Archiv der Kategorie: Empfehlungen

Veranstaltungen barrierefrei planen – aber wie?

Inklusion soll auf allen Ebenen umgesetzt werden. Das bedeutet also, dass auch Veranstaltungen so geplant und durchgeführt werden, dass sie für alle Menschen geeignet sind -also in jeder Hinsicht barrierefrei sind. Doch was ist dafür zu bedenken und zu berücksichtigen?

Der Paritätische Hessen hat schon 2013 eine Broschüre herausgegeben, die sich mit diesen Fragen beschäftigt.

„Der Barriere-Checker. Veranstaltungen barrierefrei planen“ gibt viele verschiedene Anregungen für eine barrierefreie Veranstaltung.

Neben drei wichtigen Grundformeln, geht es um die Bereiche Ankündigung und Einladung, Veranstaltungsort, Anreise und Ankunft, Essen und Trinken, Redebeiträge und Präsentationen.

Anschließend wird auf eine Zielgruppen im besonderen eingegangen: Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen mit Sehbehinderung, Menschen mit Körperbehinderungen, Menschen mit Hörbehinderung, Menschen mit psychischen Behinderungen.

Abschließend gibt es noch „Zehn Knigge-Tipps zum respektvollen Miteinander“ und einen Glossar.

Zu jedem der aufgeführten Bereiche ist eine Checkliste zur Übersicht beigefügt, so dass alle wichtigen Hinweise nochmal auf einen Blick greifbar sind und so die Planung und Durchführung einer barrierfreien Veranstaltung erleichtern.

Fazit

Die Broschüre gibt meiner Ansicht nach einen guten Überblick, was für eine barrierefreie Veranstaltung zu berücksichtigen ist. Durch die Checklisten hat man das Wichtigste auf einem Blick. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass es eine ganze Menge ist, was es zu  bedenken gibt und irgendwie scheint es eine riesige Herausforderung zu sein und es wirkt erst einmal etwas abschreckend auf mich. Die Checklisten erleichtern das dann vielleicht wieder ein bisschen und sicherlich macht es die Routine dann auch einfacher… Also einfach machen! 🙂

Hier geht es zu der Broschüre.

Tipp: Radiobeitrag zum Thema „Namen“

Im Anti-Bias-Ansatz, der meiner Ansicht nach viel mit Inklusion und einer inklusiven Pädagogik zu tun hat, ist ein Aspekt und Ziel, Identitäten zu stärken. Ein Baustein zur Erreichung dieses Ziels kann die Auseinandersetzung mit dem eigenen Namen sein – welche Bedeutung hat mein Name, woher kommt mein Name, wer hat ihn mir gegeben, warum wurde er mir gegeben, wie möchte ich genannt werden?

Beim Deutschlandfunk gibt es ein Feature mit dem Titel „Nomen est omen? – Wie Namen entstehen und wirken“. In dem Feature wird sich auf vielen verschiedenen Ebene mit dem Thema „Namen“ auseinandergesetzt und es werden unterschiedliche Facetten beleuchtet und angesprochen – z.B. Bedeutung für die Person, Diskriminierung, Assoziationen zu Namen, Relevanz

Hier geht es zu dem Radiobeitrag. Auf der Seite kann der Beitrag gehört und gelesen werden.

Website Inklusion-Frankfurt.de

Die Stadt Frankfurt am Main widmet sich dem Thema Inklusion auf einer dafür eigens eingerichteten Website. Unter www.inklusion-frankfurt.de finden sich einige Fakten rund um das Thema Inklusion, eine Begriffserklärung, verschiedene vertiefende Materialien und eine Liste mit weiteren Informationen, Angeboten und Hilfen zum Thema.

Ich finde das einen tollen Ansatz. Interessent_innen können gebündelt viele wichtige Informationen und Ansprechpartner_innen, Initiativen und Akteure rund um das Thema Inklusion in Frankfurt am Main bekommen.

Welche Städte/Landkreise haben noch solche Webseiten?

www.inklusion-frankfurt.de

Empfehlung: Kritik oder Antisemitismus? Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus

Eine inklusive Haltung und somit auch eine inklusive Pädagogik nehmen alle Diskriminierungsformen in den Blick. So auch den israelbezogenen Antisemitismus. Die Amadeu Antonio Stiftung hat eine neue Handreichung mit dem Titel „Kritik oder Antisemitismus? Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus“ veröffentlicht. Diese kann direkt bei der Amadeu Antonio Stiftung bestellt oder kostenlos als PDF heruntergeladen werden.

Hier geht es zur PDF-Version der Handreichung.

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte aus der Handreichung.

