Buchtipp: Dominanzkultur Reloaded

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Versteht man Inklusion als Verhinderung von Diskriminierung, so kommt man nicht drum herum die Strukturen der Gesellschaft zu betrachten. Ein Begriff, der zur Beschreibung von gesellschaftlichen Strukturen in den 1990er Jahren eingeführt wurde, ist der von Birgit Rommelspacher geprägte Begriff der „Dominanzkultur“.

Im Jahr 2015 erschien ein Sammelband, der ursprünglich als Festschrift zum 70. Geburtstag von Birgit Rommelspacher gedacht war. Birgit Rommelspacher verstarb im April 2015 und so wurde aus dem Buch eine Gedenkschrift. Dieses Buch trägt den Titel: „Dominanzkultur reloaded. Neue Texte zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ihren Wechselwirkungen“.

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte aus dem Buch, die ich im Kontext von Inklusion in der Kinder und Jugendhilfe besonders spannend finde.

Das Buch

Zu Beginn möchte ich kurz erläutern, worum es sich bei der sogenannten Dominanzkultur handelt und was darunter zu verstehen ist. Dominanzkultur bedeutet, „daß unsere ganze Lebensweise, unsere Selbstinterpretation, sowie die Bilder, die wir vom Anderen entwerfen, in Kategorien der Über- und Unterordnung gefaßt sind. Wobei Kultur hier in einem umfassenden Sinn verstanden wird, und zwar als das Ensemble gesellschaftlicher Praxen und gemeinsam geteilter Bedeutungen, in denen die aktuelle Verfaßtheit der Gesellschaft, insbesondere ihre ökonomischen und politischen Strukturen, und ihre Geschichte zum Ausdruck kommen. Sie bestimmt das Verhalten, die Einstellungen und Gefühle aller, die in einer Gesellschaft leben, und vermittelt zwischen den gesellschaftlichen und individuellen Strukturen. Diese Kultur ist in westlichen Gesellschaften vor allem durch die verschiedenen Traditionen von Herrschaft geprägt, die zugleich auch sehr unterschiedlichen Dimensionen umfassen. […] Dominanzkultur [ist] als ein Geflecht verschiedener Machtdimensionen zu begreifen, die in Wechselwirkung zueinander stehen.“ (Rommelspacher, Birgit (1995): Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin, s. 22f. – zitiert nach Attia, Köbsell, Prasad 2015, S. 10)

In Ihrem Text setzt sich Silvia Staub-Bernasconi mit dem Werk von Birgit Rommelspacher auseinander. Demzufolge ging es Birgit Rommelspacher in ihrem Werk immer wieder um die Frage „Wie setzen sich Machtverhältnisse in Gefühle, Denken und handeln von Menschen um und wie reproduzieren diese wiederum die Machtverhältnisse?“ (S. 14)

Das Buch ist in 7 Abschnitte untergliedert, zu denen verschiedene Texte unterschiedlicher Autor_innen gehören: Dominanzkultur; Erinnerungskulturen; Menschenrechte intersektional; Asymetrische Globalität; Dominanz und Diskriminierung im Kontext Sozialer Arbeit; Schweigen, Sprechen und Schreiben.

Dominanzkultur

Swantje Köbsell setzt sich in ihrem Beitrag „Ableism. Neue Qualität oder >alter Wein< in neuen Schläuchen mit der Diskriminierungsform Ableism auseinander. Dabei bedeutet Ableism nicht nur Behindertenfeindlichkeit, sondern nach dem Verständnis der Disability Studies ist Ableism „ein Gesellschaften durchziehendes und strukturierendes Verhältnis [mit] hierarchische[r] Bewertung von Menschen anhand angenommener, zugeschriebener oder tatsächlicher Fähigkeiten“ (S. 21).

