Inklusion als Thema bei “planet wissen”

Am 29.05.2015 ging es bei planet wissen um das Thema Inklusion. Die Sendung heißt “Behindert sein oder behindert werden?” und zentrale Person der Sendung ist Raúl Krauthausen.

Einige Aspekte seines Lebens werden thematisiert und immer wieder wird Bezug auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, auf die Situation von Menschen mit Behinderungen im System Schule oder in der Arbeitswelt genommen.

Es werden verschiedenen Ebenen des Themas angerissen und besprochen und die Begriffe Integration und Inklusion deutlich voneinander unterschieden.

Aus meiner Sicht bietet der Beitrag einen guten Einstieg und eine gute Übersicht über das Thema. Außerdem erfährt man einiges zum Engagement von Raùl Krauthausen.

Gut finde ich, dass das Thema Inklusion nicht nur auf das System Schule bezogen wird, wie es leider in vielen Fällen passiert. Das Thema Inklusion wird im Beitrag auf Menschen mit Behinderungen reduziert und ein umfassendes Verständnis von Inklusion, welches alle Dimensionen von Vielfalt betrachtet, flackert nur an einzelnen Stellen kurz auf.

In einem Beitrag über Menschen mit Behinderungen in der Schule wird nach meiner Auffassung in die Falle getappt, den Begriff Integration durch Inklusion zu ersetzen. Dort heißt es z.B. “Eine echte Inklusion ist bislang bei ihr nicht gelungen.”

Immer wieder passiert es, auch mir, einen Denkfehler zu begehen – nämlich Inklusion als Eigenschaft einer Person zu verstehen – diese und jene Person ist inkludiert, diese und jene Person ist nicht inkludiert , ihre_seine Inklusion ist gescheitert… Aber genau darum geht es nicht, der Blick muss sich auf die Gesellschaft, auf das System – bspw. Schule richten. Nicht die Person wurde nicht inkludiert, sondern z.B. die Schule hat es nicht geschafft sich so zu verändern, dass sie inklusiv ist, dass sie allen Kindern unabhängig von ihren Merkmalen und Eigenschaften gerecht wird.

Genau in dieser Betrachtungsweise liegt doch einer der, wenn nicht sogar DER Unterschied zwischen Integration und Inklusion.

Bei einem Vortrag in Frankfurt/Main im März 2015 wies Prof. Dr. Clemens Dannenbeck darauf hin, dass Inklusion eine Qualität eines Systems ist und keine Eigenschaft einer Person. Hier geht es zu einem Bericht über die Veranstaltung, auf der dieser Vortrag gehalten wurde.

Hier geht es zur Sendung “Behindert sein oder behindert werden?” von planet wissen.

Hier geht es zu einem kurzen Film zur UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

Positionspapiere und Leitlinien zum Thema Inklusion, die trotz ihres Alters nicht an Aktualität verloren haben–Teil III

Inklusion: Eine Herausforderung auch für die Kinder- und Jugendhilfe” heißt eine Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums aus dem Jahr 2012.

Im Vorwort von Mike Corsa heißt es: “Inklusion ist Leitbild und Imperativ der aktuellen Debatte um Menschen mit Behinderungen” (S. 4). Und an anderer Stelle werden die Schwierigkeiten benannt, denn “eine bisher segmentierende und damit exkludierende Gesellschaft nach diesen Vorgaben zu reorganisieren, fordert einen breiten gesellschaftlichen Dialog und die Bereitschaft, Systeme aufeinander zuzubewegen in aufmerksamer Wahrnehmung des individuellen Förder- und Unterstützungsbedarfs, den vor allem junge Menschen und ihre Familien haben” (ebd.).

In der Stellungnahme beschränkt sich das Bundesjugendkuratorium bewusst auf Menschen mit Behinderungen.

“Das Bundesjugendkuratorium sieht Inklusion als eine Haltung an, die Gesellschaft verändert und die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen wie auch von Erwachsenen verbessert” (S. 5).

Hier eine fragmentarische, kurze Zusammenfassung der Stellungnahme mit aus meiner Sicht relevanten Aspekten. Die unterstrichenen Zeilen sind entweder Zwischenüberschriften oder fettgedruckte Thesen aus der Stellungnahme, nach denen diese strukturiert ist.

1. Ausgangspunkt: Die UN-Behindertenrechtskonvention

Die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention für die aktuelle Diskussion über Inklusion wird hervorgehoben. Ebenso spielt der Behinderungsbegriff der UN-Konvention eine entscheidende Rolle. Denn die Gesellschaft und ihre Bedingungen und Barrieren stehen im Fokus der Betrachtung und es geht darum “ein gesellschaftliches System der Unterstützung zu schaffen, bei dem die vorhandenen individuellen Möglichkeiten und Potenziale genutzt und ausgebaut werden können” (S. 6). Das bedeutet also: “Im Inklusionsbegriff ist die Herausforderung angelegt, rechtliche, institutionelle und organisationale Verhältnisse so zu gestalten bzw. zu verändern, dass Menschen mit einer Behinderung möglichst nicht eigens in für sie geschaffenen Sonder-Institutionen gefördert und unterstützt werden, sondern wie Menschen ohne Behinderung in gleicher Weise am gesellschaftlichen Leben teilhaben können” (ebd.).

In diesem Abschnitt der Stellungnahme wird auch auf das Inklusionsverständnis Bezug genommen. Der Inklusionsbegriff wurde ausgehend von der Gruppe der Menschen mit Behinderungen im Laufe der Zeit zunehmend losgelöst und um weitere Personengruppen erweitert. Dabei besteht die Gefahr, dass die Kernforderungen der UN-Konvention durch das erweiterte Verständnis aus dem Blick geraten könnte. (Vgl. S.7)

“>>Inklusion<< wird zu einer allgemeinen Leitformel für ein möglichst harmonisches, alle Menschen einbeziehendes gesellschaftliches Prinzip, gegen die sich niemand wenden kann, die aber letztlich unpolitisch wird, weil sie zu wenig mit konkreten politischen Gestaltungsperspektiven verkoppelt ist” (ebd.). Darin besteht die Gefahr.

