Inklusion heißt, sich gegen die Ideologie der Ungleichwertigkeit einzusetzen

Foto Deutsche Zustände

Mit einer inklusiven Haltung, in einem inklusiven System und in einer inklusiven Gesellschaft wird Vielfalt als Normalzustand betrachtet und Unterschieden mit einer wertschätzenden Haltung begegnet. Im Umkehrschluss bedeutet das also, dass sich jeder Form von Abwertung, Diskriminierung und Herabwürdigung von Menschen und/oder Gruppen entgegen gestellt werden muss.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, auch auf diese Ebene von Inklusion hinzuweisen – das Aktiv werden gegen Diskriminierung, Ausgrenzung, Abwertung und das Entwickeln einer diskriminierungssensiblen Haltung. Auch aus aktuellem Anlass, vor dem Hintergrund der zunehmenden Gewalt gegen Einrichtungen zur Unterbringung von geflüchteten Menschen und gegen geflüchtete Menschen selbst, ebenso vor dem Hintergrund der Diskussion über geflüchtete Menschen, “Grenzsicherung” und über verschärfte Gesetzte gegen geflüchtete Menschen aus der Balkanregion, stelle ich in diesem Beitrag das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und die daran gekoppelte Ideologie der Ungleichwertigkeit in Fragmenten vor.

Als Grundlage dient die von Wilhelm Heitmeyer herausgegebene Forschungsreihe “Deutsche Zustände”, Folge 1-10, erschienen bei Suhrkamp 2002-2012. Den Kern dieser Reihe bilden wissenschaftliche Erhebungen und Analysen zu verschiedenen Diskriminierungsformen, ihren Ausprägungen, Ursachen und Zusammenhängen untereinander.

Alle Hervorhebungen (in kursiv) sind im Original enthalten. 

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

“Die humane Qualität einer Gesellschaft erkennt man nicht an Ethikdebatten in Feuilletons meinungsbildender Printmedien oder in Talkshows, sondern am Umgang mit schwachen Gruppen” (Folge 3, S. 13).

“>>Die Würde des Menschen ist unantastbar<< (Art. I GG). Dieses Postulat ist vor allem in der Idee der Gleichwertigkeit von Menschen aufgehoben. Sie manifestiert sich in der Verhinderung von Ungleichwertigkeit als moralischer Verletzung des kollektiven Selbstverständnisses sowie in der Sicherung physischer und psychischer Unversehrtheit von Menschen bzw. Gruppen.” (Folge 5, S. 15)

“Zu den zentralen Werten einer modernen und humanen Gesellschaft gehören die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Sicherung ihrer physischen und psychischen Unversehrtheit” (ebd., S. 16).

“Die Pluralisierung von Wertvorstellungen eröffnet mehr Freiräume, und die Individualisierung der Lebenswelt läßt vielfältige Formen der Lebensführung zu” (ebd.).

Die Würde des Menschen ist antastbar. Bedrohungen, Verletzungen oder Zerstörungen ihres Anrechts auf physische oder psychische Unversehrtheit gehören für Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit, sexueller Orientierung, Geschlechtszugehörigkeit, religiöser Glaubenspraxis oder mit Behinderungen zum alltäglichen Leben.” (Folge 1, S. 15)

“Gewalt, vor allem mit tödlichen Folgen, stellt die finale Form von Machtaktionen dar. Die Vorformen der Gewalt sind vielfältig. Sie beginnen bei Abwertungen, können sich in Abwehr manifestieren, in Diskriminierungen ausdrücken und zu Ausgrenzungen von einzelnen Menschen allein schon aufgrund von faktischer, vermuteter oder zugeschriebener Gruppenzugehörigkeit führen.” (ebd.)

“Menschenfeindlichkeit wird erkennbar in Prozessen der Betonung von Ungleichwertigkeit und der Verletzung von Integrität” (ebd., S. 17).

Dabei müssen drei Dimensionen unterschieden werden:

“Die erste Dimension betrifft die Betonung des >>Eigenen<< und des >>Fremden<<” und einer damit verbundenen “Aufwertung der Eigengruppe, also Überlegenheit, mit einer Abwertung von Fremdgruppen […], die Unterlegenheit erzeugen soll. Eine zweite Dimension läßt sich an utilitaristischen Kalkülen festmachen. Die Unterscheidung von nützlichen und ausnutzenden >>Ausländern<< gehört ebenso dazu, wie die Unterscheidung zwischen Leistungsstarken und >>Entbehrlichen<<. […]” (ebd.)

