Tagungsbericht: „Auf die Haltung kommt es an! – Vielfalt als Stärke“

Foto bbw

 

Am 19.11.2015 veranstaltete das bbw Südhessen (Berufsbildungswerk Südhessen gGmbH) in Groß Karben (bei Frankfurt am Main) eine Fachtagung mit dem Titel „Auf die Haltung kommt es an! – Vielfalt als Stärke“. Die Fachtagung fand direkt auf dem Gelände des bbw Südhessen statt.

Es folgt nun ein subjektiver Veranstaltungsbericht, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Begrüßung

In der Begrüßung ging Renée Eve Seehof, Geschäftsführerin des bbw Südhessen, auf das Thema Vielfalt ein und stellte fest, dass Vielfalt Wirklichkeit ist. Aber Renée Eve Seehof fragte anschließend danach, ob sich Vielfalt auch in unseren Werten, in unseren Normen, in unseren Einstellungen und in unserem Zusammenleben widerspiegelt.

Grußwort

Die Grußworte kamen von der Beauftragten der hessischen Landesregierung für Menschen mit Behinderung – Maren Müller-Erichsen und darin wurde deutlich gemacht, das die Frage nach der Haltung eine philosophische Frage ist.

Vortrag 1 – Inklusion als Ethos

Den Vortrag mit dem Titel „Inklusion als Ethos“ hielt Dr. Thomas Ebers (Institut für angewandte Philosophie und Sozialforschung, Bonn). Darin verdeutlichte Dr. Thomas Ebers die Bedeutung der Haltung bei der Umsetzung von Inklusion. Haltung ist ein zentrales Thema. Dr. Thomas Ebers unterschied zu Beginn des Vortrags Integration und Inklusion. Integration ist das Lob der Gleichheit und Inklusion das Lob der Ungleichheit/Vielfalt. Verschiedene Gerechtigkeitstheorien bieten die Grundlage für Inklusion. Nach Ansicht von Dr. Thomas Ebers wird so stark über die Begriffe Integration und Inklusion gestritten, da sich dahinter unterschiedliche Konzepte verbergen. Um die Bedeutung von Begriffen zu verdeutlichen bringt Dr. Thomas Ebers einige Aspekte von John R. Searle an: gesellschaftliche Tatsachen sind nicht gleich Fakten; gesellschaftliche Tatsachen entstehen aus spezifischen sprachlichen Operationen: Deklarativa; Deklarativa bringen das, was der Fall ist selbst erst hervor; mit gesellschaftlichen Tatsachen werden „Hintergrundmächte“, deontische Netze gesellschaftlich verankert. Dr. Thomas Ebers versteht Integration und Inklusion auch als Deklarativa und Inklusion ist nicht zu trennen von der Frage danach, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Diese Frage und die Auseinandersetzung damit hat ein gewisses Störpotenzial und führt zu Verunsicherung.

Anschließend erläuterte Dr. Thomas Ebers den Begriff Ethos, indem auf die Definition von Aristoteles verwiesen wird. Dieser sah dabei Ethos auf drei Ebenen wirken: 1. Sitte, Üblichkeit, Brauch; 2. Handlung; 3. Gewohnheit, charakterliche Verfassung, Haltung. Daneben legte Dr. Thomas Ebers die Ebenen des Index für Inklusion, die genau zu der Aufteilung von Aristoteles passen: 1. Strukturebene (Rahmenbedingungen); 2. Praktiken, Konzepte; 3. Kulturelle Ebene. In beiden Modellen sind alle Ebenen miteinander verwoben und eine Trennung macht nur analytisch Sinn. Leider werden diese Ebenen in der Diskussion oft gegeneinander ausgespielt. Was aber aufgrund der Verwobenheit miteinander im Prinzip keinen Sinn macht.

Daraus folgt auch die Frage, wie Inklusion in einem selektiven Bildungssystem/in einer selektiven, neoliberalen Gesellschaft funktionieren soll? Auch in der Inklusionsforschung, die sich mit Fragen der Leistung und dem gemeinsamen Lernen von Schüler_innen beschäftigt, wird die Leistungslogik nicht durchbrochen. Für dieses „falsche“ Handeln ohne Denken wurden die Begriffe „Inklusionismus“ und „Inklusionslüge“ eingeführt. So kann Inklusion nicht funktionieren. Inklusion erfordert eine Arbeit sowohl an der inneren (persönlichen) als auch an der äußeren (gesellschaftlichen) Verfassung.

