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Inklusion ist eine Frage der Haltung!

In Diskussionen, Gesprächen, Beiträgen wird immer wieder deutlich gemacht, dass Inklusion ohne Ressourcen nicht möglich sei. Inklusion sei eine Ressourcenfrage. Gibt es nicht mehr Ressourcen, sei auch eine Umsetzung von Inklusion nicht möglich. Auch bekannt sein dürfte der (vielleicht konstruierte) Gegensatz Inklusion als Ressourcenfrage auf der einen Seite und Inklusion als Haltungsfrage auf der anderen Seite. Gerne wird es auch miteinander verbunden. Deutlich wird das an Aussagen wie z.B.: „Natürlich ist die Haltung wichtig, aber ohne Ressourcen kann man Inklusion nicht umsetzen. Nur mit der Haltung allein funktioniert es nicht!“.

An dieser Stelle möchte ich einige Gedanken formulieren, die die Position stark machen, dass Inklusion eine Frage der Haltung ist und dass die Ressourcen für die Umsetzung der Inklusion nur eine marginale Rolle spielen.

Unter Umständen schreckt das jetzt einige Leser_innen ab oder ruft ein wenig Abwehr hervor. Dennoch möchte ich dazu einladen, meinen Gedanken zu folgen. Für Anregungen, Kritik, Ergänzungen, Richtigstellungen z.B. in den Kommentaren bin ich sehr dankbar.

Nehmen wir zu Beginn an, Inklusion ist eine Frage der Ressourcen und es sind mehr Ressourcen notwendig, um Inklusion umzusetzen. Welche Ressourcen genau werden benötigt? Personal? Geld? Materialien? Wie sollen sie eingesetzt werden? Wofür? Mit welchem Ziel? In welcher Form? Mit welchen Methoden?

Verändert der Ruf nach mehr Personal und mehr finanziellen Möglichkeiten etwas an den Strukturen, an den Bedingungen für Exklusion, Separation und Diskriminierung? Wenn dem so wäre, dann würde unsere ausschließende, ausgrenzende, diskriminierende Gesellschaft nur darauf beruhen, dass zu wenig Personal und Geld vorhanden wäre, um nicht ausgrenzend und diskriminierend zu sein. Das bedeutet zugespitzt, dass wir alle eigentlich niemanden diskriminieren oder ausgrenzen wollen, aber aufgrund der fehlenden personellen und finanziellen Ressourcen leider nicht anders können. Und deshalb ist der Schlüssel für die Umsetzung von Inklusion mehr Geld und mehr Personal.

Aber aus welcher Position heraus und mit welchem Blickwinkel, mit welcher Perspektive wird über die Art der notwendigen Ressourcen und ihrem Einsatz entschieden? Werden dadurch nicht bestimmte Vorstellungen, Normen, Werte möglicherweise unhinterfragt weiter gefestigt, indem bestimmte Ressourcen auf eine bestimmte Weise eingesetzt werden? Setzen sich ausgrenzende und diskriminierende Denkmuster, Strukturen nicht auch in der Tatsache der gestiegenen Ressourcen weiter fort?

Wichtig ist dafür sicherlich die Definition von Diskriminierung und Ausgrenzung. Ich verstehe diese als Gelernte und verinnerlichte Strukturen und Denkweisen. Meine eigene Denkweise nehme ich als Normalität wahr. Selten denke ich dabei aber an die Gründe für das So-Gewordensein, an meine eigene Positionierung in den gesellschaftlichen Strukturen, an meine Privilegien. Mit welcher Brille schaue ich auf die Welt und wieso? Und welche Folgen hat das für meine Wahrnehmung, für mein Denken, für mein Handeln?

