Tagungsbericht: „Auf die Haltung kommt es an! – Vielfalt als Stärke“

Foto bbw

 

Am 19.11.2015 veranstaltete das bbw Südhessen (Berufsbildungswerk Südhessen gGmbH) in Groß Karben (bei Frankfurt am Main) eine Fachtagung mit dem Titel „Auf die Haltung kommt es an! – Vielfalt als Stärke“. Die Fachtagung fand direkt auf dem Gelände des bbw Südhessen statt.

Es folgt nun ein subjektiver Veranstaltungsbericht, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Begrüßung

In der Begrüßung ging Renée Eve Seehof, Geschäftsführerin des bbw Südhessen, auf das Thema Vielfalt ein und stellte fest, dass Vielfalt Wirklichkeit ist. Aber Renée Eve Seehof fragte anschließend danach, ob sich Vielfalt auch in unseren Werten, in unseren Normen, in unseren Einstellungen und in unserem Zusammenleben widerspiegelt.

Grußwort

Die Grußworte kamen von der Beauftragten der hessischen Landesregierung für Menschen mit Behinderung – Maren Müller-Erichsen und darin wurde deutlich gemacht, das die Frage nach der Haltung eine philosophische Frage ist.

Vortrag 1 – Inklusion als Ethos

Den Vortrag mit dem Titel „Inklusion als Ethos“ hielt Dr. Thomas Ebers (Institut für angewandte Philosophie und Sozialforschung, Bonn). Darin verdeutlichte Dr. Thomas Ebers die Bedeutung der Haltung bei der Umsetzung von Inklusion. Haltung ist ein zentrales Thema. Dr. Thomas Ebers unterschied zu Beginn des Vortrags Integration und Inklusion. Integration ist das Lob der Gleichheit und Inklusion das Lob der Ungleichheit/Vielfalt. Verschiedene Gerechtigkeitstheorien bieten die Grundlage für Inklusion. Nach Ansicht von Dr. Thomas Ebers wird so stark über die Begriffe Integration und Inklusion gestritten, da sich dahinter unterschiedliche Konzepte verbergen. Um die Bedeutung von Begriffen zu verdeutlichen bringt Dr. Thomas Ebers einige Aspekte von John R. Searle an: gesellschaftliche Tatsachen sind nicht gleich Fakten; gesellschaftliche Tatsachen entstehen aus spezifischen sprachlichen Operationen: Deklarativa; Deklarativa bringen das, was der Fall ist selbst erst hervor; mit gesellschaftlichen Tatsachen werden „Hintergrundmächte“, deontische Netze gesellschaftlich verankert. Dr. Thomas Ebers versteht Integration und Inklusion auch als Deklarativa und Inklusion ist nicht zu trennen von der Frage danach, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Diese Frage und die Auseinandersetzung damit hat ein gewisses Störpotenzial und führt zu Verunsicherung.

Anschließend erläuterte Dr. Thomas Ebers den Begriff Ethos, indem auf die Definition von Aristoteles verwiesen wird. Dieser sah dabei Ethos auf drei Ebenen wirken: 1. Sitte, Üblichkeit, Brauch; 2. Handlung; 3. Gewohnheit, charakterliche Verfassung, Haltung. Daneben legte Dr. Thomas Ebers die Ebenen des Index für Inklusion, die genau zu der Aufteilung von Aristoteles passen: 1. Strukturebene (Rahmenbedingungen); 2. Praktiken, Konzepte; 3. Kulturelle Ebene. In beiden Modellen sind alle Ebenen miteinander verwoben und eine Trennung macht nur analytisch Sinn. Leider werden diese Ebenen in der Diskussion oft gegeneinander ausgespielt. Was aber aufgrund der Verwobenheit miteinander im Prinzip keinen Sinn macht.

Daraus folgt auch die Frage, wie Inklusion in einem selektiven Bildungssystem/in einer selektiven, neoliberalen Gesellschaft funktionieren soll? Auch in der Inklusionsforschung, die sich mit Fragen der Leistung und dem gemeinsamen Lernen von Schüler_innen beschäftigt, wird die Leistungslogik nicht durchbrochen. Für dieses „falsche“ Handeln ohne Denken wurden die Begriffe „Inklusionismus“ und „Inklusionslüge“ eingeführt. So kann Inklusion nicht funktionieren. Inklusion erfordert eine Arbeit sowohl an der inneren (persönlichen) als auch an der äußeren (gesellschaftlichen) Verfassung.

