Bericht vom Fachtag Inklusion in der Jugendarbeit “Alle sind verschieden – alle sind dabei!”

Am 08.10.2015 fand in Hannover der Fachtag Inklusion in der Jugendarbeit “Alle sind verschieden – alle sind dabei!”  statt. Veranstalter war das Paritätische Jugendwerk. Hier geht es zur Ausschreibung.

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Wegweiser am Veranstaltungsort

In der Begrüßungsrede machte Tina Hellmann (Vorstand  Paritätisches Jugendwerk Niedersachsen) deutlich, dass die Jugendarbeit sehr für die Umsetzung von Inklusion geeignet ist, da sie die Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen gut erkennen und diese auch fördern kann.

Einstieg ins Thema

Den thematischen Einstieg in den Fachtag machte Dr. Gunda Voigts (HAWK Hildesheim-Holzminden-Göttingen).  Der Vortrag “Der >>Auftrag Inklusion<< als Herausforderung für die Kinder- und Jugendarbeit war in 2 Teile gegliedert – einen theoretischen zur Begriffsbestimmung und einen praktischen mit einer Standortbestimmung der Kinder- und Jugendarbeit. Dr. Gunda Voigts konstatierte, dass der Begriff Inklusion seit dem Inkrafttreten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2009 sehr populär geworden ist. Doch schon vorher gab es ihn und wurde mit ihm gearbeitet. Als Beispiele dafür nannte Dr. Gunda Voigts diverse soziologische Diskurse, die sich mit Inklusion und Exklusion beschäftigten, wie bspw. die Systemtheorie von Luhmann oder verschiedene sozialstaats- und kapitalismuskritische Arbeiten. Ein weiteres Beispiel sind Diskurse in der Sonder- und Heilpädagogik, die sich u.a. mit der Differenz zwischen Integration und Inklusion beschäftigen. Und als drittes Beispiel das Feld der Sozialen Arbeit, bei der es um Fragen sozialer Ausgrenzung und Ungleichheit geht. Im Jahr 2015 wirkt der Begriff Inklusion eher als Metapher für eine Schulreform und die Einbindung von Schüler_innen mit Behinderungen ins Regelschulsystem, so Dr. Gunda Voigts. Auch in der Kinder- und Jugendhilfe ist der Begriff inzwischen angekommen. Der 13. Kinder- und Jugendbericht vollzieht einen Perspektivenwechsel, in dem formuliert wird “Kinder und Jugendliche sind zu allererst Kinder und Jugendliche”, es gibt Debatten um die “Große Lösung SGB VIII” und Kinder und Jugendliche mit Behinderungen sind in Regelschulen, so dass sie über den Ganztag und auch als Peergroup in der Jugendarbeit ankommen. Anschließend erläuterte Dr. Gunda Voigts die Unterschiede zwischen den Begriffen Integration und Inklusion. Bei der Integration geht es darum, dass eine Mehrheitsgruppe und eine Minderheitsgruppe konstruiert wird und dann überlegt wird, wie die Minderheitsgruppe in die Mehrheitsgruppe kommen kann.  Bei der Inklusion wird keine Norm, also keine Mehr- und Minderheitsgruppe konstruiert, sondern die Jugendarbeit muss so gestaltet sein, dass alle Kinder und Jugendlichen Platz haben. Dr. Gunda Voigts vertieft das mit einigen Aspekten der Praxis der Inklusion basierend auf den Ausführungen von Hinz. Dazu gehören folgende Punkte: Theorie der heterogenen Gruppe, gemeinsames Leben für alle, umfassendes System für alle, systemischer Ansatz, Ressourcen der Systeme, individuelle Curricula für alle, gemeinsames individuelles Lernen, heil- und sonderpädagogische Unterstützung für Systeme. Doch aus dieser Herangehensweise ergibt sich ein Dilemma der Inklusion. Auf der einen Seite soll es keine Fokussierung mehr auf einzelne Merkmale von Menschen und ihre differenzierten Problemlagen geben und auf der anderen Seite müssen Zugangsbarrieren überwunden werden, die genau im Zusammenhang mit diesen Merkmalen stehen. Zum Abschluss des ersten Teils ihres Vortrags zeugt Dr. Gunda Voigts den Film “Was ist Inklusion?” von Aktion Mensch und verweist darauf, dass dieser auch für den Einsatz in der Jugendarbeit gut geeignet ist. Im zweiten Teil ihres Vortrags stellt Dr. Gunda Voigts das Projekt “Auftrag Inklusion – Perspektiven für eine neue Offenheit in der Kinder- und Jugendarbeit”vor. Dazu gehören z.B. Aspekte der Standortbestimmung der Jugendarbeit und der Inklusionscheck. Mehr Informationen zu diesem Projekt, den Fakten und dem Check gibt es hier. In der anschließenden Diskussion fand ich die Frage danach, wie Inklusion in einer nicht inklusiven Gesellschaft funktionieren kann sehr interessant.

