Bericht: Inklusion aus einer doppelten Perspektive: Kindertageseinrichtungen 

Am 25.6.2015 fand ein weiterer Vortrag in der Vortragsreihe Inklusion der Universität Bamberg statt. Katherina Arca von FISCo e.V. Referierte zum Thema: „Inklusion aus einer doppelten Perspektive: Kindertageseinrichtungen“.

Es folgen wieder fragmentarisch einige aus meiner Sicht wichtige inhaltliche Aspekte des Vortrags. Die Reihenfolge entspricht nicht zwangsläufig der Reihenfolge im Vortrag.

Katherina Arca arbeitet bei dem Förderverin Integrative Schule Coburg FISCo e.V. (www.fisco-coburg.de). Der Verein führt u.a. Beratungen zu dem Thema Inklusion im Schulalter durch.

Katherina Arca nennt das Bayrische Kinder-Bildungs- und Erziehungsgesetz (BayKiBiG) als eine rechtliche Grundlage für Inklusion in Kindertageseinrichtungen. In dem Gesetz ist sowohl der Integrationsauftrag, als auch die Pflicht alle Kinder und Jugendlichen zu berücksichtigen, formuliert.

Eine weitere rechtliche Grundlage ist für Katherina Arca die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Diese kürzt sie mit UN-KRMB ab, im Gegensatz zu der gängigen Variante UN-BRK (UN-Behindertenrechtskonvention). Insbesondere verweist sie auf den Artikel 24 mit dem „Recht auf inklusive Bildung“.  Dort ist formuliert, dass die Aspekte Zugänglichkeit, Barrierefreiheit, Teilhabe und Selbstbestimmung gewährleistet sein müssen.

Einhergehend mit der UN-Konvention wird häufig von einem Paradigmenwechsel, von einem Blickwechsel gesprochen. Der Fokus verschiebt sich weg vom Kind als Problem hin zu dem Bildungssystem als Problem. 

Katherina Arca verweist darauf, dass die UNESCO viele Papiere zu dem Thema Inklusive Bildunb veröffentlicht hat. Die UNESCO hat dort auch den Unterschied zwischen Integration und Inklusion herausgearbeitet.

Was Inklusion genau für die Kindertageseinrichtungen bedeutet, wird in Anlehnung an den Index für Inklusion in „inklusive Kulturen“, „inklusive Strukturen“ und „inklusive Praxis“ unterteilt.

Zu den inklusiven Kulturen gehören z.B. gemeinsame Werte wie Menschen- und Weltbild, Ressourcenorientierunh, willkommen sein, Partizipation, Vorurteilsbewusstheit, berufliches Selbstverständnis, Chancengleichheit und Wertschätzung.

Die Ressourcenorientierung ist wichtig in den Bereichen Diagnostik, Diagnose und Förderung. Es geht darum, nicht immer mit dem defizitären Blick auf ein Kind zu gucken, sondern die Stärken des Kindes in den Vordergrund zu stellen. Das bedeutet allerdings nicht, dass an Problemem und Defiziten nicht gearbeitet wird. 

Die Räume spielen in Kindertageseinrichtungen eine entscheidene Rolle. Es müssen Funktionsräume sein, sie müssen barrierefrei (Vorhandensein von Hilfsmitteln, räumlich, sprachlich und materiell barrierefrei) sein und es muss eine vorbereitete Umgebung für die Kinder da sein (zum Lernen, zur Auseinandersetzung etc.)

Ebenso ist eine Tages- und Wochenstruktur wichtig. Es müssen also eine klare Struktur, ein klarer Rhythmus und Rituale vorhanden sein.

Zu einer inklusiven Struktur gehören eine systemorientierte Finanzierung, ein die Vielfalt der Kinder berücksichtigender Anstellungsschlüssel, multiprofessionelle „Bildungs-Teams“, partizipativ-demokratische Entscheidungsstrukturen, Vernetzung und Kooperation mit externen Experten, Unterstützerkreise (Ehrenamtliche, Verein etc.).