Inklusion verlangt einen Blick- und Perspektivwechsel. Der Blick soll weggehen vom Individuum (mit seinen möglichen oder zugeschriebenen Mängeln und Defiziten) und hin zur Gesellschaft und ihren Bedingungen (mit ihren diskriminierenden und ausgrenzenden Strukturen). Das bedeutet, dass ich mich mit verschiedenen Diskriminierungsformen, ihren Ausprägungen, Erscheinungsformen, Strukturen, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beschäftigen muss. Und es bedeutet ebenso, dass ich mich mit meiner eigenen Brille, meiner eigenen Positionierung in diesem System auseinandersetzen muss. Ich muss meine eigene Haltung, meine Werte, meine Normen erkennen, reflektieren, überprüfen. Ich muss mich in einem Lernprozess begeben, um meine Positionierung als eine unter vielen möglichen zu begreifen und nicht als Norm, ich muss mich damit auseinandersetzen an welchen Stellen ich selber andere Menschen diskriminiere, diskriminierende Strukturen stärke und vor allem warum. Ich muss den für Inklusion wichtigen Blickwechsel stets üben, denn an vielen Stellen hat sich die Suche nach Gründen für Probleme beim Individuum fest verankert. Dies gilt es zu verlernen, bzw. auch abschalten zu können.

Das hat sehr viel mit der eigenen Haltung zu tun. Insofern ist die Arbeit an und die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung ein Schlüsselmoment in der Frage der Umsetzung der Inklusion. Deshalb gehe ich soweit zu sagen: Inklusion ist eine Haltungsfrage.

Erst wenn ich in diesen Prozess einsteige, merke ich auch an welchen Stellen ich was benötige. Und dann kann ich darüber nachdenken, ob mir noch Gelder fehlen oder Personal oder etwas anderes. Und mit dieser neuen Perspektive kann ich Geld und Personal so einsetzen, dass sie zur Umsetzung von Inklusion beitragen. Vielleicht merke ich aber auch, dass ich vorerst nicht mehr Geld oder Personal benötige.

Dazu ein praktisches Beispiel: Ich biete regelmäßig Soziales Lernen als Projekttag für Schulklassen an. Nun kann ich natürlich mit mehr Personal und mehr Geld arbeiten. Aber das bedeutet noch nicht zwangsläufig, dass das Soziale Lernen dadurch inklusiver geworden ist. Denn ich muss mich z.B. damit auseinandersetzen, welche Methoden verwende ich, wie sind die Methoden strukturiert, was setzen sie voraus? Wen schließen bestimmte Methoden aus? Welches Verständnis von Lernen habe ich und warum? Was sind meine Ziele im Sozialen Lernen? Wieso? Welche Normvorstellungen vertrete ich? Woher kommen diese? Ist mein Ablauf für alle ansprechend und interessant? Können alle an die Inhalte anknüpfen?

Und nach diesem Schritt/diesen Schritten kann ich eventuell zu dem Punkt kommen, dass dieses und jenes methodisch sehr geeignet ist und dass ich für die Umsetzung dieser methodischen und didaktischen Herangehensweise ggf. noch dieses und jenes benötige. Oder eben auch nicht.

Das Verständnis von Inklusion als Ressourcenfrage läuft Gefahr die Umsetzung von Inklusion zu gefährden. Denn die Umsetzung ist dann (ausschließlich) an die Zurverfügungstellung von zusätzlichen Ressourcen gekoppelt. Und dadurch kann ich das Thema und die Umsetzung und jegliche Verantwortung dafür von mir wegschieben.

Inklusion als Frage der Haltung zu verstehen ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Sie ist mit viel Kraft, mit viel Aufwand, mit vielen Irritationen und Auseinandersetzungen verbunden. Dieses Verständnis von Inklusion ist mühselig. Aber meiner Ansicht nach führt daran kein Weg vorbei. Wenn wir tatsächlich auf eine inklusive Gesellschaft hinarbeiten wollen, dann müssen wir uns mit diskriminierenden und ausgrenzenden Strukturen und Denkweisen, die wir auch verinnerlicht haben, auseinandersetzen. Denn sonst laufen wir Gefahr, diese Strukturen und Denkweisen weiter zu stützen, zu stabilisieren und weiter zu tragen. Und genau das müssen wir verhindern. Fangen wir also bei uns selber an.

