Teil II – „Inklusion ist die Akzeptanz von Vielfalt“ – ein Interview mit Patrick Lang, Leiter des Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrums (SIBUZ) in Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin

Im Juni 2015 eröffnete im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf auf dem Bildungscampus Eichkamp das berlinweit erste Schulpsychologische und inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentrum (kurz SIBUZ). Unter dem Dach des SIBUZ wurde das Schulpsychologische Beratungszentrum (kurz SPBZ) und das zu Beginn des Schuljahres 2014/15 gegründete Beratungs- und Unterstützungszentrum für inklusive Pädagogik (kurz BUZ) zusammengeführt. Das SIBUZ bietet Eltern, Schüler_innen, Lehrkräften, Erzieher_innen und weiterem schulischen Personal die Möglichkeit zur Unterstützung und Beratung bei schulpsychologischen, sonderpädagogischen und inklusionspädagogischen Fragen. Konkret für Pädagog_innen gibt es die Angebote Beratung, Intervision, Supervision, Coaching, Mediation, Fortbildung, Beratung von Schulleitungen und Steuergruppen im Bereich der inklusiven Schulentwicklung, Gewaltprävention und Krisenintervention, Koordination schulischer Prävention und eine Inklusionswerkstatt (mit einer umfangreichen Sammlung an pädagogischen Materialien). Für Eltern und Schüler_innen bietet das SIBUZ schulpsychologische, sonderpädagogische und inklusionspädagogische Diagnostik und Beratung, Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs, Vermittlung außerschulischer Hilfe und Sprachstandsfeststellung und Sprachförderung in der Kita an.

Ich finde diesen Ansatz sehr interessant und habe mich mit dem Leiter des SIBUZ in Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf getroffen und mit ihm zu verschiedenen Themen gesprochen. Das Gespräch erscheint nun als kleine Reihe in 3 Teilen auf inklusionswege.de.

Teil I – Fragen zum persönlichen Werdegang, zur Entstehung und Besonderheit des SIBUZ Charlottenburg-Wilmersdorf

Teil II – Fragen zum Thema Inklusion

TEIL III – Fragen zur Beratungs- und Unterstützungsarbeit des SIBUZ Charlottenburg-Wilmersdorf, zur inklusiven Pädagogik und zur Bedeutung der Kinder- und Jugendhilfe

TEIL II – Fragen zum Thema Inklusion

Als nächstes möchte ich mit Ihnen gerne ein wenig über das Thema Inklusion sprechen. Das Thema Inklusion ist ja sehr umstritten, es werden hitzige und emotionale Diskussionen geführt und nach meinem Empfinden werden in vielen Fällen allein durch die Nennung des Begriffs negative Assoziationen ausgelöst. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für diesen Stand des Themas in der Gesellschaft und auch im System Schule? Stimmen Sie mit meiner Beobachtung überein oder haben Sie andere Erfahrungen gemacht?

Meine Erfahrung ist, dass man, wenn man mit Menschen über das Thema Inklusion intensiv ins Gespräch geht, den von Ihnen angesprochenen Widerstand überwinden kann. Unter Inklusion werden ja ganz unterschiedliche Sachverhalte verstanden. Für mich ist entscheidend, immer wieder zu betonen, dass wir uns schon auf dem Weg zur inklusiven Schule befinden, dass jetzt nicht etwas kommt, bei dem wir ganz am Anfang stehen, sondern bei dem wir uns schon mitten im Prozess befinden. Inklusion hat – wie es Andreas Hinz richtig angemerkt hat – einen visionären Anteil und wird nie vollständig erreichbar sein. Inklusion fungiert jedoch laut Hinz als „Nordstern“ für kommende Entwicklungsschritte. Der Gedanke der Partizipation, d.h. die Menschen mitzunehmen, ist dabei auf dem Weg zur inklusiven Schule von entscheidender Bedeutung, weil die Inklusion nicht etwas ist, was sich von oben verordnen lässt.

Also ist Ihrer Ansicht nach dieser Widerstand eher darin begründet, dass ein unklares und diffuses Bild von Inklusion zum einen herrscht und zum anderen vielleicht auch bestimmte Prozesse schon gelaufen sind, wo die Leute nicht wirklich beteiligt wurden?