Für die inklusve Praxis sind gesteuerte,  geplante und evaluierte Integrationsprozesse wichtig. Des Weiteren müssen Unterschiede benannt werden, aber zugleich auch auf Gemeinsamkeiten aufmerksam gemacht werden. Das „anders sein“ und daraus entstehende Fragen können und sollen als Lernanlass für die Kinder genommen werden. Es ist wichtig eigene Vorurteile zu reflektieren und sich dieser bewusst zu sein. Katherina Arca weist darauf hin, dass Integrationsprozesse nicht als Projekte anzulegen sind, somderm als langfristitige Prozesse. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Lernen am gemeinsamen Gegenstand. Dazu gehört auch, dass die Lernpersönlichkeiten der Kinder und ihre Zugänge im Mittelpunkt stehen und das es eine Vielfalt an Methoden für das Lernen gibt. Ansätze inklusiver Pädagogik finden sich bei Fröbel, Montessori, in der Reggio-Pädagogik, im Situationsansatz und in der Diversity Education nach John Dewey.

Katherina Arca versteht Inklusion als Vielfalts-Management.

Es wurden zwei Internettipps gegeben:

www.inklusion-online.net

www.bidok.uibk.ac.at

Fazit

Ich fand den Vortrag sehr spannend uns anregend. Er hat viele Impulse für die inklusive Arbeit in Kindertageseinrichtungen gegeben. Einzelne theoretische Aspekte wurden praktisch mit einer Geschichte aus der Praxis unterlegt. Viele der genannten Punkte sind auch auf andere Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe transferierbar.

Radiobeitrag zum Thema Antisemitismus

Das Thema Antisemitismus ist nach wie vor aktuell. Und auch für den Themenkomplex Inklusion spielt es eine große Rolle. Die Auseinandersetzung mit dieser in allen gesellschaftlichen Kreisen verbreiteten Diskriminierungsform ist zwingend notwendig in der Arbeit hin zu einer diskriminierungsfreien Gesellschaft, also einer inklusiven Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus bedeutet auch die Auseinandersetzung mit der Verortung der eigenen Person in diesem Gedankensystem und die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung und Sprache.

Hier der Link zum Beitrag des SWR2.

Tagung: BILDUNG MACHT SCHULE: OFFEN, INKLUSIV, GERECHT!

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Am Freitag, den 19.06.2015 veranstaltete die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen in Berlin eine Tagung mit dem Titel “BILDUNG MACHT SCHULE: OFFEN, INKLUSIV, GERECHT. Die Tagung fand in der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule statt. Die auch als “Leuchtturm”-Schule in Bezug auf Bildungsgerechtigkeit und Inklusion gilt.

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte der Tagung, die mir wichtig sind. Die Angaben beanspruchen wieder keine Vollständigkeit.

Gestartet wurde mit einer Begrüßung durch Annedore Dierker (Schulleiterin der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule) und Dr. Anton Hofreiter (Mitglied des Bundestages, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen). Annedore Dierker berichtete über ihre Schule – sie hat ca. 1000 Schüler_innen, unterrichtet werden die Klassen 1-13, es gibt 120 Kolleg_innen, die Schule wird zukünftig Schwerpunktschule “geistige Entwicklung”, in einigen Fächern bieten sie individualisiertes Lernen an und die Schule ist auf dem Weg zur Schule für alle. Dr. Anton Hofreiter berichtete, dass die Schere zwischen arm und reich in Deutschland immer größer wird, dass noch immer die (soziale) Herkunft über die Bildungschancen entscheidet und er forderte daraufhin, dass es eine Chancengerechtigkeit unabhängig von sozialer Herkunft geben muss, dass bestehend Maßnahmen in Bezug auf Inklusion  hin überprüft werden sollen und geguckt werden muss, was zielgerichtete Maßnahmen sind und was Maßnahmen sind, die helfen. Des Weiteren sagte Dr. Anton Hofreiter “eine freie Gesellschaft muss ein bisschen Ungleichheit aushalten”. Es geht nicht darum, dass alle Menschen gleich gemacht werden und das gleiche wollen müssen.