Deshalb beschränkt sich die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums auf Menschen mit Behinderungen. “Die bewusste Beschränkung auf die Menschen mit Behinderungen folgt der Erkenntnis, dass das Inklusionsprinzip für jede gesellschaftliche Gruppe konkretisiert werden muss und dass durch die UN-Behindertenrechtskonvention ein ausdrücklicher Schwerpunkt bei den Menschen mit Behinderungen gesetzt wurde” (S. 9).

2. Der Auftrag der UN-Behindertenrechtskonvention: Chancengerechtigkeit und Teilhabe in einem inklusiven Fördersystem 

Inklusion heißt Chancengerechtigkeit und Teilhabe

“Zum Grundverständnis moderner demokratischer Gesellschaften gehört es, den gleichberechtigten Zugang der in ihnen lebenden Menschen zu allen Lebensbereichen zu ermöglichen” (S. 9).

Dazu gehören zum Einen Unterstützungsmaßnahmen und Unterstützungssysteme für Menschen, die den Bedarf dafür haben und zum Anderen aber auch eine Weiterentwicklung von Institutionen hin zur Barrierefreiheit. “Die Funktionsprinzipien und Leistungsmaßstäbe von Institutionen müssen also daraufhin überprüft und ggf. daraufhin verändert werden, dass alle Menschen in ihnen ihre Teilhabepotenziale entfalten können” (S. 11). Die Institutionen müssen sich den Menschen anpassen und nicht die Menschen den Institutionen. (Vgl. S.10f.)

Weiterhin geht es darum, “auf der Basis von Aktivitäten zum individuellen Benachteiligungsausgleich eine gesellschaftliche Situation zu schaffen, bei der individuelle Unterschiedlichkeit grundsätzlich nicht zur Hürde für kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe wird” (S. 12).

“Inklusion aus der hier skizzierten Perspektive versteht sich also gerade nicht als Ansatz zur Verminderung gesellschaftlicher Heterogenität. Sie zielt vielmehr auf eine möglichst weitgehende Annäherung von zunächst ungleichen gruppenbezogenen und individuellen Teilhabe- und Verwirklichungschancen in einer gleichermaßen durch Komplexität, Heterogenität und soziale Ungleichheit charakterisierten Gesellschaft.” (S. 13)

Menschen mit Behinderungen haben ein Recht auf Inklusion 

In diesem Abschnitt wird deutlich gemacht, dass es nicht darum gehen kann, gesellschaftliche Gruppen oder Merkmale von Gruppen nicht mehr zu benennen, denn sonst ist es nicht möglich sich für ihre Rechte einzusetzen (vgl. S. 13f.). “Nicht die Bezeichnung ist das Problem, sondern die daran anknüpfende gesellschaftliche Benachteiligung” (S. 14). Gleichwohl geht es um eine Sprachensensibilität – das heißt Sprache, Bezeichnungen und Begriffe müssen reflektiert werden (vgl. ebd.). Die Politik ist insofern gefordert den Spagat zu schaffen zwischen Benennung von Gruppen/Merkmalen zum nachteilsausgleich auf der einen Seite und die Förderung von Menschen nicht nur aufgrund der Etikettierung (vgl. ebd.).

Um Inklusion zu erreichen, müssen Institutionen sich verändern und aufeinander zubewegen

“Ziel einer der UN-Behindertenrechtskonvention entsprechenden Politik und Praxis muss es sein, die Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten verschiedener Institutionen bzw. Leistungssysteme aufeinander abzustimmen und zu bündeln, damit die Leistungssysteme sich in ihren Angeboten und Handlungen auf eine gemeinsame Intention der Förderung von Teilhabemöglichkeiten der betroffenen Menschen ausrichten und auf diese Weise die Besonderheiten einzelner Systeme tendenziell überwinden” (S. 15).

Es darf keine Strukturen geben, die sich nur auf die Defizite von Menschen und ihrer Reduzierung fokussieren (vgl. ebd.).

Inklusion ist eine Gestaltungsperspektive, die bisherige Rechtsbereiche überschreitet und zu einer verkoppelten Sichtweise bisher getrennt betrachteter Rechtsbereiche auffordert

“Die Umsetzung von Inklusion als gesellschaftliche Zielvorgabe muss vielmehr die Anwendungspraxis in allen Bereichen prägen. Gleichzeitig darf diese schwierige Aufgabe der Verknüpfung und Verkopplung bisher getrennter Bereiche nicht dazu führen, dass einzelne Bereiche wegen komplexer Probleme bei der Überwindung sich verweigern oder hinter dem tatsächlichen oder vermeintlichen Nichthandeln anderer Akteure verstecken.” (S.16)

Die Umstellung auf ein inklusives Fördersystem bedarf der intensiven Konzipierung und begleitenden Planung, damit negative Auswirkungen für die Betroffenen möglichst gering gehalten werden.

In diesem Abschnitt wird auf mögliche Auseinandersetzungen mit Betroffenen hingewiesen, die bei der anstehenden Veränderung die Befürchtung haben, ihre Unterstützung könnte verloren gehen (vgl. S. 16f.). “Mit inklusionsorientierten Wandlungsprozessen sollen negative (Neben-)Effekte dieses spezialisierten Leistungs- und Hilfesystems überwunden werden, dies darf aber nicht zu einer Reduzierung von sachlich erforderlichen Förderansprüchen oder zu Abstrichen in der Qualität zu Lasten der betroffenen Personen missbraucht werden. Die notwendige Förderung muss erhalten bleiben, jedoch müsse die Konstellationen und Formen, in denen qualifiziert und gefördert wird, verändert werden: Die bisherigen Ressourcen für Hilfen müssen in ein System einer konzeptionell einheitlichen Förderung und Hilfe überführt werden, das mit einer verbesserten Effektivität im Sinne des Ziels der Teilhabechancen einhergeht.” (S. 17)

Aus diesem Grund sollen die Prozesse mit den betroffenen Menschen gestaltet werden (vgl. ebd.).