Anschließend erläuterte Dr. Thomas Ebers die Bedeutung der Haltung. Haltung soll Halt bieten. Aber wenn die eigene Haltung zur Schranke und Blockade wird und somit eine Hürde für die Umsetzung von Inklusion darstellt, dann wird es kritisch. Einer repräsentativen Umfrage zufolge gaben die Mehrheit der Befragten an, dass die Umsetzung von Inklusion aufgrund der aktuellen Haltung der Menschen scheitert und nicht umgesetzt werden kann.

Abschließend zitierte Dr. Thomas Ebers Theodor W. Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ und ergänzt Adornos Aussage mit der kritischen Anmerkung als Reaktion dazu: „Aber es gibt ein richtigeres Leben im falschen.“ Das transferierte Dr. Thomas Ebers auf das Thema Inklusion: „Es gibt kein inklusives Leben im exklusiven, aber es gibt ein inklusiveres Leben im exklusiven!“. Es kommt also auf die Haltung an.

Poetry Slam – Wortreich & gehaltvoll

Auszubildende des bbw Südhessens trugen ihre eigenen Texte zu verschiedenen Themen vor.

Stark werden – stark sein – starke Vorbilder im Gespräch

An dem Gespräch waren Thomas Kahlau (Mundmaler), Jasmin Ziemann (Moderatorin und Sängerin) und Karine Babayants (InteGREATer e.V.) beteiligt. Moderiert wurde das Gespräch von Mercedes Pascual Iglesias (Journalistin und Redakteurin). In dem Gespräch ging es um die Frage, was Stärke ist, was Menschen stärkt, was sie schwächt und alle Teilnehmer berichteten von konkreten Situationen aus ihrem Leben und teilten einige persönliche Erfahrungen.

Lesung – Die Kraft in mir

Nach einer Kaffeepause las Thomas Kahlau aus dem eigenen Buch „Die Kraft in mir“ vor.

Musikalisches Intermezzo

Jasmin Ziemann sang ein eigenes Lied.

Vortrag 2 – Diversity und Empowerment: Vielfalt als Stärke – Vielfalt stärken

Judy Gummich (Diversity-Beraterin und Trainerin) hielt den zweiten Vortrag der Tagung mit dem Titel „Diversity und Empowerment: Vielfalt als Stärke – Vielfalt stärken“. Die Basis für Inklusion ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Die Menschenrechte sind universell, unteilbar, unveräußerlich und sie bedingen einander. Sie sind begründet in der unbedingten Anerkennung der Menschenwürde und enthalten somit ein Diskriminierungsverbot. Inklusion bedeutet für Judy Gummich die Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind und die entsprechende Veränderung der Rahmenbedingungen/Gesellschaft. Diversity bedeutet Vielfalt, Vielfältigkeit, Unterschiedlichkeit und Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Im Diversity-Ansatz geht es um Wahrnehmen, Achten, Anerkennung, Wertschätzung, Förderung menschlicher Vielfalt. Der Diversity-Ansatz ist Philosophie, Handlungsorientierung, ein Chancengleichheitskonzept, ein ganzheitlicher Prozess, ein Organisations- und Personalentwicklungsinstrument und bezieht sich auf die sogenannten Kern-Dimensionen: ethnische Herkunft/Hautfarbe, Geschlecht, Religion und Weltanschauung, sexuelle Identität, Alter, Behinderung, sozialer/ökonomischer Status. Der Diversity-Ansatz versteht sich dabei als Gestaltung und Gestaltungsbedingung von Gesellschaft.

Abschließend erläuterte Judy Gummich den Empowerment-Ansatz. Empowerment bedeutet Selbstbefähigung, Selbstermächtigung, Stärkung von Autonomie und Eigenmacht, Übertragung von Verantwortung. Der Empowerment-Ansatz hat vier verschiedene Zugänge: einen politischen, einen lebensweltlichen, einen reflexiven und einen transitiven. Das Ziel ist weg vom Objekt und passivem Opfer hin zum Subjekt und zum/zur handelnden Akteur_in zu kommen. Dazu müssen die Machtverhältnisse verändert werden. Judy Gummich machte deutlich, dass es sich beim Empowerment nicht um eine zwangsweise Selbstoptimierung handelt.