Anschließend erläuterte Dr. Thomas Ebers die Bedeutung der Haltung. Haltung soll Halt bieten. Aber wenn die eigene Haltung zur Schranke und Blockade wird und somit eine Hürde für die Umsetzung von Inklusion darstellt, dann wird es kritisch. Einer repräsentativen Umfrage zufolge gaben die Mehrheit der Befragten an, dass die Umsetzung von Inklusion aufgrund der aktuellen Haltung der Menschen scheitert und nicht umgesetzt werden kann.

Abschließend zitierte Dr. Thomas Ebers Theodor W. Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ und ergänzt Adornos Aussage mit der kritischen Anmerkung als Reaktion dazu: „Aber es gibt ein richtigeres Leben im falschen.“ Das transferierte Dr. Thomas Ebers auf das Thema Inklusion: „Es gibt kein inklusives Leben im exklusiven, aber es gibt ein inklusiveres Leben im exklusiven!“. Es kommt also auf die Haltung an.

Poetry Slam – Wortreich & gehaltvoll

Auszubildende des bbw Südhessens trugen ihre eigenen Texte zu verschiedenen Themen vor.

Stark werden – stark sein – starke Vorbilder im Gespräch

An dem Gespräch waren Thomas Kahlau (Mundmaler), Jasmin Ziemann (Moderatorin und Sängerin) und Karine Babayants (InteGREATer e.V.) beteiligt. Moderiert wurde das Gespräch von Mercedes Pascual Iglesias (Journalistin und Redakteurin). In dem Gespräch ging es um die Frage, was Stärke ist, was Menschen stärkt, was sie schwächt und alle Teilnehmer berichteten von konkreten Situationen aus ihrem Leben und teilten einige persönliche Erfahrungen.

Lesung – Die Kraft in mir

Nach einer Kaffeepause las Thomas Kahlau aus dem eigenen Buch „Die Kraft in mir“ vor.

Musikalisches Intermezzo

Jasmin Ziemann sang ein eigenes Lied.

Vortrag 2 – Diversity und Empowerment: Vielfalt als Stärke – Vielfalt stärken

Judy Gummich (Diversity-Beraterin und Trainerin) hielt den zweiten Vortrag der Tagung mit dem Titel „Diversity und Empowerment: Vielfalt als Stärke – Vielfalt stärken“. Die Basis für Inklusion ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Die Menschenrechte sind universell, unteilbar, unveräußerlich und sie bedingen einander. Sie sind begründet in der unbedingten Anerkennung der Menschenwürde und enthalten somit ein Diskriminierungsverbot. Inklusion bedeutet für Judy Gummich die Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind und die entsprechende Veränderung der Rahmenbedingungen/Gesellschaft. Diversity bedeutet Vielfalt, Vielfältigkeit, Unterschiedlichkeit und Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Im Diversity-Ansatz geht es um Wahrnehmen, Achten, Anerkennung, Wertschätzung, Förderung menschlicher Vielfalt. Der Diversity-Ansatz ist Philosophie, Handlungsorientierung, ein Chancengleichheitskonzept, ein ganzheitlicher Prozess, ein Organisations- und Personalentwicklungsinstrument und bezieht sich auf die sogenannten Kern-Dimensionen: ethnische Herkunft/Hautfarbe, Geschlecht, Religion und Weltanschauung, sexuelle Identität, Alter, Behinderung, sozialer/ökonomischer Status. Der Diversity-Ansatz versteht sich dabei als Gestaltung und Gestaltungsbedingung von Gesellschaft.

Abschließend erläuterte Judy Gummich den Empowerment-Ansatz. Empowerment bedeutet Selbstbefähigung, Selbstermächtigung, Stärkung von Autonomie und Eigenmacht, Übertragung von Verantwortung. Der Empowerment-Ansatz hat vier verschiedene Zugänge: einen politischen, einen lebensweltlichen, einen reflexiven und einen transitiven. Das Ziel ist weg vom Objekt und passivem Opfer hin zum Subjekt und zum/zur handelnden Akteur_in zu kommen. Dazu müssen die Machtverhältnisse verändert werden. Judy Gummich machte deutlich, dass es sich beim Empowerment nicht um eine zwangsweise Selbstoptimierung handelt.