Für mich ist es immer wichtig zu klären, was unter Inklusion im jeweiligen Kontext verstanden wird. Der Begriff der Inklusion wird im öffentlichen Diskurs sehr diffus verwendet und meiner Meinung nach sind viele Widerstände – ohne diese bagatellisieren zu wollen – auch auf diese Diffusion zurückzuführen. Mitunter erfolgen Reduzierungen dieses Begriffs: Für einige ist Inklusion z.B. nur eine Sparmaßnahme oder die sofortige Auflösung aller segregierenden Strukturen ohne zusätzliche Unterstützung und es ist natürlich klar, dass ein solches Begriffsverständnis Widerstand hervorruft. Für andere ist Inklusion z.B. wiederum das grundsätzliche Annehmen des jeweils anderen mit seinen individuellen Bedürfnissen, um ihn sozial teilhaben zu lassen – ein Begriffsverständnis, das sehr viel positiver konnotiert ist. Wenn Sie diese Dinge freilegen, entsteht meiner Erfahrung nach weniger Widerstand. Der andere Aspekt, der mir wichtig ist, ist die Frage der Partizipation, die Mitnahme der jeweiligen Akteure vor Ort und die Wertschätzung der Vielfalt an Meinungen, die in diesen Diskussionsprozessen deutlich wird.

Es wird ja immer wieder die Befürchtung formuliert, dass Schüler_innen, die keine Behinderung haben, durch Inklusion benachteiligt werden. Was wäre Ihrer Ansicht nach eine Möglichkeit dem zu begegnen?

Auf dem Weg zur inklusiven Schule ist meiner Meinung nach auffälliges Verhalten von Schülerinnen und Schülern eine besondere Herausforderung. Ich muss streng genommen aufpassen, wenn ich das so formuliere, weil dieser Formulierung letztlich eine individuumszentrierte Sicht zugrunde liegt. Im Grunde handelt es sich um einen systemisch-konstruktiven Prozess, weil ein Verhalten sozial in bestimmter Weise eingeordnet und bewertet wird. Hier ist es wichtig, Kolleginnen und Kollegen intensiv zu beraten und zu unterstützen, aber nicht nur auf einer instrumentellen oder methodischen Ebene, sondern auch auf der Ebene der Haltung. Dass Schülerinnen und Schüler durch die Inklusion benachteiligt werden, denke ich nicht. Und das versuche ich auch immer in Gesprächen deutlich zu machen. Wenn Sie Konflikte in einer Klasse aufgrund von Unterrichtsstörungen oder Verhaltensstörungen haben, ist die Auseinandersetzung damit im Klassenkontext immer für die ganze Klasse ein produktiver sozialer Lernanlass, weil es darum geht, wie ich mit Vielfalt in der Klasse oder mit Schülerinnen und Schülern, die ein anderes Verhalten zeigen, umgehe. Hier gibt es vielfältige Anknüpfungsmöglichkeiten für soziales Lernen der gesamten Klassengemeinschaft. Meiner Erfahrung nach gelingt es gut, Kolleginnen und Kollegen für diese Perspektive zu öffnen. Damit möchte ich jedoch nicht die Herausforderungen, die mit Verhaltensauffälligkeiten einhergehen, bagatellisieren. Ich möchte vielmehr deutlich machen, worin der inklusive Ansatz liegt.

Was bedeutet Inklusion für das SIBUZ und welche Konsequenzen werden daraus gezogen? Gibt es im SIBUZ überhaupt ein einheitliches Verständnis von Inklusion?

Natürlich bildet sich im SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf auch die gesellschaftspolitische Kontroverse um den Begriff Inklusion ab. Es gibt aber einen Grundkonsens einer inklusiven Haltung und das war Teil des Teambildungsprozesses gerade im letzten Jahr. Inklusion ist durchaus kein neues Thema, wenn man es professionsspezifisch betrachtet. Denken Sie an die Humanistische Psychologie, in der viele ähnliche Werte angelegt sind. Bei uns sind einige Kolleginnen und Kollegen tätig, die eine beraterische und therapeutische Ausbildung in diesem Bereich haben. Denken Sie auch an die Integrationspädagogik, die bei uns einige Kolleginnen und Kollegen in den 80er und 90er Jahren mitgestaltet haben.