Workshop – Diversity trainieren: Ziele, Anwendungsmöglichkeiten und Methoden

Nach der Mittagspause startete die Workshopphase. Ich nahm an dem Workshop „Diversity trainieren: Ziele, Anwendungsmöglichkeiten und Methoden“ von Judy Gummich (Diversity-Beraterin und Trainerin) teil.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde begannen wir mit einem kleinen Einstieg. Im Plenum konnten wir die Sätze „Ich bin heute hier, weil…“, „Ich bin heute hier, obwohl …“ und „Ich bringe heute … ein“ vervollständigen. Anschließend haben wir eine soziometrische Übung gemacht, bei der wir uns zu Sätzen, Fragen, Aussagen an einer Skala, beziehungsweise im Raum positionieren sollten. Dann folgte ein theoretischer Input. Judy Gummich erklärte, dass Vielfalt verschiedene Dimensionen hat – die organisationale Dimension, die äußere Dimension, die innere Dimension und die Persönlichkeit. Darüber hinaus stellte Judy Gummich fest, dass Intersektionalität der Normalfall ist, da wir alle in verschiedenen Dimensionen mit unterschiedlichen Merkmalen vertreten sind, aber dennoch gerät die Intersektionalität immer wieder aus dem Fokus. Es folgte eine Erläuterung darüber, was ein Diversity-Training ist. Im Diversity-Training geht es um die Erweiterung der Diversity-Kompetenz und zwar auf der Haltungsebene, auf der Wissensebene und auf der Handlungsebene. Judy Gummich gibt einen Überblick über die Arbeitsweisen, Methoden, Themen, Inhalte, Ziele und Grundprinzipien von Diversity-Trainings. Diese spielen eine wichtige Rolle in einer Diversity-Gesamtstrategie und ermöglichen ein Innehalten, Reflektieren und Impulse. Zum Abschluss des Workshops haben wir eine Austausch-Übung gemacht, bei der zu zweit 3 Gemeinsamkeiten und 3 Unterschiede gefunden werden sollten. In einem zweiten Schritt sollte dann in der Zweierrunde besprochen und diskutiert werden, welche Kompetenzen, Ressourcen und Fähigkeiten sich aus diesen Gemeinsamkeiten und Unterschieden ergeben.

Musikalisches „Potenzial“

Jonas Knab rappte das eigene Lied „Potenzial“

Tagungsimpressionen und Ausklang mit Street Stomp

Nach einigen Stimmen aus dem Plenum zu der Fachtagung trat die Gruppe Street Stomp mit einer Rhythmus-Show auf.

Diversity-Parcours

Während des ganzen Tages konnte man durch den Diversity-Parcours gehen, welcher von ManuELA Ritz, gemeinsam mit bbw-Teilnehmer_innen entwickelt worden ist und sich sehr sinnlich und anregend auf eine andere Art und Weise mit dem Thema Vielfalt auseinander setzen. Es gab dort auch die Möglichkeit sich von Expert_innen durch den Parcours führen zu lassen und zusätzliche Erklärungen zu erhalten.

Fazit

Ich fand die Veranstaltung sehr interessant. Es gab ein sehr abwechslungsreiches Programm, mit vielen kulturellen Beiträgen, es wurden verschiedene Sinne angesprochen und sich auf verschiedenen Ebenen mit dem Tagungsthema auseinander gesetzt. Die Atmosphäre war sehr nett und sehr angenehm und ich persönlich fand die Veranstaltung sehr gelungen. Es gab viele verschiedene Workshops mit unterschiedlichen Themen. Leider war in der Tagungsplanung die Teilnahme an nur einem Workshop vorgesehen. Da fiel mir die Entscheidung im Voraus schon schwer und ich hätte gerne noch mehr Workshops besucht. Die Vorträge waren für mich ebenso sehr anregend und informativ und es gibt wieder viele neue Aspekte zum Überdenken, Nachdenken, Weiterdenken.

Ist die Forderung nach Inklusion nur eine subjektiv richtige?