Was haben Museen mit Kinder- und Jugendhilfe zu tun?

Am 08. Februar 2016 fand im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums in Berlin eine Diskussion mit dem Titel „Inklusion = Banalisierung? Ein Streitgespräch über inklusive Museen“ statt.

Ich persönlich fand diese Veranstaltung deshalb interessant, weil es im Kern um die Frage der Vermittlung von Themen, Gegenständen etc. geht. Im Kontext Museum ist es z.B. die Frage danach, wie Kunstgegenstände, also u.a. Gemälde oder Skulpturen für alle Menschen zugänglich gemacht werden können oder aber auch die Frage danach, wie Geschichte so vermittelt werden kann, dass sie von allen rezipiert werden kann. Im Kontext von Kinder- und Jugendhilfe ist die Frage danach, wie Themen oder Gegenstände vermittelt werden können ebenso von großer Bedeutung – z.B. in der Kita, im der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, in der Schulsozialarbeit und so weiter. Daher gibt es aus meiner Sicht viele interessante Aspekte, die im Kontext von Inklusion im Museum diskutiert werden, die auch für Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe von Bedeutung sind. Natürlich spielen auch (bauliche) Zugangsbarrieren eine große Rolle. An dieser Stelle möchte ich mich allerdings auf das Thema der Vermittlung von Themen und evtl. Gegenständen beschränken.

Die folgenden nun von mir genannten Aspekte bauen auf einigen Punkten auf, die in der Diskussion über inklusive Museen eine Rolle spielten. Ich versuche die Gedanken gleich in den Kontext der Kinder- und Jugendhilfe zu transferieren und ein wenig weiter zu denken.

Eine wichtige Frage in diesem Kontext ist die, worauf der Fokus bei der Konzeptionierung von Angeboten gelegt werden soll. Liegt der Fokus auf dem Ziel des Angebots oder liegt der Fokus auf der Frage nach der Zielgruppe? Was soll mit dem Angebot erreicht werden, was soll z.B. gelernt werden und dann wird von dieser Frage ausgehend das Angebot gestaltet (Zielfokussierung). Wen soll das Angebot ansprechen, für wen ist es gedacht und darauf aufbauend wird dann ein Angebot konzipiert (Zielgruppenfokussierung). Ist also die Frage wofür/zu welchem Zweck entscheidender oder die Frage für wen es ist? Muss man sich für einen von beiden Ausgangspunkten entscheiden? Oder ist es auch möglich beide Ausgangspunkte zu verknüpfen? Müssen vielleicht sogar beide Ausgangspunkte verknüpft werden? Gibt es vielleicht weitere Ausgangspunkte die gewählt werden könnten?

Müssen dabei vielleicht auch verschiedene Lernformen und Bildungsformen unterschieden werden? Also können oder müssen unterschiedliche Bildungsformen auch unterschiedliche Ausgangspunkte haben? So verfolgt intentionale Bildung immer einen Zweck und somit spielt auch die Frage danach, was dabei gelernt werden soll eine große Rolle. Insofern macht es hierbei wohl Sinn, vom Ausgangspunkt der Zielfokussierung zu starten und sich dann zu überlegen, wie dieses Ziel für alle erreicht werden kann.

Ein weiterer Aspekt ist die Pluralisierung von Zugängen. Zugänge zu einem Thema müssen pluralisiert werden, da diese Zugänge zu einem Thema immer sehr individuell sind. Das bedeutet, dass sich einem Thema nicht nur auf eine (vorgegebene) Weise genähert werden kann, sondern von vornherein schon verschiedene Möglichkeiten des Zugangs mitgedacht oder auch spontan möglich gemacht werden müssen. Daran knüpft auch die Frage danach an, wie unterschiedliche Zugänge gewertet werden – gibt es richtige und sinnvolle Zugänge und somit auch falsche und weniger sinnvolle? Oder sind alle Zugänge richtig. Und wie können unterschiedliche Zugänge im Kontext von Kinder- und Jugendhilfe, z.B. in der Kita, in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit oder in der Schulsozialarbeit realisiert werden?