Inklusive Jugendarbeit konkret

Den zweiten Input auf dem Fachtag gab Sisko Zielbauer (Projektleitung Under Construction). In dem Vortrag stellte Sisko Zielbauer das Inklusionsprojekt “Under Construction” vor, welches von den sogenannten G5 (5 Verbände) in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde. Das Projekt lief von Dezember 2013 bis März 2015 und an dem Projekt waren 15 Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen beteiligt. In der Praxisphase (Januar 2014-Dezember 2014) gab es für die beteiligten Einrichtungen verschiedene Fortbildungsmodule, deren Inhalte danach in die Praxis übertragen werden sollten. Hier einige Aspekte der Module

Modul A – Inklusion in der Kinder- und Jugendarbeit – EInstieg ins Thema

Modul B – Organisationsentwicklung – Ressource, Methoden, Sensibilisierung

Modul C1 – 1. Praxismodul – Kooperationen Behindertenhilfe und Jugendhilfeträger, inklusive Teams, Spiele, Öffentlichkeitsarbeit, Eltern

Modul C2 – 2. Praxismodul – inklusive kulturpädagogische Projektarbeit, Grenzen, Behinderungsformen, Arbeit mit Menschen mit Handicaps

Als Ergebnisse des Projektes lässt sich u.a festhalten, dass Kunst, Tanz und Musik einen guten Einstieg für inklusives Arbeiten ermöglichen. Des Weiteren sind themenbezogenen Projekte für den Anfang oft einfacher als offene Angebote, denn beim gemeinsamen Tun steht das gemeinsame Interesse an einem Thema im Mittelpunkt. Und ein weiterer wichtiger Aspekt, den Sisko Zielbauer nennt, ist dass sämtliche Methoden und Spiele dahingehend reflektiert, überarbeitet und angepasst werden müssen, dass alle Kinder und Jugendlichen mitmachen können.

Die Projektdokumentation gibt es hier.

Workshops

Nach der Mittagspause fanden die Workshops statt. Ich habe an dem Workshop “Inklusion in der offenen Kinder- und Jugendarbeit am Beispiel eines Jugendtreffs” teilgenommen. Der Workshop wurde von Anne Skribbe (Leitung des Cafe Leichtsinn) geleitet. Anne Skribbe berichtete vom Cafe Leichtsinn in Bergisch Gladbach und ihrem Modellprojekt zu Inklusion. Das Cafe Leichtsinn ist ein Jugendcafe bei dem es neben Gesellschaftsspielen, Kegeln und Billard auch günstiges Essen und Getränke gibt. Für den Workshop standen folgende Fragen im Mittelpunkt: Welche Herausforderungen stellen sich? Welche Methoden sind sinnvoll? Woran erkenn ich gelungene Inklusion? Anne Skribbe berichtete, dass sie sich in der Einrichtung die Prinzipien der Offenen Arbeit angeschaut und im Hinblick auf Inklusion durchdacht haben. So muss bspw. das Prinzip der Freiwilligkeit erst “hergestellt” werden, das heißt Kinder und Jugendliche mit Behinderungen müssen in die Lage versetzt werden freiwillig zu entscheiden. Dafür müssen sie z.B. von den Angeboten wissen und die Möglichkeit zur Teilnahme haben.  Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Einbindung von Eltern. Diese sind die Expert_innen ihrer Kinder und können so hilfreiche Anregungen für die Arbeit und den Umgang geben. Anne Skribbe empfiehlt die Arbeit mit dem Index für Inklusion zu aktuellen Themen und Fragestellungen. Dadurch entstehen neue Ideen, Gedanken und es gibt viele Anregungen. Eine Kernfrage für den Prozess hin zum inklusiven Arbeite ist die Frage, was in der Offenen Arbeit angeboten werden kann, woran alle Kinder und Jugendlichen Spaß haben. Für das Cafe Leichtsinn sind es Kunst, Tanz, Theater und Karneval, die als Angebote sehr gut funktionieren. Im Cafe Leichtsinn wird mit den Jugendlichen auch zu den Themen Vorurteile und Toleranz gearbeitet, es werden viele Piktogramme genutzt, damit alle Jugendlichen alles verstehen (z.B. die Speise- und Getränkekarte). In dem Workshop haben wir auch 2 Übungen gemacht – 1 Positionierungsübung, bei der eine Frage vorgelesen wurde und wir uns bei Ja oder Nein positionieren sollten. Diese Methoden kann an verschiedene Kontexte angepasst werden und ist auch für Teamprozesse gut geeignet. Als zweite Übung sollten wir einen Stern auf ein Blatt Papier malen und anschließend diesen Stern nachzeichnen. Dabei durften wir allerdings nur in einen Spiegel gucken. Diese Übung verdeutlicht, wie es einem mit einer neuen, ungewohnten, herausfordernden Situation geht.

Hier geht es zur Homepage vom Cafe Leichtsinn.

Fazit

Leider waren nicht so viele Teilnehmer_innen bei dem Fachtag und viele Diskussionen und auch das Verständnis von Inklusion beschränkten sich meist auf Menschen mit Behinderungen. Der Fachtag bot dennoch einen guten Einstieg in das Thema mit vielen Anregungen und Ideen zum selber “Loslegen”.

Hier gibt es die Dokumentation des Fachtags.

Meine Notizen

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