Wenn man sich darüber im Klaren ist, dass man in gesellschaftliche und historische Strukturen verwoben ist, dass man geprägt ist durch soziale Kontakte, Bildungssysteme, Erfahrungen, Interaktionen mit der Umwelt, durch ökonomische Bedingungen, Eigenschaften und selbstgewählte und zugeschriebene Zugehörigkeiten, wird es deutlich, dass die eigene Perspektive immer nur eine unter vielen sein kann und niemals universelle Gültigkeit hat.

Wenn ich das nun mit dem Thema Inklusion verknüpfe stellen sich mir die Fragen: Warum ist mir Inklusion wichtig? Warum beschäftige ich mich damit? Warum setze ich mich dafür ein? Warum halte ich Inklusion für richtig und notwendig? Was ist meine Motivation? Und was hat das mit meiner Verstrickung zu tun?

Oder anders herum gefragt: Würde ich, wenn ich anders positioniert wäre, anders auf das Thema Inklusion gucken? Wie wäre dann meine Position zu Inklusion?

Kann ich aufgrund meines gesellschaftlichen Standpunktes nur für Inklusion argumentieren und andere Menschen aufgrund ihres nur gegen Inklusion? Wie viel eigene Anliegen, eigene Interessen liegen in dem Engagement für oder gegen Inklusion? Inwieweit ist die eigene Haltung zum Thema Inklusion determiniert aufgrund der gesellschaftlichen Position?

Ist Inklusion also nur ein subjektives Anliegen aufgrund verschiedener gesellschaftlicher Positionen und Interessen oder ist Inklusion möglicherweise ein objektives Anliegen, welches unter Wegfall der gesellschaftlichen Positionierung und Interessen ebenso als sinnvoll, wichtig und richtig erachtet wird? Das müsste dann begründet werden. Wie aber könnte Inklusion objektiv begründet werden?

Jeder Versuch hier zu argumentieren müsste zum Scheitern verurteilt sein, weil ich Teil der gesellschaftlichen Strukturen bin und daher keine Position außerhalb beziehen kann. Ein objektives Außerhalb zu denken ist, denke ich, unmöglich.

Insofern bediene ich mich an dieser Stelle einem Hilfsmittel – einem Gedankenexperiment. Das Gedankenexperiment heißt „Schleier des Nichtwissens“ und wurde von John Rawls entwickelt. Dieses Experiment ist Teil seiner „Theorie der Gerechtigkeit“. Dieses Gedankenexperiment bewegt sich meiner Einschätzung nach auch nicht wirklich in einem Außerhalb, aber es versucht viele Perspektiven zu berücksichtigen und somit einen Kern heraus zu filtern, auf den sich alle einigen können.

In dem Gedankenexperiment geht es um „eine Art Naturzustand, der so gedacht ist dass niemand weiß, wer er oder sie ist. […] Niemand kennt seine Position in der Gesellschaft, und niemand weiß, wie reich oder arm er ist, wie erfolgreich oder erfolglos, wie gebildet oder ungebildet. Dann neidet niemand dem oder der anderen etwas, niemand hat einen Grund egoistisch zu sein, alle nehmen die gleiche Position bei der Urwahl ein. Sie sind frei, sich vernünftig kooperativ zu verhalten; und deswegen wählen alle als Gleiche und Freie auch gleich und frei. Eine Wahl unter diesen Bedingungen wäre fair. Und man könnte davon ausgehen, dass alle dieselben Prinzipien der Gerechtigkeit wählen würden.“ (Vossenkuhl, SWR2 Aula, 26.12.2013, Manuskript .S. 4)

An dieser Stelle geht es allerdings nicht um die Prinzipien der Gerechtigkeit, sonder darum, ob sich in dieser Urwahl auch für Inklusion entschieden werden könnte. Wenn dem so wäre, dann wäre Inklusion in nach meinem Verständnis etwas objektiv Richtiges und Wichtiges.

Wie würde die Urwahl in Bezug auf Inklusion ausgehen?

Ich habe in diesem Beitrag ein paar meiner Gedanken versucht zu formulieren. Diese sind sicherlich an vielen Stellen unausgereift, zu kurz oder falsch gedacht. Daher würde ich mich sehr über Anmerkungen, Anregungen, Korrekturen, Ergänzungen und Diskussion dazu freuen. Ich verstehe diesen Beitrag eher als Diskussionsanregung, denn als festes Gebilde, zu dem ich sage: „So ist es!“

An dieser Stelle lade ich also herzlich dazu ein, sich darüber Gedanken zu machen und die eigenen Gedanken in den Kommentaren zu teilen und darüber in die Diskussion zu kommen.

