„Auf dem Weg zur Inklusion. Ein Arbeitsbuch“ des AWO Bundesverbandes e.V.

Arbeitsbuch AWO

Der AWO Bundesverband e.V. hat 2014 ein Arbeitsbuch veröffentlicht, das auf dem Weg zur Inklusion Anregungen, Ideen und Unterstützung geben möchte. Entstanden ist das Arbeitsbuch aus dem AWO Weiterbildungsprojekt „InDuBi – Inklusion durch Bildung“.

Das Arbeitsbuch ist in die Bereiche Wissen, Inklusion.Check, Handlungsfelder, Methoden, und Wissen unterteilt.

Im Folgenden stelle ich das Arbeitsbuch „Auf dem Weg zur Inklusion“ kurz vor.

Wissen

  1. Warum ein Arbeitsbuch Inklusion für die AWO?

Ausgehend von der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen muss ebenso „der Bereich der sozialen Arbeit […] mit dem Ziel weiterentwickelt werden, für alle Menschen Zugang sowie Mitbestimmung und Teilhabe zu gewährleisten“ (S. 7) Auch die AWO möchte sich diesen Herausforderungen stellen und mit „diesem Arbeitsbuch Inklusion soll ein Beitrag dazu geleistet werden, Unklarheiten zu klären. Der Begriff Inklusion soll mit Inhalten gefüllt werden, die in konkreten Handlungsfeldern Stück für Stück umgesetzt werden können und müssen.“ (ebd.) Dabei bietet das Arbeitsbuch auf verschiedenen Ebenen Unterstützung und Anregungen an.

  1. Wie kann dieses Arbeitsbuch genutzt werden?

In dem Arbeitsbuch befinden sich Diskussionsanregungen, Impulse für Auseinandersetzungen, konkrete Materialien zur Analyse und Entwicklung, Methodenvorschläge für einzelne Stufen. Wichtig ist, „dass das Arbeitsbuch als mitlernende Arbeitshilfe verstanden und genutzt wird“ (S. 10), also die darin enthaltenden Angebote an die eigene Arbeit angepasst werden können und sollen.

  1. Inklusion – Wohin wollen wir? Eine kleine Geschichte einer großen Vision

In diesem Kapitel wird eine Vision von Inklusion in 40 Jahren als Geschichte präsentiert. Diese kann als Einstieg in die Auseinandersetzung genutzt werden.

  1. Inklusion – was ist das eigentlich?

In diesem Abschnitt wird erläutert, was unter Inklusion verstanden wird und welche Konsequenzen es für die Gesellschaft hat. „Jede*r ist auf ihre*seine Art und Weise einzigartig und Teil der Vielfalt. In der Konsequenz heißt dies, dass alle Menschen dabei sein, mitwirken und mitentscheiden können. Daraufhin müssen bauliche, kommunikative, ökonomische, strukturelle sowie fachliche Rahmenbedingungen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens geprüft und entsprechend weiterentwickelt werden.“ (S. 14) Dabei wird Inklusion als Prozess verstanden, der an viele in der Praxis schon bekannte Ansätze, wie z.B. „Gemeinwesenarbeit, […] Gender-Mainstreaming, […] interkulturelle Öffnung, Lebenslagenkonzepte und […] Empowerment“ (S. 15) anknüpfen kann. „Der inklusive Prozess in Einrichtungen und Diensten muss immer drei Dimensionen in Betracht ziehen, die untrennbar miteinander verzahnt sind: Kultur, Struktur und Handlungspraxis“ (S. 16).

Inklusion.Check

  1. Check – Wo sind wir jetzt?

Der Inklusions.Check ist ein aus 45 Fragen bestehender Fragenkatalog der bei der Analyse des gegenwärtigen Zustandes und des sich daraus ergebenden Handlungsbedarfes unterstützen möchte. Im Check werden alle drei Ebenen (Kultur, Struktur, Handlungspraxis) betrachtet und mehrere Fragen des Checks sind zu Handlungsfeldern gebündelt, die im Folgenden weiter untersetzt sind.

Handlungsfelder

  1. Handlungsfelder des inklusiven Prozesses – Und was heißt das im Einzelnen?

In diesem Bereich der Arbeitshilfe gibt es zu verschiedenen Handlungsfeldern eine Erläuterung, vertiefende Fragestellungen, Praxisbeispiele, Methoden und Hinweise zum Vertiefen mit denen gearbeitet werden kann. Das Kapitel ist in folgende Handlungsfelder unterteilt:

Reflexion/Haltung, Ressourcen- und Bedarfsorientierung, Partizipation, Empowerment, Zugänglichkeit, Abbau von Diskriminierung und Ausgrenzung, Zusammenarbeit, Vernetzung, Rahmenbedingungen

Methoden

  1. Methoden – Und wie?

In diesem Kapitel werden hilfreiche Methoden für den Inklusionsprozess vorgestellt. Dafür gibt es eine Methodenübersicht, die alle in dem Arbeitsbuch enthaltenen Methoden auflistet und daran anschließend werden noch einige Methoden vorgestellt, die die Bearbeitung des Inklusion.Check erleichtern und strukturieren sollen.