Die dritte Dimension bezieht sich auf die Handlungs- und Verhaltensebene und zeigt sich “in der latenten und zeitweisen Aufkündigung der Angstfreiheit sowie angsterzeugenden Machtdemonstration gegen Unterlegene und Abgewertete” (ebd.)

“Der Begriff der Menschenfeindlichkeit bezieht sich auf das Verhältnis zu spezifischen Gruppen und meint nicht ein interindividuelles Feindschaftsverhältnis” (ebd., S. 19).

“Werden Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und feindseligen Mentalitäten der Abwertung, Ausgrenzung etc. ausgesetzt, dann sprechen wir von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, so daß die Würde der betroffenen Menschen antastbar wird oder zerstört werden kann” (Folge 2, S. 14).

Zwölf Elemente sind Teil des Syndroms der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit: Sexismus, Homophobie, Etabliertenvorrechte, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Abwertung von Behinderten, Abwertung von Obdachlosen, Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung von Asylbewerbern, Abwertung von Langzeitarbeitslosen (vgl. Folge 10, S. 17).

“Da angenommene Ungleichwertigkeit den gemeinsamen Kern aller genannten Elemente ausmacht, sprechen wir vom Syndrom einer Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit” (Folge 1, S. 21).

“Ein weiterer wichtiger Aspekt unseres Konzepts ist das bereits angesprochene Verständnis als Syndrom, basierend auf der Annahme, daß die Elemente der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit untereinander zusammenhängen und einen gemeinsamen Kern aufweisen” (Folge 10, S. 16).

Ideologie der Ungleichwertigkeit

Die folgenden Fragmente stammen aus dem Text “Die Ideologie der Ungleichwertigkeit” von Wilhelm Heitmeyer aus der Folge 6 der Deutschen Zustände.

“Zu den großen Ideen der Aufklärung gehört das Ideal der Gleichheit. […] Gleiche staatsbürgerliche Rechte und der gleiche Anspruch auf ein Leben ohne Gefahr für die psychische und physische Unversehrtheit. Die Würde eines jeden Individuums wird damit betont und als Ideal vorgegeben. Gleichheit wird so zur Grundbedingung der Freiheit.” (Folge 6, S. 36)

“Kategoriale Klassifikationen bieten sich in besonderer Weise dafür an, soziale Ungleichheit in Ungleichwertigkeiten zu transformieren” (ebd.).

“Eine Ideologie ist ein System von Begriffen und damit verbundenen Überzeugungen, die der Durchsetzung von Machtinteressen bzw. der Konservierung von Hierarchien und sozialer Überlegenheit dienen.Um dieser Funktion zu genügen, wird die soziale Realität verzerrt wiedergegeben, werden soziale Konstruktionen naturalisiert bzw. biologisiert etc.” (S. 37)

“Auch heute grassiert – quasi hinter dem Rücken der angeblichen Aufklärung – eine Ideologie der Ungleichwertigkeit. […]Diese Ideologie kommt in Gestalt der Abwertung schwacher Gruppen zum Ausdruck, die wiederum eine Legitimationsfunktion für Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt erfüllt oder zumindest erfüllen kann.” (S. 38)

“Die Ideologie der Ungleichwertigkeit und die darin einbezogenen Opfergruppen variieren in Abhängigkeit von den Thematisierungsinteressen deutungsmächtiger Gruppen” (S. 39).

“Es gibt einen prinzipiellen Unterschied zwischen Ungleichheit und Ungleichwertigkeit. Ungleichheit ist materiell fundiert und sozial erzeugt durch gesellschaftliche Strukturentwicklungen, die Klassen oder Schichten hervorbringen[…]. […] Im Zuge des Übergangs von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft werden faktische Unterschiede mit semantischen Bewertungen verbunden, der Wert oder die Wertigkeit von Menschen wird an soziale Lagen gekoppelt. […] Über soziale Ungleichheit, also über Unterschiede im Hinblick auf Leistungsfähigkeit, Besitz, Lebensformen, religiöse Praktiken etc., können Wertigkeiten eingeführt werden – genauer: Ungleichwertigkeiten.”