Wichtig ist auch die Frage nach der Form der Vermittlung – ist sie hierarchisch oder dialogisch? Und in welchem Setting ist sie wie und muss sie da so sein oder könnte sie auch anders sein? Und warum ist bisher so? Welche Machtstrukturen spielen da eine Rolle und für wen ist das warum wichtig, dass es bislang so ist? Oder macht es inhaltlich Sinn?

Ich finde diese ganzen Fragen und Aspekte sehr interessant und sie bieten meines Erachtens nach eine gute Diskussions- und Reflexionsgrundlage für die eigenen Angebote. Für mich persönlich steht da die Frage des Sozialen Lernens im Rahmen von Schulsozialarbeit im Zentrum der Betrachtung. Also was heißt das für Soziales Lernen? Wie muss Soziales Lernen gestaltet sein? Wie müssen die Themen des Sozialen Lernens aufbereitet und vermittelt werden? Wie sehen unterschiedliche Zugänge zu Themen des Sozialen Lernens aus? Und wie können diese realisiert werden? Was sind die konkreten Ziele der Angebote des Sozialen Lernens? Was sollen die Kinder/Jugendlichen lernen? Wie kann Soziales Lernen so gestaltet sein, dass alle Kinder/Jugendlichen gleichberechtigt daran teilhaben können? Und funktioniert die Vermittlung von Sozialem Lernen hierarchisch oder dialogisch?

Die Diskussion im Zeughauskino hat mir einige Impulse gegeben. Deutlich wurde bei der Veranstaltung allerdings auch, dass der Begriff von Inklusion nach wie vor sehr unklar und oft schwammig bleibt. Also wovon reden wir, wenn wir von Inklusion sprechen? Und ein für mich spannender Punkt war einer, der eher nebenbei bei der Frage danach fiel, was das Ziel von Inklusion soll. Handelt es sich bei Inklusion um Kommunismus? Die Antwort von Prof. Dr. Wolfgang Ulrich (Freier Autor, Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler) lautete sinngemäß, dass Inklusion bedeutet, dass mehr Menschen am Wettbewerb teilnehmen können. Eine interessante Einschätzung, die wieder zu einem kritischen Einwand zur Inklusion führt, nämlich dass es sich bei Inklusion um ein neoliberales Projekt handelt (und darum aus bestimmten Perspektiven heraus abzulehnen ist).

Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat sich auf den Weg in Richtung Inklusion gemacht und hat die Ausstellung „Alltag Einheit“ unter inklusiven Gesichtspunkten konzipiert und wird auch in weiteren Ausstellungen diesen Blickwinkel beibehalten. Ich werde mir auf jeden Fall eine inklusiv gestaltete Ausstellung ansehen, um mir weitere Anregungen für meine eigene (Sozial-)Arbeit zu holen.

Inklusion – Anhalten, Innehalten, Nachdenken

Mein Verhältnis zum aktuellen Stand des Themas Inklusion in der Gesellschaft ist ein ambivalentes.

Zum einen freue ich mich darüber, dass das Thema Inklusion in vielen Bereichen Einzug erhalten hat und in der Mainstream-Diskussion angekommen ist. Inklusion ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen kein Fremdwort mehr. Das ist gut. Das treibt den Prozess voran und gibt dem Thema Inklusion den Stellenwert, den es verdient.