Wissen

Nach einem Glossar mit Worterklärungen, die einige in dem Arbeitsbuch verwendete Begriffe erläutern folgen viele weitere Materialien zum Weiterarbeiten (z.B. die Dortmunder Erklärung der AWO, ein Inklusionsfahrplan, Arbeitsmaterialien in Leichter und in Einfacher Sprache, Materialien zu den aufgeführten Methoden, Literatur und Arbeitsmaterialien).

Am Ende des Arbeitsbuches werden die verwendeten Quellen aufgeführt und es schließt mit den Danksagungen.

Mein Fazit

Das Arbeitsbuch „Auf dem Weg zur Inklusion“ des AWO Bundesverband e.V. ist eine gelungene Arbeitshilfe für den Inklusionsprozess. Neben einigen theoretischen Erläuterungen werden viele konkrete Hilfsmittel vorgestellt, die den Prozess strukturieren und unterstützen können. Dadurch wird das komplexe Thema Inklusion handhabbarer und greifbarer gemacht. Sehr schön und ansprechend finde ich persönlich, dass das Arbeitsbuch ein Ringhefter ist, aus dem Seiten schnell ausgeheftet und neue Seiten eingeheftet werden können, was dem eigenen Anspruch „eine mitlernende Arbeitshilfe“ (s.o.) zu sein, gerecht wird. Insofern kann ich dieses Arbeitsbuch sehr empfehlen.

Weitere Informationen zur Bestellmöglichkeit des Arbeitsbuches gibt es hier.

Hier finden Sie Informationen zu dem Projekt „InDuBi“.

Haben Sie schon Erfahrungen in der Arbeit mit dem Arbeitsbuch „Auf dem Weg zur Inklusion“ des AWO Bundesverband e.V. gesammelt? Wie bewerten Sie es?

Wie kann eine inklusive Haltung aussehen?

Der Versuch einer Annäherung mit Hilfe des Anti-Bias-Ansatzes.

Hier geht es zur Text-Version zum (Nach-)Lesen.

Ich freue mich über Feedback, Anregungen, Gedanken, Ideen, Kritik, …

Quellennachweis/verwendete Literatur:

Aktion Mensch: https://www.aktion-mensch.de/themen-informieren-und-diskutieren/was-ist-inklusion?et_cid=28&et_lid=86206 – zuletzt aufgerufen am 21.10.2015.

Gramelt, Katja (2010): Der Anti-Bias-Ansatz. Zu Konzept und Praxis einer Pädagogik für den Umgang mit (kultureller) Vielfalt. Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden.

Hahn, Jetti; Kübler, Annette; Konzi, Nele (2012): Mit dem Anti-Bias-Ansatz die „Rolle vorwärts“ wagen! Oder: Warum es so wichtig ist, bei sich selbst anzufangen.

http://www.situationsansatz.de/files/texte%20ista/fachstelle%20kinderwelten/kiwe%20pdf/LS_60_12_42-45_Anti_Bias.pdf – zuletzt aufgerufen am 23.10.2015.

Herdel, Shantala: Was ist Anti-Bias? http://www.anti-bias-werkstatt.de/sites/default/files/public/Downloads/3%2BWas%2Bist%2BAB.pdf – zuletzt aufgerufen am 22.10.2015.

Hinz, Andreas (2012): Inklusion – historische Entwicklungslinien und internationale Kontexte. In: Hinz, Andreas; Körner, Ingrid; Niehoff, Ulrich (Hrsg.): Von der Integration zur Inklusion. Grundlagen – Perspektiven – Praxis. Lebenshilfe Verlag. Marburg. S.33-52.

Inklusionswege.de: http://inklusionswege.de/einige-gedanken-rund-um-das-thema-inklusion/ – zuletzt aufgerufen am 21.10.2015.

Leidmedien: http://leidmedien.de/sprache-kultur-und-politik/inklusion-was-heisst-das/ – zuletzt aufgerufen am 21.10.2015.

Schwärzer, Constanze: Anti-Bias: Mit Vorurteilen und Macht bewusst umgehen – aktiv gegen Diskriminierung vorgehen. Ein Beitrag aus der Bildungsarbeit. http://www.constanzeschwaerzer.de/wordpress/wp-content/uploads/Schw%C3%A4rzer_Anti-Bias.pdf –zuletzt aufgerufen am 22.10.2015.

Sulzer, Annika (2013): Inklusion als Werterahmen für Bildungsgerechtigkeit. In: Wagner, Petra (Hrsg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Herder.Freiburg im Breisgau. S. 12-21.

Trisch, Oliver (2013): Der Anti-Bias-Ansatz. Beiträge zur theoretischen Fundierung und Professionalisierung der Praxis. ibidem-Verlag. Stuttgart.

Wagner, Petra (2013): Vielfalt respektieren, Ausgrenzung widerstehen – aber wie kann man das lernen? Konzepte und Praxis der Aus- und Fortbildung. In: Wagner, Petra (Hrsg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Herder. Freiburg im Breisgau. S. 242-259.

