Philosophieren mit Kindern als Teil einer inklusiven Didaktik

Foto-Philo mit Kindern

Im Beltz Verlag sind von Kristina Calvert “48 Bildkarten zum Philosophieren mit Kindern” erschienen.

In der Box befinden sich 48 Bildkarten und ein Booklet, was zum Einen eine kurze Einführung in das Philosophieren mit Kindern einführt, als auch Ideen gibt, wie mit den Bildkarten gearbeitet werden kann.

Die Karten sind, laut Angabe, für Kinder und Jugendliche im Alter von 5-18 Jahren geeignet.

“Das Kreative Philosophieren mit Kindern ist ein didaktisch strukturierter Denkraum, in dem Kinder zuerst einmal lernen, dass sie selber denken können und dass dies gemeinsam mit anderen Kindern Spaß macht” (S. 7).

Die Bildkarten können den Fragebereichen der Philosophie zugeordnet werden: Erkenntnislehre (Was kann ich wissen), Ethik (Was soll ich tun?), Metaphysik (Was darf ich hoffen?) und Philosophische Anthropologie (Was ist der Mensch?) (vgl. ebd.).

Anschließend wird im Booklet genauer auf die einzelnen Fragebereiche eingegangen und die dazugehörigen Bildkarten werden aufgeführt.

Danach gibt es eine Einführung zum Kreativen Philosophieren, auch in Abgrenzung zur Philosophie für Kinder.

Die Grundlage des Kreativen Philosophierens ist das Sortieren und Ordnen, welches in diesem Fall anhand und mithilfe der Bildkarten geschieht. Dazu werden in dem Booklet einige Anregungen und ein praktisches Beispiel aus einer Gruppe aufgeführt.

Darüber hinaus bieten die Karten die Möglichkeit sich auf vielseitige Weise den Themen zu nähern, darüber zu philosophieren und ins Gespräch zu kommen. Auch dazu gibt es in dem Booklet einige Anregungen und Ideen.

Der Vorteil des Philosophierens anhand der Karten auf Grundlage des Sortierens und Ordnens ist es, dass jedes Kind einbezogen wird, anknüpfen und etwas beitragen kann. “Durch das Ordnen wird das individuelle Vorwissen aktiviert und an die vorhandenen Konzepte der Kinder geknüpft” (S. 40).

Fazit

In der Box befinden sich 48 anregende und interessante Bildkarten, die mich sofort zum Nachdenken bringen. Ich kann mir einen Einsatz der Bildkarten auch außerhalb von schulischem Lernen oder Kita vorstellen, z.B. im Rahmen der schulbezogenen Arbeit und auch in anderen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe – z.B als Gesprächsanregungen in der Offenen Arbeit. Das Booklet gibt einen guten Einstieg in das Thema und einige Anregungen und Ideen zu der Arbeit mit den Bildkarten. Obwohl die konkrete Arbeit mit den Karten gut und genau beschrieben wird, kann ich mir die praktische Umsetzung noch nicht ganz vorstellen. Ich bin gespannt, wie die Karten bei den Kindern ankommen und wie sich die tatsächliche Arbeit damit gestaltet.

Wer hat schon praktische Erfahrungen in der Arbeit mit diesen Karten gesammelt? Welche Rückmeldungen und Empfehlungen können Sie geben? Was ist in der Arbeit mit den Karten zu beachten, zu bedenken und zu berücksichtigen?

Hier finden Sie weitere Informationen zu den Bildkarten.

Produktinformation:

Kristina Beltz: “48 Bildkarten zum Philosophieren mit Kindern”, Beltz, Weinheim und Basel, 2015

ISBN: 978-3-407-62933-3

Inklusive Bildung als Thema im Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege

Ein wichtiger Baustein von Inklusion, vor allem in der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch im System Schule ist die inklusive Bildung.

Was ist Inklusive Bildung und was ist darunter zu verstehen?

Auch die UNESCO hat sich schon mit dieser Frage beschäftigt. Hier geht es zu dem Text auf inklusionswege.de zu dem Thema.

Im Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege von 2014 gibt es ein Kapitel über das Thema “Inklusive Bildung”. Im Folgenden skizziere ich kurz, was das Berliner Bildungsprogramm unter inklusiver Bildung versteht.

Da jeder Mensch das Recht auf Entwicklung hat, muss Bildung so gestaltet werden, “dass alle Kinder bei unterschiedlichen Voraussetzungen gleiche Bildungschancen und ein Recht auf aktive Beteiligung an allen Entscheidungen haben, die sie betreffen” (S. 18). Inklusive Bildung vertritt den Grundsatz, “dass sich die Pädagoginnen und Pädagogen auf die Voraussetzungen der Kinder einstellen und nicht dass sich das einzelne Kind an die Bildungseinrichtung anzupassen hat” (ebd.). Um das zu gewährleisten, müssen Teams die eigenen Normen und Werte und auch Vorurteile reflektieren (vgl. ebd.). Inklusive Bildung hat nach dem Index für Inklusion folgende Prinzipien:

– “Inklusive Bildung bejaht die vorhandene Heterogenität und nutzt sie für Lern- und Bildungsprozesse.

– Die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Kinder und ihr Recht auf individuelle Förderung in sozialer Gemeinschaft stehen im Mittelpunkt.

– Barrieren, die Kinder beim Zugang zu Bildung behindern, werden ausfindig gemacht und beseitigt.” (ebd.)

Im Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege wird von einem umfassenden Verständnis von Inklusion ausgegangen, das bedeutet, das Konzept Inklusion und inklusive Bildung wird nicht ausschließlich auf Menschen mit Behinderungen fokussiert.

Um Inklusion und inklusive Bildung umzusetzen ist es wichtig, “jedes Kind genau zu beobachten, zu erkennen, wo es Hemmnisse für dessen Teilhabe gibt, und aktiv dafür Sorge zu tragen, dass diese überwunden werden (S. 18f.). Hilfreich ist es, Unterschiede zu thematisieren, Spielbeziehungen anregen, wertschätzender  und respektvoller Umgang mit den Kindern, Thematisierung von Vorurteilen (vgl. S. 19).

Anschließend wird auf vier Spannungsebenen von Gleichheit und Vielfalt hingewiesen:

Gleichheit und sozial-kulturelle Vielfalt

“Kinder gehören zu Familien mit unterschiedlicher sozialer Herkunft, mit unterschiedlichen Bildungs- bzw. sozioökonomischem Hintergrund und mit unterschiedlichen Lebensformen” (S. 19). Die Pädagog_innen müssen die “Lebenslagen von Kinder und ihrer Familien erkennen und die eigenen Einschätzungen bezüglich der Erwartungen an die Kinder immer wieder hinterfragen” (S. 20.). Denn die Kinder “brauchen in der Regel besondere Ermutigung und Bestärkung, damit eventuell eingeschränkte Erwartungen an ihre Lern- und Leistungsfähigkeiten nicht in ihr Selbstbild eingehen” (ebd.)