Veranstaltungen barrierefrei planen – aber wie?

Inklusion soll auf allen Ebenen umgesetzt werden. Das bedeutet also, dass auch Veranstaltungen so geplant und durchgeführt werden, dass sie für alle Menschen geeignet sind -also in jeder Hinsicht barrierefrei sind. Doch was ist dafür zu bedenken und zu berücksichtigen?

Der Paritätische Hessen hat schon 2013 eine Broschüre herausgegeben, die sich mit diesen Fragen beschäftigt.

„Der Barriere-Checker. Veranstaltungen barrierefrei planen“ gibt viele verschiedene Anregungen für eine barrierefreie Veranstaltung.

Neben drei wichtigen Grundformeln, geht es um die Bereiche Ankündigung und Einladung, Veranstaltungsort, Anreise und Ankunft, Essen und Trinken, Redebeiträge und Präsentationen.

Anschließend wird auf eine Zielgruppen im besonderen eingegangen: Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen mit Sehbehinderung, Menschen mit Körperbehinderungen, Menschen mit Hörbehinderung, Menschen mit psychischen Behinderungen.

Abschließend gibt es noch „Zehn Knigge-Tipps zum respektvollen Miteinander“ und einen Glossar.

Zu jedem der aufgeführten Bereiche ist eine Checkliste zur Übersicht beigefügt, so dass alle wichtigen Hinweise nochmal auf einen Blick greifbar sind und so die Planung und Durchführung einer barrierfreien Veranstaltung erleichtern.

Fazit

Die Broschüre gibt meiner Ansicht nach einen guten Überblick, was für eine barrierefreie Veranstaltung zu berücksichtigen ist. Durch die Checklisten hat man das Wichtigste auf einem Blick. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass es eine ganze Menge ist, was es zu  bedenken gibt und irgendwie scheint es eine riesige Herausforderung zu sein und es wirkt erst einmal etwas abschreckend auf mich. Die Checklisten erleichtern das dann vielleicht wieder ein bisschen und sicherlich macht es die Routine dann auch einfacher… Also einfach machen! 🙂

Hier geht es zu der Broschüre.

“All inclusive?”–Fachtagung der DGfE–ein Veranstaltungsbericht

Am 30. und 31. Oktober 2016 fand in Berlin eine Fachtagung der DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) mit dem Titel “All inclusive?” Inklusion als Herausforderung für die Erziehungswissenschaft statt. Hier geht es zu dem Programm der Fachtagung.

DGfE

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte der Fachtagung, die mir besonders wichtig erscheinen. Dieser Bericht ist also, wie immer, sehr subjektiv und beansprucht daher inhaltlich keine Vollständigkeit.

TAG I

Begrüßung und Eröffnung

Die Veranstaltung wurde von Prof. Dr. Hans-Christoph Koller eröffnet. Prof. Dr. Koller stellt fest, dass die Erziehungswissenschaft in der bisherigen Diskussion über Inklusion eine untergeordnete Rolle gespielt hat und eine Beteiligung darum dringend erforderlich ist. Der Begriff Inklusion ist ein sehr umstrittener Begriff und wird von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich verstanden. Die Erziehungswissenschaft muss sich fragen, was sie im Rahmen von Wissenschaft und im Rahmen von Ausbildung zur Inklusion und zu der Diskussion beitragen kann.

Inklusion – Querschnittsthema für die Erziehungswissenschaft?

