Was haben Museen mit Kinder- und Jugendhilfe zu tun?

Am 08. Februar 2016 fand im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums in Berlin eine Diskussion mit dem Titel „Inklusion = Banalisierung? Ein Streitgespräch über inklusive Museen“ statt.

Ich persönlich fand diese Veranstaltung deshalb interessant, weil es im Kern um die Frage der Vermittlung von Themen, Gegenständen etc. geht. Im Kontext Museum ist es z.B. die Frage danach, wie Kunstgegenstände, also u.a. Gemälde oder Skulpturen für alle Menschen zugänglich gemacht werden können oder aber auch die Frage danach, wie Geschichte so vermittelt werden kann, dass sie von allen rezipiert werden kann. Im Kontext von Kinder- und Jugendhilfe ist die Frage danach, wie Themen oder Gegenstände vermittelt werden können ebenso von großer Bedeutung – z.B. in der Kita, im der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, in der Schulsozialarbeit und so weiter. Daher gibt es aus meiner Sicht viele interessante Aspekte, die im Kontext von Inklusion im Museum diskutiert werden, die auch für Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe von Bedeutung sind. Natürlich spielen auch (bauliche) Zugangsbarrieren eine große Rolle. An dieser Stelle möchte ich mich allerdings auf das Thema der Vermittlung von Themen und evtl. Gegenständen beschränken.

Die folgenden nun von mir genannten Aspekte bauen auf einigen Punkten auf, die in der Diskussion über inklusive Museen eine Rolle spielten. Ich versuche die Gedanken gleich in den Kontext der Kinder- und Jugendhilfe zu transferieren und ein wenig weiter zu denken.

Eine wichtige Frage in diesem Kontext ist die, worauf der Fokus bei der Konzeptionierung von Angeboten gelegt werden soll. Liegt der Fokus auf dem Ziel des Angebots oder liegt der Fokus auf der Frage nach der Zielgruppe? Was soll mit dem Angebot erreicht werden, was soll z.B. gelernt werden und dann wird von dieser Frage ausgehend das Angebot gestaltet (Zielfokussierung). Wen soll das Angebot ansprechen, für wen ist es gedacht und darauf aufbauend wird dann ein Angebot konzipiert (Zielgruppenfokussierung). Ist also die Frage wofür/zu welchem Zweck entscheidender oder die Frage für wen es ist? Muss man sich für einen von beiden Ausgangspunkten entscheiden? Oder ist es auch möglich beide Ausgangspunkte zu verknüpfen? Müssen vielleicht sogar beide Ausgangspunkte verknüpft werden? Gibt es vielleicht weitere Ausgangspunkte die gewählt werden könnten?

Müssen dabei vielleicht auch verschiedene Lernformen und Bildungsformen unterschieden werden? Also können oder müssen unterschiedliche Bildungsformen auch unterschiedliche Ausgangspunkte haben? So verfolgt intentionale Bildung immer einen Zweck und somit spielt auch die Frage danach, was dabei gelernt werden soll eine große Rolle. Insofern macht es hierbei wohl Sinn, vom Ausgangspunkt der Zielfokussierung zu starten und sich dann zu überlegen, wie dieses Ziel für alle erreicht werden kann.

Ein weiterer Aspekt ist die Pluralisierung von Zugängen. Zugänge zu einem Thema müssen pluralisiert werden, da diese Zugänge zu einem Thema immer sehr individuell sind. Das bedeutet, dass sich einem Thema nicht nur auf eine (vorgegebene) Weise genähert werden kann, sondern von vornherein schon verschiedene Möglichkeiten des Zugangs mitgedacht oder auch spontan möglich gemacht werden müssen. Daran knüpft auch die Frage danach an, wie unterschiedliche Zugänge gewertet werden – gibt es richtige und sinnvolle Zugänge und somit auch falsche und weniger sinnvolle? Oder sind alle Zugänge richtig. Und wie können unterschiedliche Zugänge im Kontext von Kinder- und Jugendhilfe, z.B. in der Kita, in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit oder in der Schulsozialarbeit realisiert werden?

Wichtig ist auch die Frage nach der Form der Vermittlung – ist sie hierarchisch oder dialogisch? Und in welchem Setting ist sie wie und muss sie da so sein oder könnte sie auch anders sein? Und warum ist bisher so? Welche Machtstrukturen spielen da eine Rolle und für wen ist das warum wichtig, dass es bislang so ist? Oder macht es inhaltlich Sinn?