 

Einige Begriffsüberlegungen

Immer wieder tauchen in der Diskussion und Berichterstattung über Inklusion sprachliche Konstruktionen auf, die aus meiner Sicht entweder am Kern von Inklusion vorbei gehen oder aber das aktuelle Wesen der Umsetzung von Inklusion verraten. An dieser Stelle möchte ich einige Gedanken dazu formulieren und erläutern, warum diese Begriffe aus meiner Sicht problematisch sind.

  1. Inklusionskinder

Der Begriff Inklusionskinder wird seit einiger Zeit als Ersatz für Integrationskinder benutzt. Die damit bezeichneten Kinder bleiben die gleichen. Die daraus resultierenden Angebote/Konsequenzen höchst wahrscheinlich auch. Somit wird Inklusion mit Integration gleichgesetzt, mögliche Unterschiede werden nicht berücksichtigt, es wird auf den aktuellen Trend reagiert – Inklusion ist der aktuellere Begriff, der derzeit „richtige“ Begriff und deshalb bleibt die bisherige Logik bestehen und nur die Bezeichnung wird verändert. Doch das geht am eigentlichen Kern von Inklusion vorbei. Ebenso wie bei dem nächsten Konstrukt

  1. Inklusion von Kindern/Schüler_innen

Der Satzbaustein „Die Inklusion von Kindern/Schüler_innen“ endet in unterschiedlicher Weise. Meist wird noch ein „mit Behinderungen“, heran gehangen, und dann ist sie in manchen Fällen „gelungen“ in anderen Fällen „gescheitert“. Auch hier gibt es meines Erachtens nach eine falsche Grundannahme, die sich ebenfalls in dem Begriff „Inklusionskinder“ zeigt. Und zwar wird das Individuum in den Fokus der Betrachtung gestellt. Das ist an sich erst einmal nichts Schlechtes und auch bei Inklusion geht es darum, die Menschen in ihrer Individualität und Vielfalt zu sehen und wertzuschätzen. Aber es darf nicht auf der Ebene bleiben. Denn der eigentliche Kern von Inklusion, jedenfalls verstehe ich es so, ist doch die Betrachtung der Systeme. Wie sehen die Strukturen, wie sehen die Angebote, wie sehen die Materialien aus? Wie wird gesprochen? Wer wird angesprochen? Wird abgebildet? Wer ist repräsentiert? Wer wird mitgedacht? Wodurch werden Menschen ausgeschlossen? Das heißt, die Betrachtung richtet sich ausschließlich auf die Systeme. Dazu ist es natürlich notwendig, die Dimensionen von Vielfalt und ihre Spezifika zu kennen. Aber sie müssen dann in ihrem Miteinander-verschränkt-sein betrachtet werden und es ist dann die Frage danach zu stellen, wie muss das System gestaltet sein? In der Verschränkung von Inklusion und einer Zielgruppe, besteht zum einen die Gefahr, dass der Fokus auf die Zielgruppe und weg vom System rutscht und zum anderen wird die Person oder Personengruppe auf ein Merkmal/eine Eigenschaft reduziert und die Tatsache, dass Menschen viele unterschiedliche Merkmale, viele unterschiedliche Eigenschaften haben und zu vielen unterschiedlichen selbstgewählten und zugeschriebenen Gruppen gehören, wird dabei nicht berücksichtigt. Wenn es also bspw. heißt: „Inklusion behinderter Schüler in Bayern mangelhaft“, dann werden die genannten Schüler ausschließlich auf ihre Behinderung reduziert, vernachlässigt wird dabei aber, dass sie auch eine Geschlechtszugehörigkeit haben, eine Sexualität, eine Hautfarbe, eine Religion oder Weltanschauung, einen sozialen Status, etc. In dieser Logik verbleibend wäre dann zu fragen, ob denn dann die Inklusion z.B. von Mädchen, von homosexuellen Jugendlichen, von Schwarzen Kindern, von muslimischen Kindern, von armen Kindern gelungen ist? Und kann dann ein und dieselbe Person in einem System in Bezug auf z.B. ein Merkmal inkludiert sein und in Bezug auf ein anderes nicht? An dieser Stelle wird es irgendwie absurd.

Und nach meinem Verständnis ist es die falsche Frage. Es kann nicht darum gehen, danach zu fragen, welche „Gruppe“ denn schon inkludiert worden ist und bei welcher „Gruppe“ es noch nicht gelungen ist. Denn das Konzept dieser „Gruppe“ ist fragwürdig, denn Zugehörigkeiten, Merkmale und Eigenschaften überschneiden sich, sind miteinander verschränkt und Personen, die zu einer „Gruppe“ gehören, die ggf. das gleiche Merkmal teilen, gehören automatisch auch zu anderen Gruppen. Insofern verrät die Frage danach, die dahinterstehende, gedachte Eindimensionalität der Betrachtung.

Insofern ist es wichtig, darauf zu achten, welche Begriffe benutzt werden, was für Konzepte und Verständnisse dahinter stehen (können) und selber nicht in bestimmte Fallen zu tappen.

Was ist Ihre Position zu den oben genannten Begriffen? Und welche problematischen Wörter und Konstrukte in Bezug auf Inklusion fallen Ihnen ein?