Prof. Dr. Rolf Werning hielt den ersten Vortrag der Fachtagung. Prof. Werning machte deutlich, dass es sich bei dem Diskurs zum Thema Inklusion um einen internationalen Diskurs handelt und das dieser nicht nur auf nationaler Ebene geführt wird. Ebenso stellt er fest, dass es eine anhaltende Diskussion über den Begriff der Inklusion gibt, also was darunter zu verstehen ist. Geht es um Behinderung als Kategorie oder um alle Dimensionen von Vielfalt? Schon diese Frage wird unterschiedlich beantwortet. Prof. Dr. Werning beschreibt Inklusion als ein unspezifisches, wenig konkretes Konzept, dass aber einen umfassenden Anspruch hat. Doch warum ist Inklusion so ein wirkmächtiges Thema geworden? Liegt in dem Unkonkreten die hohe Anschlussfähigkeit von Inklusion begründet? Der Gedanke von Inklusion ist kein neuer. Alle an Bildung partizipieren zu lassen zieht sich als Ziel durch viele Stellungnahmen, Positionspapiere und Erklärungen der vergangenen Jahrzehnte. Ebenso für Inklusion interessant ist das Mehrebenenmodell zur Integration von Helmut Reiser. Die Umsetzung von Integration und auch von Inklusion findet auf vier verschiedenen, miteinander in Beziehung und Abhängigkeit stehenden Ebenen statt: individuelle Ebene, interaktionale Ebene, institutionelle Ebene, gesellschaftliche Ebene. Inklusion ist eine radikale Frage an Bildungssysteme nach dem Umgang mit Differenz und Diskriminierung. Prof. Dr. Werning vertritt die Auffassung, dass eine Schule in einer heterogenen Umgebung diese Hetergenität auch aufgreifen können muss. Anschließend stellt Prof. Dr. Werning einige Diskurse im Kontext von Inklusion vor. Eine Form ist der ethische und menschenrechtsbasierte Diskurs. Dieser begründet Inklusion ethisch und in Bezug auf die Menschenrechte. Ein anderer Diskurs ist einer mit dem Fokus auf der Wirkung von Inklusion. Also die Frage danach, wie wirkt sich Inklusion auf die Menschen aus, z.B. im System Schule. Zwischen diesen beiden Diskursen besteht ein Widerspruch, denn Menschenrechte können und dürfen nicht versucht werden empirisch abgesichert zu werden. Insgesamt gibt es eine Vielfalt der inklusionsdiskurse und daher steht die Frage im Raum nach dem “anything goes?” – also was bedeutet das in der Konsequenz? Was kann unter dem Deckmantel von Inklusion umgesetzt werden, wenn die Diskurse so vielfältig sind? Ist dann auch alles möglich? Darüber hinaus sieht Prof. Dr. Werning in der Diskussion über Inklusion sowohl einen sonderpädagogisch orientierten als auch einen organisationsentwicklungsorientierten Diskurs. Bei dem sonderpädagogisch orientierten Diskurs liegt der Fokus auf den Individuen. Die Menschen mit erschwerten Bildungs- und Erziehungsbedingungen stehen im Mittelpunkt der Betrachtung und es wird geprüft, welchen Förderbedarf sie haben. Dadurch entstehen verschiedene Widersprüche, so dass separierende Strukturen und Sprache bestehen bleiben (z.B. Inklusionsklassen, Inklusionskinder) oder es zu einer exklusiven Inklusion kommt. Der organisationsentwicklungsorientierte Diskurs richtet den Fokus auf die Bildungsinstitutionen und auf deren Fähigkeit mit Vielfalt umzugehen. Dafür ist der Index für Inklusion ein geeignetes Hilfsmittel. In diesem Diskurs steckt für Systeme ein hohes Innovationspotenzial. Prof. Dr. Werning versteht Inklusion als Minimierung von Diskriminierung und Ausgrenzung und als Maximierung sozialer Partizipation. Die Sonderpädagogik als Profession ist wichtig und richtig, aber sonderpädagogische Diskurse sind kein Teil des Inklusionsdiskurses. Ebenso wenig, wie die von anderen Spezialdisziplinen (z.B. zu den Themen Gender, Kultur, etc.). Die Sonderpädagogik ist somit auch nicht der Hauptbestandteil der Umsetzung von Inklusion.

An den Vortrag von Prof. Dr. Rolf Werning anschließend referierte Prof. Dr. Anja Tervooren. Prof. Dr. Tervooren versteht Inklusion als eine Beschreibung des Verhältnisses von Allgemeinen und Besonderen. Dieses Verhältnis ist ein Grundproblem der Pädagogik und die Debatte rund um das Thema Inklusion verhandelt das gleiche Grundproblem mit einem andern Gewand. Die Normativität der Pädagogik, ihre Grundannahmen und Normen müssen betrachtet und analysiert werden. Ebenso wie die Voraussetzungen für Partizipation. Damit einhergehend muss der Autonomiebegriff auf den Prüfstand gestellt werden. Der Blick muss vom Allgemeinen her auf die Dinge gerichtet werden. Die Kategorie Behinderung sollte ebenso wie andere Differenzkategorien selbstverständlich in der Erziehungswissenschaft mit beachtet und mitgedacht werden. Das Thema Inklusion ist an allen Stellen zu implementieren. Das heißt auch, dass eine Fokussierung auf den schulpädagogischen Diskurs aufgebrochen werden muss. Ebenso wie Prof. Dr. Werning sieht es auch Prof. Dr. Tervooren, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema Inklusion ohne eine sonderpädagogische Schwerpunktsetzung nötig ist.