Zum anderen ist es auch genau diese Entwicklung, die mich verunsichert und die ich befremdlich finde. Wenn Themen Mainstream werden, bin ich immer etwas skeptisch. Ob berechtigt oder unberechtigt, ist eine andere Diskussion. Denn dann sind diese Themen an die Mehrheitspositionen anschlussfähig, in vielen Punkten deckungsgleich z.B. in Bezug auf Inhalte, Ziele, etc. Das ist an sich ja nichts Schlimmes und das sollte selbstverständlich auch das Ziel sein, für Themen Mehrheiten zu gewinnen. Und je nach Thema sind die Wege dafür verschieden.

Aber gerade das Thema Inklusion beinhaltet, jedenfalls nach meinem Verständnis, soviel gesellschaftliche Sprengkraft, so viele zu diskutierende Fragen, so viel Gesellschaftskritik, dass es unter den derzeitigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich eine lange und harte, Auseinandersetzung sein müsste, bevor das Thema mainstream-tauglich ist.

Aus diesem Grund frage ich mich, was in der Mainstream-Diskussion als Inklusion verhandelt wird? Was ist das Verständnis von Inklusion? Wer sind die Wort- und Meinungsführer? Wer setzt sich für Inklusion ein? Mit welcher Motivation? Was ist das Ziel von Inklusion? Stehen menschenrechtliche oder okönomische Belange im Vordergrund? Warum ist das Thema gerade so in Mode und anschlussfähig an den Mainstream?

Immer wieder taucht diese Skepsis bei mir auf. Aus diesem Grund ist es für mich sehr wichtig, anzuhalten, innezuhalten und nachzudenken. Das sich ständig drehende Rad zu stoppen und genau hinzuschauen. Was passiert da gerade? Was ist mein Beitrag dazu? Bin ich damit einverstanden oder müsste ich in irgendeiner Form intervenieren?

Für mich ist das Thema Inklusion zum einen sehr stark mit der Frage nach Gesellschaft verbunden. Wie soll die Gesellschaft strukturiert sein, wie soll sie funktionieren, welche Werte und Normen sollen gelten? In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie gewährleisten wir die Einhaltung der Menschenrechte? Wie können gesellschaftliche diskriminierende Strukturen aufgebrochen und verändert werden? Funktioniert Inklusion in einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz und Leistung basiert? Und was bedeutet gleichberechtigte Teilhabe in diesem Kontext?

Zum anderen ist das Thema auch stark mit einer Selbstreflexion und der Frage nach der eigenen Rolle verbunden. Welche Werte und Normen vertrete ich? Wie reagiere ich bei Diskriminierungen? Wo grenze ich Menschen bewusst oder unbewusst aus? Warum engagiere ich mich für Inklusion?

Und natürlich geht es auch um Fragen der Umsetzung? Welche Umsetzungsschritte werden dem Anspruch gerecht? Welche Schritte verfälschen den Ansatz? Mit welchem Ziel wird welcher Schritt getan? Auf welchen Ebenen wird agiert und interveniert?

Leider habe ich das Gefühl, dass diese Fragen nicht (hinreichend) diskutiert wurden und werden und dadurch, meiner Ansicht nach, in der Mainstream-Diskussion Inklusion Gefahr läuft inhaltlich entleert und zweckentfremdet zu werden.

Also bleibt mir nichts anderes übrig als wieder anzuhalten, innezuhalten und nachzudenken.

Wie kann eine inklusive Haltung aussehen?

Der Versuch einer Annäherung mit Hilfe des Anti-Bias-Ansatzes.

Hier geht es zur Text-Version zum (Nach-)Lesen.

Ich freue mich über Feedback, Anregungen, Gedanken, Ideen, Kritik, …

Quellennachweis/verwendete Literatur:

Aktion Mensch: https://www.aktion-mensch.de/themen-informieren-und-diskutieren/was-ist-inklusion?et_cid=28&et_lid=86206 – zuletzt aufgerufen am 21.10.2015.

Gramelt, Katja (2010): Der Anti-Bias-Ansatz. Zu Konzept und Praxis einer Pädagogik für den Umgang mit (kultureller) Vielfalt. Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden.