Gleichheit und geschlechtlich-kulturelle Vielfalt

“Die Geschlechtszugehörigkeit eines Kindes wird sowohl biologisch, psychologisch als auch sozial-kulturell unterschieden und hat einen Einfluss auf das Selbstbild von Kindern. […] Geschlechtsstereotype Botschaften behindern Bildungsprozesse insofern, als sie Jungen und Mädchen auf bestimmte Verhaltensweisen, Vorlieben und Eigenschaften festlegen und darauf reduzieren.” (Ebd.) Es geht also darum, “ihnen vielfältige Möglichkeiten des Mädchen- und Junge-Seins zu verdeutlichen” und “Raumgestaltung, die Auswahl des Spiel- und Arbeitsmaterials, Kinderliteratur/Bilderbücher und Medien bieten ein geeignetes Feld, diese auf einseitige und ausgrenzende Festschreibungen hin zu überprüfen” (ebd.).

Gleichheit und ethnisch-kulturelle Vielfalt

“Kinder wachsen in unterschiedlichen Familienkulturen auf, die sich nach Sprache/n, Religion, ethnischem Hintergrund, Migrationsgeschichte und weiteren Merkmalen unterscheiden. […] Die Wertschätzung ihrer Familie hilft ihnen, sich selbst als geschätzt und anerkannt zu erleben. Dabei ist das Eingehen auf ihre je spezifische Familienkultur entscheidend.” (S. 21)

Das Aufgreifen einzelner Elemente der Familienkulturen in der Einrichtung unterstützt die Kinder in ihrer Entwicklung (vgl. ebd.).

Gleichheit und individuelle Vielfalt

“Kein Kind entwickelt sich wie das andere. Kindliche Entwicklung unterscheidet sich in Tempo und Verlauf, im Zusammenspiel kognitiver, körperlicher und seelischer Kräfte. Entwicklungsbesonderheiten bieten grundsätzliche reiche Erfahrungsmöglichkeiten für alle Kinder.” (ebd.) Es geht darum, den Kontakt untereinander anzuregen und die eigenen Handlungen dahingehende zu reflektieren, ob sie dazu geeignet sind “alle Kinder gleichermaßen in das Gruppengeschehen einzubeziehen” (ebd.). Es geht dabei sowohl um den Schutz vor Ausgrenzung, als auch um die Stärkung der Kinder in Richtung akzeptiertes Gruppenmitglied (vgl. ebd.).

Im Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege wird explizit auf den Ansatz der “Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung” als Konzept zur Umsetzung von Inklusion hingewiesen. Einen guten Einstieg in das Thema bietet das Buch “Handbuch Inklusion” von Petra Wagner.

Petra Wagner (Hrsg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung, Verlag Herder

Auf den Seiten 89-99 gibt es konkrete Anregungen für die Praxis zu dem Bildungsbereich Soziales und kulturelles Leben. Dort werden verschiedene Aspekte, die im Kapitel zur Inklusiven Bildung angesprochen werden nochmal mit Fragen, Ansätzen, Beispielen konkreter ausgeführt.

Über die Bedeutung von Familie und den Anti-Bias-Ansatz für die Umsetzung von Inklusion hat Lisa Reimann auf inklusionsfakten.de einen Artikel geschrieben. Hier geht es zu dem Text, der viele der oben genannten Aspekte aufgreift und verdeutlicht.

Einige Gedanken rund um das Thema Inklusion

Am 18.06.2015 hat Prof. Dr. Grampp in Bamberg im Rahmen einer Vortragsreihe Inklusion einen Vortrag zum Thema “Inklusion – Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte” gehalten. Hier geht es zur Zusammenfassung des Vortrags auf inklusionswege.de. Ich habe den Vortrag in meinem Text nur zusammengefasst und nicht kommentiert oder diskutiert. Das möchte ich an dieser Stelle tun. Deshalb im Folgenden einige Gedanken zu einzelnen Punkten aus dem Vortrag von Prof. Dr. Grampp. Ich finde Anregungen zu dem Thema Inklusion immer wieder spannend. ich finde es wichtig, mir Argumente zum Thema anzuhören und mich mit diesen zu beschäftigen und auseinander zu setzen. Meine Gedanken und Überlegungen zum Thema sind keine Wahrheiten und nicht absolut. Sie sind relativ und sie spiegeln meinen Diskussionsstand und den Stand meiner Auseinandersetzung mit dem Thema wieder. Insofern bin ich dankbar für jede Anregung, jeden weiteren Gedanken, jede Überlegung, jede Diskussion.

1. Was ist Inklusion?Der Versuch einer Definition

Prof. Dr. Grampp beanstandete in seinem Vortrag die (sprachlichen) Ungenauigkeiten in Bezug auf die Definition von Inklusion. Was ist Inklusion nun genau? Ist Inklusion: Teilhabe? Beteiligung? Veränderung der Umwelt? Dabei sein? Eine veränderte Gesellschaft?

Deshalb nun der Versuch einer (weiteren) Definition von Inklusion:

Inklusion ist ein gesellschaftlicher Zustand, in dem alle Menschen in der Gesellschaft die gleichen Chancen  zur persönlichen Entwicklung haben, die gleichen Zugangsmöglichkeiten zu Bildungsangeboten, zu kulturellen Angeboten und zum Arbeitsmarkt. Inklusion ist ein gesellschaftlicher Zustand, in dem Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, Sprache, geistige Fähigkeiten, körperliche Fähigkeiten, Religion, Sexualität keinen Einfluss auf diese Chancen und Zugangsmöglichkeiten haben. Inklusion ist ein gesellschaftlicher Zustand, in dem jeder Mensch gleichberechtigt und gleichwertig ist.

2. Ist Inklusion ein Menschenrecht oder ein Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte?

Prof. Dr. Grampp betonte, dass Inklusion kein Menschenrecht ist. Es ist nirgends als Menschenrecht verankert und nirgends als Menschenrecht formuliert. Für ihn ist Inklusion ein Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte, also ein Mittel und Weg dahin.