Nach der Begrüßung gab es einen kurzen Comedy-Beitrag von Idil Baydar, die als Jilet Ayse auftrat. Danach gab es eine Disskussionsrunde mit der Fragestellung “Wie viel Bildungsgerechtigkeit will unsere Gesellschaft überhaupt? Die Teilnehmer_innen dieser Diskussionsrunde waren Sylvia Löhrmann – Ministerin für Schule und Weiterbildung in NRW, Marco Maurer – Journalist und Autor, Prof. Dr. Marianne Hirschberg – Hochschule Bremen und Idil Baydar – Comedian.

Idil Baydar stellte fest, dass es einen starken defizitären Blick auf Schüler_innen mit Migrationshintergrund gibt. Für Prof. Dr. Marianne Hirschberg ist die Konsequenz für die Bildungspolitik aus der Inklusion ganz klar die Umsetzung und nicht die Frage “wie viel?”. Des Weiteren konstatiert sie, dass die aktuellen Machtverhältnisse der Inklusion entgegen stehen. Es gibt viele Studien, die belegen, dass Inklusion funktioniert und dass die Angst davor, dass leistungsstarke Schüler_innen, wenn die mit leistungsschwachen Schüler_innen lernen, darunter leiden, nicht gerechtfertigt ist. Es ist wissenschaftlich widerlegt und dennoch ist die Angst vorhanden und wirkmächtig. Für Prof. Dr. Marianne Hirschberg geht es bei Inklusion um einen Systemwechsel. Sylvia Löhrmann hält fest, dass langes gemeinsames Lernen wichtig ist für die Erfolge und Förderung von Kindern und Jugendlichen und dass sich die Schulen öffnen und mit außerschulischen Bildungsangeboten zusammen arbeiten müssen. Ebenso stellte sie fest, dass die regelmäßige und anhaltende Diskussion über die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland exkludierend ist und natürlich Auswirkungen auf (nicht nur) junge Menschen und ihr Selbstbild hat.

Nach der Diskussionsrunde fanden parallel 3 Workshops statt. Ich habe an Workshop 1 – “Alle Mittendrin – Bildungsgerechtigkeit konkret” teilgenommen. Die Hauptakteure des Workshops waren Annedore Dierker (s.o.), Prof. Dr. Kersten Reich – Universität Köln und Sascha Wenzel – Freudenberg Stiftung.

Annedore Dierker verwies darauf, dass es in ihrer Schule individuelle Beratung und Begleitung der Schüler_innen gibt und das ein wesentlicher Baustein zur Bildungsgerechtigkeit ist. Und sie betonte, dass die gymnasiale Stufe für eine Gemeinschaftsschule eine maßgebliche Rolle spielt, denn dadurch haben die Schüler_innen eine konkrete Perspektive und können nicht aufgrund ihrer sozialen Herkunft aussortiert werden. Prof. Dr. Kersten Reich nannte dass peer-to-peer-lernen, Lernlandschaften und ein Selbstlernzentrum, eine “Entschlackung und Aktualisierung des Lernstoffs als wichtige Schritte für mehr Bildungsgerechtigkeit. Er verwies darauf, dass aus der Forschung bekannt ist, dass heterogene Lerngruppen erfolgreicher sind als vermeintlich homogene Lerngruppen und das Inklusion in vielen Fällen an der Haltung der Menschen scheitert. Sascha Wenzel berichtete über seine Erfahrungen in der Entwicklung des Campus Rütli und über die Prozesse in der Schule. Als positiv benannte er, dass es keine Elternabende mehr gibt, sondern in regelmäßigen Abständen individuelle Entwicklungsgespräche gibt. Er setzt sich auch sehr dafür ein, dass die Fragmentierung der Bildung abgebaut wird. Das heißt, dass sich Kitas und Schulen in einem Kiez konzeptionell versuchen sollten anzugleichen und für die Kinder und Jugendlichen “rote Fäden spinnen” sollten. Es gab eine interessante Diskussion darüber, welche Funktion, Rolle und Bedeutung sogenannte Leuchtturmprojekte haben – dies wurde von Sascha Wenzel und Prof. Dr. Kersten Reich kontrovers diskutiert. Unter anderem spielten Punkte wie die Übertragbarkeit, der Transfer an andere Schule eine Rolle und auch die Anerkennung, dass Prozesse in jeder Schule anders ablaufen. Aus der Gruppe der Teilnehmer_innen gab es eine Frage zu der Verknüpfung von Digitalisierung und Inklusion, also inwieweit das Thema Digitalisierung in der Diskussion über Inklusion berücksichtig wird.