Hahn, Jetti; Kübler, Annette; Konzi, Nele (2012): Mit dem Anti-Bias-Ansatz die „Rolle vorwärts“ wagen! Oder: Warum es so wichtig ist, bei sich selbst anzufangen.

http://www.situationsansatz.de/files/texte%20ista/fachstelle%20kinderwelten/kiwe%20pdf/LS_60_12_42-45_Anti_Bias.pdf – zuletzt aufgerufen am 23.10.2015.

Herdel, Shantala: Was ist Anti-Bias? http://www.anti-bias-werkstatt.de/sites/default/files/public/Downloads/3%2BWas%2Bist%2BAB.pdf – zuletzt aufgerufen am 22.10.2015.

Hinz, Andreas (2012): Inklusion – historische Entwicklungslinien und internationale Kontexte. In: Hinz, Andreas; Körner, Ingrid; Niehoff, Ulrich (Hrsg.): Von der Integration zur Inklusion. Grundlagen – Perspektiven – Praxis. Lebenshilfe Verlag. Marburg. S.33-52.

Inklusionswege.de: http://inklusionswege.de/einige-gedanken-rund-um-das-thema-inklusion/ – zuletzt aufgerufen am 21.10.2015.

Leidmedien: http://leidmedien.de/sprache-kultur-und-politik/inklusion-was-heisst-das/ – zuletzt aufgerufen am 21.10.2015.

Schwärzer, Constanze: Anti-Bias: Mit Vorurteilen und Macht bewusst umgehen – aktiv gegen Diskriminierung vorgehen. Ein Beitrag aus der Bildungsarbeit. http://www.constanzeschwaerzer.de/wordpress/wp-content/uploads/Schw%C3%A4rzer_Anti-Bias.pdf –zuletzt aufgerufen am 22.10.2015.

Sulzer, Annika (2013): Inklusion als Werterahmen für Bildungsgerechtigkeit. In: Wagner, Petra (Hrsg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Herder.Freiburg im Breisgau. S. 12-21.

Trisch, Oliver (2013): Der Anti-Bias-Ansatz. Beiträge zur theoretischen Fundierung und Professionalisierung der Praxis. ibidem-Verlag. Stuttgart.

Wagner, Petra (2013): Vielfalt respektieren, Ausgrenzung widerstehen – aber wie kann man das lernen? Konzepte und Praxis der Aus- und Fortbildung. In: Wagner, Petra (Hrsg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Herder. Freiburg im Breisgau. S. 242-259.

 

Einige Begriffsüberlegungen

Immer wieder tauchen in der Diskussion und Berichterstattung über Inklusion sprachliche Konstruktionen auf, die aus meiner Sicht entweder am Kern von Inklusion vorbei gehen oder aber das aktuelle Wesen der Umsetzung von Inklusion verraten. An dieser Stelle möchte ich einige Gedanken dazu formulieren und erläutern, warum diese Begriffe aus meiner Sicht problematisch sind.

  1. Inklusionskinder

Der Begriff Inklusionskinder wird seit einiger Zeit als Ersatz für Integrationskinder benutzt. Die damit bezeichneten Kinder bleiben die gleichen. Die daraus resultierenden Angebote/Konsequenzen höchst wahrscheinlich auch. Somit wird Inklusion mit Integration gleichgesetzt, mögliche Unterschiede werden nicht berücksichtigt, es wird auf den aktuellen Trend reagiert – Inklusion ist der aktuellere Begriff, der derzeit „richtige“ Begriff und deshalb bleibt die bisherige Logik bestehen und nur die Bezeichnung wird verändert. Doch das geht am eigentlichen Kern von Inklusion vorbei. Ebenso wie bei dem nächsten Konstrukt