Zu folgenden Fragen möchte die Handreichung Anregungen geben und Hilfestellung leisten:

„Wo fängt Antisemitismus in Bezug auf Israel genau an? Wie kann pädagogisch gegen (israelbezogenen) Antisemitismus vorgegangen werden, sowohl vorbeugend als auch bei einer erneuten Eskalation im Israel-Palästina-Konflikt? Inwiefern spielt Rassismus eine Rolle bei der öffentlichen Fokussierung auf den Antisemitismus aus muslimisch sozialisierten Milieus?“ (S. 3)

Die Handreichung ist in drei Bereiche unterteilt:

  • Hintergrund, Analyse und Begrifflichkeiten
  • Fallbeispiel
  • Pädagogische Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten

Hintergrund, Analyse und Begrifflichkeiten

Den inhaltlichen Einstieg in diesem Abschnitt macht Anetta Kahane mit ihrem Text „Israelbezogener Antisemitismus – ein überladenes Problem“.

Gleich zu Beginn stellt sie fest: „Es gibt ihn, den Israelhass, der antisemitisch daherkommt und auch so gemeint ist“ (S. 6). „Wie kein anderes Land auf der Welt steht Israel unter ständiger, missbilligender Beobachtung“ (ebd.).

Als Ursache dafür sieht sie „eine Mischung aus Neid und Verachtung, eine Furcht vor dem Kosmopolitischen, dem Abstrakten, dem Kapitalistischen, dem Revolutionären, dem Verschwörerischen und dem Intellektuellen. Das alles steckt in der antisemitischen Projektion, die freilich nichts mit dem realen Judentum zu tun hat. […] Die Projektionen auf die Juden sind so komplex, dass sie eigentlich tun können, was sie wollen – es wird immer irgendein Ressentiment bestätigt.“ (S. 6f.)

„Israelfeindschaft oder – wie wir es nennen – israelbezogener Antisemitismus hat den klassischen Antisemitismus als Gesellschaftstheorie längst abgelöst“ (S. 8).

Der darauf folgende Text „Wie unterscheide ich Kritik von israelbezogenem Antisemitismus?“ von Jan Riebe nennt einige Aspekte, die für die Unterscheidung hilfreich sind, ob eine Aussage eine Kritik ist oder israelbezogener Antisemitismus.

Vor allem ist es dabei wichtig, dass „wer Antisemitismus erkennen will, muss sich notgedrungen mit seiner Wandlungsfähigkeit, seinen Facetten, seiner Historie und Gegenwart näher beschäftigen“ (S. 10).

Ein Problem bei der Erkennung von Antisemitismus ist, dass die „Ausprägung von Antisemitismus im Nationalsozialismus […] in den Köpfen so präsent [ist], dass aktuelle Formen von Antisemitismus meist nicht erkannt werden oder erkannt werden wollen“ (S. 11).

„Schon allein der Begriff >>Israelkritik<< ist problematisch, da er das Ausmaß der Fokussierung auf Israel als selbstverständlich setzt. Begriffe wie beispielsweise >>Russlandkritik<<, >>Griechenlandkritik<< oder >>Türkeikritik<< gibt es im Gegensatz zur >>Israelkritik<< im allgemeinen Sprachgebrauch kaum.“ (S. 12)

Hilfreich bei Einschätzung, ob es sich bei einer Aussage um Kritik oder israelbezogenen Antisemitismus handelt, kann der sogenannte 3D-Test sein. Dazu gehört der „Test auf Dämonisierung“ (S. 13), der „Test auf Doppelstandards“ (ebd.) und der „Test auf Delegitimierung“ (S.15). Trifft einer dieser Punkte zu, also wird Israel dämonisiert, werden bei Israel Doppelstandards angewandt, wird Israel delegitimiert, dann ist die Aussage antisemitisch. Wichtig ist aber, dass es sich dabei um eine „Hilfestellung“ (ebd.) und keine „eindeutige[n] Tests zur Identifikation von israelbezogenem Antisemitismus“ (ebd.) handelt. „Deshalb ist Nachhaken dringend zu empfehlen“ (ebd.).