Grundsätzlich geht aus meiner Sicht der Begriff der Inklusion über den Begriff der Integration hinaus. Ich denke, dass viele Chancen des Begriffs Inklusion vertan werden, wenn man z.B. von „Inklusionskindern“ oder von „Inklusionsklassen“ spricht. Das ist im Grunde eine synonyme Verwendung der Begriffe Integration und Inklusion. Andreas Hinz hat dies sehr gut formuliert, indem er davon ausgeht, dass dem Begriff der Integration ein Zwei-Gruppen-Ansatz zugrunde liegt, d.h. die Kategorisierung von Menschen in „behindert“ versus „nicht behindert“ oder „gestört“ versus „nicht gestört“. Der Begriff der Inklusion geht aus meiner Sicht – und das ist ja die große gesellschaftspolitische Herausforderung – von der Idee der Vielfalt, Heterogenität und Diversität aus. Das ist ein ganz anderer Ansatz, der diesen Zwei-Gruppen-Ansatz überwindet. Das sollte man meiner Meinung nach nicht verwischen.

Heißt das, dass das SIBUZ und Sie ein erweitertes Verständnis von Inklusion, welches alle Dimensionen von Vielfalt betrachtet, haben? Oder begrenzen Sie sich auf Menschen mit Behinderungen? Wie es ja auch häufig der Fall ist in der öffentlichen Diskussion und auch in der Fachdiskussion.

Dem Inklusionsverständnis im SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf liegen aus meiner Sicht drei Dimensionen zugrunde. Die erste Dimension ist die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, also die menschenrechtliche Perspektive. Die zweite Dimension ist eine Pädagogik der Vielfalt, wie sie von Annedore Prengel oder anderen konzeptionalisiert worden ist. Das heißt, dass man alle diskriminierungsrelevanten Merkmale in den Blick nimmt. Das können Merkmale wie Behinderung, aber auch Gender, Migrationshintergrund, soziale Schicht usw. sein. Wenn Sie neuere Arbeiten zum Begriff Inklusion betrachten – und das verweist auf die dritte Dimension -, geht es auch um den Abbau von sozialen Barrieren im Sinne von Bildungsbenachteiligung und um Bildungsgerechtigkeit. Sie sehen, dass diese Zielstellungen große Herausforderungen sind, und deswegen ist es aus meiner Sicht immer wichtig, das Prozesshafte auf dem Weg zur inklusiven Schule zu betonen. Inklusion ist kein Zustand, den wir morgen herstellen werden, sondern bei der wir uns in einem Prozess bewegen. Und unsere Aufgabe als SIBUZ ist es, in diesem Prozess beratend und unterstützend mit Blick auf Schule tätig zu sein.

Was ist Ihrer Ansicht nach Inklusion? In wenigen Worten.

Inklusion ist für mich in erster Linie die Akzeptanz von Vielfalt. In dieser Formulierung ist eigentlich alles enthalten.

Ich stelle fest, dass in einigen Fällen das Wort Integration einfach durch das Wort Inklusion ersetzt wird, auf der fachlichen, inhaltlichen, methodischen und individuellen Ebene aber keine wirkliche Veränderung, kein Perspektivwechsel eintritt. Wie grenzen Sie Inklusion von Integration ab? Und woran wird das konkret deutlich, z.B. in den Beratungen?