Ganzheitlichkeit und Ausrichtung an der Lebenswelt als Gestaltungsprinzipien von Inklusion

“Ein Konzept von Inklusion orientiert sich an der ganzen Person und ihrer Lebenswelt. Inklusion knüpft daher an der Lebenslage von Kindern und Jugendlichen an und zielt bewusst darauf, die mit den Rollenbestandteilen einer Person bisher verknüpften Trennungen in den Zuständigkeiten zu überwinden […].” (S. 18)

3. Inklusion als Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe

Das Bundesjugendkuratorium stellt fest, dass in der derzeitigen öffentlichen Debatte die Zielrichtung von Inklusion unzulässiger Weise begrenzt wird – nämlich auf das System Schule (vgl. S. 19). “Der fachliche Bezugspunkt der Inklusion muss zuallererst die Orientierung an den Kindern und Jugendlichen selbst, sowie ihre umfassende Förderung sein; Zielgruppenbestimmungen und Fragen des Verhältnisses verschiedener Institutionen zueinander sind dem nachzuordnen” (ebd.).

“Auch Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung sind zuallererst Kinder und Jugendliche mit Bedürfnissen und Problemen bzw. alterstypischen Entwicklungsherausforderungen und –aufgaben wie alle anderen nicht behinderten Kinder und Jugendlichen auch” (S. 20).

“Die mehrdimensionale Neuorientierung der Rolle und Funktion der Kinder- und Jugendhilfe bei der Implementierung inklusionsorientierter Lösungen versteht sich nicht als Selbstzweck, sondern findet ihre Rechtfertigung in der Verbesserung der Lebenswirklichkeit aller behinderter wie nichtbehinderter Kinder und Jugendlicher in ihren Lebensbereichen” (S. 21).

Kindertagesbetreuung 

Die Kindertagesbetreuung arbeitet schon viele Jahre inklusionsorientiert. Dennoch ist auch hier wichtig, dass sich die Institution an die Kinder anpassen muss. (vgl. S 22). Die Kindertagesbetreuung kann “zum Wegbereiter von inklusiven Bildungsverläufen aller  [Hervorhebung i.Original, Anm. d. Verf.] Kinder und Jugendlicher werden” (S. 23). Dafür müssen allerdings die Übergänge zur Schule weiter entwickelt werden (vgl. ebd.). Weiterhin sind Fragen der Diagnostik, der Auswirkungen von Schulkategorien (z.B. Förderstatus) auf die Kindertagesbetreuung und die Förderpraxis in der Kindertagesbetreuung zu bedenken.

Kinder- und Jugendarbeit

“Insofern sich das Konzept der Inklusion an der ganzen Person und ihrer Lebenswelt ausrichtet und bewusst auf die Lebenslagen der betroffenen Menschen hin orientiert ist, scheint es konzeptionell hoch anschlussfähig an eine Kinder- und Jugendarbeit, die ebenfalls vom Subjekt her denkt und an den je konkreten Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen anknüpft” (S. 26). Gleichzeitig gibt es aber auch ein Konfliktpotenzial, denn es besteht ein Spannungsverhältnis “zwischen dem Selbstverständnis des Arbeitsfeldes, der Eigenlogik selbstorganisierter Jugendarbeit und einem an Inklusion ausgerichteten gesellschaftlichen Leitbild” (S. 26f.). Inklusion kann in den Einrichtungen nicht verordnet werden und es kann keine “>>Zwangsinklusion<< von Sozialbeziehungen” (S. 26) herbeigeführt werden (vgl. ebd.).

Ebenso wird die enge Verzahnung mit der Schule deutlich gemacht, denn viele peer-groups entwickeln sich im Schulalltag und bilden dann auch die Zielgruppen in der Kinder- und Jugendarbeit. Sind bestimmte Personen oder Personengruppen aus der Schule ausgeschlossen, werden sie auch nur schwer in den peer-groups in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit Anschluss finden. (Vgl. S. 27)

“In Bezug auf die Entwicklung einer inklusiven Kinder- und Jugendarbeit ist insbesondere die Sensibilisierung der Träger und der Fachkräfte notwendig, die die Grundvoraussetzungen für die Etablierung eines inklusiven Klimas in Verbänden und Einrichtungen darstellt. Die Verantwortung für die Gestaltung eines inklusiven Angebotes, das für alle [Hervorhebung im Original, Anm. d. Verf.] Kinder und Jugendlichen nutzbar ist, liegt dabei letztlich bei den Trägern.” (S. 28)

“Ziel von Politik, Trägern und Sozialer Arbeit muss es sein, dass alle [Hervorhebung im Original, Anm. d. Verf.] Kinder und Jugendlichen in einem je konkreten Sozialraum eine Teilhabemöglichkeit an allen [Hervorhebung im Original, Anm. d. Verf.]  Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe haben – dies schließt offene und selbstorganisierte Kinder- und Jugendarbeit ausdrücklich ein” (S. 29).

Ambulante Hilfen zur Erziehung

Neben der rechtlichen und finanziellen Unklarheit der Zuständigkeit bei Familien mit Kindern mit Behinderungen (Eingliederungshilfe vs. Kinder- und Jugendhilfe) sind Einrichtungen der ambulanten Hilfen zur Erziehung “auch konzeptionell und methodisch nicht darauf vorbereitet, die spezielle Erziehungssituation von Familien mit behinderten jungen Menschen in den Blick zu nehmen und die Behinderung von Kindern angemessen bei der Bewertung von familiären Lebenssituationen und bei der Gestaltung der Hilfe zu berücksichtigen” (S. 30).

“Will man das Inklusionsprinzip bei den ambulanten Hilfen zur Erziehung zur Geltung bringen, so müssen auch die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe die Kompetenzen mitbringen bzw. erwerben, Behinderung als Element einer familiären Lebenssituation wahrzunehmen, in ihrer Bedeutung für die familiäre Erziehungskonstellation zu bewerten und dementsprechend angemessene Hilfeleistungen zu konstituieren” (S. 30f.).