„Israelbezogener Antisemitismus bedeutet häufig, über Israel zu reden, ohne über Israel zu reden: Formell wird sich über Israel echauffiert, ursächlich geht es aber um andere Dinge wie die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte, eigene Diskriminierungserfahrungen oder das Ziel, sich in sozial akzeptierter Form antisemitisch äußern zu können. […] Es hat daher im Regelfall keinen Sinn, nach solchen Äußerungen intensiv die Politik Israels oder den Nahostkonflikt zu erörtern. Stattdessen sollte die jeweilige Funktion solch antisemitischer Äußerungen offengelegt und anschließend diese Funktion statt Israel in den Blick genommen werden.“ (S. 17)

Für die eigene Haltung und Position ist es sinnvoll sich folgende Fragen zu stellen, wenn man israelische Politik kritisiert:

  • „Was sind meine Beweggründe für die Kritik?
  • Kritisiere ich Israel anders als andere Staaten und wenn ja warum?
  • Beschäftigt mich der Nahost-Konflikt mehr als alle anderen Konflikte und wenn ja warum?
  • Bin ich bereit, meine Position zu Israel aufgrund von Fakten zu revidieren?“ (S. 19)

Die „Alltagstauglichkeit des israelbezogenen Antisemitismus und seine gesellschaftliche Akzeptanz machen ihn so gefährlich und schwierig zu erkennen“ (ebd.).

Fallbeispiel

In dem Text „Taktische Solidarität. Rechtspopulistische und neonazistische Positionierungen zum Antisemitismus“ setzen sich Heiko Klare und Michael Sturm mit den Aussagen und Positionen verschiedener rechtspopulistischer und neonazistischer Gruppen in Bezug auf Antisemitismus und Israel auseinander und beleuchten ihre Funktionen.

„Nutzen rechtspopulistisch Parteien und ihre Protagonist_innen einerseits den Nahostkonflikt vor allem, um eine vorgebliche Solidarität mit Israel angesichts der globalen >>islamistischen Bedrohung<< zur Schau zu stellen, inszenieren sich Neonazis andererseits vor allem als Freunde der vom >>Staatsterrorismus Israels<< betroffenen Palästinenser. Beide Positionen eint, dass es dabei nicht um eine tatsächlich[e] Auseinandersetzung mit israelischer Politik geht, sondern ausschließlich die eigenen Positionen vermittelt und argumentativ gestärkt werden sollen.“ (S. 24)

Pädagogische Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten

In dem von Jan Riebe geführten Interview mit Johannes Baldauf und Judith Rahner, welches unter dem Titel „Antisemitismus in Sozialen Netzwerken – ein Fachgespräch“ in der Handreichung veröffentlich ist, richtet den Blick auf die Soziale Netzwerke und ihre Bedeutung für Antisemitismus.

„Soziale Netzwerke sind eine wichtige Wissensquelle für Jugendliche. […] Ist man sich dessen bewusst, dann ist zentral, dass die pädagogische Arbeit im Internet ansetzt.“ (S. 34)

„Am Beispiel des Nahostkonflikts zeigt sich, dass viele Jugendliche ihre Informationen nur aus dem Netz bekommen, weil weder in Schulen noch in Jugendclubs offen darüber gesprochen wird“ (S. 34f.).

In ihrem Text „>>Gefällt mir (nicht)<<. Facebook-Monitoring zu Postings von Jugendlichen während des Gaza-Krieges“ stellt Judith Rahner die Ergebnisse des Monitoring von Facebookprofilen vor. Die Facebookprofile gehören „mehr als einhundert Berliner Jugendlichenim Alter von 12 bis 20 Jahren, die sich überwiegend entweder selbst als muslimisch verstehen oder als muslimisch (fremd)markiert werden“ (S. 39).

„Die Ergebnisse des Facebook-Monitorings verdeutlichen […], dass sich keine Hinweise auf einen >>neuen<< oder spezifisch >>muslimischen<< Antisemitismus finden lassen“ (ebd.).

„Unter Jugendlichen gibt es ein sehr großes Bedürfnis, sich mit den Geschehnissen des Nahost-Konflikts auseinanderzusetzen und diese zu diskutieren. Pädagogische Einrichtungen lassen Jugendliche damit jedoch oft alleine, so dass diese besonders anfällig für einfache, oft antisemitische Erklärungsansätze in Sozialen Netzwerken sind.“ (Ebd.)

„In viele Postings und Kommentaren nehmen jugendliche User direkt auf Islamfeindlichkeit, antimuslimischen Rassismus und eigene Diskriminierungserfahrungen Bezug. Als Muslim nicht anerkannt zu werden, zur hiesigen Gesellschaft nicht wirklich dazuzugehören, in Medien und Bildungseinrichtungen oftmals stereotyp und einseitig dargestellt bzw. wahrgenommen zu werden, ist – auch unabhängig von den Geschehnissen in Nahost – ein permanentes Thema in den ausgewerteten Profilen. Zu Zeit der Eskalation in Gaza bekommen diese Erfahrungen insbesondere dann eine veränderte Tragweite, wenn jugendliche Muslime durch mediale und gesellschaftspolitische Zuschreibungen direkt und oftmals als alleinige Träger von Antisemitismus markiert werden.“ (S. 43)

„Wichtig wäre, dass pädagogische Fachkräfte generell und informiert Kenntnis nehmen von Auseinandersetzungen über den Nahost-Konflikt unter >>ihren<< Jugendlichen auf Facebook“ (S. 45).

