale Hilfeleistung.

– Und gerade die wenig kontrollorientierten Formen der Sozialen Arbeit wie sozialpädagogische Begleitung, Arbeit in Krisenwohngruppen und Beratung intensivieren selbstreflexive Subjektivierungsformen und geben ihnen zugleich Halt.“ (S. 224)

Am Ende des Textes plädiert Ruth Großmaß dafür, „das Verhältnis der Sozialen Arbeit zur Macht für alle Praxisfelder sorgfältig zu analysieren“ (S. 226).

Der Text „Cripping und Queering Soziale Arbeit. Aspekte der Disability Studies“ von Heike Raab beschäftigt sich mit den „Wechselwirkungen und Herausforderungen von Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht“ (S. 229).

„Kennzeichnend für die Disability Studies ist der Anspruch, einen Paradigmenwechsel in der wissenschaftlichen Erforschung von Behinderung zu initiieren, mit dem Ziel, gesellschaftliche Diskurse und Praxen zu Behinderung im emanzipatorischen Sinne zu verändern“ (ebd.). Behinderung wird hierbei „weniger als eine vorsoziale [herv. i. Orig., Anm. d. Verf.] Gegebenheit verstanden, denn als ein soziales und kulturelles Konstrukt“(S. 230). Heike Raab bezeichnet Behinderung als „soziokulturelle Problematisierungsweise von körperlicher Differenz“ (ebd.) [Herv. i. Orig., Anm. d. Verf.].

„Dominanzkultur kennzeichnet im Wesentlichen, dass nicht statisch zwischen Machtlosen und Machthabenden zu unterschieden ist. Vielmehr sind alle Menschen, vielfach und widersprüchlich, in gleichzeitig wirkende Machtverhältnisse verstrickt, d.h. sie können gleichzeitig diskriminiert werden und diskriminieren. Dominanzkultur beschreibt den Wirkmechanismus und die Funktionsweisen von gesellschaftlicher Normierung und Ausgrenzung und fokussiert auf die Vielzahl gesellschaftlicher Machtverhältnisse, die in ihrer jeweiligen Besonderheit und in ihrer wechselseitigen Verflechtung zu analysieren sind.“ (S. 231)

„Intersektionalität beachtet also sowohl die Wechselwirkung mit anderen Machtverhältnissen als auch Differenzierungen innerhalb der Kategorie Behinderung und deren Beziehungsgeflecht“ (S. 232).

„Soziale Belange gelten zunehmend als ein Problem mangelnder Selbstaktivierung. Folgerichtig werden Soziale Arbeit und Sozialprogramme vermehrt auf die Selbstermächtigungskompetenzen und Eigenverantwortung von Betroffenen gerichtet.“ (S. 234)

„Soziale Arbeit [ist] sehr wohl eingebettet in die Durchsetzung genormter Lebensweisen, Körpernormen und deren Abweichung. […] In der Arbeit am Sozialen wird aber auch das Soziale ko-konstitutiv bearbeitet. Auf diese Weise wird etwa das Feld der Behinderung als ein interventionsbedürftiges soziales >Problem< konstruiert und organisiert“. (S. 235)

„Behinderung bzw. Krankheit im Feld der Sozialen Arbeit kann als Herstellungspraktik spezifischer Identitäts- und Subjektivierungsformen beschrieben werden. In diesem Setting werden dominante Normen verhandelt, hergestellt und/oder verworfen.“ (S. 236)

„Nicht zuletzt erhält Soziale Arbeit dadurch ihre Legitimation […], indem Differenz und Andersheit als behandlungsbedürftiges Interventionsfeld angesehen werden“ (ebd.).

„Prägend für Soziale Arbeit in den Disability Studies ist folglich, den Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Vielfalt von Behinderung Rechnung zu tragen und die Binarität von behindert/nicht-behindert als System zu hinterfragen bzw. zu dekonstruieren“ (S. 237).

„Intersektionalität wirkt hier im produktiven Sinne verstörend auf herkömmliche Kategorisierungen, Formen der Subjektivierung und etablierte Muster von Etikettierungen der Betroffenen in der Sozialen Arbeit“ (S. 238).

Darüber hinaus sind die folgenden Texte in diesem Abschnitt enthalten:

Heike Radvan: Prävention von Rechtsextremismus unter Berücksichtigung von Genderperspektiven

Annita Kalpaka: >>Wir behandelt alle gleich<<: Zwischen Gleichheitsanspruch und Diskriminierungswirklichkeit. Prozesse der Auseinandersetzung mit Diskriminierung im Hochschulalltag

Darja Zaviršek: Poverty as a Culture of Dominance. An Ethnographie among Social Work Students in the Postsocialist European Periphery

Schweigen, Sprechen und Schreiben

Christina Thürmer-Rohr setzt sich in dem Text „Dialog und dialogisches Denken. Der Anspruch von anderswo: eine Herrschaftsabsage“ mit verschiedenen Facetten rund um den Dialog auseinander.