“Begriffe von Nützlichkeit, Kultur, Moral, Wahrheit, der Verweildauer in einem geographischen Raum, Natur und Intelligenz gehören also zum Arsenal der Etablierung von Ungleichwertigkeiten und machen anfällig für Eskalationsprozesse. Diese beginnen mit Anerkennungsverlusten, d.h. Mißachtung. Diese nächste Stufe ist die Verachtung, deren manifesten Ausdruck Diskriminierungen darstellen. Daran an schließt sich die Machtdemonstration in Form von Unterdrückung und im Extremfall die Vernichtung durch Gewalt.” (S. 42)

“Moderne Gesellschaften schaffen Integration, indem sie Graduation ermöglichen, also die Ausdifferenzierung von Strukturen und eine differenzierte Sichtweise auf Menschen, Lebensweisen, religiöse Überzeugungen, Leistungsvermögen etc.” (S. 43)

Ausblick

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und die Ideologie der Ungleichwertigkeit widersprechen den Menschenrechten, der darin festgeschriebenen Menschenwürde und somit auch dem Anliegen von Inklusion. Aus diesem Grund ist es meiner Auffassung nach hilfreich, sich mit diesem Ansatz zu beschäftigen und auseinander zu setzen. Ein Teil ist es, in der pädagogischen Arbeit gegen die Ideologie der Ungleichwertigkeit und gegen Formen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit aktiv zu werden, darüber aufzuklären, zu intervenieren etc. Daran schließt sich die Frage an, wie die Gleichwertigkeit von Menschen (pädagogisch) vermittelt werden kann. Ein wesentlicher Schritt dazu ist aber auch die Reflexion der eigenen Haltung. Welche Gruppen betrachte ich persönlich nicht als gleichwertig? Welche Gruppen werte ich ab und diskriminiere ich? Wieso? Ist mir das bewusst?

Tipp zum Weiterlesen

Die Amadeu Antonio Stiftung hat sich in der Vergangenheit viel mit dem Thema der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit auseinandergesetzt. Hier gibt es weitere Materialien und Informationen zum Thema.

Praxistipps für Inklusion in der Kita

Foto Kita-Praxisbuch

 

Wie kann Inklusion in der Kita umgesetzt werden? Franziska Krumwiede, Dozentin an der Lehrerakademie im Querenburg-Institut hat ein Praxisbuch mit Tipps und vielen Materialien veröffentlicht. Die 80-seitige Publikation ist in folgende Kapitel unterteilt:

Kapitel 1: Einleitung: Der lange Weg zur Inklusion

Kapitel 2: Vorbereitende und begleitende Maßnahmen

Kapitel 3: Inklusive Strukturen in der pädagogischen Praxis

Kapitel 4: Projekte, Tipps und Tricks für den inklusiven Kita-Alltag

Materialsammlung

Literaturverzeichnis

CD-ROM mit Vorlagen

Im Folgenden stelle ich einige Aspekte des Praxisbuchs vor.

Kapitel 1: Einleitung: Der lange Weg zur Inklusion

Ausgehend von der Forderung der deutschen UNESCO-Kommission “Nicht der Lernende muss sich in ein bestehendes System integrieren, sondern das Bildungssystem muss die Bedürfnisse aller Lernenden berücksichtigen und sich an sie anpassen” (S. 7) verweist Franziska Krumwiede auf einige Beispiele aus Film und Roman, um zu zeigen, dass Inklusion im Grunde nichts Neues ist.

1.1 “Die Inklusive Kita und dann?” – Inklusion, Schule und Arbeitsrecht

Wie ist die Perspektive für die Kinder nach der (inklusiven) Kita? Franziska Krumwiede zeigt in einem Schaubild die verschiedenen Förderschwerpunkte in der Schule auf. Je nach Schwerpunkt folgt daraus ein zielgleicher oder ein zieldifferenter Unterricht. Anschließend deutet sie die Bedeutung von Inklusion für den Arbeitsmarkt an und welche Rolle diese Entwicklung für Menschen mit Behinderungen spielt. Ebenso geht sie kurz auf den Aspekt ein, “es könne sich dabei [Inklusion, Anm. d. Verf.] um eine versteckte arbeitsmarkpolitische Maßnahme handeln. Die Menschen mit Behinderung werden nach dieser Auffassung als Reservearmee eines Arbeitsmarktes missbraucht, dem der Nachwuchs auszugehen droht.” (S. 8) Dem widerspricht Franziska Krumwiede, indem sie auf das Engagement von Menschen mit Behinderungen zur Durchsetzung ihrer Interessen (auch auf dem Arbeitsmarkt) verweist.