Ich denke, dass dieser Gegensatz eine Frage der Definition von Inklusion ist. Wenn wir von der oben formulierten Definition ausgehen, dann decken sich die Inhalte und Aspekte von Inklusion meines Erachtens nach sehr deutlich mit den Inhalten und Aspekten der Menschenrechte. Insofern könnte man sagen, dass Inklusion und Menschenrechte in die gleiche Richtung zielen, deckungsgleich sind. Doch kann man daraus ableiten, das Inklusion ein Menschenrecht ist? Eher müsste es wohl heißen: Inklusion entspricht den Menschenrechten bzw. der Umsetzung der Menschenrechte. Wenn Inklusion ein Menschenrecht ist, dann müsste es eine Teilmenge der Menschenrechte sein. Aber ist es das wirklich? Ist es nicht so, dass es Schnittmengen, sogar weitestgehend Übereinstimmungen gibt, aber beiden Begriffe gleichwertig nebeneinander stehen und nicht einer ein Unterbegriff des anderen ist? Sind in einer inklusiven Gesellschaft die Menschenrechte verwirklicht? Ist eine Gesellschaft, in der die Menschenrechte gelten, inklusiv? Mit der obigen Definition würde ich beide Fragen bejahen. Das macht aber wieder deutlich, dass Inklusion kein Menschenrecht ist.

Schauen wir uns nun zusätzlich noch den zweiten Aspekt der Überschrift an. Ist Inklusion ein Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte? Auch hier ist die Frage danach, was eine Teilmenge wovon ist, entscheidend. Wenn Inklusion ein Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte ist, dann bedeutet dies, wenn wir die Gesellschaft inklusiv gestalten, dann leisten wir damit einen Beitrag zur Verwirklichung der Menschenrechte. Aber lässt es sich nicht auch anders herum denken? Leisten wir mit der Verwirklichung der Menschenrechte einen Beitrag zu einer inklusiven Gesellschaft? Das Dilemma ist das gleiche wie oben. Ist Inklusion ein Schritt/Handlungsschritt oder ein Zustand/Ziel oder ein Unterziel/Zwischenschritt (z.B. auf dem Weg zur Verwirklichung der Menschenrechte), oder ist die Verwirklichung der Menschenrechte ein Schritt/Handlungsschritt oder ein Zustand/Ziel oder ein Unterziel/Zwischenschritt (z.B. auf dem Weg zur Verwirklichung ´von Inklusion)?

Insofern würde ich derzeit den oben genannten Gedanken als momentane Antwort auf diese Fragen im Titel geben: Inklusion entspricht der Umsetzung der Menschenrechte/den Menschenrechten. Folglich ist Inklusion kein Menschenrecht und auch kein Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte.

Hier geht es zu einem Audiobeitrag von einer Kollegin und mir zu dem Thema “Inklusion als Menschenrecht”. Dort vertreten wir die Auffassung, das Inklusion ein Menschenrecht ist und leiten das her. Spannend das mit den hier gemachten Ausführungen nochmal gegenüberzustellen.

3. Über das Verhältnis von Integration und Inklusion zueinander

Wie verhalten sich Integration und Inklusion zueinander? Prof. Dr. Grampp sprach sich in seinem Vortrag für eine Kopperation von beidem aus.

Integration bedeutet die Eingliederung/Wiedereingliederung, Zusammenführung von Personen und Personengruppen. Eine Person oder Gruppe wird in eine andere Gruppe “integriert”, also eingegliedert/einbezogen. Das bedeutet auch, das Menschen aufgrund irgendwelcher Merkmale voneinander getrennt werden und es muss eine Norm konstruiert werden, da ja festgelegt werden muss wer wohin und warum integriert werden soll. Die Normgruppe ist dann also der Zielort der Integration. Daraus folgt für die zu integrierenden eine Anpassungsleistung. Diese kann unterschiedliche Formen annehmen. Bei der Integration steht das Individuum im Fokus der Betrachtung und bei diesem wird der Veränderungsbedarf gesehen.

Inklusion bedeutet Enthaltensein, Einschluss. Alle Menschen sind teil eines Systems und gehören selbstverständlich dazu. Es gibt keine Normgruppe und somit auch keine Norm. Niemand muss sich an eine Norm anpassen, um zu dem System dazu zu gehören. Bei der Inklusion steht die Gesellschaft und ihre Bedingungen/ein System und seine Bedingungen im Fokus der Betrachtung und bei diesem wird der Veränderungsbedarf gesehen.

Das bedeutet, dass Integration und Inklusion zwei völlig unterschiedliche Ansätze sind. Und auf keinen Fall, so wie es leider immer wieder vorkommt, einfach untereinander ausgetauscht werden können. Aber wie ist nun das Verhältnis von Integration zu Inklusion? Manchmal heißt es, Inklusion ist die nächste Stufe und folgt der Integration, Integration ist also die Weiterentwicklung von Integration. Da bin ich mir momentan nicht sicher, ob das tatsächlich so ist. Ich denke, dass es zwei unterschiedliche Ansätze sind, die auch miteinander konkurrieren.

Ist Integration nötig, um Inklusion zu erreichen? Oder anders gefragt: Müssen Personen/Personengruppen erst integriert werden, damit wir eine inklusive Gesellschaft erreichen können? Auch hier bin ich mir nicht sicher. Nehmen wir an, wir gestalten Angebote, Strukturen, Systeme, Gesellschaft inklusiv, so dass alle selbstverständlicher Teil sind, die gleichen Chancen und Zugangsmöglichkeiten haben etc. (Definition s.o.), dann treffen sich verschiedene Menschen. Natürlich müssen sie sich dann miteinander auseinandersetzen, mit einander in Kontakt treten, miteinander verschiedene Dinge aus- und verhandeln. Aber es ist dann eine demokratische Angelegenheit, weil alle an der Auseinandersetzung mitwirken. Im Gegensatz dazu würde bei der Integration eine Gruppe bestehen und sie würde Werte, Normen und Bedingungen setzen, die Geltung haben und Personen oder Personengruppen, die Teil dieser Gruppe werden möchten oder müssen, müssen sich diesen Werten, Normen, Bedingungen anpassen. Dieses Thema umfasst natürlich auch eine Diskussion über Demokratie und Demokratieverständnis. Das auszuführen würde aber den Rahmen dieses Textes sprengen.

Nach diesen Überlegungen erscheint es mir erst einmal nicht plausibel, dass Inklusion und Integration in irgend einer Form kooperieren können, da es doch zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen und Konzepte sind.

4. Müssen Schulen inklusiv werden oder das Schulsystem?

Prof. Dr. Grampp machte in seinem Vortrag deutlich, dass nirgends in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen von einer inklusiven Schule gesprochen wird. Es geht um ein inklusives Schulsystem. Und daher gehen die Forderungen einiger Personen/Personengruppen an der Sache vorbei.