Für mich ist der Begriff der Inklusion der viel weitergehende Begriff, weil der Integrationsbegriff – wie ich bereits ausgeführt habe – nach meinem Verständnis ein Zwei-Gruppen-Ansatz zugrunde liegt, während der Begriff der Inklusion auf die Dimensionen Vielfalt, Heterogenität bzw. Diversität rekurriert. Wenn sich eine Kollegin oder ein Kollege an mich wendet, weil sie oder er sich überfordert im Umgang mit einem verhaltensauffälligen Schüler fühlt, ist es natürlich klar, dass ich in der Beratung auch auf den Umgang mit diesem Schüler und auf die Belastung der Kollegin oder des Kollegen eingehe. Aber für mich stellt sich auch die Frage, wie die Kollegin oder der Kollege ihren Unterricht didaktisch strukturiert und mit Verhaltens- und Unterrichtsstörungen auch von anderen Schülerinnen und Schülern umgeht. Diese Frage betrifft die ganze Klasse. Wenn z.B. Arbeitsaufträge diffus gegeben werden oder aufgrund mangelnder Binnendifferenzierung im Unterricht einzelne Schülerinnen und Schüler überfordert sind, begünstigt das Unterrichtsstörungen. Die Beratung und Unterstützung zielt dann auf das Lehrerverhalten insgesamt und auf die gesamte Klasse. Dies ist ein stärker systemischer und präventiver Ansatz. Verstehen Sie mich nicht falsch: Mir ist bewusst, dass eine Reihe von Schülerinnen und Schülern ein schwieriges Verhalten zeigt, das für die Pädagoginnen und Pädagogen eine ungeheure Herausforderung darstellt und das wesentlich auf ein schwieriges familiäres Umfeld zurückzuführen ist. Ich will das nicht bagatellisieren. Ich möchte nur deutlich machen, was eine inklusive Beratung und Unterstützung kennzeichnet. Deswegen können Sie inklusive Pädagogik nicht von der Schul- und Unterrichtsentwicklung trennen. Deswegen wäre ein SIBIUZ bei uns in Charlottenburg-Wilmersdorf auch verkürzt, wenn wir uns darauf beschränken würden, nur Einzelfälle abzuarbeiten. Von entscheidender Bedeutung auf dem Weg zur inklusiven Schule ist die systemzentrierte Beratung und Unterstützung im Sinne von Personal-, Schul- und Unterrichtsentwicklung. Und dafür brauchen Sie eine enge Kooperation mit der regionalen Fortbildung und der regionalen Schulaufsicht in ihrem Bezirk.

Welchen Stellenwert hat das Thema Inklusion in Schulen Ihrer Meinung nach für die Umsetzung von Inklusion in der Gesellschaft? Wie beeinflussen sich diese beiden Ebenen Ihrer Ansicht nach?

Natürlich ist die Schule eine ganz wichtige Instanz für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen und in dieser Funktion hat sie eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung. Mir ist aber wichtig zu betonen, dass sich die gesellschaftliche Diskussion der Inklusion nicht nur auf den Bereich der Schule konzentrieren oder gar beschränken darf. Ich sehe im öffentlichen Diskurs zur Inklusion den schulischen Bereich sehr im Vordergrund, aber es sind alle gesellschaftlichen Bereiche aufgerufen, ihre jeweiligen Strukturen und Prozesse unter dem Blickwinkel der Inklusion zu reflektieren und entsprechend umzugestalten.

Hier geht es zu Teil I des Interviews.

Hier geht es zu Teil III des Interviews.

„Inklusion ist die Akzeptanz von Vielfalt“ – ein Interview mit Patrick Lang, Leiter des Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrums (SIBUZ) in Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin

Im Juni 2015 eröffnete im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf auf dem Bildungscampus Eichkamp das berlinweit erste Schulpsychologische und inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentrum (kurz SIBUZ). Unter dem Dach des SIBUZ wurde das Schulpsychologische Beratungszentrum (kurz SPBZ) und das zu Beginn des Schuljahres 2014/15 gegründete Beratungs- und Unterstützungszentrum für inklusive Pädagogik (kurz BUZ) zusammengeführt. Das SIBUZ bietet Eltern, Schüler_innen, Lehrkräften, Erzieher_innen und weiterem schulischen Personal die Möglichkeit zur Unterstützung und Beratung bei schulpsychologischen, sonderpädagogischen und inklusionspädagogischen Fragen. Konkret für Pädagog_innen gibt es die Angebote Beratung, Intervision, Supervision, Coaching, Mediation, Fortbildung, Beratung von Schulleitungen und Steuergruppen im Bereich der inklusiven Schulentwicklung, Gewaltprävention und Krisenintervention, Koordination schulischer Prävention und eine Inklusionswerkstatt (mit einer umfangreichen Sammlung an pädagogischen Materialien). Für Eltern und Schüler_innen bietet das SIBUZ schulpsychologische, sonderpädagogische und inklusionspädagogische Diagnostik und Beratung, Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs, Vermittlung außerschulischer Hilfe und Sprachstandsfeststellung und Sprachförderung in der Kita an.

Ich finde diesen Ansatz sehr interessant und habe mich mit dem Leiter des SIBUZ in Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf getroffen und mit ihm zu verschiedenen Themen gesprochen. Das Gespräch erscheint nun als kleine Reihe in 3 Teilen auf inklusionswege.de.