Nach diesem Vortrag kamen im Plenum diverse Fragen auf. So z.B.: Was ist das Allgemeine an dem wir uns orientieren? Schließen wir damit das Besondere in Teilen aus? und: Inwieweit muss das Besondere in der Betrachtung des Allgemeinen berücksichtigt werden?

Erziehungswissenschaftliche Befunde zur Frage der Inklusion – Inputs aus aktueller Forschung

Prof. Dr. Birgit Lütje-Klose stellte in ihrem Beitrag einige Ergebnisse der BiLieF-Studie (Bielefelder Längsschnittstudie zum Lernen in inklusiven und exklusiven Förderarrangements) vor. Anschließend zitierte Prof. Dr. Hans Anand Pant einige Ergebnisse der IQB-Studien. Prof. Dr. Clemens Hillenbrand machte danach deutlich, dass die empirisch-quantitative Forschung nicht über denn Sinn oder Unsinn der Implementierung von Inklusion diskutiert, also kein Hilfsmittel zur Legitimation oder deren Delegitimierung ist. Inklusion an sich ist gesetzt und die Forschung hat die Aufgabe zu prüfen, welche Wirkung bestimmte pädagogische Maßnahmen haben. Prof. Dr. Hillenbrand macht drei Ebenen der Qualität von Inklusion aus empirischer Perspektive fest: access (Zugang), participation (Teilhabe) und supports (Unterstützung).

In der anschließenden Diskussion kamen Fragen wie: Warum befinden wir uns noch immer in der Phase der Legitimation von Inklusion? Warum gibt es keine Legitimationspflicht der Exklusion? Woran erkennen wir gelingende und gelungene Inklusion? Prof. Dr. Anand Pant vertrat in dieser Diskussion die Auffassung, dass wir, wenn wir die Figur der Individualisierung stärken, keine Differenz-Kategorien mehr brauchen.

Was wissen wir eigentlich über Inklusion?

An dieser Einheit habe ich nicht teilgenommen und kann daher auch nicht darüber berichten.

TAG II

Erziehungswissenschaftliche Inklusionsforschung? Forschungsperspektiven und –bedarfe

M.Ed Melanie Radhoff und Dr. Christiane Ruberg haben einige Ergebnisse ihrer Analyse zur Veränderung der Lehramtsausbildung mit Blick auf das Thema Inklusion vorgestellt. Beide verstehen Inklusion als grundlegende Auseinandersetzung zum Umgang mit Heterogenität und haben festgestellt, dass es in einigen Bundesländern inzwischen integrierte Studiengänge gibt, dass das allgemeine Lehramtsstudium mit einem sonderpädagogischen Studium gekoppelt wird. Ebenso konnten sie feststellen, dass es in einigen Bundesländern einen Ausbau der sonderpädagogischen Studiengänge gibt und es weiterhin deutlich wird, dass sich inhaltlich stark auf sonderpädagogische Inhalte und Themen fokussiert wird. Dabei ist zu diskutieren, ob es sich bei dieser letzten Tendenz um eine Sonderpädagogik light oder im eine Etappe im Kontext allgemeiner Emanzipationsbewegungen handelt.

Es wird die Frage gestellt, wie ein inklusiver/inklusionsorientierter Studiengang aussehen würde? Welche Fähigkeiten und Kompetenzen müssen darin vermittelt werden?

Prof. Dr. Michael Grosche konstatiert ein diffuses Inklusionsverständnis und stellt darüber hinaus fest, dass es einfacher zu sagen ist, was nicht Inklusion ist, statt was Inklusion ist. Diese Unklarheiten in Bezug auf Inklusion erschweren die Forschung, da der Forschungsgegenstand ungenau ist. Prof. Dr. Grosche sieht, dass die Sonderpädagogik und Erziehungswissenschaft viele relevante Kompetenzen für Inklusion besitzen aber diese nicht alleine umsetzen können.