Wenn wir einen Blick in die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen werfen, dann heißt es dort in der offiziellen deutschen Übersetzung:

“Artikel 24 – Bildung

(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel …”

Im englisch-sprachigen Originaldokument heißt es:

“Article 24 – Education

(1) States Parties recognize the right of persons with disabilities to education. With a view to realizing thid right without discriminatio and on the basis of equal opportunity. States Parties shall ensure an inclusive education system at all levels an life long leraning directes to: …”

Beim Lesen fällt auf, dass das englische “inclusive education system” mit “integratives Bildungssystem” übersetzt wurde. Das löste eine Diskussion aus und führte auch zu einer Schattenübersetzung, die den Anspruch hat, das englisch-sprachige Originaldokument richtig zu übersetzen, da inclusive, nicht mit integrativ übersetz werden kann, da es zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.

In der Konvention ist also die Rede von einem inklusiven Bildungssystem. Folgt daraus, dass Schulen inklusiv werden müssen oder reicht es, wenn das Bildungsystem inklusiv ist. Wenn wir uns die Systemebene “Bildungssystem” anschauen, dann könnte die These aufgestellt werden, dass in der Bundesrepublik Deutschland niemand, oder nur wenige Menschen, aus dem Bildungssystem als Ganzes ausgeschlossen werden. Für alle Kinder besteht bspw. Schulpflicht Diese können sie an verschiedenen Schulen wahrnehmen. Aber sie bleiben dennoch teil des Bildungssystems und damit wäre es, dieser Logik folgend inklusiv. Diese Argumentation reduziert “inklusiv” auf seine soziologische Ebene – Menschen sind inkludiert oder nicht. Aber das ist, meiner Auffassung nach ein falsches Verständnis von Inklusion, denn es geht nicht darum, ob jemand inkludiert ist, denn das würde den Fokus wieder auf die Person richten, sondern die Frage ist, ob ein System inklusiv ist – also für alle Menschen geeignet, zugänglich etc.

Wenn das Bildungssystem inklusiv ist, dann bedeutet das, dass alle Menschen gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem haben, die gleichen Bildungschancen, die gleichen Zugangsmöglichkeiten und nicht aus dem Bildungssystem ausgeschlossen sind. Und die Frage ist, ob ein so stark differenziertes, in verschiedene Schultypen gegliedertes Schulsystem, wie das in der Bundesrepublik Deutschland dem gerecht wird? Haben alle Kinder die gleichen Bildungschancen, die gleichen Zugangsmöglichkeiten und einen gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem, wenn Kinder aufgrund bestimmter Merkmale oder Eigenschaften, (vermeintlichen) Zugehörigkeiten zu bestimmten Gruppen in unterschiedliche Schultypen aufgeteilt werden? Ich denke eher nicht. Demnach müsste aus der Forderung ein inklusives Bildungssystem zu schaffen auch die Forderung folgen, inklusive Schulen zu schaffen, also Schulen, an denen alle Kinder gemeinsam lernen, die gleichen Chancen haben ihre Potenziale zu entwickeln und sich weiter zu entwickeln.

Zu Beginn dieses Jahres fand die Überprüfung der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in der Bundesrepublik Deutschland statt. Im Anschluss veröffentlichte der UN-Fachausschuss ein Empfehlungsschreiben zur weiteren Umsetzung. Dort heißt es zu Artikel 24:

“45. Der Ausschuss ist besorgt darüber, dass der Großteil der Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen in dem Bildungssystem des Vertragsstaats segregierte Förderschulen besucht.

46. Der Ausschuss empfiehlt dem Vertragsstaat,

a) umgehend eine Strategie, einen Aktionsplan, einen Zeitplan und Zielvorgaben zu entwickeln, um in allen Bundesländern den Zugang zu einem qualitativ hochwertigen, inklusiven Bildungssystem herzustellen, einschließlich der notwendigen Finanzmittel und des erforderlichen Personals auf allen Ebenen;

b) im Interesse der Inklusion das segregierte Schulwesen zurückzubauen, und empfiehlt, dass Regelschulen mit sofortiger Wirkung Kinder mit Behinderungen aufnehmen, sofern dies deren Willensentscheidung ist

c) dafür Sorge zu tragen, dass auf allen Bildungsebenen angemessene Vorkehrungen bereitgestellt werden und vor Gericht rechtlich durchsetzbar und einklagbar sind;

d) die Schulung aller Lehrkräfte auf dem Gebiet der inklusiven Bildung sowie die erhöhte Barrierefreiheit des schulischen Umfelds, der Schulmaterialien und der Lehrpläne und die Bereitstellung von Gebärdensprache in den regulären Bildungseinrichtungen, einschließlich für Postdoktoranden, sicherzustellen”“.”

Das bedeutet für die obige Frage, dass der UN-Fachausschuss, der die Umsetzung der Konvention in der Bundesrepublik Deutschland kontrolliert, auch ein inklusives Bildungssystem mit inklusiven Schulen verbindet.

6. Verhindert im Extremfall die Anpassung eines Systems die persönliche Entwicklung/das Lernen einer Person?

In seinem Vortrag fragte Prof. Dr. Grampp, ob im Extremfall Inklusion – also die Veränderung und Anpassung eines Systems/der Gesellschaft nicht das Lernen/die persönliche Entwicklung eines Menschen verhindert. Denn wenn immer das System verändert wird, muss sich nie der Mensch verändern.

Ich finde das einen interessanten Gedanken. Und auf der ersten Blick scheint er, trotz aller emotionaler innerer Widerstände, logisch. Doch die eine Frage ist, In Bezug worauf werden Systeme/Gesellschaft bei der Inklusion verändert und die andere Frage lautet, lernen Menschen nur, wenn sie sich an irgend etwas anpassen müssen?

Bei Inklusion geht es meiner Auffassung nach darum, dass sich Systeme/Gesellschaft so verändern muss, dass alle Menschen gleichberechtigter Teil der Gesellschaft, des Systems sind. Das heißt z.B. dass Bedingungen vorherrschen müssen, dass sich jeder Mensch wohlfühlt, gleichberechtig und gleichwertig fühlt, nicht diskriminiert wird, die gleichen Zugangsmöglichkeiten und Chancen zur persönlichen Entwicklung hat. Das zu erreichen ist das Ziel der Veränderungsprozesse. Und wenn dieser Rahmen gesetzt ist, darum geht es meiner Auffassung nach,  dann können Menschen miteinander in Verhandlung treten, diskutieren, streiten, etc. Aber eben auf einer ganz anderen Grundlage, als es ohne inklusive Gesellschaft/inklusives System der Fall ist.