Workshop – Diversity trainieren: Ziele, Anwendungsmöglichkeiten und Methoden

Nach der Mittagspause startete die Workshopphase. Ich nahm an dem Workshop „Diversity trainieren: Ziele, Anwendungsmöglichkeiten und Methoden“ von Judy Gummich (Diversity-Beraterin und Trainerin) teil.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde begannen wir mit einem kleinen Einstieg. Im Plenum konnten wir die Sätze „Ich bin heute hier, weil…“, „Ich bin heute hier, obwohl …“ und „Ich bringe heute … ein“ vervollständigen. Anschließend haben wir eine soziometrische Übung gemacht, bei der wir uns zu Sätzen, Fragen, Aussagen an einer Skala, beziehungsweise im Raum positionieren sollten. Dann folgte ein theoretischer Input. Judy Gummich erklärte, dass Vielfalt verschiedene Dimensionen hat – die organisationale Dimension, die äußere Dimension, die innere Dimension und die Persönlichkeit. Darüber hinaus stellte Judy Gummich fest, dass Intersektionalität der Normalfall ist, da wir alle in verschiedenen Dimensionen mit unterschiedlichen Merkmalen vertreten sind, aber dennoch gerät die Intersektionalität immer wieder aus dem Fokus. Es folgte eine Erläuterung darüber, was ein Diversity-Training ist. Im Diversity-Training geht es um die Erweiterung der Diversity-Kompetenz und zwar auf der Haltungsebene, auf der Wissensebene und auf der Handlungsebene. Judy Gummich gibt einen Überblick über die Arbeitsweisen, Methoden, Themen, Inhalte, Ziele und Grundprinzipien von Diversity-Trainings. Diese spielen eine wichtige Rolle in einer Diversity-Gesamtstrategie und ermöglichen ein Innehalten, Reflektieren und Impulse. Zum Abschluss des Workshops haben wir eine Austausch-Übung gemacht, bei der zu zweit 3 Gemeinsamkeiten und 3 Unterschiede gefunden werden sollten. In einem zweiten Schritt sollte dann in der Zweierrunde besprochen und diskutiert werden, welche Kompetenzen, Ressourcen und Fähigkeiten sich aus diesen Gemeinsamkeiten und Unterschieden ergeben.

Musikalisches „Potenzial“

Jonas Knab rappte das eigene Lied „Potenzial“

Tagungsimpressionen und Ausklang mit Street Stomp

Nach einigen Stimmen aus dem Plenum zu der Fachtagung trat die Gruppe Street Stomp mit einer Rhythmus-Show auf.

Diversity-Parcours

Während des ganzen Tages konnte man durch den Diversity-Parcours gehen, welcher von ManuELA Ritz, gemeinsam mit bbw-Teilnehmer_innen entwickelt worden ist und sich sehr sinnlich und anregend auf eine andere Art und Weise mit dem Thema Vielfalt auseinander setzen. Es gab dort auch die Möglichkeit sich von Expert_innen durch den Parcours führen zu lassen und zusätzliche Erklärungen zu erhalten.

Fazit

Ich fand die Veranstaltung sehr interessant. Es gab ein sehr abwechslungsreiches Programm, mit vielen kulturellen Beiträgen, es wurden verschiedene Sinne angesprochen und sich auf verschiedenen Ebenen mit dem Tagungsthema auseinander gesetzt. Die Atmosphäre war sehr nett und sehr angenehm und ich persönlich fand die Veranstaltung sehr gelungen. Es gab viele verschiedene Workshops mit unterschiedlichen Themen. Leider war in der Tagungsplanung die Teilnahme an nur einem Workshop vorgesehen. Da fiel mir die Entscheidung im Voraus schon schwer und ich hätte gerne noch mehr Workshops besucht. Die Vorträge waren für mich ebenso sehr anregend und informativ und es gibt wieder viele neue Aspekte zum Überdenken, Nachdenken, Weiterdenken.

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