In dem anschließenden Text „>>Nicht[s] gegen Juden<<: Unser Onlinetool gegen Antisemitismus“ wird ein Hilfsmittel zur Intervention bei Antisemitismus im Internet vorgestellt.

Hier geht es zu dem Onlinetool.

Dr. Heike Radvan erläutert in dem Text „Aussteigen aus antisemitischen Differenzkonstruktionen“, wie auf antisemitische Äußerungen reagiert werden sollte.

„In der pädagogischen Bearbeitung von antisemitischen Äußerungen sollte die jeweilige Funktion einer antisemitischen Äußerung für den einzelnen Jugendlichen im Mittelpunkt stehen und an dieser Stelle mit der Intervention angesetzt werden“ (S. 49).

„Als sinnvoll kann sich eine fragende Haltung verbunden mit einem anerkennungspädagogischen Umgang erweisen. Zudem ist es oftmals ratsam, universalistisch zu argumentieren und Jugendliche auf ihre konkrete Alltagspraxis zu verweisen.“ (Ebd.)

„Die Differenzkonstruktion zwischen einer Wir-Gruppe und >>den Juden<< erfüllt eine Funktion für diejenigen, die sich antisemitisch äußern: Wer sich abwertend über Juden äußert, wertet sich selbst auf und ordnet sich einer (vermeintlich überlegenen) Gruppe zu“ (ebd.).

„Fragen Pädagog_innen nach der Funktion, so geraten Jugendliche oder Erwachsene mit ihren verschiedenen Erfahrungshintergründen und Haltungen in den Blick – nicht aber >>die Juden<<“ (ebd.).

Der letzte Beitrag der Handreichung stammt von Jan Riebe und trägt den Titel „Was tun bei (israelbezogenem) Antisemitismus? Pädagogische Tipps“.

„Ziel einer antisemitismuskritischen Pädagogik sollte es sein, antisemitischen Vorfällen schon im Vorfeld entgegenzuwirken, anstatt auf sie reagieren zu müssen“ (S. 53).

„Eine Pädagogik gegen Antisemitismus richtet sich nicht nur an Personen, die mehr oder weniger offen antisemitische Positionen vertreten, sondern auch an diejenigen, die sich gegen Antisemitismus positionieren“ (ebd.).

„Es ist wichtig, Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Problem zu betrachten und zu behandeln. […] Die pädagogischen Fachkräfte sind daher gefordert, ihr eigenes Involviertsein in den gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus zu reflektieren. Pädagog_innen sind genauso Teil der Gesellschaft, in der Antisemitismus wirksam ist, wie die Jugendlichen oder Erwachsenen, mit denen sie arbeiten. Daher bedarf es einer selbstkritischen und selbstreflexiven Auseinandersetzung mit der Thematik, um antisemitische Ressentiments zu erkennen und eine eigene Position dazu zu entwickeln.“ (S. 53f.)

„Ziel von bildungspolitischer und pädagogischer Arbeit muss es sein, Jugendliche bei der Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt kritisch-begleitend zu unterstützen“ (S. 55).

„In Bezug auf präventive Arbeit gegen Antisemitismus, aber auch generell gilt es, Diskriminierungserfahrungen von Muslim_innen und/oder Personen mit migrantischen Familienbezügen ernst zu nehmen und zum Bestandteil einer antisemitismuskritischen Auseinandersetzung zu machen“ (ebd.).

„Auch in der antisemitismuskritischen Pädagogik lautet der erste Grundsatz, grundsätzlich stets Betroffene zu schützen, indem auftretender Antisemitismus immer thematisiert wird“ (ebd.).

„Eine wesentliche Komponente des Antisemitismus, auch des israelbezogenen Antisemitismus, ist die Reduktion komplexer, unverstandener gesellschaftlicher Prozesse (z.B. des Nahost-Konflikts) auf ein stark vereinfachendes Gut-Böse-Schema. Um dem entgegenzuwirken, sollten pädagogische Angebote darauf angelegt sein, ein solches stark komplexitätsreduzierendes denken zu durchbrechen.“ (S. 57)

Fazit

Die Handreichung bietet einen guten und übersichtlichen Einstieg in das Thema israelbezogener Antisemitismus und gibt auch einige Anregungen und Empfehlungen, wie mit diesem Thema und dieser Diskriminierungsform umgegangen werden kann und sollte. Viele Aspekte lassen sich sofort in die pädagogische Praxis übernehmen und insofern ist die Handreichung meiner Ansicht nach für Menschen, die in der pädagogischen Praxis tätig sind, sehr zu empfehlen.