Beim Ableism geht es um die „Nicht-/Erfüllung von Normalitätsanforderungen im Hinblick auf bestimmte geistige und körperliche Fähigkeiten [und diese] Nicht-/Erfüllung entscheidet über die Bewertung und gesellschaftliche Position von Menschen“ (S. 25). „Unterschiede [werden] naturalisiert, Menschen in Gruppen homogenisiert, in der Zuordnung >>behindert-nichtbehindert<< polarisiert und der Erfüllung erwarteter Fähigkeiten entsprechend in eine hierarchische Ordnung gebracht“ (ebd.). Im Kontext von Ableism müssen die Verhältnisse in der Gesellschaft betrachtet werden, denn „Ableism durchzieht alle gesellschaftlichen Bereiche, wird in uns alle hineinsozialisiert, beeinflusst so die Einstellungen und Haltungen aller Mitglieder einer Gesellschaft und damit auch hre Handlungen, die, wenn sie unreflektiert und unhinterfragt bleiben […] zur Konstruktion von Behinderung und Normalität beitragen“ (S. 26). „Die Funktion von Ableism sei die Aufrechterhaltung der scheinbar natürlichen, naturalisierten Norm der Nichtbehinderung“ (S. 28).

Zülfukar Çetin ist mit dem Text „Der Schwulenkiez. Homonationalismus und Dominanzgesellschaft“ in dem Sammelband vertreten. Im Zentrum des Beitrags steht der Homonationalismus. Dieser „basiert […] auf der zunehmenden Akzeptanz von Schwulen und Lesben in westlichen Staaten als Ausdruck einer >Zivilisationsüberlegenheit< speziell gegenüber muslimischen Gesellschaften“ (S. 36). „Auf der Basis der Konstruktion eines >demokratischen, toleranten, zivilisierten Wir< wird wiederholt die Notwendigkeit des Schutzes der >unterdrückten, nicht emanzipierten und verschleierten muslimischen< Frau einerseits und des >muslimischen< Schwulen andererseits propagiert“ (S. 38).

Darüber hinaus sind die folgenden Texte in diesem Abschnitt enthalten:

Yasemin Shooman: Einblick gewähren in die Welt der Muslime. >Authentische Stimmen< und >Kronzeugenschaft< in antimuslimischen Diskursen

Rolf Cantzen: Germanen, Götter und Gelehrte. Zu völkischen Denkmustern und Deutungsschemata vom Deutschen Kaiserreich bis heute

Erinnerungskulturen

Iman Attia setzt sich in ihrem Beitrag „Geteilte Erinnerungen. Global- und beziehungsgeschichtliche Perspektiven auf Erinnerungspolitik“ mit verschiedenen Aspekten der Erinnerungspolitik auseinander. „Geschichtsunterricht in Europa ist seit seiner Einführung ein Mittel der Nationsbildung“ (S. 76). Die Darstellung der Geschichte „als fortschreitende Entwicklung wird auf eigene Erfolge und interne Bedingungen bezogen, während innere Widersprüche und Brüche, abweichende Sichtweisen und relationale Dimensionen ausgelassen werden“ (ebd.). „Der Eurozentrismus on der Geschichtsschreibung blendet die globale Verwobenheit von Geschichte(n) und transnationale Perspektiven aus“ (S. 77).

„Geschichte kann aber auch in einer Weise erzählt und erinnert werden, die sowohl den Konstruktionscharakter von Geschichte als auch die konflikthafte Hervorbringung von Nationen der Reflexion zugänglich macht. Geschichte – auch die einer Nation – wird dann als globale asymmetrische Beziehungsgeschichte [Herv. i.Orig.; Anm. d. Verf.] erzählt; relationale Dimensionen, marginalisierte und externalisierte Perspektiven, Brüche und Widersprüche in den Narrativen sind dann besonders interessant und bilden den Ausgangspunkt von Erinnerungskultur und Bildungsarbeit.“ (Ebd.)

„Gegenhegemoniale kulturelle Erinnerungen, die häufig negative Bezugspunkte für hegemoniale Erinnerungen darstellen, sind in der Lage, nationale Konstruktionen zu irritieren“ (S. 78).“Die Diversität kultureller Erinnerungen in der historisch-politischen Bildung anzuerkennen, erteilt großen Erzählungen eine Absage“ (S. 82).