Ich finde diese ganzen Fragen und Aspekte sehr interessant und sie bieten meines Erachtens nach eine gute Diskussions- und Reflexionsgrundlage für die eigenen Angebote. Für mich persönlich steht da die Frage des Sozialen Lernens im Rahmen von Schulsozialarbeit im Zentrum der Betrachtung. Also was heißt das für Soziales Lernen? Wie muss Soziales Lernen gestaltet sein? Wie müssen die Themen des Sozialen Lernens aufbereitet und vermittelt werden? Wie sehen unterschiedliche Zugänge zu Themen des Sozialen Lernens aus? Und wie können diese realisiert werden? Was sind die konkreten Ziele der Angebote des Sozialen Lernens? Was sollen die Kinder/Jugendlichen lernen? Wie kann Soziales Lernen so gestaltet sein, dass alle Kinder/Jugendlichen gleichberechtigt daran teilhaben können? Und funktioniert die Vermittlung von Sozialem Lernen hierarchisch oder dialogisch?

Die Diskussion im Zeughauskino hat mir einige Impulse gegeben. Deutlich wurde bei der Veranstaltung allerdings auch, dass der Begriff von Inklusion nach wie vor sehr unklar und oft schwammig bleibt. Also wovon reden wir, wenn wir von Inklusion sprechen? Und ein für mich spannender Punkt war einer, der eher nebenbei bei der Frage danach fiel, was das Ziel von Inklusion soll. Handelt es sich bei Inklusion um Kommunismus? Die Antwort von Prof. Dr. Wolfgang Ulrich (Freier Autor, Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler) lautete sinngemäß, dass Inklusion bedeutet, dass mehr Menschen am Wettbewerb teilnehmen können. Eine interessante Einschätzung, die wieder zu einem kritischen Einwand zur Inklusion führt, nämlich dass es sich bei Inklusion um ein neoliberales Projekt handelt (und darum aus bestimmten Perspektiven heraus abzulehnen ist).

Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat sich auf den Weg in Richtung Inklusion gemacht und hat die Ausstellung „Alltag Einheit“ unter inklusiven Gesichtspunkten konzipiert und wird auch in weiteren Ausstellungen diesen Blickwinkel beibehalten. Ich werde mir auf jeden Fall eine inklusiv gestaltete Ausstellung ansehen, um mir weitere Anregungen für meine eigene (Sozial-)Arbeit zu holen.

1 Jahr inklusionswege.de – Zeit für einen Rück- und einen Ausblick

1-Jahr-Inklusionswege.jpgDas Thema Inklusion ist für mich eine Herzensangelegenheit. Dabei umfasst der Begriff für mich alle Dimensionen von Vielfalt und beschränkt sich nicht nur auf Menschen mit Behinderungen. Mein Blick auf das Thema ist sehr stark durch eine Antidiskriminierungsperspektive geprägt. Diskriminierung zu erkennen und gegen diese aktiv zu werden ist deshalb eine meiner persönlichen Dauerbaustellen. Denn auch ich bin in diverse diskriminierende Strukturen verwoben, bin Teil von ihnen und trage sie mit. Ich habe bestimmte Denkweisen gelernt und nun geht es mir darum, diskriminierendes Verhalten meinerseits zu erkennen, gegen dieses vorzugehen, mir meiner Vorurteile bewusst zu werden und mich diese aktiv zu stellen. In den letzten Jahren habe ich mich im Zuge dieser persönlichen Auseinandersetzungen immer wieder mit dem Anti-Bias-Ansatz beschäftigt. Das war sehr hilfreich, wenn auch nicht immer leicht. Und ich bin mir sicher, dass mich der Ansatz auch in Zukunft weiter begleiten wird.

Sehr interessiert verfolge ich die Diskussionen und Auseinandersetzungen rund um das Thema Inklusion. Ich höre mir Argumente dafür und dagegen an, Kritik und Einwände am Konzept und Begriff und versuche mir eine eigene Ansicht dazu zu erarbeiten. Und immer wieder schaue ich kritisch darauf, was unter dem Label Inklusion passiert und gefasst wird, was Inklusion ist, sein soll oder dafür gehalten wird, was Gründe für den derzeitigen Hype des Themas Inklusion sind und wer sich mit welcher Motivation für das Thema engagiert und einsetzt. Und auch wenn ich dem Anliegen von Inklusion, jedenfalls wie ich es verstehe, sehr positiv gegenüber stehe, habe ich immer wieder Zweifel und bin skeptisch gegenüber dem aktuellen Diskurs und den aktuellen Entwicklungen.