Nach einer Kaffeepause fand eine zweite Diskussionsrunde statt. Die Frage war: “Wie können Bildungsinstitutionen gerechter werden und was brauchen sie dafür von der Bundespolitik?”. Die Teilnehmer_innen dieser Diskussionsrunde waren Prof. Dr. Kersten Reich (s.o.), Lisa Reimann – inklusionsfakten.de, Prof. em. Dr. Klaus Klemm – Universität Duisburg-Essen und Özcan Mutlu – Mitglied des Bundestages, Bündnis 90/Die Grünen. Özcan Mutlu verwies darauf, dass die Lehrerinnen-Ausbildung reformiert werden muss, dass sich die Haltung der Menschen/der Lehrer_innen verändern muss, denn Inklusion kann nicht verordnet werden. Des Weiteren warb er dafür, sich für eine Abschaffung des Kooperationsverbotes einzusetzen. Lisa Reimann betonte, dass es darum geht, den Blick auf Diskriminierungen zu richten, sich mit Vorurteilen und Diskriminierung auseinandergesetzt werden muss, dass es diesbezüglich Fortbildungen und Reflexionen geben muss, dass die Schulbücher diesbezüglich überarbeitet werden müssen und dass eine inklusive Haltung entwickelt werden muss. Prof. Dr. Kersten Reich nannte einige Aspekte, wie Bildungsinstitutionen gerechter werden können: kostenfreie und verpflichtende Kita, Ganztag, Schule für alle, TeamTeaching, gezielte Auswahl von Lehrkräften und und auch stärkere Auswahl bei Zulassung zum Lehramtsstudium, Veränderung der Lehrer_innen-Ausbildung, Schulen müssen Verantwortung für sich zurück bekommen (z.B. Budget).

Nach der zweiten Diskussionsrunde fasste Özcan Mutlu die Tagung nochmal kurz zusammen und beendete sie.

Fazit

Das System Schule stand im Fokus dieser Fachtagung. Inklusion war nicht das alleinige Thema. Im Kern ging es um Bildungsgerechtigkeit. Das überschneidet sich aber maßgeblich mit dem Thema Inklusion. Für die Kinder- und Jugendhilfe sind zum einen Überlegungen zu der stärkeren Zusammenarbeit (auch konzeptionell) von Kita und Schule interessant, aber auch die Öffnung von Schule für außerschulische Bildungsangebote. Inklusive Schulen kann es im Prinzip nur geben, wenn der Kiez inklusiv ist, es also auch außerhalb der Schule inklusive Einrichtungen und Angebote gibt. Die Bedeutung der außerschulischen Bildungsarbeit für Schule und Bildung insgesamt wird zukünftig sicherlich zunehmen. Insofern ist es gut, zu wissen, in welche Richtung das System Schule sich entwickelt, was dort gerade diskutiert wird und eine Position der Kinder- und Jugendhilfe in diesem Prozess zu erarbeiten.

