Einige Begriffsüberlegungen

Immer wieder tauchen in der Diskussion und Berichterstattung über Inklusion sprachliche Konstruktionen auf, die aus meiner Sicht entweder am Kern von Inklusion vorbei gehen oder aber das aktuelle Wesen der Umsetzung von Inklusion verraten. An dieser Stelle möchte ich einige Gedanken dazu formulieren und erläutern, warum diese Begriffe aus meiner Sicht problematisch sind.

  1. Inklusionskinder

Der Begriff Inklusionskinder wird seit einiger Zeit als Ersatz für Integrationskinder benutzt. Die damit bezeichneten Kinder bleiben die gleichen. Die daraus resultierenden Angebote/Konsequenzen höchst wahrscheinlich auch. Somit wird Inklusion mit Integration gleichgesetzt, mögliche Unterschiede werden nicht berücksichtigt, es wird auf den aktuellen Trend reagiert – Inklusion ist der aktuellere Begriff, der derzeit „richtige“ Begriff und deshalb bleibt die bisherige Logik bestehen und nur die Bezeichnung wird verändert. Doch das geht am eigentlichen Kern von Inklusion vorbei. Ebenso wie bei dem nächsten Konstrukt

  1. Inklusion von Kindern/Schüler_innen

Der Satzbaustein „Die Inklusion von Kindern/Schüler_innen“ endet in unterschiedlicher Weise. Meist wird noch ein „mit Behinderungen“, heran gehangen, und dann ist sie in manchen Fällen „gelungen“ in anderen Fällen „gescheitert“. Auch hier gibt es meines Erachtens nach eine falsche Grundannahme, die sich ebenfalls in dem Begriff „Inklusionskinder“ zeigt. Und zwar wird das Individuum in den Fokus der Betrachtung gestellt. Das ist an sich erst einmal nichts Schlechtes und auch bei Inklusion geht es darum, die Menschen in ihrer Individualität und Vielfalt zu sehen und wertzuschätzen. Aber es darf nicht auf der Ebene bleiben. Denn der eigentliche Kern von Inklusion, jedenfalls verstehe ich es so, ist doch die Betrachtung der Systeme. Wie sehen die Strukturen, wie sehen die Angebote, wie sehen die Materialien aus? Wie wird gesprochen? Wer wird angesprochen? Wird abgebildet? Wer ist repräsentiert? Wer wird mitgedacht? Wodurch werden Menschen ausgeschlossen? Das heißt, die Betrachtung richtet sich ausschließlich auf die Systeme. Dazu ist es natürlich notwendig, die Dimensionen von Vielfalt und ihre Spezifika zu kennen. Aber sie müssen dann in ihrem Miteinander-verschränkt-sein betrachtet werden und es ist dann die Frage danach zu stellen, wie muss das System gestaltet sein? In der Verschränkung von Inklusion und einer Zielgruppe, besteht zum einen die Gefahr, dass der Fokus auf die Zielgruppe und weg vom System rutscht und zum anderen wird die Person oder Personengruppe auf ein Merkmal/eine Eigenschaft reduziert und die Tatsache, dass Menschen viele unterschiedliche Merkmale, viele unterschiedliche Eigenschaften haben und zu vielen unterschiedlichen selbstgewählten und zugeschriebenen Gruppen gehören, wird dabei nicht berücksichtigt. Wenn es also bspw. heißt: „Inklusion behinderter Schüler in Bayern mangelhaft“, dann werden die genannten Schüler ausschließlich auf ihre Behinderung reduziert, vernachlässigt wird dabei aber, dass sie auch eine Geschlechtszugehörigkeit haben, eine Sexualität, eine Hautfarbe, eine Religion oder Weltanschauung, einen sozialen Status, etc. In dieser Logik verbleibend wäre dann zu fragen, ob denn dann die Inklusion z.B. von Mädchen, von homosexuellen Jugendlichen, von Schwarzen Kindern, von muslimischen Kindern, von armen Kindern gelungen ist? Und kann dann ein und dieselbe Person in einem System in Bezug auf z.B. ein Merkmal inkludiert sein und in Bezug auf ein anderes nicht? An dieser Stelle wird es irgendwie absurd.

Und nach meinem Verständnis ist es die falsche Frage. Es kann nicht darum gehen, danach zu fragen, welche „Gruppe“ denn schon inkludiert worden ist und bei welcher „Gruppe“ es noch nicht gelungen ist. Denn das Konzept dieser „Gruppe“ ist fragwürdig, denn Zugehörigkeiten, Merkmale und Eigenschaften überschneiden sich, sind miteinander verschränkt und Personen, die zu einer „Gruppe“ gehören, die ggf. das gleiche Merkmal teilen, gehören automatisch auch zu anderen Gruppen. Insofern verrät die Frage danach, die dahinterstehende, gedachte Eindimensionalität der Betrachtung.

Insofern ist es wichtig, darauf zu achten, welche Begriffe benutzt werden, was für Konzepte und Verständnisse dahinter stehen (können) und selber nicht in bestimmte Fallen zu tappen.

Was ist Ihre Position zu den oben genannten Begriffen? Und welche problematischen Wörter und Konstrukte in Bezug auf Inklusion fallen Ihnen ein?

 

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