Lernprozesse sind vielfältig und haben verschiedene Anlässe. Sicherlich kann ein Anlass sein, dass eine Person irgendwo in einem System aneckt, auf Widerstand stößt und das dann als Ausgangspunkt nimmt um zu lernen. Aber das ist nur ein Anlass. Und ist es nicht leichter zu lernen, wenn die Bedingungen dafür günstig sind? Also z.B ein angstfreier Raum, die Möglichkeit zum Austausch, verschiedene Perspektiven? Und ebenso ist es doch mit der persönlichen Entwicklung. Diese kann im Widerstand in der Auseinandersetzung mit Systemen oder der Gesellschaft stattfinden, aber ebenso im Miteinander.

Vielleicht müsste man sich an dieser Stelle intensiv mit Lerntheorien und Entwicklungstheorien beschäftigen um die Frage gut beantworten zu können.

Insofern könnte die Antwort auf die Frage auch eine Gegenfrage sein: Verhindert eine nicht-inklusive Gesellschaft, ein nicht-inklusives System Lernen und persönliche Entwicklung?

 

Soweit zu meinen Gedanken und Überlegungen im Nachgang zum Vortrag von Prof. Dr. Grampp. Es ist doch eine ganze Menge geworden. Ich freue mich sehr über Meinungen, Anregungen, Gedanken, Ideen, Kritik zu den genannten Punkten.

Fortbildungen zum Themenkomplex “Inklusion”

Liebe Leser*innen von inklusionswege.de,

neben dem Bloggen biete ich verschiedene Fortbildungen zum Themenkomplex “Inklusion” an.

Hier finden Sie einen kleinen Film über die Fortbildungen.

Und hier geht es zu meiner Website, auf der Sie mehr über mich und meine Arbeit erfahren.

Ich würde mich über eine Zusammenarbeit mit Ihnen freuen.

Viele Grüße

Sebastian Dolsdorf

Arbeitshilfe für Inklusion in der Jugendarbeit

Im Oktober 2014 wurde die Arbeitshilfe “Index für die Jugendarbeit zur Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung” von Thomas Meyer und Christina Kieslinger durch das Institut für angewandte Sozialwissenschaften an der Dualen Hochschule Baden Württemberg Stuttgart herausgegeben.

Hier geht es zu der Arbeitshilfe.

Im Folgenden nenne ich einige aus meiner Sicht wichtige Aspekte dieser Arbeitshilfe in der inhaltlichen Reihenfolge.

1 Einführung – Inklusion geht uns alle an

1.1 Welche Rolle spielt Inklusion in der internationalen Menschenrechtsdiskussion

Die aktuelle Debatte über Inklusion wird im Kontext von Menschenrechtsdokumenten betrachtet. Es fehlte in der “Anti-Diskriminierungsklausel der Menschenrechtserklärung die ausdrückliche Erwähnung von Menschen mit Behinderung” (S. 11). Die Idee von Inklusion wurde in der Vergangenheit immer wieder von verschiedenen Organisationen und Interessenverbänden formuliert und gefordert. 1994 wurde durch die Salamanca-Erklärung das Thema stärker in den Fokus gerückt und durch die Verabschiedung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurden die Menschenrechte explizit auch für Menschen mit Behinderungen formuliert und vereinbart. Dadurch bekam auch das Thema Inklusion eine neue Aufmerksamkeit. Für die Jugendhilfe ist es insofern relevant, weil in der Konvention auch das Thema Kinder mit Behinderungen genannt ist und weil es in der UN-Kinderrechtekonvention einen Artikel zu Kindern mit Behinderungen gibt. (Vgl. S. 11f.)

1.2 Was sind die wesentlichen Inhalte der UN-Behindertenrechtskonvention?

Ein wichtiger Aspekt ist der sogenannte Paradigmenwechsel. Behinderung wird nicht als Defizit, Mangel, Problem eines Individuums verstanden, sondern als Barrieren zur Teilhabe. Der Fokus liegt also auf den gesellschaftlichen Bedingungen. Menschen mit Behinderungen steht ein “gleichberechtigter Zugang zum allgemeinen Bildungssystem, zum Arbeitsmarkt, zum sozialen und kulturellen Leben sowie zur Politik zu” (S. 13). Deswegen müssen gesellschaftliche Strukturen und Bedingungen verändert werden. (Vgl. S. 12f.)

Es werden nachfolgende einige Artikel beispielhaft genannt, die die gesamtgesellschaftliche Aufgabe von Inklusion verdeutlichen.

1.3 Was bedeuten diese Forderungen nun für ein Gemeinwesen?

“Zusammenfassend geht die Idee der Inklusion also Hand in Hand mit der Notwendigkeit der Öffnung eines Sozialraums für die Belange behinderter Menschen” (S. 15).

“Das heißt, es müssen Unterstützungsmöglichkeiten aufgebaut werden, die es ermöglichen, dass die Unterstützung dort erbracht wird, wo Menschen mit Behinderung leben, arbeiten und Freizeit verbringen” (S. 16).

Die Sonderpädagogik ist weiterhin notwendig und deshalb spielen Kooperationen zukünftig eine noch größere Rolle (vgl ebd.).

2 Inklusion von Kindern und Jugendlichen

2.1 Kinder- und Jugendliche in der UN-Behindertenrechtskonvention

In der Konvention wird in mehreren Artikeln auf das Thema Kinder mit Behinderung gesprochen. Der Artikel 7 der Konvention bezieht sich vollständig auf Kinder mit Behinderung. (Vgl. S. 16f.)

“In diesem eigenständigen Artikel steht vor allem der Aspekt der Gleichberechtigung, Meinungsäußerung und Beteiligung von Kindern im Vorder-grund” (S. 17).

Nachfolgend werden Artikel 7 – Kinder mit Behinderung, Artikel 23 – Achtung der Wohnung und der Familie, Artikel 24 – Bildung als Beispiele genannt und vollständig zitiert.

2.2 Welche Erfahrungen gibt es bisher mit Inklusion in der Kinder- und Jugendarbeit?

Die Umsetzung von Inklusion in der Kinder- und Jugendarbeit fand bislang wenig Beachtung. Überwiegend wird Inklusion im Bildungswesen verortet und besprochen. Für die Kinder- und Jugendarbeit ist es wichtig, sich mit Partizipationsmöglichkeiten zu beschäftigen und zu reflektieren, welche Methoden für eine inklusive Kinder- und Jugendarbeit geeignet sind. Partizipation in der Kinder- und Jugendarbeit ist wichtig und grundlegend, da Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit “der einzige Ort [sind], an dem Kinder und Jugendliche eigenständig gestalten und auslotbare Erfahrungsräume nutzen können, in denen nicht Erwachsene mit ihren Erwartungen Orientierungspunkte bilden und in denen eine Lernkultur vorherrsch, die auf Erfahrungen des alltäglichen Lebens setzt und so nachhaltige Wirkung auf Bildungsprozesse entfaltet” (S. 20, zit. nach AGJ 2012, S. 59).