Bericht: Inklusion – Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte

Die Universität Bamberg veranstaltet eine Vortragsreihe zum Thema Inklusion.  Am 18.06.2015 hielt Prof. Dr. Gerd Grampp einen Vortrag mit dem Titel „Inklusion – Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte“.

Ich habe mir den Vortrag angehört und gebe im Folgenden einige Aspekte des Vortrags wider, die mir besonders wichtig erscheinen. Ich werde die einzelnen Punkte an dieser Stelle nicht diskutieren oder erörtern, ich nenne sie nur. Ich fand den Vortrag sehr anregend und es gibt einige Punkte, über die ich nochmal in Ruhe nachdenken muss. Die von mir genannte Reihenfolge entspricht nicht zwangläufig der Reihenfolge im Vortrag.

Der Vortrag gliederte sich in 2 Abschnitte – Auseinandersetzung mit Begriffen und Inklusion in der Berufsausbildung.

1. Auseinandersetzung mit Begriffen

Die Auseinandersetzung mit Begriffen ist für Prof. Dr. Grampp sehr wichtig und spielt eine entscheidene Rolle in der Beschäftigung mit dem Thema Inklusion. Und nicht nur bei dem Thema. Viele Definitionen zu Inklusion sind sehr schwammig, unklar und widersprüchlich und es geht aus ihnen nicht wirklich hervor, was Inklusion denn nun überhaupt ist. „Wenn wir über Inklusion reden, muss klar sein, was Inklusion ist.“ Ist Inklusion Teilhabe? Was heißt Teilhabe an der Gesellschaft? Was ist Teilhabe und ist sie etwas anderes als Mitwirkung, Mitbestimmung, Teil-sein? Ist Inklusion Beteiligung? Ist Inklusion dabei sein? Ist Inklusion Veränderung der Umwelt? Die Grundlage dieser Fragen und Aspekte bildeten gängige Definitionen von Inklusion. Für Prof. Dr. Grampp ist Inklusion die veränderte Gesellschaft/ veränderte Verhältnisse. Daraus leitet er eine Vision (veränderte Verhältnisse), eine Mission (Verhältnisse ändern) und eine Aktion (Maßnahmen zur Veränderung) ab. Unklar ist für mich an dieser Stelle allerdings geblieben, wie konkret die veränderte Gesellschaft aussieht.

Weiterhin ist es üblich Inklusion als Menschenrecht zu erklären. Prof. Dr. Grampp vertritt die Auffassung, das Inklusion kein Menschenrecht ist. Es gibt kein Recht auf Inklusion. Inklusion ist vielmehr ein Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte.

Eine weitere Frage ist das Verhältnis von Inklusion zu Integration. Ist Integration out und wurde durch Inklusion abgelöst? Prof. Dr. Grampp plädiert für eine Kooperation von Integration und Inklusion und sieht keinesfalls eine Ablösung von integrativen Ansätzen.

Oft werden Bilder zur Veranschaulichung genommen, um zu erklären, was Inklusion ist. Dabei ist es allerdings wichtig, genau hinzugucken und die Bilder kritisch zu hinterfragen. Was wird dort wie gezeigt? Bilder ersetzen keine Definition. Die Notwendigkeit einer Definition und einer klaren Begriffsbestimmung bleibt bestehen.

Unklare und schwammige Begriffe sorgen für Beliebigkeit. In der offiziellen deutschen Übersetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen gibt es immer wieder falsche und wechselnde Übersetzungen der englischen Wörter „participation“ und „inclusion“.

In Artikel 24 der Konvention heißt es „an inclusive education system“. Es geht also um ein inklusives Bildungssystem und nicht um eine inklusive Schule, wie es häufig formuliert wird.

In Artikel 2 der Konvention geht es um das universelle Design. In der folgenden Erläuterung des Artikels sieht Prof. Dr. Grampp aber nicht nur das universelle Design als Option, sondern auch das spezifische Design und das individuelle Design.