Prof. Dr. Markus Dederich hebt hervor, dass die unterschiedlichen Verständnisse von Inklusion nicht aufgelöst werden können, sondern kenntlich gemacht werden müssen. Antinomien und Widersprüche gehören zur Pädagogik und Inklusion funktioniert diesbezüglich wie eine Lupe und verdeutlicht diese Widersprüche. Das muss ausgehalten werden. Darüber hinaus ist es wichtig zu beachten, dass wenn der Forschungsgegenstand unklar ist, dann bleiben auch die Ergebnisse unklar. Daher ist mehr Theorie nötig, denn Forschung konstituiert den Gegenstand stets mit. Der Einfluss, den Forschung auf den Gegenstand hat muss reflektiert werden. Ein Problem sieht Prof. Dr. Dederich darin, dass Inklusion als Prinzip nicht in Frage gestellt wird, obwohl Wissenschaft ergebnisoffen sein und bleiben muss. Ebenso macht er deutlich, dass Gleichbehandlung und Ungleichbehandlung (z.B. in der pädagogischen Praxis) in der Balance gehalten werden müssen, denn beide können Gleichheit und Ungleichheit vergrößern und minimieren.

Inklusion in der akademischen Ausbildung – Perspektive und Bedarfe im erziehungswissenschaftlichen Studium und in der LehrerInnenbildung. Ein Rundgespräch.

Prof. Dr. Thomas Häcker versteht die Frage nach dem Umgang mit Heterogenität als schulkonstituierend und sie beschreibt das Kerngeschäft der Schulpädagogik. Dieser Diskurs wurde durch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen intensiviert. Für die Professionalisierung spielt die Reflexivität eine große Rolle. Unterricht, Methoden Didaktik, Schulstrukturen, Schulkulturen müssen analysiert und ggf. verändert werden. Dafür müssen Studierende das Handwerkszeug erhalten.

Prof. Dr. Susanne Miller sieht, das der Umgang mit und Fragen zu Heterogenität eine wichtige Rolle im Studium spielen. Lehrer_innen sollen so ausgebildet werden, dass sie sich für alle Kinder und Jugendlichen qualifiziert und zuständig fühlen.. Daher muss eine Pädagogik für Alle entwickelt werden.

Prof. Dr. Maria-Luise Braunsteiner beschrieb die bildungspolitischen Veränderungen der letzten Jahre in Österreich. Dort hat eine Inklusive Pädagogik die Sonderpädagogik ersetzt.

In der anschließenden Diskussion wurden z.B. folgende Fragen gestellt: Können Universitäten mit den gegebenen Strukturen, unter den gegebenen Bedingungen Profis für Inklusion ausbilden? Reichen radikale Heterogenisierung und Individualisierung aus, um den Herausforderungen in Bezug auf das Thema Inklusion gerecht zu werden? Oder müssen partikuläre Gruppeninteressen wieder mehr in den Fokus rücken?

Fazit

Ich persönlich fand diese Fachtagung sehr interessant. Sie hat das Thema Inklusion aus einer für mich anderen Perspektive betrachtet und sowohl die Vorträge als auch die Diskussionen waren sehr anregend und informativ. Es wurde deutlich, dass an viele Forschungen, Theorien und Ideen der Vergangenheit angeknüpft werden kann, aber ebenso auch noch viel Arbeit, Diskussionen und Auseinandersetzungen gegenwärtig und zukünftig notwendig sind. Leider konnte ich an einigen Stellen inhaltlich nicht ganz folgen (z.B. wenn es um empirische Methoden und Ergebnisse ging und ein gewisses Grundverständnis vorausgesetzt wurde), beziehungsweise ging es mir da etwas zu schnell. Ebenso fand ich es schade, dass die Fachtagung nur so kurz war (ein Nachmittag/Abend und ein Vormittag). So konnten viele Themen und Diskussionen nur angerissen oder angestoßen aber in diesem Rahmen nicht weiter vertieft werden. Dennoch fand ich die Veranstaltung sehr gelungen und für mich sehr bereichernd und es hat sich für mich wirklich gelohnt daran teilzunehmen.