Des Weiteren gibt es bislang nur wenige Studien , die sich mit dem Thema Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Kinder- und Jugendarbeit beschäftigen. In der Kinder- und Jugendarbeit sind Kinder und Jugendliche mit Behinderungen unterrepräsentiert und oft sind inklusive Angebote einmalig, zeitlich befristete Projekte oder Aktionen. (Vgl. S. 20f.)

3 Inklusion – was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Begriff?

Der Begriff “Inklusion” bedeutet “Einschließung”, “Enthaltensein” und kommt aus dem Lateinischen (vgl. S. 22).

3.1 Inklusion erfordert den Abbau aller Barrieren

“Inklusion zu ermöglichen bedeutet, (Zugangs-)Barrieren vollständig abzubauen. Mit Zugangsbarrieren sind keinesfalls nur räumliche Barrieren gemeint (dies wird oftmals spontan mit dem Begriff der “Barrierefreiheit” assoziier), sondern gleichermaßen auch sprachliche Barrieren, soziale Barrieren (wie Berührungsängste, Vorurteile, Diskriminierung), aufgabenbezogene Barrieren (z.B. im Hinblick auf Sportarten, Spielabläufe, usw.) oder institutionelle Barrieren wie bestimmte Zugangsvoraussetzungen (etwa für Mitgliedschaft in einem Verein oder für eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt).” (S. 23)

“Inklusion bezeichnet also allgemein das Bestreben, ein Gemeinwesen so zu gestalten, dass alle darin lebenden Menschen teilhaben können und Zugang zu sämtlichen bedeutsamen Lebensbereichen und Dienstleistungen haben” (S. 23).

3.2 Inklusion bedeutet Anpassung gesellschaftlicher Strukturen an Bedürfnisse und Bedarfe von Menschen mit Behinderung

Es steht nicht mehr der Mensch mit seinen Defiziten und möglichen Ansätzen, diese zu kompensieren im Fokus der Betrachtung, sondern die Gesellschaft mit ihren Bedingungen (vgl. S. 24).

“Der Blick richtet sich nicht auf die “Defizite” behinderter Menschen, sondern auf defizitäre gesellschaftliche Strukturen bzw. Barrieren im Gemeinwesen” (S. 24).

3.3 Inklusion erfordert eine Unterstützung am jeweiligen Wohn-, Arbeits- und Lebensort

Inklusion bedeutet allerdings nicht, dass Menschen mit Behinderungen keine Unterstützung mehr erhalten sollen. Die Unterstützung soll aber nicht mehr in Sondersystemen und Sonderorten stattfinden, sondern dort, wo die Menschen leben, arbeiten und wohnen. (Vgl. S. 25)

3.4 Inklusion bedeutet Akzeptanz von Vielfalt

Verschiedenheit ist normal und die Unterteilung von Menschen in scheinbar homogene Gruppen macht im Kontext von Inklusion keinen Sinn. Es geht also darum Ausgrenzung zu vermeiden. (Vgl. S. 26)

Die Kinder- und Jugendarbeit eignet sich hervorragend dafür, Lernprozesse anzustoßen, die Vielfalt wertschätzen und als Normalzustand zu verstehen (vgl. ebd.).

“Dafür gibt es zwei Gründe:

1) Inklusion sollte so früh wie möglich stattfinden, d.h. je früher ein Kontakt zwischen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung entsteht, desto weniger Berührungsängste haben Menschen vor dem Thema Behinderung. […]

2) Freizeit bietet aufgrund der darin angelegten informellen Bildungsprozesse ein nahezu unübertroffenes Übungsfeld zur Entwicklung inklusiver Angebote. Mit Hilfe von didaktisch reflektierten und professionell moderierten Freizeitangeboten können hervorragend Kontaktsituationen zwischen Kindern/Jugendlichen mit und ohne Behinderung initiiert und gesteuert werden.” (S. 26f.)

Die daraus folgende Inklusionspädagogik mit dem Ziel Vielfalt wertzuschätzen baut dabei auf der Pädagogik der Vielfalt nach Prengel und auf integrationspädagogischen Ansätzen auf (vgl. S. 27).

3.5 Inklusion ist auf soziale Lernprozesse und Akzeptanz aller BürgerInnen eines Gemeinwesens angewiesen

Da es in der Vergangenheit wenig Berührungspunkte von Menschen mit und ohne Behinderungen gab, muss dieser geübt und erlernt werden. Berührungsängste müssen abgebaut und der Kontakt miteinander geübt werden. Diese Kontakte müssen begleitet und mit geeigneten Methoden und Maßnahmen unterstützt werden. Kenntnisse über Gruppenprozesse sind bei dem Prozess sehr hilfreich. (Vgl. S. 28f.)

4 Der Index für Inklusion als Orientierungs- und Umsetzungshilfe

Bisher gibt es einen Index für Inklusion für die Schule, für Kommunen und für Kindertageseinrichtungen. Die Indexe sind in die Bereiche “inklusive Strukturen”, “inklusive Praktiken” und “inklusive Kulturen” unterteilt und diese Unterteilung ist auch für die Kinder- und Jugendarbeit sinnvoll. (Vgl. S. 30f.)

4.1 Inklusive Kulturen schaffen: inklusives Denken ermöglichen durch Wertschätzung von Vielfalt und Sensibilisierung aller Beteiligten

In dieser Dimension geht es um die Auseinandersetzung mit der Einrichtungskultur, dem Leitbild und der eigenen Haltung mit dem Ziel Vielfalt als Normalzustand anzuerkennen und wertzuschätzen, Berührungsängste abzubauen und sich in andere Perspektiven als die eigene hineinversetzen zu können. (Vgl. S. 32f.)

4.2 Inklusive Strukturen/Leitlinien etablieren: Barrierefreiheit und geeignete Strukturen für inklusive Angebote

Bei dieser Dimension geht es um den Abbau von Barrieren, um den Zugang zu Informationen und die Zugänglichkeit von Angeboten )vgl. S. 33f.).

4.3 Inklusive Praktiken/Praxis entwickeln: Passgenaue Unterstützung und geeignete Angebote organisieren, aufbauen und nachhaltig implementieren

Hierzu gehören die Planung und Gestaltung von Angeboten (vgl. S. 34f.)

5 Transfer: Der Index für Inklusion für die Kinder- und Jugendarbeit

“Dem Verständnis von Inklusion folgend geht es nicht darum, spezielle “Sonderwege” oder einmalige Angebote für behinderte Kinder und Jugendliche zu entwickeln, sondern darum, dass die (bestehenden) Angebote der Kinder- und Jugendarbeit von vornherein so gestaltet werden, dass sie der gegebenen Vielfalt gerecht werden” (S. 35).