1.2 “Das ist für uns nichts Neues” – von der Integration zur Inklusion 

In diesem Kapitel verweist Franziska Krumwiede in erster Linie auf die bundesrepublikanische Geschichte und das Engagement der “Krüppelbewegung”, die schon in den 1970er Jahren viele Dinge formulierte, die heute in der Diskussion um Inklusion erneut auftauchen. Aufgrund dieser Geschichte, die starken Einfluss auf die (Weiter-)Entwicklung von Kindertagesstätten hatte, gibt es mehr integrative Kindertagesstätten als Schulen. (Vgl. S. 9f.)

Anschließend erläutert die Autorin in einem Schaubild die Begriffe Exklusion, Segregation, Integration und Inklusion und ihre historische Verortung. Es geht aber nicht darum, Integration als veraltet und überholt zu verstehen, denn in einigen Bereichen ist es nach wie vor sinnvoll integrativ zu arbeiten und von dieser Grundlage aus zu schauen, wie und an welcher Stelle in Richtung Inklusion gearbeitet werden kann. (Vgl. S.10ff.)

Kapitel 2: Vorbereitende und begleitende Maßnahmen

2.1 “Wir brauchen mehr festes Personal!” – Aufbau eines Multiprofessionellen Teams

Die aktuelle Personalsituation führt in vielen Kindertagesstätten immer wieder zu Frustration. Da sich dieser Zustand in absehbarer Zeit nicht verbessern wird, empfiehlt Franziska Krumwiede die Kooperation mit externen Fachkräften. In einem Schaubild zeigt sie auf, welche Professionen alles zu einem sogenannten multiprofessionellen Team gehören. 

Anschließend geht die Autorin beispielhaft auf die Kooperation zwischen Integrationshelfern, Integrationsassistenten, Eltern und Kita, auf die Kooperation zwischen Kita, Schule und Eltern und auf die Kooperation zwischen Kita und Therapeuten ein. Dabei erläutert sie u.a. die Sinnhaftigkeit von Integrationshelfern, wie und von wem sie zu beantragen sind und was sie leisten müssen. Ebenso erklärt Franziska Krumwiede, warum eine Kooperation von Kindertagesstätten mit Grundschulen (nicht nur) für den Übergang sinnvoll ist und nennt einige Beispiele dafür, was im Rahmen dieser Kooperationen stattfinden kann. Darüber hinaus geht die Autorin auf die Wichtigkeit der Kooperation mit verschiedenen Therapeuten für die Kinder und auch die Kindertagesstätte ein.

2.2 “Wir haben ja noch nicht mal Aufzüge!” – Kita-Räume lebendig gestalten 

In diesem Abschnitt gibt Franziska Krumwiede Hinweise und Tipps, wie die Einrichtung, auch ohne große zukünftige Umbauten die Räume gut gestalten und nutzen kann. Dafür empfiehlt sie u.a. eine Beschreibung des Ist-Standes, das Erstellen eines Raumkonzepts und die Zuordnung von Funktionen zu den Räumen und verweist auf die Reggio-Pädagogik als Ideengeber. Die Reggio-Pädagogik kann für die Raumgestaltung eine große Rolle spielen, denn in der Reggio-Pädagogik gilt der Raum als dritter Erzieher und soll zum forschenden Lernen anregen (vgl. S. 20). Anschließend verweist Franziska Krumwiede auf die Bedeutung einer guten Raumkonzeption für die Binnendifferenzierung.

2.3 “Und wo nehme ich das Material her?” – Zusätzliches Material

In diesem Abschnitt verweist Franziska Krumwiede auf verschiedene hilfreiche Seiten im Internet, die unterschiedliche Materialien für die sonderpädagogische Förderung und inklusives Arbeiten anbieten. Darüber hinaus ist es sinnvoll, sich von Sonderpädagog_innen verschiedene Materialien für verschiedene Förderschwerpunkte zeigen und erklären zu lassen (vgl. S. 22).

2.4 Meine Haltung als Erzieherin

Die eigene Haltung spielt für die Umsetzung von Inklusion eine entscheidende Rolle. Um sich mit der eigenen Position und Haltung zu dem Thema Inklusion zu beschäftigen und auseinander zu setzen, hat Franziska Krumwiede in diesem Abschnitt der Publikation einen Fragenkatalog als Hilfsmittel aufgeführt.