„Ein Dialog, der der Pluralität des Zusammenlebens gerecht werden will, ist nicht einfach auf die Vermehrung äußerer Buntheit und innerer Vielfalt aus. Dialoge vervielfältigen eher die Fragen und ebnen Konflikte nicht ein. […] Ein Dialog ist nicht auf Sieg aus, sondern auf die Erweiterung der Vorstellungsräume. […] Die Gegenwart der Anderen kann die eigene Perspektive korrigieren und erweitern, die notwendig beschränkt und verzerrt bleibt, wenn sie sich selbst zum Maßstab nimmt. […] Die Dialogidee bildet einen Gegenpol zu den ideologischen Strategien einer westlichen Dominanzkultur, die mit ihren historischen Herrschaftsansprüchen, ihren Übergriffen, Kolonialisierungen und Genoziden die Zerstörung einer dialogischen Praxis und ihrer Grundgedanken betrieben hat.“ (S. 298)

„Es wäre zwar vermessen zu meinen, man könne sich in sämtliche Standort anderer hineinversetzen und könne vollständig >anderswo< sein. Aber der Versuch, aus sich selbst herauszutreten und sich durch die Augen anderer zu betrachten, kann konkrete, relevante oder generalisierte Andere im eigenen Bewusstsein versammeln“ (S. 302).

„Dialogisches Denken verlangt ein Einhalten, eine Art Mäßigung, die sich aus der Anerkennung anderer als politisch Gleicher ergibt“ (S. 302). „Der Dialog ist auf ein Verhältnis zur pluralen Welt aus, das die Ansprüche auf gleichzeitige Verschiedenheit und Gleichheit aufnimmt“ (S. 303).

„Denken ist ein stummer Dialog, der die Perspektiven Anderer in Betracht ziehen und die Vorstellung des Nicht-mit-mir-Identischen aktivieren kann. Wer denkt, ist immer noch in-der-Welt und unter Menschen. Denken ist damit kein Zustand der Einsamkeit, sondern eine zweisame [Herv. i. Orig., Anm. d. Verf.] Tätigkeit, in der man auf sich selbst ein- und zurückwirkt, statt sich wie A mit A zu spiegeln.“ (S. 304)

„Dialogversuche sind unersetzbar, weil sie einerseits Ernst machen mit einem Herrschaftsabbau von unten, der konkret, alltäglich und unspektakulär vonstatten geht, und weil sie andererseits die menschliche Fähigkeit zu einer >denkenden Zuwendung< zu dem beanspruchen, was außer mir ist“ (S. 307).

Darüber hinaus sind die folgenden Texte in diesem Abschnitt enthalten:

Sabine Hark: Die Vermessung des Schweigens – oder: Was heißt sprechen? Dimensionen epistemischer Gewalt

Susan Arndt: Envisioning New Futures. Literary Performances of Intertexuality, Gender and Race in the Works of Zadie Smith, Pauline Melville and Toni Morrison

Barbara Schäuble: Beleidigungen und Herabsetzungen. Zur sozialen Logik antisemitischer Aussagen

Reyhan Şahin: >>A strong woman doesn´t follow – she leads!” (Selbst-)Darstellungen muslimischer Akademikerinnen im sozialen Netzwerk Facebook

Mein Fazit

Das inhaltlich sehr umfangreiche Buch bietet meiner Auffassung nach eine gute Grundlage zur Reflexion seiner eigenen persönlichen und professionellen Positionen. Viele Themen werden kritisch betrachtet und viele Aspekte genannt, über die ich bislang so noch nicht nachgedacht habe. Es bietet viele Anregungen, Ideen und Gedanken, spannende Analysen und Perspektiven. In der Umsetzung von Inklusion ist der Blick auf gesellschaftliche Strukturen, Gegebenheiten und Bedingungen unerlässlich. Eine Auseinandersetzung mit der Dominanzkultur ist für diesen Prozess, meines Erachtens nach sehr hilfreich. Das Buch bietet dafür einen guten Einstieg.

Infos zum Buch:

Herausgeber_innen: Iman Attia, Swanthe Köbsell, Nivedita Prasad

Titel: Dominanzkultur Reloaded. Neue Texte zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ihren Wechselwirkungen.

Erscheinungsjahr: 2015

Verlag: transcript Verlag, Bielefeld

ISBN: 978-3-8376-3061-9