Inklusion – Anhalten, Innehalten, Nachdenken

Mein Verhältnis zum aktuellen Stand des Themas Inklusion in der Gesellschaft ist ein ambivalentes.

Zum einen freue ich mich darüber, dass das Thema Inklusion in vielen Bereichen Einzug erhalten hat und in der Mainstream-Diskussion angekommen ist. Inklusion ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen kein Fremdwort mehr. Das ist gut. Das treibt den Prozess voran und gibt dem Thema Inklusion den Stellenwert, den es verdient.

Zum anderen ist es auch genau diese Entwicklung, die mich verunsichert und die ich befremdlich finde. Wenn Themen Mainstream werden, bin ich immer etwas skeptisch. Ob berechtigt oder unberechtigt, ist eine andere Diskussion. Denn dann sind diese Themen an die Mehrheitspositionen anschlussfähig, in vielen Punkten deckungsgleich z.B. in Bezug auf Inhalte, Ziele, etc. Das ist an sich ja nichts Schlimmes und das sollte selbstverständlich auch das Ziel sein, für Themen Mehrheiten zu gewinnen. Und je nach Thema sind die Wege dafür verschieden.

Aber gerade das Thema Inklusion beinhaltet, jedenfalls nach meinem Verständnis, soviel gesellschaftliche Sprengkraft, so viele zu diskutierende Fragen, so viel Gesellschaftskritik, dass es unter den derzeitigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich eine lange und harte, Auseinandersetzung sein müsste, bevor das Thema mainstream-tauglich ist.

Aus diesem Grund frage ich mich, was in der Mainstream-Diskussion als Inklusion verhandelt wird? Was ist das Verständnis von Inklusion? Wer sind die Wort- und Meinungsführer? Wer setzt sich für Inklusion ein? Mit welcher Motivation? Was ist das Ziel von Inklusion? Stehen menschenrechtliche oder okönomische Belange im Vordergrund? Warum ist das Thema gerade so in Mode und anschlussfähig an den Mainstream?

Immer wieder taucht diese Skepsis bei mir auf. Aus diesem Grund ist es für mich sehr wichtig, anzuhalten, innezuhalten und nachzudenken. Das sich ständig drehende Rad zu stoppen und genau hinzuschauen. Was passiert da gerade? Was ist mein Beitrag dazu? Bin ich damit einverstanden oder müsste ich in irgendeiner Form intervenieren?

Für mich ist das Thema Inklusion zum einen sehr stark mit der Frage nach Gesellschaft verbunden. Wie soll die Gesellschaft strukturiert sein, wie soll sie funktionieren, welche Werte und Normen sollen gelten? In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie gewährleisten wir die Einhaltung der Menschenrechte? Wie können gesellschaftliche diskriminierende Strukturen aufgebrochen und verändert werden? Funktioniert Inklusion in einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz und Leistung basiert? Und was bedeutet gleichberechtigte Teilhabe in diesem Kontext?

Zum anderen ist das Thema auch stark mit einer Selbstreflexion und der Frage nach der eigenen Rolle verbunden. Welche Werte und Normen vertrete ich? Wie reagiere ich bei Diskriminierungen? Wo grenze ich Menschen bewusst oder unbewusst aus? Warum engagiere ich mich für Inklusion?

Und natürlich geht es auch um Fragen der Umsetzung? Welche Umsetzungsschritte werden dem Anspruch gerecht? Welche Schritte verfälschen den Ansatz? Mit welchem Ziel wird welcher Schritt getan? Auf welchen Ebenen wird agiert und interveniert?

Leider habe ich das Gefühl, dass diese Fragen nicht (hinreichend) diskutiert wurden und werden und dadurch, meiner Ansicht nach, in der Mainstream-Diskussion Inklusion Gefahr läuft inhaltlich entleert und zweckentfremdet zu werden.

Also bleibt mir nichts anderes übrig als wieder anzuhalten, innezuhalten und nachzudenken.

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