Weitere Informationen der Amandeu Antonio Stiftung zum Thema israelbezogener Antisemitismus gibt es hier.

Buchtipp: Suitbert Cechura: Inklusion: Die Gleichbehandlung Ungleicher. Recht zur Teilhabe an der Konkurrenz

Meiner Ansicht nach ist es immer wieder wichtig, sich auch kritisch mit Inklusion (z.B. dem Konzept, und den aktuellen Diskursen) auseinander zu setzen, um nicht unreflektiert irgendetwas zu tun. Einen Beitrag zu dieser Auseinandersetzung liefert Suitbert Cechura mit seinem Buch „Inklusion: Die Gleichbehandlung Ungleicher. Recht zur Teilhabe an der Konkurrenz“.Suitbert Cechura

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte aus dem Buch, die mir besonders wichtig erscheinen und über die es meiner Ansicht nach notwendig ist nachzudenken und zu diskutieren.

In 7 Kapiteln setzt sich Suitbert Cechura mit dem Thema Inklusion auseinander:

  1. Einleitung
  2. Integrations- und Inklusionsidealismus
  3. Die UN-Behindertenrechtskonvention
  4. Von der Krüppelfürsorge zur Inklusion
  5. Teilhabe am Leben in der kapitalistischen Konkurrenz
  6. Begleitung der Reformen durch Staat und Öffentlichkeit
  7. Resümee

Gleich zu Beginn des Buches stellt Suitbert Cechura fest, dass Inklusion „zu einem Prüfstein gemacht [wird], wie man zu Menschen mit Behinderung steht und von daher verbietet sich geradezu, zu prüfen, was Inklusion bedeutet, bzw. wer welche Interessen mit diesem Stichwort verfolgt“ (S. 5). Und daraus zieht er die Konsequenz, die zugleich Leitthema des Buches ist. „Mit diesem Buch soll Inklusion selber auf den Prüfstand gestellt werden“ (ebd.).

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, beginnt Suitbert Cechura seine Ausführungen mit einer Auseinandersetzung zum Begriff Inklusion. Neben der Feststellung, dass die Erklärungen häufig auf Bilder zurückgreifen (vgl. S.7) kommt Suitbert Cechura zu dem Schluss: „Mit Inklusion wird also zunächst einmal ein Gemeinschaftsgedanke propagiert, der völlig absieht davon, was da gemeinschaftlich veranstaltet wird oder auch nicht“ (S. 7). Hinzu kommt, dass der Ausschluss, egal von was auch immer, von vornherein als etwas Negatives verstanden wird (vgl. ebd.).

Anschließend geht Suitbert Cechura auf die gängigen Bilder zu den Begriffen Exklusion, Separation, Integration und Inklusion ein.

„Exklusion steht dafür, dass gleiche Menschen andersartige ausgrenzen und das soll negativ sein. Dagegen erscheint in unserer Gesellschaft Exklusivität als etwas Erstrebenswertes. Die Selbstverständlichkeit, dass Ausschluss immer negativ ist, wie es hier unterstellt ist, gibt es so gar nicht.“ (S. 8) Ebenso folgert Suitbert Cechura, „die Exklusion, die mit diesem Bild angegriffen wird, ist inhaltsleer, weil es gar nicht darum geht, zu klären, wovon [Herv. i.Orig., Anm. d. Verf.] Menschen ausgeschlossen werden und warum“ (ebd.).

Das gleiche stellt er bei dem Bild der Separation fest (vgl. S. 9)

„Das Bild der Inklusion soll die Gemeinsamkeit der Verschiedenen bebildern, unter der sich jeder das vorstellen kann, was er sich unter dieser Gemeinsamkeit vorstellen möchte, schließlich hat der Begriff der Inklusion außer der Gemeinschaftlichkeit keinen Inhalt“ (ebd.). Hinzu kommt, dass „mit dem Bild der Gemeinschaftlichkeit etwas versprochen [wird], was es in dieser Gesellschaft so gar nicht gibt. Auch Schüler ohne Behinderung mit Hauptschulabschluss oder Realschulabschluss sind von der akademischen Bildung ausgeschlossen.“ (S. 10)

„Mit der Inklusion wird das Idealbild einer Gesellschaft gemalt, die für alle Mitglieder alle Möglichkeiten offen hält und macht sich damit frei von dem, was die vorfindliche Gesellschaft kennzeichnet“ (S. 11).