Stationäre Hilfen zur Erziehung

Auch hier gibt es wieder ein Spannungsverhältnis zwischen Jugendhilfe und Behindertenhilfe. Ob ein Kind oder ein Jugendlicher in eine Einrichtung der Jugendhilfe oder der Behindertenhilfe kommt, hängt von der Begründung seiner Unterbringung ab – ist sie ein Erziehungsproblem, oder liegt die Ursache in der Behinderung? (Vgl. S. 31)

“Für behinderte und nichtbehinderte Kinder und Jugendliche dürfen keine unterschiedlichen Ansprüche an die Hilfegestaltung und an die pädagogische Förderung gestellt werden” (S. 33).

“Während in der Kinder- und Jugendhilfe in den vergangenen Jahren intensive Diskussionen über die Bedingungen des Aufwachsens in stationären Einrichtungen stattgefunden haben, beschränkt sich die fachliche Debatte im Bereich der Eingliederungshilfe nach wie vor stark auf pflegerisch-medizinische Fragen und Aspekte der beruflichen Integration” (ebd.).

Es wird festgestellt, die “stationären Einrichtungen der Jugendhilfe haben kaum Erfahrungen mit der Umsetzung inklusiver Angebote. Weder ist auf Seiten der Fachkräfte ausreichend Qualifikation und Fachwissen vorhanden im Hinblick auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, noch sind Einrichtungen konzeptionell, organisatorisch und hinsichtlich ihrer Ausstattung darauf vorbereitet.” (S. 33f.)

In der Umsetzung gibt es des Weiteren die Schwierigkeit, dass Kinder und Jugendliche ohne Behinderungen nicht immer in der Lage sind, sich auf das Gemeinsame Wohnen mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen einzulassen (vgl. S. 34f.).

“Auch wenn man die besonderen Herausforderungen und auch die möglichen Grenzen bei der Realisierung von Inklusion in stationären Erziehungshilfen nicht aus dem Blick verlieren sollte, so gilt die Anforderung Inklusion im Grundsatz auch für dieses Handlungsfeld” (S. 35).

Hilfen für Pflegekinder

“Die Unterbringung in einer Pflegefamilie kann für Kinder mit Behinderungen durch die Familiennähe erhebliche Vorteile in der Entwicklung und im Beziehungsaufbau zur Folge haben. Für viele Kinder ist diese Form der außerfamiliären Hilfen zur Erziehung die Form, die ihren Entwicklungsbedürfnissen am besten entspricht.” (S. 36)

“Für jedes Kind sollte unabhängig von einer Einschränkung eine Pflegefamilie zu finden sein, und jede Pflegefamilie, die ein Kind mit Behinderungen aufnimmt, muss die dafür notwendige Beratung und Unterstützung erhalten” (ebd.).

Schulsozialarbeit

Am Ort Schule sind alle in der Schule tätigen Akteure dazu aufgefordert Inklusion voranzubringen (vgl. S. 38).

“Aus Sicht einer inklusiven Schulkultur sind insbesondere Fachlehrer gefordert, pädagogische Settings zu schaffen, die Inklusionserfahrungen ermöglichen. Hier fällt den sozialpädagogischen Angeboten an Schulen die Aufgabe zu, dies zu unterstützen und ggf. Schüler/innen wie Lehrer/innen für Inklusion zu sensibilisieren, wobei die Schulsozialarbeit in besonderer Art und Weise geeignet ist, für behinderte Kinder und Jugendliche Brücken zum Lebensraum zu bauen und ihnen eine besser Teilhabe auch an außerschulischen Angeboten und speziellen Förderangeboten der Kinder- und Jugendhilfe zu ermöglichen.” (S.38f.)

Dabei geht es nicht darum, dass Schulsozialarbeit die Aufgabe von Integrationshelfern übernimmt, sondern wichtig ist die Frage, “wie Schulsozialarbeit felder sozialen Lernen eröffnen kann, die ein inklusives Schulklima schaffen” (ebd.).

Eingliederungshilfen für junge Erwachsene mit Behinderungen

“Der Prozess der Stigmatisierung, den die Jugendlichen bereits durch den Besuch einer Schule außerhalb der Regelschulen erlebt haben, setzt sich so bei der Berufsorientierung, Berufsausbildung und Einmündung in den Arbeitsmarkt trotz vielfältiger Eingliederungshilfen fort. Insbesondere für geistig Behinderte fehlen Angebote, die in einer begleitenden Form Leben, Wohnen und Arbeiten außerhalb von Heimstrukturen und in der Nähe ihrer Eltern ermöglichen.” (S. 41)

Die Jugendhilfe sollte in der Zukunft mit Angeboten der Eingliederungshilfe und Unternehmen zusammen arbeiten, um die Jugendlichen bestmöglich unterstützen zu können (vgl. ebd.). Auch für Menschen mit Behinderungen muss das Selbstbestimmungsrecht gewahrt bleiben, das heißt sie müssen eine Entscheidung treffen können, welchen Beruf sie wählen (vgl. ebd.).

4. Schlussfolgerungen: Inklusion ist nicht nur Imperativ, sondern vor allem praktisches Handlungsfeld

“Diese Erörterungen zum Inklusionskonzept sollen verdeutlichen, dass Inklusion eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist,

– die Zeit braucht

– die grundlegende Fragen der Gleichheit von Menschen in dieser Gesellschaft anspricht

– die prozesshaft zu gestalten ist

– die veränderte Rahmenbedingungen (insbesondere bei der Qualifizierung der Fachkräfte und bei der Finanzierung der Angebote) benötigt und

– deren Umsetzung sich nicht einfach administrativ verordnen lässt, sondern einen tiefgreifenden kulturellen Wandel in unserer Gesellschaft und bei den beteiligten Fachkräften gleichermaßen voraussetzt wie als Folge nach sich zieht.” (S. 42)

“Die Inklusionsdebatte verlangt ein verändertes Grundverständnis – weg von einem defizitorientierten Behinderungsmodell, hin zu einer Menschenrechts- und Teilhabeperspektive – sowie auf eine damit verbundene Anerkennung der >>ganzen<< Person in ihren lebensweltlichen Bezügen und ihren Mitbestimmungs- und Partizipatonsrechten bei der Gestaltung von Unterstützungs- und Hilfesettings” (S. 43).