Teil I – Fragen zum persönlichen Werdegang, zur Entstehung und Besonderheit des SIBUZ Charlottenburg-Wilmersdorf

Teil II – Fragen zum Thema Inklusion

TEIL III – Fragen zur Beratungs- und Unterstützungsarbeit des SIBUZ Charlottenburg-Wilmersdorf, zur inklusiven Pädagogik und zur Bedeutung der Kinder- und Jugendhilfe

 

TEIL I – Fragen zum persönlichen Werdegang, zur Entstehung und Besonderheit des SIBUZ Charlottenburg-Wilmersdorf

SIBUZ
Foto (Quelle: Facebook-Seite der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft): Patrick Lang (rechts vorne), Leiter des SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf, auf der Eröffnungsfeier des SIBUZ am 12. Juni 2015. Neben ihm sitzend von rechts: Reinhard Naumann, Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Sandra Scheeres, Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft in Berlin und Ilse Rudnick, Referatsleiterin und Oberschulrätin der Außenstelle Charlottenburg-Wilmersdorf der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft in Berlin

 

Patrick Lang, Sie leiten das Schulpsychologische und inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentrum im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Bevor wir auf die Entstehung dieses Zentrums schauen, habe ich einige Fragen zu Ihrer Person. Welche Themen und welche Fragen bewegen Sie, welche Erfahrungen haben Sie gemacht und was sind die Gründe für Ihre Tätigkeit in diesem Zentrum?

Es sind drei Gründe, warum ich gerne dieses Beratungs- und Unterstützungszentrum aufbaue und leite. Der erste Grund ist, dass mit dem SIBUZ eine Institution geschaffen wird, die die Leitidee einer inklusiven Schule verfolgt, und mit dieser Leitidee kann ich mich vollends identifizieren. Der zweite Grund ist, dass im SIBUZ die Idee der Multiprofessionalität bzw. der Arbeit in multiprofessionellen Teams umgesetzt wird. Ich hab zum einen den Studiengang für das Lehramt für Sonderpädagogik absolviert, zum anderen auch Diplom-Psychologie studiert mit einer postgradualen Ausbildung zum Familientherapeuten bzw. Systemischen Therapeuten. Insofern ist die Idee der Multiprofessionalität in mir biografisch quasi angelegt und die Arbeit in multiprofessionellen Teams und die Zusammenführung verschiedener Professionen reizt mich daher sehr. Der dritte Grund ist, dass Sie, wenn sie eine neue Organisation gründen und aufbauen, sehr viele Gestaltungsfreiräume haben. Gerade in der initialen Phase einer Organisationsgründung kann man viel ausprobieren und viele neue Erfahrungen sammeln.

Vielleicht noch ein paar Worte zu meinem Werdegang: Nach meinem Studium habe ich zunächst an Sonderpädagogischen Förderzentren und an Grundschulen als Lehrkraft für Sonderpädagogik vor allem in Berlin Neukölln gearbeitet. Danach bin ich als Schulpsychologe in das Schulpsychologische Beratungszentrum Neukölln gewechselt und habe nach einigen Jahren dort die Leitung kommissarisch übernommen. Als sich dann konkreter abzeichnete, dass eine Institution wie das SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf gegründet werden wird, bin ich gefragt worden, ob ich ein solches Beratungs- und Unterstützungszentrum aufbauen würde. Nebenberuflich war ich auch einige Jahre an der Humboldt-Universität zu Berlin am Institut für Rehabilitationswissenschaften am Lehrstuhl für Rehabilitationspsychologie bei Prof. Dr. Breitenbach als Lehrbeauftragter im Bereich der Sonderpädagogischen Psychologie tätig. Und so zieht sich die Schnittstelle zwischen Sonderpädagogik, Inklusionspädagogik und Pädagogischer Psychologie wie ein roter Faden durch meinen Werdegang.

Multiprofessionalität und die Nutzung verschiedener fachlicher Perspektiven auf eine Fragestellung ist aus meiner Erfahrung ausgesprochen fruchtbar in der Beratung und Unterstützung. Die Idee der Multiprofessionalität ist natürlich im Hinblick auf schulbezogene Beratungs- und Unterstützungssysteme nicht neu. In Hamburg hatten die Regionalen Beratungs- und Unterstützungsstellen (REBUS) bzw. haben die daraus hervorgegangenen Beratungsabteilungen der Regionalen Bildungs- und Beratungszentren (ReBBZ) und in Bremen die Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentren (ReBUZ) eine multiprofessionelle Struktur. Auch Ulf Preuss-Lausitz und Klaus Klemm haben in ihren bildungsstrukturellen Gutachten für verschiedene Bundesländer die Beratungs- und Unterstützungssysteme multiprofessionell konzeptionalisiert.