2.5 “Damit komm´ ich nicht klar!” – Coaching und Supervision

Franziska Krumwiede und Martina Humbach erläutern die Chancen, die eine Supervision für den Prozess hin zu Inklusion bieten kann. Denn mit der Inklusion gehen viele Herausforderungen für die pädagogischen Fachkräfte einher (z.B. Heterogenität der Kinder, Arbeit in multiprofessionellen Teams) (vgl. S. 24). Dazu wird erklärt, was eine Supervision ist, in welchem Rahmen sie stattfinden kann und welche Inhalte in einer Supervision besprochen werden können.

2.6 “Easy Going: Eltern” – Leitfaden Elterngespräche

In diesem Abschnitt geben Franziska Krumwiede und Jost Schneider Anregungen und Hinweise zu Elterngesprächen. Dabei unterscheiden sie drei Typen von Eltern: überengagierte und leistungsorientierte Eltern, defizitorientierte Eltern, desinteressierte Eltern. Dabei werden z.B. konkrete Argumentationen genannt, die bei unterschiedlichen Situationen hilfreich sein können, aber auch einige Ansätze, um mit sogenannten desinteressierten Eltern in Kontakt zu kommen.

Kapitel 3: Inklusive Strukturen in der pädagogischen Praxis

3.1 “Das ist doch alles nur Theorie!” – Der Index für Inklusion

Ein möglicher Baustein, um Inklusion von der Theorie in die Praxis umzusetzen ist der Index für Inklusion. Der Index für Inklusion ist in drei Ebenen unterteilt: inklusive Kulturen schaffen, inklusive Strukturen etablieren, inklusive Praktiken entwickeln.  Zu jedem dieser Bereiche gibt es verschiedene Indikatoren, anhand welcher sie ihre Arbeit in der Einrichtung weiter entwickeln können. (Vgl. S. 31f.) Franziska Krumwiede zeigt zum Schluss die Vor- und die Nachteile des Index für Inklusion auf.

3.2 “Dürfen die Kinder jetzt immer machen, was sie wollen?” – Offenes Arbeiten und Binnendifferenzierung

Franziska Krumwiede und Karin Kress sind der Auffassung, “(Teil-)Offenes Arbeiten und Binnendifferenzierung fördern das freie und selbstbestimmte Arbeiten von Kindern” (S. 32). In diesem Abschnitt folgen Erläuterungen dazu, was unter Binnendifferenzierung und Offener Arbeit zu verstehen ist, wie es jeweils umgesetzt werden kann. Eine Gruppe kann nach Aufgaben, nach Stärken und Schwächen, nach Sozialform, nach Medium und nach Inhalt differenziert werden (vgl. S 32f.). Auch eine äußere Differenzierung ist, wenn sie sinnvoll ist, möglich und nicht ausgeschlossen (vgl. S. 33).

Die Offene Arbeit ist eine “extreme Form der Binnendifferenzierung und muss gut angeleitet werden” (S. 33). “Offenes Arbeiten bedeutet, dass die Kinder frei entscheiden können, in welchen Räumen und mit welchen Lernarrangements sie ihren Kita-Tag bzw. ihre Kita-Woche verbringen wollen” (ebd.). Anschließend gehen Franziska Krumwiede und Karin Kress auf einige Fragen und auf die Vor- und Nachteile von Offenem Arbeiten und Binnendifferenzierung ein.

3.3 “Der positive Blick!” – Das Early-Excellence-Konzept in Theorie und Praxis

Aus der Sicht von Franziska Krumwiede ist das Early-Excellence-Konzept sehr geeignet für Inklusion in der Kita (vgl. S. 34). “Das EEC-Modell erweist sich im inklusiven Kita-Alltag als praktikabel, weil es aufgrund seiner Struktur Heterogenität als Chance und Vielfalt als Zukunft definiert” (S. 34). Im Fokus steht das Kind mit seiner Individualität und seinen Fähigkeiten (vgl. ebd.). Anschließend geht die Autorin auf einige wichtige Aspekte des Ansatzes ein. Zum Ende des Abschnitts gibt sie eine Übersicht zu Vor- und Nachteilen des Ansatzes.

Kapitel 4: Projekte, Tipps und Tricks für den inklusiven Kita-Alltag

4.1 “Wer wird denn da gleich durchdrehen!?” – Anregungen für den Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung

In diesem Abschnitt gibt Franziska Krumwiede einige Tipps für den Umgang mit Kindern mit AD(H)S, mit traumatisierten Kindern, mit Kindern mit Autismus/Asperger-Syndrom. In einigen Fällen kann auch die Nutzung eines Hilfeplankonzeptes sinnvoll sein. Einige Rahmenbedingungen und Voraussetzungen erläutert die Autorin am Ende des Abschnitts.