„Vorstellig gemacht wird mit der Inklusion eine Verbesserung der Stellung von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft. Dabei ist die Gesellschaft, an der sie teilhaben wollen und sollen, ja nichts einheitliches, sie besteht aus einer Ansammlung von sehr gegensätzlichen Positionen, als ein Zusammenleben von Armen und Reichen, von Unternehmern, Finanzkapitalisten und Arbeitern und Sparern, von Mietern und Vermietern, Richtern und Strafgefangenen etc. Teilhabe verspricht nicht mehr und nicht weniger, als dass Menschen mit Behinderungen an all dem teilhaben sollen oder sich beteiligen dürfen. […] Dass sie an den positiven Seiten gerne teilhaben wollen, ist anzunehmen, dass sie auch an Obdachlosigkeit und Armut teilhaben wollen, wohl kaum.“ (S. 11f.)

Anschließend setzt sich Suitbert Cechura mit der UN-Behindertenrechtskonvention auseinander.

„Aus der Tatsache, dass auf der Ebene der UNO viele Staaten sich geeinigt haben, muss noch nichts Positives folgen“ (S. 13). „Wenn alle Unterzeichnerstaaten ihren Bürgern etwas Gutes tun wollen, wer hat sie denn daran gehindert, es von sich aus zu tun? Wieso braucht es dazu eine internationale Vereinbarung, die nur dann zu Stande kommt, wenn sie ihr die Zustimmung geben?“ (S. 14). Darüber hinaus ist zu bedenken, „dass Staaten, wenn sie Vereinbarungen treffen, diese auch irgendwie ihren [Herv. i. Orig., Anm. d. Verf.] Interessen entsprechen müssen. Sonst würden sie die Zustimmung zu einem solchen Abkommen verweigern.“ (Ebd.)

„Einerseits wird mit der Verabschiedung der Behindertenrechtskonvention ein Versäumnis eingestanden, was den Umgang der Staaten bezüglich der Menschen mit Behinderung betrifft, andererseits wird aber auch die Kontinuität betont, weil sich in der Behindertenrechtskonvention auf die Prinzipien berufen wird, die eigentlich für alle schon immer Gültigkeit haben sollen“ (S. 17).

„Versprochen wird Menschen mit Behinderung, dass sie von Seiten des Staates nicht anders behandelt werden sollen, als alle anderen Bürger auch, er anerkennt sie als seine Bürger, mit Willen und Bewusstsein, denen er vorgibt, unter welchen Bedingungen sie diese zu bestätigen und zu leben haben“ (S. 21).

„Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft heißt, dass der Bürger vom Staat als freier bestimmt ist, der sein Glück selber zu gestalten hat. Freiheit in dem Sinne bedeutet, der Staat verpflichtet seine Bürger, für ihr Auskommen selber zu sorgen, dass sie dies in Eigenverantwortung und mit eigenen Mitteln zu tun haben.“ (S. 21)

„Mit der Behindertenrechtskonvention werden auch den Menschen mit Behinderung ihre Freiheitsrechte zugesichert, was oft übersetzt wird, mit mehr Autonomie und Selbstbestimmung. Versprochen wird ihnen damit, dass auch Menschen mit Behinderung als eigenständige Konkurrenten an dieser Konkurrenz teilhaben sollen. […] Selbstbestimmt leben bedeutet, selber für sein Auskommen zuständig und verantwortlich zu sein.“ (S.22)

„Die Frage der Teilhabe selber ist nichts Neues, denn teil hatten die Menschen mit Behinderung immer schon an dieser Gesellschaft, der man so ohne weiteres nicht entkommen kann. Mit der Frage nach der Teilhabe ist somit die Frage aufgeworfen, wie [Herv. i. Orig., Anm. d. Verf.] die Menschen in Zukunft am Leben in dieser Gesellschaft teilhaben sollen.“ (S. 30)

Im Anschluss an die Beschäftigung mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen macht Suitbert Cechura einen historischen Abriss über den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Behinderungen.

„Dies zeigt, dass Behinderung nicht identisch ist mit einer körperlichen Beeinträchtigung und damit als Eigenschaft, die eine Person kennzeichnet, sondern ein Verhältnis darstellt. Eine körperliche Beeinträchtigung oder Schädigung steht immer im Verhältnis zu den Lebensbedingungen, unter denen ein Mensch lebt oder zu den Zwecken, die er selber verfolgt. Eine Sehbeeinträchtigung stellt nicht automatisch eine Behinderung dar, sondern nur dann, wenn sie entweder nicht durch eine Brille ausgeglichen werden kann oder die Brille einem bei der Ausübung einer Tätigkeit behindert. Existenziell wird eine Schädigung dann, wenn sie den Geschädigten an der Verfolgung der zum Lebensunterhalt notwendigen Tätigkeiten der der Realisierung eigener Zwecke hindert.“ (S. 32)

„Wenn die Lage von Menschen mit Behinderung maßgeblich durch ihre soziale Lage bestimmt ist, so sind Veränderungen im Umgang mit Menschen mit Behinderung auch vor dem Hintergrund der Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu betrachten“ (S. 33).