Nun wollen wir uns als nächstes mit dem Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum und seiner Entstehung beschäftigen. Beginnen wir mit einem Blick in die Vergangenheit. Welche Umstände führten zu der Notwendigkeit und Entscheidung ein Beratungs- und Unterstützungszentrum für inklusive Pädagogik (BUZ) zu gründen und wann wurde dieser Plan in die in die Tat umgesetzt?

Wir haben zu Beginn des Schuljahres 2014/2015 in Charlottenburg-Wilmersdorf das Beratungs- und Unterstützungszentrum für inklusive Pädagogik – kurz BUZ – gegründet. Die Gründung des BUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf wie auch in anderen Bezirken von Berlin ist u.a. auf dem Hintergrund der Empfehlungen des Fachbeirats Inklusive Schule unter dem Vorsitz der ehemaligen Bildungssenatorin Sybille Volkholz und auf dem Hintergrund intensiver bildungspolitischer Diskussionen, die es dazu im Land Berlin gab, zu sehen. Wichtig war aus meiner Sicht in Charlottenburg-Wilmersdorf, dass es von Anfang an am sinnvollsten erachtet wurde, mit dem BUZ nicht ein zweites schulbezogenes Beratungszentrum neben dem Schulpsychologischen Beratungszentrum zu schaffen, sondern beide Beratungszentren eng miteinander zu verzahnen, wie es auch der Beirat Inklusive Schule empfohlen hat. Aus diesem Grunde haben wir in Charlottenburg-Wilmersdorf das BUZ von Beginn an mit dem Schulpsychologischen Beratungszentrum strukturell und konzeptionell, aber auch personell und räumlich unter einem Dach zusammen geführt. Dieses Dach firmiert nun unter dem Titel Schulpsychologisches und inklusionspädagogisches Beratungs- und Unterstützungszentrum – kurz SIBUZ. Das SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf hat die globale Zielstellung, Eltern, Schülerinnen und Schüler, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Schulen in allen schulpsychologischen, inklusionspädagogischen und sonderpädagogischen Fragen auf dem Weg zur inklusiven Schule zu beraten. Dazu arbeitet im SIBUZ ein multiprofessionelles Team aus Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, Pädagoginnen und Pädagogen, Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen und Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Diese Fachkräfte haben ganz unterschiedliche Zusatzqualifikationen: eine Lehramtsqualifikation und/oder beraterische, therapeutische und inklusionspädagogische Zusatzausbildungen. Wir blicken jetzt auf etwa ein Jahr Erfahrung mit dem SIBUZ zurück und ich kann feststellen, dass es sowohl in der schülerzentrierten, als auch in der systemzentrierten Beratung und Unterstützung einen immensen Bedarf gibt. Insofern sehe ich unbedingt die Notwendigkeit, ein Zentrum wie das SIBUZ auf bezirklicher Ebene zu implementieren und dadurch diesen Bedarf abzudecken.

Was ist das Besondere am Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum in Charlottenburg-Wilmersdorf?

Ich sehe das Besondere am SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf gegenüber dem bisherigen System der schulbezogenen Beratung und Unterstützung vor allem in vier Punkten. Der erste Punkt ist, dass das SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf die globale Zielstellung hat, auf dem Weg zur inklusiven Schule zu beraten und zu unterstützen. Das ist auch eine Neuausrichtung für die Schulpsychologie und die Sonderpädagogik, wie sie im SIBUZ integriert sind. Der zweite Punkt ist, dass unter dem Dach des SIBUZ die schulpsychologischen, sonderpädagogischen und inklusionspädagogischen Kompetenzen auf bezirklicher Ebene unter einem Dach zusammengeführt werden. Der dritte Punkt ist, dass im SIBUZ ein multiprofessionelles Team arbeitet, um in der Beratung und Unterstützung verschiedene fachliche Zugänge zu nutzen. Der vierte Punkt ist, dass das SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf stark auf die Entwicklung und Etablierung eines bezirklichen Netzwerkes und einer bezirklichen Gesamtstrategie inklusiver Bildung und Erziehung ausgerichtet ist.