Laut gesetzlichem Auftrag ist die Kinder- und Jugendhilfe für alle Kinder und Jugendlichen da, so steht es in §1 SGB VIII und somit müssen Kategorien und sich daraus ergebende Konsequenzen, z.B. in Angeboten oder Strukturen, reflektiert werden (vgl. ebd.).

“Das Bundesjugendkuratorium spricht sich für eine nachdrückliche, abgestimmte und realitätsnahe Umsetzung von Inklusion aus, die abseits einer imperativen Idealisierung verläuft und sich an den jeweiligen Lebenswirklichkeiten von Kindern und Jugendlichen orientiert, seien diese seelisch, geistig oder körperlich behindert oder nicht. Im Sinne einer Generationenpolitik muss das bedeuten, dass Inklusion nicht nur dann gelungen ist, wen sie Kinder und Jugendliche in >>inklusiven<< Einrichtungen fördert, sondern auch, wenn Inklusion als gesellschaftliches Klima verankert ist uns Erwachsene (nicht nur Fachkräfte, sondern auch Eltern und alle anderen beteiligten) wie Kinder und Jugendliche gleichermaßen verpflichtet.” (S. 44)

Fazit

Die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums bietet eine wunderbare Grundlage zur Auseinandersetzung und Diskussion zum Thema Inklusion und sie bietet ebenso eine Einschätzung zum aktuellen Stand von Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe und zeigt für verschiedene Bereiche Perspektiven, Möglichkeiten und Risiken auf.

Zu Beginn der Stellungnahme werden interessante Punkte zur Diskussion angerissen:

– Ist es sinnvoll Inklusion weiter zu fassen und nicht nur auf Menschen mit Behinderungen zu reduzieren?

– Geraten Menschen mit Behinderungen aus dem Fokus, wenn Inklusion weiter gefasst wird?

– Wie wird Inklusion im öffentlichen und wie im fachlichen Diskurs verhandelt, worum geht es dabei genau und kommt das eigentliche in der UN-BRK formulierte Anliegen noch zur Geltung?

– Wie funktioniert Inklusion in einer auf Ausschluss und Leistung basierenden Gesellschaft?

Die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums ist aus meiner Sicht sehr zu empfehlen – für den Einstieg, für die Weiterarbeit, für ein Innehalten im Prozess zu einer inklusiven Arbeit.

Hier geht es zur Website des Bundesjugendkuratoriums.

Positionspapiere und Leitlinien zum Thema Inklusion, die trotz ihres Alters nicht an Aktualität verloren haben–Teil II

Schon 2009 hat die Deutsche UNESCO-Kommission e.V. in Kooperation mit Aktion Mensch e.V. eine Publikation mit dem Titel “Inklusion: Leitlinien für die Bildungspolitik” herausgegeben. Mir liegt die 3. erweiterte Auflage von 2014 vor. Hier geht es zu der Publikation.

Die Publikation ist in 2 Themenbereiche aufgeteilt:

Teil 1 – Inklusive Bildung: Hintergründe, Konzept, Umsetzung

Teil 1 – Politische Entwicklungen voranbringen

Im Folgenden benenne ich einige, aus meiner Sicht relevanten Aspekte aus der Publikation in fragmentarischer Form.

Teil 1 – Inklusive Bildung: Hintergründe, Konzept, Umsetzung

1.1 Internationaler Kontext

“Armut und andere Faktoren, die zu gesellschaftlicher Exklusion beitragen, beeinträchtigen individuelle Bildungschancen erheblich. Limitierte Bildungschancen wiederum beeinträchtigen die Chancen von Individuen, der Armut zu entkommen” (S. 7).

Des Weiteren werden in diesem Abschnitt einige Zahlen und Fakten zur Bildungssituation weltweit geliefert und Beispiele für Gruppen genannt, “die im Bildungsbereich ausgeschlossen oder marginalisiert sind” (ebd.). Dazu gehören bspw.: missbrauchte Kinder, Flüchtlinge, Arbeitende Kinder, Migranten, religiöse Minderheiten, von Armut betroffene Kinder, ethnische Minderheiten, Mädchen, linguistische Minderheiten, indigene Völker, Straßenkinder, Kindersoldaten, Frauen, Nomadenkinder, Kinder mit Behinderungen, Landbevölkerung, HIV/AIDS-Waisen (vgl. ebd.).

“Wenngleich insgesamt immer mehr Kinder und Jugendliche weltweit Zugang zu Bildung haben, sind viele dennoch von Lernprozessen in ihren Bildungseinrichtungen weitestgehend ausgeschlossen oder erhalten keine qualitativ gute Lehre” (S. 9).

“Lernerfolge [müssen] breiter verstanden werden: als Wertebildung und als Erwerb von Einstellungen, Wissen und Fähigkeiten, die für die Herausforderungen unserer heutigen Gesellschaft benötigt werden” (ebd.)

1.2 Inklusion im Bildungswesen 

1.2.1 Was ist inklusive Bildung

“Inklusion im Bildungsbereich bedeutet, dass allen Menschen die gleichen Möglichkeiten offen stehen, an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre Potenziale zu entwickeln, unabhängig von besonderen Lernbedürfnissen, Geschlecht, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen”(ebd.)

“Inklusive Bildung geht auf die verschiedenen Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein” (ebd.)

“Dazu bedarf es Veränderungen in den Inhalten, Ansätzen, Strukturen und Strategien im Bildungswesen. Diese Veränderungen müssen von einer gemeinsamen Vision getragen werden, die alle Menschen einbezieht, und die von der Überzeugung getragen wird, dass es in der Verantwortung des regulären Systems liegt, alle Lernende angemessen zu unterrichten” (ebd.).