  1. Inklusion von Kindern/Schüler_innen

Der Satzbaustein „Die Inklusion von Kindern/Schüler_innen“ endet in unterschiedlicher Weise. Meist wird noch ein „mit Behinderungen“, heran gehangen, und dann ist sie in manchen Fällen „gelungen“ in anderen Fällen „gescheitert“. Auch hier gibt es meines Erachtens nach eine falsche Grundannahme, die sich ebenfalls in dem Begriff „Inklusionskinder“ zeigt. Und zwar wird das Individuum in den Fokus der Betrachtung gestellt. Das ist an sich erst einmal nichts Schlechtes und auch bei Inklusion geht es darum, die Menschen in ihrer Individualität und Vielfalt zu sehen und wertzuschätzen. Aber es darf nicht auf der Ebene bleiben. Denn der eigentliche Kern von Inklusion, jedenfalls verstehe ich es so, ist doch die Betrachtung der Systeme. Wie sehen die Strukturen, wie sehen die Angebote, wie sehen die Materialien aus? Wie wird gesprochen? Wer wird angesprochen? Wird abgebildet? Wer ist repräsentiert? Wer wird mitgedacht? Wodurch werden Menschen ausgeschlossen? Das heißt, die Betrachtung richtet sich ausschließlich auf die Systeme. Dazu ist es natürlich notwendig, die Dimensionen von Vielfalt und ihre Spezifika zu kennen. Aber sie müssen dann in ihrem Miteinander-verschränkt-sein betrachtet werden und es ist dann die Frage danach zu stellen, wie muss das System gestaltet sein? In der Verschränkung von Inklusion und einer Zielgruppe, besteht zum einen die Gefahr, dass der Fokus auf die Zielgruppe und weg vom System rutscht und zum anderen wird die Person oder Personengruppe auf ein Merkmal/eine Eigenschaft reduziert und die Tatsache, dass Menschen viele unterschiedliche Merkmale, viele unterschiedliche Eigenschaften haben und zu vielen unterschiedlichen selbstgewählten und zugeschriebenen Gruppen gehören, wird dabei nicht berücksichtigt. Wenn es also bspw. heißt: „Inklusion behinderter Schüler in Bayern mangelhaft“, dann werden die genannten Schüler ausschließlich auf ihre Behinderung reduziert, vernachlässigt wird dabei aber, dass sie auch eine Geschlechtszugehörigkeit haben, eine Sexualität, eine Hautfarbe, eine Religion oder Weltanschauung, einen sozialen Status, etc. In dieser Logik verbleibend wäre dann zu fragen, ob denn dann die Inklusion z.B. von Mädchen, von homosexuellen Jugendlichen, von Schwarzen Kindern, von muslimischen Kindern, von armen Kindern gelungen ist? Und kann dann ein und dieselbe Person in einem System in Bezug auf z.B. ein Merkmal inkludiert sein und in Bezug auf ein anderes nicht? An dieser Stelle wird es irgendwie absurd.

Und nach meinem Verständnis ist es die falsche Frage. Es kann nicht darum gehen, danach zu fragen, welche „Gruppe“ denn schon inkludiert worden ist und bei welcher „Gruppe“ es noch nicht gelungen ist. Denn das Konzept dieser „Gruppe“ ist fragwürdig, denn Zugehörigkeiten, Merkmale und Eigenschaften überschneiden sich, sind miteinander verschränkt und Personen, die zu einer „Gruppe“ gehören, die ggf. das gleiche Merkmal teilen, gehören automatisch auch zu anderen Gruppen. Insofern verrät die Frage danach, die dahinterstehende, gedachte Eindimensionalität der Betrachtung.

Insofern ist es wichtig, darauf zu achten, welche Begriffe benutzt werden, was für Konzepte und Verständnisse dahinter stehen (können) und selber nicht in bestimmte Fallen zu tappen.

Was ist Ihre Position zu den oben genannten Begriffen? Und welche problematischen Wörter und Konstrukte in Bezug auf Inklusion fallen Ihnen ein?