Darüber hinaus sind die folgenden Texte in diesem Abschnitt enthalten:

Isidora Randjelović: Erinnerungsarbeit an den Porajmos im Widerstreit. Gegen Epistemologien der Ignoranz

Debora Antmann: Vom Vergessen und Erinnern: Ein Porträt der AG >>Frauen gegen Antisemitismus<<

Rudolf Leiprecht: Interdependenz von Inklusion und Exklusion – ein sozialwissenschaftlicher Selbstversuch. Zu einer deutsch-niederländisch-jüdischen Familiengeschichte im Kontext von Rassismus und Krieg

Menschenrechte intersektional

Judy Gummich beschäftigt sich in ihrem Text „Verflechtungen von Rassismus und Ableism. Anmerkungen zu einem vernachlässigten Diskurs“ mit der Schnittstelle zwischen Rassismus und Ableism und stellt fest, dass [a]uch wenn Kategorien konstruiert sind, haben sie doch reale Folgen“ (S. 144) und „[d]ie verschiedenen Machtdimensionen strukturieren die Gesellschaft und bestimmen das Zusammenleben“ (ebd.). Dabei ist zu berücksichtigen, dass „diese Dimensionen nicht eindimensional [wirken], sondern in einem >>Dominanzgeflecht<<“ (ebd.).

Rassismus und Ableism haben, so Judy Gummich, viele Gemeinsamkeiten (vgl. S. 145). „Im Zusammenhang mit beiden Machtdimensionen wird von einer hegemonialen Position aus eine Normalität konstruiert, die Schwarze Menschen / People of Color beziehungsweise Menschen mit Behinderungen als anders definiert und stigmatisiert.“ (ebd.)

„Konzepte wie Intersektionalität, aber auch Mehrfachdiskriminierung und Dominanzkultur thematisieren die Komplexität von Diskriminierungserfahrungen und verdeutlichen, dass ein eindimensionaler Blick den verschiedenen Lebensrealitäten nicht gerecht wird“ (ebd.).

In dem Text „Vom medizinischen zum menschenrechtlichen Modell von Behinderung. Konzepte für Behindertenrecht und –politik“ von Theresia Degener geht es um verschiedene Modelle, wie Behinderung betrachtet wird. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Nach dem medizinischen Modell von Behinderung „gilt Behinderung […] als ein Problem, das behandelt, kuriert, therapiert oder rehabilitiert werden muss“ (S. 155). „Ein weiteres Wesensmerkmal des medizinischen Modells von Behinderung sind zwei menschenrechtsgefährdende Annahmen: (1) Behinderte Menschen brauchen vor allem Schonraum und Wohlfahrtspolitik und (2) eine gesundheitliche Beeinträchtigung kann die Menschenrechtsfähigkeit mindern. Die erste Vorgabe legitimiert segregierende Einrichtungen wie Förderschulen, Wohnheime der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Die zweite Annahme hat zur Entstehung von entmündigenden Psychiatriegesetzten und Vormundschafts- bzw. Betreuungsrecht geführt“ (S. 156).

„Während das soziale Modell die soziale Konstruktion von Behinderung verdeutlicht, gründet das menschenrechtliche Modell auf moralischen Prinzipien einer Behindertenpolitik, in deren Mittelpunkt die Menschenwürde steht“ (ebd.).

„Das Absolutheitspostulat der Menschenrechtstheorie besagt, dass Menschenrechte absolute Rechte in dem Sinne sind, dass sie uns Menschen mit der Geburt verliehen werden. […] Dieser besondere rechtlich-moralische Charakter der Menschenrechte macht sie zu bedingungslosen Rechten. […] Das Menschenrechtsmodell […] stellt die Annahme einer geminderten Menschenrechtsfähigkeit aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigung in Frage. Das soziale Modell bietet dies nicht.“ (S. 157) Im menschenrechtlichen Modell gilt das „Prinzip des Respekts vor behinderter Differenz als Teil menschlicher Vielfalt […]. Mit diesem Prinzip wird klargestellt, dass gesundheitliche Beeinträchtigung nicht als Defizit betrachtet werden darf, das die Würde des Menschen einschränkt. […] Es gilt, Behinderung mit allen ihren Aspekten als Bestandteil menschlicher Vielfalt und Lebenslagen zu verstehen.“ (S. 160)

Theresia Degener möchte das menschenrechtliche Modell als Ergänzung zum sozialen Modell verstanden wissen und nicht als Gegenspieler (vgl. S. 165).