Einen weiteren Widerspruch machte Prof. Dr. Grampp zwischen UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem Sozialrecht aus. In der Konvention ist formuliert, dass Maßnahmen zur Anpassung der Verhältnisse einzuleiten sind. Im Extremfall könnte dies bedeutet, dass es keine Anpassung des Verhaltens einer Person und auch kein Lernen einer Person gibt. Das Sozialrecht formuliert hingegen, dass Leistungen für Maßnahmen zur Anpassung des Verhaltens zu erbringen sind.

2. Inklusion in der Berufsausbildung

Das aktuelle deutsche Gesetz schreibt den Werkstätten für Menschen mit Behinderungen eine Sonderrolle zu. des Weiteren werden viele Menschen aus der Berufsausbildung ausgeschlossen. Beides widerspricht der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Anschließend stellte Prof. Dr. Grampp verschiedene Widersprüche und Ansätze und Erfordernisse dar. Er fragte, ob es um ein Recht auf Zugang zur Berufsausbildung geht oder um ein Recht auf Berufsausbildung? Darin besteht ein großer Unterschied. Viele inhaltliche Aspekte entnahm er einer Veröffentlichung der Bertelsmann-Stiftung zu dem Thema, welche von Euler und Severing verfasst wurde.

Auch wenn ich aufgrund des Titels andere Inhalte im Vortrag erwartet habe, fand ich den Vortrag sehr anregend und gut. Es sind viele spannende Aspekte benannte worden, über die auf jeden Fall nachgedacht und diskutiert werden muss.

  

 

“Gut gemeint, schlecht gemacht”–zu kurz und falsch gedacht

In der Frankfurter Neue Presse gab es einen Kommentar zum Thema Inklusion. Hier geht es zu dem Artikel.

Der Artikel trägt den Titel “Gut gemeint, schlecht gemacht” und ist von Dieter Sattler. Er erschien am 14.06. in der Frankfurter Neue Presse und gibt in aller Kürze die Ansicht des Autoren zum Thema Inklusion in der Schule wider. Seine Argumente sind:

– Inklusion ist wie “Handauflegen und gutes Zureden”

– die Vermeidung Menschen mit Behinderungen auch als solche zu bezeichnen wird ihnen und ihrer Familie nicht gerecht

– es ist verständlich, dass lernbehinderte Kinder akzeptiert werden sollen, aber nicht in der Regelschule

– Kinder mit Lernbehinderung halten die anderen Kinder im Lernen auf

– es gefällt lernbehinderten Kindern nicht, wenn sie ständig spüren, dass sie benachteiligt sind (das spüren sie in Regelschulen)

– lernbehinderte Kinder sollen sich und ihre Fähigkeiten in einer anderen Umgebung entwickeln

Die Argumente werden im Text keinesfalls belegt, näher erläutert, sondern einfach so hingestellt. Es gibt kein Hinterfragen von Denkmustern, Annahmen etc. Und in diesem kurzen Text, so scheint es, ist in aller Kürze das gesamte Thema “Inklusion” abgehakt worden.

Als erstes stellt sich mir die Frage, wie Dieter Sattler darauf kommt, dass Inklusion ist wir Handauflegen und gutes Zureden? Es geht ja bei Inklusion nicht um Gleichmacherei, um das Wegreden von Unterschieden, um das Spielen von heiler Welt. Es geht doch vielmehr darum zu erkennen, dass jeder Mensch verschieden ist, jeder Mensch anders ist und jeder Mensch unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten hat. Und es geht darum, damit umzugehen und so darauf zu reagieren, dass Menschen nicht aufgrund irgend eines Merkmals, irgend einer Eigenschaft aus Bereichen gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen werden. Es geht darum sich für die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen und somit gegen Diskriminierung einzusetzen. Das ist ein langer und schwieriger Prozess und ist somit meiner Auffassung nach das genaue Gegenteil von dem, was Dieter Sattler darunter versteht.