„Auf diesem Hintergrund sollte es zu denken geben, wenn Menschen mit Behinderung oder die für die Interessen von Menschen mit Behinderung eintreten, auf die Nützlichkeit von Menschen mit Behinderung für die Gesellschaft verweisen. Damit machen sie sich einen Maßstab zueigen, der die eigene Existenzberechtigung an die Nützlichkeit für die Gesellschaft bindet. Nicht die Gesellschaft wird daran gemessen, in wieweit sie ihren Mitgliedern nützt, sondern es gilt als eine Selbstverständlichkeit, dass die Mitglieder der Gesellschaft für deren Zwecke da zu sein haben. Und wenn Menschen auf Grund ihrer physischen oder geistigen Verfasstheit sich nicht nützlich machen können und auf Unterstützung angewiesen sind, haben sie dann ihr Existenzrecht verloren?“ (S. 53)

Ebenso geht Suitbert Cechura auf den aktuellen gesellschaftlichen Rahmen ein und nennt einige Reformbeispiele der letzten Zeit (z.B. die Hartz-IV – Reformen) und ihre Ziele.

„Nicht nur durch die Erhöhung des Renteneintrittsalters, sondern auch durch einen früheren Berufseintritt wird die Lebensarbeitszeit erhöht und damit unterstrichen, wozu die Bevölkerung da ist, nämlich durch ihre Arbeit den Reichtum der Nation zu mehren“ (S. 80).

„Schulische Inklusion ist somit nicht der Ausgangspunkt für die schulischen Reformen, wie vielfach dargestellt wird, sondern Bestandteil einer weit reichenden Bildungsreform“ (S. 81).

„Der Umbau des Sozialstaates und die Reform des Bildungswesens gehen nicht auf die Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention zurück. Die bereits vor Jahren eingeleiteten Reformen firmieren inzwischen aber alle als Verwirklichung und Umsetzung der Inklusion.“ (ebd.)

„Wie Deutschland mit einer Konvention umgeht, hängt davon ab, wie diese der aktuellen Politik gelegen kommt oder auch nicht. So wie die UN-Behindertenrechtskonvention von der Politik und der Öffentlichkeit behandelt wird, ist sie offenbar sehr willkommen. Der Umbau des Sozialstaates steht damit nicht mehr im negativen Licht von Sparmaßnahmen, Ökonomisierungsvorhaben oder der Umsetzung einer neoliberalen Politik, sondern erhält nun das Gütesiegel, die Verwirklichung des Strebens von Menschen mit Behinderung nach Selbstständigkeit und Autonomie zu sein.“ (S. 82)

„Unter dem Titel der Inklusion sind die Reformen nun in der öffentlichen Diskussion die Verwirklichung eines langgehegten Strebens der Betroffenen“ (S. 83).

„Behindert sein betrifft Menschen ganz unterschiedlich, je nachdem, ob sie zur Elite der Gesellschaft mit entsprechenden Verbindungen und Einkommen gehören oder aber ob sie ihren Lebensunterhalt durch den Einsatz ihrer Arbeitskraft verdienen müssen“ (S. 84).

„Die Förderung von Menschen mit Behinderung zu tauglichen Arbeitskräften bereichert so das Reservoir auf dem Arbeitsmarkt, aus dem sich Arbeitgeber bedienen können“ (S.92).

Die Schule ist ein wichtiges Element, um Menschen beschäftigungsfähig zu machen. Diesem Bereich widmet sich Suitbert Cechura als nächstes.

„Ziel ist nicht die Ermittlung von Lernergebnissen und Beseitigung von Lerndefiziten, sondern die Ermittlung von Unterschieden, die die Kinder in überdurchschnittlich, durchschnittlich und unterdurchschnittlich schnell Lernende einteilt. […] Mittels Noten werden die Kinder selektiert auf die unterschiedlichen Bildungsgänge und damit auf die unterschiedlichen Ebenen der Berufshierarchie. […] Wenn ein Kind langsamer lernt und deshalb im Vergleich mit anderen schlechter abschneidet, ist es nach dieser Vorstellung eben weniger begabt und folgerichtig benötigt es nicht mehr Zeit oder mehr Unterweisung, sondern man wird ihm am besten gerecht, wenn es vom weiteren Lernen ausgeschlossen und von Überforderung verschont wird.“ (S.94f.)