1.2.2 Meilensteine au dem Weg zur inklusiven Bildung

– die Erklärung von Jomtien – 1990 mit dem Titel “Bildung für alle” und dem Ziel Bildung für alle zugänglich zu machen

– Salamanca-Erklärung – 1990 – Weltkonferenz “Pädagogik für besondere Bedürfnisse: Zugang und Qualität” mit dem Ziel von inklusiver Bildung in der Schule

– Weltbildungsforum Dakar – 2000 Aktionsplan und Weg für inklusive Bildung als eine der wichtigsten Strategien, um den Herausforderungen von Marginalisierung und Exklusion zu begegnen” (S.10)

– darüber hinaus gibt es noch verschiedene internationale Erklärungen und Übereinkommen, die inklusive Bildung beinhalten – so z.B. die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

(Vgl. S. 9f.)

1.2.3 Warum lohnt sich inklusive Bildung?

– pädagogische Begründung: “Da inklusive Bildungsinstitutionen alle Kinder gemeinsam unterrichten, müssen sie mittel und Wege finden, bei der lehre auf individuelle Unterschiede einzugehen. Davon profitieren alle (S. 11).

– soziale Begründung: “Inklusive Schulen können durch den gemeinsamen Unterricht Einstellungen zu Vielfalt positiv verändern. Sie bilden damit die Basis für eine gerechte und tolerante Gesellschaft” (ebd.).

– ökonomische Begründung: “International wird davon ausgegangen, dass es auf lange Sicht wirtschaftlicher ist, Schulen einzuführen und zu erhalten, die alle Kinder gemeinsam unterrichten, als ein komplexes System unterschiedlicher Schultypen beizubehalten, die jeweils auf verschiedene Gruppen spezialisiert sind” (ebd.)

1.2.4 Inklusion und Bildungsqualität

In diesem Abschnitt wird die Verzahnung von Inklusion und Bildungsqualität verdeutlicht und welche Ebenen Bildungsqualität umfasst.

1.2.5 Inklusion und Kosten-Effektivität

In diesem Abschnitt werden einige Aspekte aufgeführt, die zeigen sollen, inwieweit inklusive Bildung Kosten einsparen kann.

1.3 Inklusive Bildung in Deutschland

“Im Vergleich mit vielen seiner europäischen Nachbarn hat Deutschland Nachholbedarf. Es sind systematische Anstrengungen notwendig, um Exklusion im deutschen Bildungswesen zu überwinden und Inklusion als Leitbild für Bildungspolitik und –praxis zu etablieren” (S. 15)

1.3.1 Gesetzliche Entwicklungen

Es wird in diesem Abschnitt festgehalten, dass die Bundesländer unterschiedlich weit in der Umsetzung von inklusiver Bildung sind. Einige Bundesländer haben ihre Gesetze angepasst und verändert, andere haben dies angekündigt und einige sehen keinen Handlungsbedarf. Es wird auch deutlich gemacht, dass im Bereich Hochschulbildung und Berufsbildung noch viel zu tun ist. (Vgl. S. 15f.)

1.3.2 Strukturelle Entwicklungen

In diesem Abschnitt werden Zahlen und Fakten zu dem aktuellen Stand von inklusiver Bildung genannt.

1.3.3 Qualität inklusiver Bildung

In diesem Abschnitt werden Statistiken genannt, die belegen, dass inklusive Bildung die Lernleistung  von Schüler_innen erhöht.

1.3.4 Kosten inklusiver Bildung

In diesem Abschnitt werden Zahlen zu den Kosten von inklusiver Bildung in Deutschland genannt.

Teil 2 – Politische Entwicklungen voranbringen

“Inklusive Bildung erfordert flexible Bildungsangebote und dementsprechende strukturelle und inhaltliche Anpassungen in formalen Bildungseinrichtungen, wie der frühkindlichen Bildung dem Schulwesen, der Aus-, Fort- und Weiterbildung und dem Hochschulwesen, ebenso wie in der non-formalen und informellen Bildung” (S. 20)

“Einige wichtige Schritte sind:

– Situationsanalysen auf Bundes-, Landes-, und kommunaler Ebene durchführen, um zu bestimmen, welche Handlungsspielräume und Ressourcen vorliegen, und wie letztere zur Förderung von inklusiver Bildung eingesetzt werden sollen;

– Die Gesetzgebung in Einklang mit relevanten internationalen Übereinkommen, Empfehlungen und Erklärungen bringen, um inklusive Bildung zu unterstützen;

– Für das Recht auf inklusive Bildung sensibilisieren;

– Kompetenzausbau vor Ort unterstützen, um die Entwicklung auf dem Weg zur inklusiven Bildung voranzutreiben;

– Die Ausbildung von Fachkräften im Bildungssystem im Hinblick auf Inklusion überprüfen;

– Kurz- und mittelfristig ausreichend Fachkräfte durch qualifizierende Fortbildungen darin unterstützen, Vielfalt nicht als Problem, sondern als Chance für die Bildung und jeden Einzelnen zu begreifen;

– Konsens über die Konzepte inklusive Bildung und Bildungsqualität herstellen;

– Methoden entwickeln, um die Wirkung von inklusiver und qualitativ hochwertiger Bildung zu messen” (ebd.).

2.1 Entwicklung von inklusiven Bildungssystemen

“Betrachtet man Bildung aus der Perspektive der Inklusion […], so impliziert dies, das das Problem nicht beim Kind, sondern im Bildungssystem selber gesehen wird” (S. 21).

“Eine inklusive Bildungseinrichtung muss eine Vielzahl von Arbeitsmethoden und individuelle Förderung bieten, um sicherzustellen, dass kein Lernender von einer aktiven Beteiligung an der Lerngemeinschaft ausgeschlossen ist” (S. 22).

“Oft beinhalten die notwendigen Veränderungen auch die Entwicklung von alternativen und non-formalen Lernformen innerhalb eines holistischen Bildungssystems, um Inklusion auf allen Ebenen zu fördern” (ebd.).

2.2 Herausforderungen für politische Entscheidungsträger

In diesem Abschnitt werden Hauptanliegen und konkrete Handlungsfelder benannt, die für inklusive Bildung und ihre Umsetzung von Bedeutung sind.