Darüber hinaus sind die folgenden Texte in diesem Abschnitt enthalten:

Nivedita Prasad: Entweder Schwarz oder weiblich? Zum Umgang mit Intersektionalität in UN-Fachausschüssen

Asymmetrische Globalität

In diesem Abschnitt sind folgende Texte enthalten:

Donja Amirpur: >>Hier geht alles ziemlich langsam voran…<< Der Transnationale Soziale Raum als Ressource für Familien im Kontext von Migration und Behinderung

Encarnación Gutiérrez Rodríguez: >>Doppelte Bestimmung<< im Privathaushalt. Zum Zusammenkommen von Feminisierung und Kolonialität in der bezahlten Hausarbeit

Nira Yuval-Davis: The Caring Question. The Emotional and the Political

Dominanz und Diskriminierung im Kontext Sozialer Arbeit

Ruth Großmaß setzt sich in dem Text „Soziale Arbeit im Netz der Macht. Versuch einer sozialphilosophischen Einordnung“ mit der gesellschaftlichen Positionierung von Sozialer Arbeit auseinander.

„Soziale Arbeit findet immer in einem kulturellen, politischen und rechtlichen Kontext statt, durch den ihr Wirkungsbereich bestimmt ist, ebenso wie der konkrete Hilfeauftrag und die Ressourcen, die zum Einsatz kommen können“ (S. 215).

„Die Beantwortung der Frage nach dem Verhältnis der Sozialen Arbeit zur Macht ist jedoch nicht nur aufgrund ihrer Komplexität eine schwierige, sie scheint zudem für die in der Sozialen Arbeit Tätigen alles andere als unproblematisch zu sein. […] [I]n der Praxisreflexion […] positionieren sich die meisten Praktiker_innen in einem Bereich potenzieller Ohnmächtigkeit, in dem sie von Mittelkürzungen, neoliberaler Politik und geringer gesellschaftlicher Wertschätzung betroffen sind […].“ (S. 216)

„Wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen – zu denen auch die Armenfürsorge und erste Bildungsangebote für die unteren Schichten gehörten – dienten in diesem gesellschaftlichen Umfeld [Industrialisierung, Anm. d. Verf.] der Befriedung sowie der Eindämmung republikanischer und sozialistischer Massenbewegungen“ (S. 218).

Auch heute „besteht in vielen Bereichen der Sozialen Arbeit […] an den Grenzen der Freiwilligkeit auch die Möglichkeit von Zwangsmaßnahmen, und gerade an diesen Grenzen ist erkennbar, dass Soziale Arbeit, indem sie den ökonomisch und gesundheitlich Schwachen sowie den sozial Ausgegrenzten Hilfe und Unterstützung bietet, eine gesamtgesellschaftliche Funktion erfüllt, die etwas mit der >>Regierung der Bevölkerung<< zu tun hat und die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse gegen Unruhen und Widerstand >>immunisiert<<“ (ebd.). Somit „erfüllt die Soziale Arbeit ein staatliches Lenkungsinteresse, das sich an so etwas wie >Normalität< orientiert“ (ebd.).

Soziale Arbeit ist „über die Verwaltungsstrukturen, durch die erforderlichen Konzepte und Begründungen für unterschiedliche Hilfen, durch die Beteiligung an sozialwissenschaftlicher Forschung bzw. durch die Nutzung ihrer Ergebnisse in vielfacher Hinsicht in gesellschaftliche Machtverhältnisse einbezogen. In der Arbeit mit der Klientel sind die Sozialarbeiter_innen selbst dann insofern unmittelbar Akteure der Macht, als die personenbezogene Hilfe über Konzepte und Praktiken erfolgt, die immer auch der Integration/Inklusion in bestehende gesellschaftliche Verhältnisse dienen.“ (S. 221)

„Auf drei Ebenen […] kann die Soziale Arbeit in gesellschaftliche Machtstrukturen eingeordnet werden:

– Als sozialstaatlich etablierte Struktur leistet sie über Versorgung und Befriedung einen Betrag zur Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse.

– Über die genannten Knotenpunkte der Macht definiert sie soziale Probleme, prekäre Bevölkerungsgruppen und Einsatzstellen für soziale Hilfeleistung.

– Und gerade die wenig kontrollorientierten Formen der Sozialen Arbeit wie sozialpädagogische Begleitung, Arbeit in Krisenwohngruppen und Beratung intensivieren selbstreflexive Subjektivierungsformen und geben ihnen zugleich Halt.“ (S. 224)

Am Ende des Textes plädiert Ruth Großmaß dafür, „das Verhältnis der Sozialen Arbeit zur Macht für alle Praxisfelder sorgfältig zu analysieren“ (S. 226).

Der Text „Cripping und Queering Soziale Arbeit. Aspekte der Disability Studies“ von Heike Raab beschäftigt sich mit den „Wechselwirkungen und Herausforderungen von Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht“ (S. 229).