Was unterscheidet den Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf diesbezüglich von anderen Berliner Bezirken? Sie sind ja das bisher einzige Beratungszentrum dieser Art in Berlin, das über schulpsychologische Beratung hinaus auch Beratungsangebote zum Thema Inklusion anbietet.

In den anderen Bezirken von Berlin werden demnächst ebenfalls Schulpsychologische und inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentren gegründet, aber dem SIBUZ Charlottenburg-Wilmersdorf als erstem Beratungs- und Unterstützungszentrum dieser Art in Berlin und den hier entwickelten Strukturen und Prozessen kommt derzeit sicherlich eine besondere Bedeutung im Land Berlin zu. Ein besonderes Kennzeichen des SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf ist die Implementierung sogenannter „Schulischer Beratungsteams für die inklusive Schule“ ab dem Schuljahr 2014/2015 zunächst einmal an den Grundschulen des Bezirks. Was verstehen wir unter diesen „Schulischen Beratungsteams“? Unter dem Vorsitz der Schulleitung treffen sich im Rahmen dieser „Schulischen Beratungsteams“ in der Regel alle sechs Wochen drei Gruppen von Fachkräften bzw. Institutionen: Die erste Gruppe besteht aus der für die Schule zuständigen sonderpädagogischen Beratungslehrkraft für die Förderschwerpunkte Lernen, Emotionale und soziale Entwicklung und Sprache im Vorfeld der möglichen Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs (kurz LES) aus dem BUZ und der für die Schule zuständigen Schulpsychologin bzw. dem Schulpsychologen aus dem SPBZ. In Charlottenburg-Wilmersdorf haben wir in der sonderpädagogischen Beratung die Förderschwerpunkte LES also cross-kategorial zusammengefasst. Gleichzeitig orientiert sich die Zuständigkeit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Sozialraum, um die Anschlussfähigkeit des Modells für die Kinder- und Jugendhilfe zu gewährleisten, die sozialräumlich organisiert ist. Bedarfsabhängig kann diese erste Gruppe auch um Fachkräfte aus der regionalen Fortbildung oder der Schulentwicklungsberatung erweitert werden. Die zweite Gruppe ist das schulinterne Kompetenzteam. Zu dem gehört die Schulleitung, die koordinierende Erzieherin oder der koordinierende Erzieher, die Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen vor Ort an der Grundschule sowie ggf. die Schulsozialarbeit. Fakultativ können Vertreterinnen und Vertreter aus einer dritten Gruppe hinzugezogen werden. Die dritte Gruppe besteht aus Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe (Jugendamt, Erziehungs- und Familienberatungsstelle) oder dem öffentlichen Gesundheitsdienst (Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst, Kinder- und Jugendgesundheitsdienst) sowie anderen Institutionen der psychosozialen und medizinischen Versorgung (z.B. Sozialpädiatrische Zentren, Kliniken). Die Idee ist, dass diese schulischen Beratungsteams als multiprofessionelle Teams den Prozess der Inklusion an den jeweiligen Schulen unterstützen und vorantreiben. Sie sollen eine konstante und zeitnahe Beratung vor Ort in der Schule ermöglichen. In ihnen werden die inner- und außerschulischen Fachkräfte und Institutionen miteinander verzahnt. Es ist ein sehr anspruchsvoller Ansatz, weil er viele Fachkräfte und Institutionen einbezieht und mit der Implementierung an den Grundschulen im Bezirk in die Fläche gegeben wird. Die bisherigen Erfahrungen sind sehr ermutigend, weil Ressourcen gebündelt und das gemeinsame Vorgehen aufeinander abgestimmt werden kann, was meiner Einschätzung nach in der Vergangenheit oftmals nicht ausreichend geschehen ist.

Das Schulpsychologische Beratungszentrum hat es ja schon gegeben. Das BUZ ist neu dazugekommen. Hat sich daraufhin intern in der Struktur auch nochmal etwas verändert, haben jetzt die Kolleg_innen aus dem Schulpsychologischen Beratungszentrum neue Aufgaben bekommen oder machen sie das gleiche und nur die neuen Kolleg_innen sind für die inklusionspädagogischen Fragen zuständig? Wie sieht die neue interne Struktur aus?