Dazu gehören z.B. Einstellungsänderung und politische Entwicklung, Inklusion in der gesamten Bildungsbiographie sicherstellen, inklusive Curricula, Lehrkräfte und deren Ausbildung, Vernetzung in Bildungsregionen, Ressourcen und Gesetzgebung (vgl. S. 23f.).

2.2.1 Änderung von Einstellungen als Voraussetzung für effektive politische Weiterentwicklung

“Inklusion erfordert zunächst einmal eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Einstellungen und Werten” (S. 24).

“Die Bewusstseinsbildung sollte auf einem klaren, gemeinsamen Verständnis von inklusiver Bildung aufbauen und das Ziel einer toleranten und offenen Gesellschaft verfolgen” (ebd.).

Es folgt eine Checkliste für Maßnahmen zur Beeinflussung von Einstellungen.

2.2.2 Gestaltung eines inklusiven Curriculums

“Ein inklusives Curriculum spricht die kognitive, emotionale, soziale und kreative Entwicklung eines Kindes an. Es basiert auf den vier Säulen der Bildung des 21. Jahrhunderts – a) Lernen, Wissen zu erwerben, b) Lernen, zu handeln, c) Lernen, zusammenzuleben und d) Lernen für das Leben” (S. 25).

“Die zu erreichenden Kompetenzen und Bildungsstandards müssen so differenziert und offen formuliert sein, dass gemeinsames Lernen am gleichen Gegenstand auf unterschiedlichen Niveaustufen möglich ist, daraus individuelle Lern- und Entwicklungspläne abgeleitet und Kriterien für eine individuelle Leistungsrückmeldung und –bewertung abgeleitet werden können” (S. 26).

Es folgt eine Checkliste für inklusive Curricula.

2.2.3 Pädagogisches Fachpersonal und Lernumgebung

Der Aus-, Weiter- und Fortbildung des pädagogischen Fachpersonals aller Bildungsstufen kommt bei der Umsetzung inklusiver Bildung eine zentrale Rolle zu” (S. 28).

“Sie [Lehr- und Führungskräfte, Anm. d. Verf.] müssen Gelegenheit erhalten, ihre Praxis gemeinsam zu reflektieren und die Methoden und Strategien in ihren Lerngruppen und Institutionen zu beeinflussen” (ebd.).

Es folgt ein Profil für inklusive Lehrkräfte und eine Checkliste zu pädagogischem Fachpersonal und Lernumgebung.

2.2.4 Vernetzung in Bildungsregionen

“Bei der Umsetzung von inklusiver Bildung sind tragfähige Netzwerke essenziell. Ein abgestimmtes Handeln zwischen Bund, Ländern und Kommunen, zwischen öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft sowie auf kommunaler Ebene ist notwendig.” (S. 31)

“Gefordert sind bei der Umsetzung von Inklusion in der Kommune alle – die Familie, die Nachbarn, Kindergärten und Schulen, Universitäten, Unternehmen, die Gemeinde mit ihren Einrichtungen, zivilgesellschaftliche Vertreter, die sozialen Dienste” (ebd.).

Es folgt eine Checkliste zur Vernetzung in Bildungsregionen.

2.2.5 Unterstützung als Politikkreislauf

“Inklusive Bildungssysteme und Gesellschaften können nur Wirklichkeit werden, wenn sich politische Entscheidungsträger auf allen Ebenen der Notwendigkeit inklusiver Bildung bewusst sind und sich ihrer Umsetzung verpflichtet fühlen” (S. 33).

“Die Priorität von inklusiver Bildung in Politik, Planung und Umsetzung sollte sich in Haushaltsplänen von Bund, Ländern und Kommunen widerspiegeln” (ebd.).

Es folgen Indikatoren für Inklusion im Schulbereich der Europäischen Agentur für Sonderpädagogische Förderung und inklusive Bildung.

Des Weiteren folgt eine Tabelle mit Politischen Anliegen und Maßnahmenempfehlungen für inklusive Bildung.

In der Publikation gibt es einen umfangreichen Anhang (Annex) mit zusätzlichen Informationen.

Annex 1 – “Bildung für Alle” – Die Ziele

Annex 2 – Millenniums-Entwicklungsziele

Annex 3 – Internationale Übereinkommen, Empfehlungen und Erklärungen mit Bezug zu inklusiver Bildung

Annex 4 – Berichte, Aktionspläne, Empfehlungen und Erklärungen aus Deutschland mit Bezug zu inklusiver Bildung

Annex 5 – Bonner Erklärung zur inklusiven Bildung in Deutschland

Annex 6 – Inklusionsanteile im Ländervergleich in Deutschland

Die Publikation schließt mit einer Literaturübersicht

Fazit

Trotz der starken Fokussierung der Publikation auf das System Schule, sind viele angesprochenen Punkte auch für die Kinder- und Jugendhilfe relevant. In einzelnen Ausführungen taucht die Kinder- und Jugendhilfe auch in der Publikation auf, wird aber nicht detaillierter betrachtet. Die allgemeinen Ausführungen zur inklusiven Bildung sind eine gute Grundlage, die eigene Arbeit zu reflektieren und sie in Richtung inklusiver Bildung weiter zu entwickeln. Für Arbeitsbereiche der Kinder- und Jugendhilfe, die im System Schule arbeiten (bspw. Ganztagsbereiche, Schulsozialarbeit) sind klare Aufträge aus den Punkten ableitbar. Für bspw. die Offene Kinder- und Jugendarbeit, Kindertagesbetreuung oder Hilfen zur Erziehung, die ebenso zum Bildungsbereich gehören, müssen sie etwas “übersetzt” und angepasst werden.

Die Publikation bietet meines Erachtens nach eine gute argumentative Grundlage für die Weiterentwicklung der pädagogischen Praxis in Richtung inklusive Bildung und gibt allerhand Material zur intensiveren Auseinandersetzung, sowohl fachlich/theoretisch, als auch praktisch/pädagogisch mit.

Sehr positiv aus meiner Sicht ist auch das erweiterte Inklusionsverständnis, welches das Thema Inklusion nicht nur auf Menschen mit Behinderungen reduziert und Inklusion als Menschenrecht versteht.