Die genannten Indexe und ihre Dimensionen werden deshalb auf den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe übertragen.

5.1 Inklusive Kulturen schaffen: Inklusives Denken in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit etablieren

Damit Begegnungen zwischen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen die Basis für eine inklusive Kultur sein können, müssen diese Begegnungen unterstützt und begleitet werden. Die Unterstützungsmaßnahmen richten sich an alle in der Einrichtung tätigen und Personen und richten sich auch an die Zielgruppe der Einrichtung. (Vgl. S. 36)

Folgende unterstützende Maßnahmen sind hilfreich: Sensibilisierung und Wissensvermittlung, Gestaltung von Kontaktsituationen, Schulung und Fortbildung, Öffentlichkeitsarbeit und Sozialraumbezug (vgl. S. 36f.)

5.2 Inklusive Strukturen etablieren: Barrierefreiheit und Gestaltung/Anpassung von Angeboten in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit

Es müssen Barrieren verschiedener Art abgebaut werden. Dazu müssen sie vorerst identifiziert werden. Dafür sind Schulungen aller  in der Einrichtung Tätigen unerlässlich. Daneben ist die Reflexion der eigenen Angebote notwendig – welche Zugangs- und Nutzungsbedingungen gibt es, wie sind die Angebote geplant und gestaltet. (Vgl. S. 38)

Folgende Maßnahmen sind in diesem Bereich hilfreich: Identifizierung und Beseitigung räumlicher Barrieren, Identifizierung und Beseitigung sprachlicher Barrieren, Identifizierung und Beseitigung von sozialen Barrieren, Identifizierung und Beseitigung von inhaltlichen Barrieren, Schulung von MitarbeiterInnen und Ehrenamtlichen zur Identifizierung von Barrieren, Erreichbarkeit der Angebote (vgl. S. 39).

5.3 Inklusive Praktiken entwickeln: Passgenaue Angebote kreieren, Unterstützung organisieren, aufbauen und sichern

Für die Angebote ist es wichtig, den Bedarf an Unterstützung zu kennen und Möglichkeiten zur Partizipation zu schaffen. Dafür sind Kooperationen mit sonderpädagogischen Akteuren entscheidend. (Vgl. S. 39f)

Geeignet sind folgende Maßnahmen: Einholen von Informationen über den jeweiligen Unterstützungsbedarf, Anpassung bestehender Angebote und Ausrichtung neuer Angebote an den Unterstützungsbedarf aller Teilnehmenden, moderierte Kontaktsituation und –angebote, Erschließung von Ressourcen zur Unterstützung, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für alle in der Einrichtung Tätigen (vgl. S. 40).

6 Indikatoren zur Selbstbewertung und Evaluation inklusiver Vorhaben in der Kinder- und Jugendarbeit

Der Index für Inklusion ist ei Hilfsmittel zur Selbstbewertung und Evaluation. Es werden hierbei Skalen für die Bewertung benutzt und die genannten Dimensionen in weitere Kategorien unterteilt. (Vgl. S. 41)

6.1 Inklusive Kulturen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit schaffen

Dieser Bereich wurde unterteilt in Gemeinschaft bilden und Inklusive Werke verankern (vgl. S. 42).

in der Arbeitshilfe werden nun die Indikatoren dieser Dimension aufgelistet.

6.2 Inklusive Strukturen/Leitlinien etablieren

Dieser Bereich wurde unterteilt in Eine Einrichtung für alle entwickeln und Umgang mit Vielfalt organisieren (vgl. S. 45).

In der Arbeitshilfe werden nun die Indikatoren dieser Dimension aufgelistet.

6.3 Inklusive Praxis entwickeln

Dieser Bereich wurde unterteilt in Aktivitäten und Angebote gestalten und Unterstützung sichern und Ressourcen mobilisieren (vgl. S. 48).

In der Arbeitshilfe werden nun die Indikatoren dieser Dimension aufgelistet.

7 Umsetzung von Inklusion und Arbeit mit dem Index in der Kinder- und Jugendarbeit

Der Index ist ein Hilfsmittel zur Umsetzung von Inklusion. Dieser Prozess ist zirkulär zu betrachten und besteht “aus fünf Phasen: Phase 1: Mit dem Index beginnen, Phase 2: Die Einrichtungssituation beleuchten, Phase 3: Einen inklusiven Plan entwerfen, Phase 4: Den inklusiven Plan in die Praxis umsetzen, Phase 5: Den Index-Prozess evaluieren” (S. 50).

Für die einzelnen Phasen gibt es empfohlene Schritte, die die Planung und Umsetzung dieser Phasen erleichtern und verbessern (vgl. S. 51).

In Phase 1 wird ein Index-Team gebildet, das vorhanden Wissen zusammengetragen, die eigene Haltung reflektiert. . In Phase 2 werden weitere Personen mit einbezogen, konkrete Aktivitäten geplant und Aufgaben verteilt und die Analyse der Einrichtung wird begonnen. In Phase 3 entsteht ein Plan mit Prioritäten zur Umsetzung von Inklusion. Dieser Plan wird in Phase 4 umgesetzt und in Phase 5 wird diese Umsetzung analysiert und bewertet. (Vgl. S. 51ff.)

7.1 Leitindikatoren für die Prozessgestaltung

In der Arbeitshilfe sind in diesem Kapitel Anregungen und Hilfestellungen zu den einzelnen Phasen und den dazugehörigen Maßnahmen aufgeführt, die den Prozess erleichtern und strukturieren sollen.

7.2 Erfahrungen mit der Umsetzung von inklusiven Aktivitäten in der Kinder- und Jugendarbeit – ausgewählte Praxisbeispiele

In diesem Abschnitt werden 4 Standorte und ihre Erfahrungen in der Arbeit mit dem Index beschrieben.

“Zu Beginn des Inklusionsprozesses bietet es sich neben dem Aufbau eines Initiativteams an, öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen wie z.B. Inklusionsforen durchzuführen. Dadurch können multiprofessionelle, generationenübergreifende Arbeitsgruppen gebildet werden. Zur Motivationsaufrechterhaltung und –steigerung sowohl des Inklusionsteams als auch des erweiterten Teams kommt es dann insbesondere auf die Möglichkeit zur Mitgestaltung seitens aller Beteiligten an. Bei der konkreten Planung von Aktivitäten ist dabei eine Vergabe von Zuständigkeiten anzustreben. Findet bereits ein konkreter Einbezug von Menschen mit Behinderung in Aktivitäten, Vorhaben oder sogar in den Regelbetrieb statt, müssen verlässliche Unterstützungsstrukturen aufgebaut werden. Dazu eigenen sich Kooperationen mit Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie der Einbezug von Ehrenamtlichen bzw. BesucherInnen.” (S. 67f.)