Grundsätzlich besteht das SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf aus zwei Säulen: zum einen das Beratungs- und Unterstützungszentrum für inklusive Pädagogik (BUZ) und zum anderen das Schulpsychologische Beratungszentrum (SPBZ). Sowohl im BUZ als auch im SPBZ können zwei Formen der Beratung und Unterstützung unterschieden werden: zum einen die schülerzentrierte Beratung und Unterstützung und zum anderen die systemzentrierte Beratung und Unterstützung.

In der schülerzentrierten Beratung und Unterstützung geht es primär um einzelfallbezogene Fragestellungen, bei denen wir schulpsychologische, sonderpädagogische und inklusionspädagogische Diagnostik und Beratung in allen Bereichen des Lernens und Verhaltens anbieten. Hier haben wir zwischen dem BUZ und dem SPBZ eine Arbeitsteilung, die stark durch die rechtlichen Regelungen vorgegeben ist. Wenn es z.B. um die Frage der Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs sowie des Einsatzes von Schulhelferinnen und Schulhelfern geht, läuft die Abklärung über das BUZ. Das BUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf ist zuständig für die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs in den Förderschwerpunkten Lernen, Emotionale und soziale Entwicklung, Sprache, Geistige Entwicklung und Körperliche und motorische Entwicklung im Bezirk. Gleichzeitig ist unser BUZ – und dies ist ein Unterschied zu anderen BUZ in Berlin – bezirksübergreifend für die Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs in den Förderschwerpunkten Autismus und Hören zuständig. Wenn es aber z.B. um Fragen der Gewaltprävention und Krisenintervention oder z.B. um Fragen der Indikationsabklärung mit Blick auf ambulante Psychotherapien als Hilfe zur Erziehung oder Integrative Lerntherapien geht, läuft die Abklärung über das SPBZ, weil die Schulpsychologie rechtlich eine Fachdienstfunktion für das Jugendamt hat. Es gibt abseits dieser rechtlichen Verfahrensvorgaben eine große Schnittmenge zwischen BUZ und SPBZ auf der Einzelfallebene gerade im Bereich der emotional-sozialen Entwicklung. Hier gilt natürlich immer der Grundsatz, dass unsere Beratung vertraulich ist und wir unser Vorgehen mit unseren Klientinnen und Klienten absprechen.

Darüber hinaus gibt es eine zweite Form der Beratung und Unterstützung, die für die Entwicklung zur inklusiven Schule ein entscheidender Bereich ist: die systemzentrierte Beratung und Unterstützung. Hier stehen primär einzelfallübergreifende Bedarfslagen im Sinne von Personal-, Schul- und Unterrichtsentwicklung im Vordergrund. Angebote sind hier z.B. folgende: Coaching (z.B. bei beruflichen Belastungen), Supervision, Intervision, Mediation, Teamentwicklung, Beratung von Steuergruppen an Schulen zur inklusiven Schulentwicklung, Fortbildungen zum Umgang mit Heterogenität im Unterricht oder mit herausforderndem Verhalten, zur lernprozessbegleitenden Diagnostik, zur individuellen Förderplanung im Team, zu Kooperation und Beratung mit Eltern oder zum Umgang mit dem Index für Inklusion sowie Gewaltprävention und Krisenintervention. Das sind Themen, bei denen Sie auf die Systemebene zielen und bei denen Sie mit Lehrkräften und Erzieherinnen und Erziehern, mit Schulleitungen und weiterem Führungspersonal an Schulen arbeiten. In der inklusiven Personal-, Schul- und Unterrichtsentwicklung arbeiten SPBZ und BUZ eng zusammen. Wenn wir beispielsweise einen Studientag zum Thema inklusive Schule an einer Schule veranstalten, sind sowohl die Schulpsychologie als auch das BUZ beteiligt und wir kooperieren hier eng mit der regionalen Fortbildung.

Im Grunde gibt es noch ein drittes Aufgabenfeld für das SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf: die Kooperation und Vernetzung mit inner- und außerschulischen und regionalen und überregionalen Kooperationspartnern im Rahmen eines abgestimmten Bezirkskonzeptes inklusiver Bildung und Erziehung. Die Vernetzung in einem solchen Sinne ist sehr anspruchsvoll, aber im Hinblick auf den Weg zur inklusiven Schule unverzichtbar.

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