4.2 “Die Entdeckung der Langsamkeit” – ein inklusives Projekt zum Thema “Zeit”

Franziska Krumwiede stellt hier in groben Zügen ein Projekt zum Thema Zeit vor, welches in der Kita durchgeführt werden kann. Darüber hinaus wird kurz der Time-Timer als Hilfsmittel für Kinder empfohlen, damit sie sich zeitlich besser orientieren können.

4.3 “Jetzt sind wir auch noch Deutschlehrer!” – Sprach-Förderung in der inklusiven Kita

Neben dem Verlauf des Spracherwerbs, den Franziska Krumwiede in einem Schaubild dargestellt hat, geht es in diesem Abschnitt um drei mögliche Förderschwerpunkte im Bereich Sprache: sonderpädagogische Förderung, Förderung von Kindern mit Problemen beim Erwerb der Erstsprache und Förderung von Kindern, mit  Deutsch als Zweitsprache. Die Autorin stellt kurz dar, was Anhaltspunkte für einen Unterstützungs- und Förderbedarf in diesen Fällen sein und welche Schritte unternommen werden können. Am Ende dieses Abschnitts nennt und erläutert Franziska Krumwiede wichtige Prinzipien der Sprachförderung für alle Kinder.

4.4 “Lass´ uns mal Tacheles reden!” – Leichte Sprache in der Kita 

Leichte Sprache ermöglicht es, dass viele Menschen einen Text verstehen können. Neben einige Beispielen von Texten in Leichter Sprache im Gegensatz zu Texten in Alltagssprache führt Franziska Krumwiede einige Regeln der Leichten Sprache auf und gibt einige Literaturempfehlungen.

Materialsammlung

“In der Materialsammlung finden Sie neben generellen Dokumenten zur Inklusion viele praktische Anregungen für ihre pädagogische Praxis” (S. 49). Die Materialsammlung ist sehr umfangreich (fast die Hälfte der Publikation) und beinhaltet viele verschiedene Materialien, auf die zum Teil in den vorherigen Kapiteln Bezug genommen wurde. Neben einigen Dokumenten umfasst die Sammlung Checklisten, Übersichten, Handreichungen, Beobachtungsbögen, Pläne und vieles mehr

CD-ROM mit Vorlagen

Eine Besonderheit ist die beigefügte CD-ROM mit den in der Materialsammlung vorhandenen Materialien in einer bearbeitbaren Version, so dass sie für den eigenen Bedarf überarbeitet und angepasst werden können.

 

Fazit

Das Praxisbuch wird meiner Ansicht nach seinem Titel und seinem Anspruch gerecht. Es gibt eine kurze und knappe Einführung in das Thema Inklusion und es folgen viele Tipps, wie Inklusion in der Kindertageseinrichtung umgesetzt werden kann. Dazu gibt es viele Schaubilder und Textboxen, die das genannte unterstreichen oder vertiefen, neue Aspekte mit einbringen und die Publikation insgesamt sehr lebendig erscheinen lassen.

Die wirklich umfangreiche Materialsammlung ermöglicht den Prozess in der eigenen Einrichtung gut beginnen oder vertiefen zu können.

Leider fokussiert sich das Praxisbuch auf Menschen mit Behinderungen und sonderpädagogische Förderschwerpunkte, auch wenn immer wieder davon gesprochen wird, dass Inklusion alle Menschen betrifft. Gestützt wird dieser Eindruck dadurch, dass im Text von Inklusionskind und Inklusionsmaßnahme die Rede ist, was sehr an Integration erinnert und den eingangs gemachten Unterschieden zwischen Integration und Inklusion widerspricht.

Die Publikation bietet einen guten Einstieg in die Umsetzung von Inklusion in der Kita und sie kann meiner Auffassung nach ein guter Begleiter für den Prozess sein. Es ist ein anregendes und informatives Praxisbuch, welches mich auf viele Themen neugierig gemacht hat. 

Produktinformation

Franziska Krumwiede: Inklusion in der Kita. Das Praxisbuch. Profi-Tipps und Materialien aus der Erzieherinnenfortbildung, Auer Verlag, 2015

ISBN: 978-3-403-07485-4