“Für den Erfolg eines inklusiven Vorhabens sind zunächst die Art und das ziel der jeweiligen Aktivität relevant. Letzteres sollte eher offen gehalten werden. Zudem sollten inklusive Angebote auf gemeinschaftserleben setzen, auf Partizipation und Freiwilligkeit beruhen sowie in kleinen Gruppen durchgeführt werden. Was das Bewerben des Angebots betrifft,sollte man hierzu vorab die Vor- und Nachteile abwägen und einen entsprechenden Sprachstil finden. Für die Planung und konkrete Umsetzung sind Kooperationen mit anderen Einrichtungen im Stadtteil und Institutionen der Behindertenhilfe, das Einholen von Informationen über das Thema Behinderung und die Sicherstellung der Unterstützung von Nöten. Prinzipiell muss zwischen Sensibilisierungsaktionen und inklusiven Aktivitäten unterschieden werden. beides sollte jedoch parallel und – wenn möglich – thematisch verschränkt geplant und durchgeführt werden.” (S. 75)

“Zur Sicherstellung der Nachhaltigkeit bedarf es an geeignetem Personal und zeitlichen Freiräumen, öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten sowie einem kontinuierlichem Barrierenabbau im Gemeinwese. Zusätzlich benötigt es eine zentrale verantwortliche Ansprechperson, den Einsatz von ehrenamtliche Kräften, die Kooperation und Vernetzung mit verschiedenen ortsansässigen AktuerInnen und Einrichtungen der Behindertenhilfe, Strategien zur Aufrechterhaltung der Motivation und schließlich eine kontinuierliche Evaluation des Prozesses und der Wirkungen der Angebote.” (S. 77f.)

8 Zusammenfassung: Handlungsempfehlungen und Praxishilfen zur Gestaltung inklusiver Aktivitäten und Angebote in der Kinder- und Jugendarbeit

Für die Umsetzung von Inklusion bieten Freizeitangebote einen geeigneten Rahmen, sofern sie regelmäßig stattfinden und sich nicht in kurzfristigen Events erschöpfen. Inklusive Prozesse kommen nur durch langfristigen Kontakt zustande und die gemachten Erfahrungen müssen positiv sein. Die Angebote sollten sich nicht nur auf Jugendliche beschränken, sondern auch schon Kinder als Zielgruppe in Betracht ziehen. (Vgl. S. 78)

8.1 Organisatorische Rahmenbedingungen der Programmplanung und – gestaltung

Folgende Voraussetzungen sind entscheidend für inklusive Freizeitangebote: räumliche, aufgabenbezogene, sprachliche und soziale Barrierefreiheit; explizites Ausschreiben der Angebote; vorheriges Sammeln von Informationen über den jeweiligen Unterstützungsbedarf und den Bedarf aller Teilnehmenden; Schulung, Vorbereitung und Sensibilisierung aller in der Einrichtung Tätigen. (Vgl. S. 79f.)

8.2 Vernetzung, Aufbau von Kooperationen, Ansprechpartner, Elternarbeit und Öffentlichkeitsarbeit

In diesem Feld sind folgende Voraussetzungen wichtig: Kooperation mit der Behindertenhilfe; Kooperation mit der Schule; Ansprechpersonen zur Verfügung stellen; Elternarbeit mit Eltern von Kindern/Jugendlichen mit und ohne Behinderung; Öffentlichkeitsarbeit. (Vgl. S. 80ff.)

8.3 Sicherung von Unterstützung, Assistenzpols, Unterstützerkreise

Folgende Voraussetzungen sind dafür von Bedeutung: Kenntnisse des Unterstützungsbedarfs und den Bedarf der Teilnehmenden; Unterstützungsplanung mit der Behindertenhilfe; Aufbau eines Assistentenpools. (Vgl. S. 83ff.)

8.4 Inhaltliche Rahmenbedingungen der Programmplanung und –gestaltung

Hierbei spielen folgende Aspekte eine Rolle: Freiwilligkeit der Teilnahme, Ergebnisoffenheit/Zwanglosigkeit/Statusgleichheit; Vereinfachung/Anpassung der Angebote an Bedürfnisse behinderter Kinder/Jugendliche; Gemeinschaftserleben/zielorientiere gemeinsame Aufgaben; Teilhabe und Mitbestimmung aller Beteiligten muss ermöglicht werden; Thematisierung von Behinderung (nur bei Gruppen ohne Erfahrung mit behinderten Menschen). (Vgl. S. 85f.)

8.5 Programmdurchführung: Beobachtung und Steuerung der Gruppendynamik

Folgende Punkte sind in diesem Bereich relevant: Steuerung von Gruppen/Konfliktmanagement; Stärken behinderter Kinder und Jugendlichen entdecken; Gemeinsamkeiten entdecken und verdeutlichen; Reflexion und Evaluation des/der Angebots/e im Team. (Vgl. S. 86f.)

9 Literaturnachweise und Tipps zum Weiterlesen

10 Anhang: Fragebogen zum Index für Inklusion

Die oben genannten Indikatoren sind hier mit der Skala aufgeführt und als Arbeitspapier angehangen

Mein Fazit

Die Arbeitshilfe gibt einem nicht nur konkretes Material (den Index) mit an die Hand, sondern führt auch in das Thema Inklusion und seine Verortung im Menschenrechtsdiskurs ein. Das erleichtert aus meiner Sicht den Einstieg, da relativ schnell mit dem Prozess begonnen werden kann, ohne vorher noch verschiedene Literatur zu bemühen, da sich die wichtigen Grundlagen für den Einstieg in dieser Arbeitshilfe befinden. Die Autor_innen haben sich bewusst auf Menschen mit Behinderungen begrenzt, aber weitere Zielgruppen und Indexe sollen folgen. Laut Vorwort soll es dann in einen vollständigen Index für die Kinder- und Jugendarbeit münden. Diese geplanten Gesamtperspektive, also das umfassende Inklusionsverständnis begrüße ich sehr. Der vorliegende Index in der Arbeitshilfe ist dennoch ein erster Schritt und ein erster Zugang zum Thema und aus meiner Sicht sehr zu empfehlen. Die aufgeführten Indikatoren sind sehr detailliert und ermöglichen so einen intensiven Austausch zum Thema.

Den Index und viele weitere Informationen gibt es auch online auf der Projektseite http://www.inklumat.de/