Die Diskussion darüber, ob und wie Menschen mit bestimmte Eigenschaften und Merkmalen benannt werden (sollen/müssen/dürfen) ist eine sehr ambivalente. Die Frage ist natürlich, aus welcher Motivation heraus sie benannt werden – geht es beispielsweise darum, auf Missstände und Diskriminierung hinzuweisen und gegen diese aktiv zu werden, oder geht es darum Menschen als “anders” zu markieren und sie deshalb zu benennen. Des Weiteren ist die Art der Bezeichnung zu hinterfragen. Ist es eine selbstgewählte oder eine zugeschriebene, ist es eine diskriminierende/abwertende Bezeichnung? Es geht also nicht darum nichts mehr sagen oder benennen zu dürfen und Unterschiede wegzuschweigen, sondern darüber nachzudenken, wann welche Unterschiede relevant sind und wie sie beschrieben werden können und mit welcher Zielsetzung.

Die Argumentation von Dieter Sattler in Bezug auf das Verlangsamen der “normalen” Schüler durch lernbehinderte Schüler setzt eine aus meiner Sicht unzulässige Homogenisierung von Klassen voraus und geht völlig an der Realität vorbei. Kinder sind in ihrem Lernverhalten, in ihren Lernausgangslagen, in ihren Lerngeschwindigkeiten, Lernbedingungen alle verschieden. So gibt es in jeder Klasse Kinder/Jugendliche, die langsamer/schneller lernen als andere, denen manches leichter/schwerer fällt als anderen, die mehr/weniger Unterstützung brauchen bei bestimmten Themen/Fächern als andere. Anzunehmen, alle Kindern sind im Lernen gleich und lernbehinderte Kinder/Jugendliche stören dieses Lernen, ist also einfach falsch.

Die Frage der Akzeptanz von lernbehinderten Kindern ist eine Frage des Miteinanders. Werden sie als “andere” benannt und behandelt? Wie wird bei Diskriminierungen interveniert/Wird überhaupt interveniert? Steht ihre Lernbehinderung im Fokus der Betrachtung und wird als alleiniges Merkmal ihrer Person betrachtet? Oder ist ihr Lernverhalten nur ein Aspekt von vielen? Und kann man ihnen gerecht werden und ein positives Selbstbild vermitteln, wenn man ihnen ständig das Gefühl vermittelt, anders zu sein, nicht mithalten zu können, einen extra Ort/eine extra Schule zu brauchen, weg von den “normalen” Kindern?

Kinder/Jugendliche mit Lernschwierigkeiten sind in erster Linie Kinder/Jugendliche. Und jedes Kind/jeder Jugendliche hat einen Förderbedarf (muss gefördert und gefordert werden) und braucht Unterstützung beim Lernen. Die Intensität, die Art und Weise ist sicherlich verschieden. Aber sie ist losgelöst von Kategorien (wie z.B. Lernbehinderung). Wenn wir jedes Kind/jeden Jugendlichen individuell fördern – schauen, was es zum Lernen braucht, welche Schritte die nächsten sind, welche Unterstützung und Anregungen notwendig sind, dann schaffen wir es auch, Schulen für alle zu ermöglichen. Dafür sind sicherlich bestimmte Ressourcen notwendig, aber auch ein Umdenken und Andersdenken. Und damit sollten wir anfangen.

Ich finde es wichtig, sich mit Argumenten/Gegenargumenten zum Thema Inklusion auseinander zu setzen. Und die Argumente und Annahmen, die Dieter Sattler in Bezug auf die Schule und Kinder mit Lernbehinderungen formuliert, lassen sich auch auf andere Systeme übertragen. Ebenso wie meine dazu formulierten Gedanken. Das Thema ist kein nur schulisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches und rührt an vielen grundsätzlichen Fragen, Grundannahmen und Vorstellungen, die tief in der Gesellschaft und in unserem Denken verankert sind und somit auch Einfluss auf unser pädagogisches Handeln, egal in welchem Feld haben. Eine Auseinandersetzung lohnt sich.