„Kennzeichnend für die Disability Studies ist der Anspruch, einen Paradigmenwechsel in der wissenschaftlichen Erforschung von Behinderung zu initiieren, mit dem Ziel, gesellschaftliche Diskurse und Praxen zu Behinderung im emanzipatorischen Sinne zu verändern“ (ebd.). Behinderung wird hierbei „weniger als eine vorsoziale [herv. i. Orig., Anm. d. Verf.] Gegebenheit verstanden, denn als ein soziales und kulturelles Konstrukt“(S. 230). Heike Raab bezeichnet Behinderung als „soziokulturelle Problematisierungsweise von körperlicher Differenz“ (ebd.) [Herv. i. Orig., Anm. d. Verf.].

„Dominanzkultur kennzeichnet im Wesentlichen, dass nicht statisch zwischen Machtlosen und Machthabenden zu unterschieden ist. Vielmehr sind alle Menschen, vielfach und widersprüchlich, in gleichzeitig wirkende Machtverhältnisse verstrickt, d.h. sie können gleichzeitig diskriminiert werden und diskriminieren. Dominanzkultur beschreibt den Wirkmechanismus und die Funktionsweisen von gesellschaftlicher Normierung und Ausgrenzung und fokussiert auf die Vielzahl gesellschaftlicher Machtverhältnisse, die in ihrer jeweiligen Besonderheit und in ihrer wechselseitigen Verflechtung zu analysieren sind.“ (S. 231)

„Intersektionalität beachtet also sowohl die Wechselwirkung mit anderen Machtverhältnissen als auch Differenzierungen innerhalb der Kategorie Behinderung und deren Beziehungsgeflecht“ (S. 232).

„Soziale Belange gelten zunehmend als ein Problem mangelnder Selbstaktivierung. Folgerichtig werden Soziale Arbeit und Sozialprogramme vermehrt auf die Selbstermächtigungskompetenzen und Eigenverantwortung von Betroffenen gerichtet.“ (S. 234)

„Soziale Arbeit [ist] sehr wohl eingebettet in die Durchsetzung genormter Lebensweisen, Körpernormen und deren Abweichung. […] In der Arbeit am Sozialen wird aber auch das Soziale ko-konstitutiv bearbeitet. Auf diese Weise wird etwa das Feld der Behinderung als ein interventionsbedürftiges soziales >Problem< konstruiert und organisiert“. (S. 235)

„Behinderung bzw. Krankheit im Feld der Sozialen Arbeit kann als Herstellungspraktik spezifischer Identitäts- und Subjektivierungsformen beschrieben werden. In diesem Setting werden dominante Normen verhandelt, hergestellt und/oder verworfen.“ (S. 236)

„Nicht zuletzt erhält Soziale Arbeit dadurch ihre Legitimation […], indem Differenz und Andersheit als behandlungsbedürftiges Interventionsfeld angesehen werden“ (ebd.).

„Prägend für Soziale Arbeit in den Disability Studies ist folglich, den Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Vielfalt von Behinderung Rechnung zu tragen und die Binarität von behindert/nicht-behindert als System zu hinterfragen bzw. zu dekonstruieren“ (S. 237).

„Intersektionalität wirkt hier im produktiven Sinne verstörend auf herkömmliche Kategorisierungen, Formen der Subjektivierung und etablierte Muster von Etikettierungen der Betroffenen in der Sozialen Arbeit“ (S. 238).

Darüber hinaus sind die folgenden Texte in diesem Abschnitt enthalten:

Heike Radvan: Prävention von Rechtsextremismus unter Berücksichtigung von Genderperspektiven

Annita Kalpaka: >>Wir behandelt alle gleich<<: Zwischen Gleichheitsanspruch und Diskriminierungswirklichkeit. Prozesse der Auseinandersetzung mit Diskriminierung im Hochschulalltag

Darja Zaviršek: Poverty as a Culture of Dominance. An Ethnographie among Social Work Students in the Postsocialist European Periphery

Schweigen, Sprechen und Schreiben

Christina Thürmer-Rohr setzt sich in dem Text „Dialog und dialogisches Denken. Der Anspruch von anderswo: eine Herrschaftsabsage“ mit verschiedenen Facetten rund um den Dialog auseinander.