Das Thema Inklusion betrifft die gesamte Gesellschaft und lässt sich nicht nur auf einen gesellschaftlichen Bereich reduzieren. Ich selber bin Sozialpädagoge und seit vielen Jahren in der schulbezogenen Arbeit an einer Grundschule tätig. Ebenso habe ich viele Jahre in der Offenen Arbeit gearbeitet. Mein aktuelles Tätigkeits- und Interessenfeld ist also die Kinder- und Jugendhilfe. Und dadurch interessiert mich natürlich besonders die Verwirklichung oder Umsetzung von Inklusion in diesem gesellschaftlichen Bereich. Wie kann eine inklusive oder inklusivere Kinder- und Jugendhilfe aussehen? Was bedeutet Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe? Was kann die Kinder- und Jugendhilfe zur Diskussion rund um das Thema Inklusion beitragen? Welche Entwicklungen kann sie vorantreiben? Welche Erfahrungen wurde in der Kinder- und Jugendhilfe gemacht, auf die sich in anderen gesellschaftlichen Bereichen aufbauen lässt?

Ich setze mich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit viel mit Fragen rund um das Thema Inklusion auseinander, ich interessiere mich privat für diesen Themenkomplex und für verschiedene Diskriminierungsformen, ich biete Fortbildungen für Fachkräfte der Früh- und Sozialpädagogik zum Thema Inklusion an und ich schreibe den Blog inklusionswege.de.

Vor gut einem Jahr veröffentlichte ich meinen ersten Beitrag auf inklusionswege.de. Seitdem folgten viele verschiedene Beiträge zu unterschiedlichen Themen – theoretische Überlegungen, Buchempfehlungen- und Buchzusammenfassungen, Veranstaltungsankündigungen und Veranstaltungsberichte, Linkempfehlungen, Diskussionsanregungen, Interviews, Audiobeiträge, Empfehlungen von Arbeitsmaterialien und Arbeitshilfen.

Mal folgten einzelne Beiträge in kürzeren Zeitabständen, mal lagen längeren Zeitspannen dazwischen. Mein Anliegen war und ist es, interessante Beiträge für die Auseinandersetzung mit Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe zu verfassen und so ein Stück weit zur Diskussion beizutragen und ich hatte und habe viel Freude daran, unterschiedliche Formate und Textformen auszuprobieren und für mich auch weiter zu entdecken und weiter zu entwickeln.

Natürlich bin ich darum bemüht, den Blog noch bekannter zu machen und den Kreis der Leser_innen ständig zu erweitern. Leider ist es mir bisher noch nicht gelungen Diskussionsbeiträge und Kommentare von Leser_innen zu bekommen, so dass auf dem Blog eine lebendige Diskussion über verschiedene Aspekte stattfindet. Ich bin mir nicht ganz sicher woran das liegt. Aber es liegt mir sehr viel an einem Blog, der nicht nur eindimensional in eine Richtung funktioniert (ich als Sender), sondern sich viele Leute mit Inhalten, Anregungen, Ideen, Hinweise und Kritik einbringen.

Auch für dieses Jahr bin ich schon zu einzelnen Elementen für den Blog in der Planung – z.B. weitere Interviews. Und sicherlich werde ich auch in diesem Jahr weiter an Formaten und Formen herum probieren, testen, verwerfen, experimentieren etc.

Ein weiteres wichtiges Thema, was mich sicherlich in diesem Jahr und darüber hinaus beschäftigen wird ist die Frage danach, wie Soziales Lernen inklusiv gestaltet werden kann. Soziales Lernen ist ein wesentlicher Baustein z.B. in der schulbezogenen Arbeit (natürlich auch in vielen anderen Bereichen) Soziales Lernen findet in unterschiedlichen Kotexten statt, mit unterschiedlichen Methoden und Ansätzen. Projekttage zum Sozialen Lernen mit ganzen Klassen spielen bei mir beruflich eine große Rolle. Und natürlich gibt es viele unterschiedliche Materialien und Anregungen, Methoden und Ansätze zu verschiedenen Themen des Sozialen Lernens. Aber immer wieder stoße ich da an Grenzen – weil bestimmte Methoden voraussetzen, dass die Kinder lesen und schreiben können, weil sie voraussetzten, dass die Kinder deutsch verstehen und sprechen können, weil sie bestimmte körperliche Fähigkeiten voraussetzen, etc. Daher bin ich sehr daran interessiert in den Austausch zu kommen, welche Möglichkeiten und Ansätze es für Inklusives Soziales Lernen gibt und ggf. Methoden und Ansätze dafür zu entwickeln. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, in welchem Format ich mich dazu austauschen möchte, ob es über den Blog ist oder über eine andere Plattform. Für Anregungen diesbezüglich und für Mitstreiter_innen und Mitdenker_innen zu diesem Thema bin ich sehr dankbar.

Ich hoffe, dass ich Ihnen mit dem Blog einige Anregungen, Ideen auf ihrem Inklusionsweg geben und vor allem Freude bereiten konnte. Ich hoffe auch, dass Sie den Blog weiterhin verfolgen und ich würde mich freuen, wenn Sie den Blog weiterleiten, in Ihrem Umfeld bekannt machen und empfehlen würden.

Lassen Sie uns die Inklusionswege gemeinsam gehen!