Leichte Sprache–ein Weg für weniger Ausschluss

Über Sprache und verschiedene sprachliche Codes grenzen sich Gruppen voneinander ab und Fachbereiche machen über Sprache ihre Fachlichkeit, Qualifikation und Zugehörigkeit sichtbar. Sprache stiftet also Identität.

Sprache ist auch ein Kommunikationsmittel, welches z.B. Informationen transportiert. In einigen Fällen sollen nicht alle Informationen von allen verstanden werden, deshalb verschlüsselt man die Sprache in irgend einer Form. In vielen Fälle aber möchte man mit Sprache viele oder alle Menschen erreichen – bspw. bei Flyern, die auf Angebote oder Veranstaltungen hinweisen, bei Elternbriefen, bei Plakaten, bei Hausregeln, bei Informationsveranstaltungen, bei Angeboten mit unterschiedlichen Zielgruppen etc. Und in vielen Fällen grenzen wir an dieser Stelle unbewusst Menschen aus. Weil sie die verwendete Sprache nicht verstehen, weil sie unverständlich (z.B. zu kompliziert ist oder zu viele Fachbegriffe enthält) oder aber auch, weil sie Texte aus unterschiedlichen Gründen nicht lesen und verstehen können.

Mit Hilfe von Leichter Sprache soll der Ausschluss reduziert werden und mehr Menschen ermöglicht werden daran teilzuhaben und Inhalte zu verstehen.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat zusammen mit dem “Netzwerk Leichte Sprache” im April 2014 eine Broschüre mit dem Titel “Leichte Sprache. Ein Ratgeber” veröffentlicht, in der die Regeln für Leichte Sprache erläutert werden.

Die Broschüre wirkt auf den ersten Blick sehr umfangreich, da sie 128 Seiten umfasst, allerdings wurde sehr großzügig mit dem Platz umgegangen, so dass es nicht 128 Seiten gebündelte Informationen und Text sind.

Hier einige Regeln der Leichten Sprache aus der Broschüre:

Wörter

– Benutzen Sie einfache Wörter.

– Benutzen Sie Wörter, die etwas genau beschreiben.

– Benutzen Sie bekannte Wörter. Verzichten Sie auf Fach-Wörter und Fremd-Wörter.

– Benutzen Sie immer die gleichen Wörter für die gleichen Dinge.

– Benutzen Sie kurze Wörter.

– Verzichten Sie auf Abkürzungen.

– Benutzen Sie Verben.

– Benutzen Sie aktive Wörter.

– Vermeiden Sie den Genitiv.

– Vermeiden Sie den Konjunktiv.

– Benutzen Sie positive Sprache.

– Vermeiden Sie Rede-Wendungen und bildliche Sprache.

Zahlen und Zeichen

– Schreiben Sie Zahlen so, wie die meisten Menschen sie kennen.

– Vermeiden Sie alte Jahres-Zahlen.

– Vermeiden Sie hohe Zahlen und Prozent-Zahlen.

Sätze

– Schreiben Sie kurze Sätze. Machen Sie in jedem Satz nur eine Aussage.

– Benutzen Sie einen einfachen Satz-Bau.

Texte

Sprechen Sie die Leser und Leserinnen persönlich an.

– Benutzen Sie die Anrede Sie.

– Vermeiden Sie Fragen im Text.

– Schreiben Sie alles zusammen, was zusammen gehört

Gestaltung und Bilder

Benutzen Sie eine einfache Schrift

– Benutzen Sie eine große Schrift.

– Lassen Sie genug Abstand zwischen den Zeilen.

– Schreiben Sie immer links-bündig.

– Schreiben Sie jeden neuen Satz in eine neue Zeile.

– Trennen Sie keine Wörter am Ende einer Zeile.

– Schreiben Sie alle Wörter in eine Zeile, die vom Sinn her zusammen gehören.

– Lassen Sie den Satz zusammen.

– Machen Sie viele Absätze und Überschriften.

– Schreiben Sie eine Adresse so wie auf einem Brief.

– Heben Sie wichtige Dinge hervor.

– Benutzen Sie dunkle Schrift. Und helles Papier.

– Benutzen Sie dickes Papier.

– Benutzen Sie mattes Papier.

– Benutzen Sie Bilder.

– Benutzen Sie scharfe und klare Bilder.

– Benutzen Sie Bilder nicht als Hintergrund.

Darüber hinaus gibt es noch Hinweise zur Schreibweise von Zahlen, Uhrzeiten, Datumsangaben, Telefonnummern, Sonderzeichen, es gibt Hinweise zum Formulieren und zum Aufbau von Texten und viele Bildbeispiele.

Jede Regel ist mit Beispielen versehen, so dass aus meiner Sicht verständlich wird, worauf zu achten ist.

Im 2. Teil der Broschüre gibt es Regeln für Treffen und Tagungen und was z.B. für die Vorbereitung, bei der Durchführung und bei der Nachbereitung zu beachten ist. Ebenso gibt es noch einige Hinweise zum Sprechen in Leichter Sprache.

Abschließend werden Regeln für Leichtes Internet benannt.

Fazit

Die Broschüre bietet einen guten Überblick über Leichte Sprache und ermöglicht einen schnelle Einstieg und das sofortige Ausprobieren. Es ist ein weites Feld und viele Dinge sind zu beachten. Das ist auf den ersten Blick etwas abschreckend. Allerding kann man sich dem Thema langsam nähern und einzelne Regeln Stück für Stück in Texte/Publikationen/Aushänge einfließen lassen.

Auf einer Fortbildung, die ich im vergangenen Jahr zu dem Thema “Leichte Sprache” besucht habe, mussten wir einen vorgegebenen Text in Leichte Sprache übersetzen. Das war für mich wirklich schwierig und eine ganze Menge Arbeit. Aber für das Ziel, so viele Menschen wie möglich mit unserem Anliegen zu erreichen, lohnt sich die Mühe.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Leichter Sprache gemacht? Welche Tipps können Sie geben?