„Ein Dialog, der der Pluralität des Zusammenlebens gerecht werden will, ist nicht einfach auf die Vermehrung äußerer Buntheit und innerer Vielfalt aus. Dialoge vervielfältigen eher die Fragen und ebnen Konflikte nicht ein. […] Ein Dialog ist nicht auf Sieg aus, sondern auf die Erweiterung der Vorstellungsräume. […] Die Gegenwart der Anderen kann die eigene Perspektive korrigieren und erweitern, die notwendig beschränkt und verzerrt bleibt, wenn sie sich selbst zum Maßstab nimmt. […] Die Dialogidee bildet einen Gegenpol zu den ideologischen Strategien einer westlichen Dominanzkultur, die mit ihren historischen Herrschaftsansprüchen, ihren Übergriffen, Kolonialisierungen und Genoziden die Zerstörung einer dialogischen Praxis und ihrer Grundgedanken betrieben hat.“ (S. 298)

„Es wäre zwar vermessen zu meinen, man könne sich in sämtliche Standort anderer hineinversetzen und könne vollständig >anderswo< sein. Aber der Versuch, aus sich selbst herauszutreten und sich durch die Augen anderer zu betrachten, kann konkrete, relevante oder generalisierte Andere im eigenen Bewusstsein versammeln“ (S. 302).

„Dialogisches Denken verlangt ein Einhalten, eine Art Mäßigung, die sich aus der Anerkennung anderer als politisch Gleicher ergibt“ (S. 302). „Der Dialog ist auf ein Verhältnis zur pluralen Welt aus, das die Ansprüche auf gleichzeitige Verschiedenheit und Gleichheit aufnimmt“ (S. 303).

„Denken ist ein stummer Dialog, der die Perspektiven Anderer in Betracht ziehen und die Vorstellung des Nicht-mit-mir-Identischen aktivieren kann. Wer denkt, ist immer noch in-der-Welt und unter Menschen. Denken ist damit kein Zustand der Einsamkeit, sondern eine zweisame [Herv. i. Orig., Anm. d. Verf.] Tätigkeit, in der man auf sich selbst ein- und zurückwirkt, statt sich wie A mit A zu spiegeln.“ (S. 304)

„Dialogversuche sind unersetzbar, weil sie einerseits Ernst machen mit einem Herrschaftsabbau von unten, der konkret, alltäglich und unspektakulär vonstatten geht, und weil sie andererseits die menschliche Fähigkeit zu einer >denkenden Zuwendung< zu dem beanspruchen, was außer mir ist“ (S. 307).

Darüber hinaus sind die folgenden Texte in diesem Abschnitt enthalten:

Sabine Hark: Die Vermessung des Schweigens – oder: Was heißt sprechen? Dimensionen epistemischer Gewalt

Susan Arndt: Envisioning New Futures. Literary Performances of Intertexuality, Gender and Race in the Works of Zadie Smith, Pauline Melville and Toni Morrison

Barbara Schäuble: Beleidigungen und Herabsetzungen. Zur sozialen Logik antisemitischer Aussagen

Reyhan Şahin: >>A strong woman doesn´t follow – she leads!” (Selbst-)Darstellungen muslimischer Akademikerinnen im sozialen Netzwerk Facebook

Mein Fazit

Das inhaltlich sehr umfangreiche Buch bietet meiner Auffassung nach eine gute Grundlage zur Reflexion seiner eigenen persönlichen und professionellen Positionen. Viele Themen werden kritisch betrachtet und viele Aspekte genannt, über die ich bislang so noch nicht nachgedacht habe. Es bietet viele Anregungen, Ideen und Gedanken, spannende Analysen und Perspektiven. In der Umsetzung von Inklusion ist der Blick auf gesellschaftliche Strukturen, Gegebenheiten und Bedingungen unerlässlich. Eine Auseinandersetzung mit der Dominanzkultur ist für diesen Prozess, meines Erachtens nach sehr hilfreich. Das Buch bietet dafür einen guten Einstieg.

Infos zum Buch:

Herausgeber_innen: Iman Attia, Swanthe Köbsell, Nivedita Prasad

Titel: Dominanzkultur Reloaded. Neue Texte zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ihren Wechselwirkungen.

Erscheinungsjahr: 2015

Verlag: transcript Verlag, Bielefeld

ISBN: 978-3-8376-3061-9