„Der Gedanke der Inklusion in der Schule knüpft an an die Forderung nach Leistungsgerechtigkeit auch für Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen. Damit deren Begabungen zum Tragen kommt, sollen ihnen Bedingungen geschaffen werden, damit im Leistungsvergleich nicht ihre Beeinträchtigung erfasst, sondern ihr Leistungsvermögen ermittelt wird.“ (S. 95)

„Mit Teilhabe hat die Politik nicht versprochen, dass damit alle Unterschiede aufgehoben sind, sondern dass Kinder mit Behinderungen sich den gleichen Anforderungen der Schule zu stellen haben, wie die anderen Kinder“ (S. 100).

„Studien wie PISA machen deutlich, dass die Politik die Schule als Mittel für die internationale Konkurrenz der Staaten um ihren wirtschaftlichen Erfolg behandelt und die Bildungspolitik den Schulen den Auftrag erteilt hat, ihre Schüler für diese Konkurrenz fit zu machen. […] Insofern ordnet sich die Inklusion von Schülern mit Behinderungen ein in die allgemeine Schulreform, die angesichts zurückgehender Schülerzahlen neu definiert, wo welche Schulen vonnöten sind.“ (S. 103)

„Der vielleicht berühmteste Satz des theoretischen Kommunismus – >>Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!<< – entspricht somit zugleich der Grundidee der Inklusion. […] Inklusion ist Kommunismus für die Schule.“ (S.109)

Anschließend beschäftigt sich Suitbert Cechura mit dem Arbeitsmarkt.

„Die Betriebe sind aber auch davon zu überzeugen, in Menschen mit Behinderungen nützliche Mitarbeiter zu entdecken. Angesichts zurückgehender Bevölkerungszahlen sollen Arbeitgeber in dem Teil der arbeitslosen Bevölkerung, die in der Vergangenheit abgeschrieben war, die Überwindung von Arbeitskräftemangel entdecken“ (S. 122).

Anschließend setzt sich Suitbert Chechura kritisch mit dem Konzept des persönlichen Budgets auseinander.

„Implizit wird damit kritisiert, dass bei der bisherigen Hilfegewährung zuviel darauf geschaut wurde, was Menschen mit Behinderungen nicht können, statt ihre Fähigkeiten ins Blickfeld zu rücken. Unterstellt ist damit, dass man diesen Menschen ein Zuviel an Leistungen hat zukommen lassen. Zukünftig sind die Menschen mit Behinderung gefordert, mehr Eigenleistung und Selbstständigkeit im Sinne von Selbstversorgung zu erbringen. Das ist der zweifelhafte Inhalt von einem größeren Maß an Unabhängigkeit und Autonomie.“ (S. 134)

„Damit Menschen mit Behinderung stärker für sich selber sorgen und am Leben dieser Gesellschaft teilhaben können, müssen allerdings noch Barrieren beseitigt werden, die die Politik nicht bei sich, sondern in der Gesellschaft verortet hat, weswegen zur Inklusion auch eine Öffentlichkeitskampagne gehört.“ (S. 165)

Eine dieser Maßnahmen ist der Nationale Aktionsplan, den due Bundesregierung zur Umsetzung von Inklusion beschlossen hat.

„Mit dem Versprechen an Menschen mit Behinderung, ihr Talent stärker in die Gesellschaft einbringen und sich vermehrt nützlich machen zu können, wird ihnen nicht ein besseres Leben, sondern die Chance in Aussicht gestellt, darum konkurrieren zu dürfen.“ (S. 167)

„Sind es nicht die Staaten selbst, die die Vereinbarung unterzeichnet haben, die mit ihrer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung überhaupt die Menschen unter Lebensverhältnisse gesetzt haben, die sie schutzbedürftig werden lässt? Und wer bedroht sie, sind die Bedrohungen nicht Resultat des Umstands, dass sie in dieser Wirtschaftsordnung darauf verwiesen sind, mit ihrer Arbeitskraft um einen Gelderwerb zu konkurrieren und in der sämtliche Lebensverhältnisse von der Verfügung über Geld bestimmt sind?“ (S. 168)

„Mit dem Bezug auf die UN-Behindertenrechtskonvention verspricht die Regierung ihre Bürger mit Behinderungen den gleichen Maßstäben zu unterwerfen wie ihre nichtbehinderten Bürgern – sie solle die gleichen Rechte haben, wobei diese den besonderen Bedingungen der Menschen mit Behinderung angepasst werden sollen. […] Durch die gleiche Rechtstellung wie sie auch anderen Bürgern zusteht, erhalten sie die Chance auf ein besseres Leben, ob aus dieser auch ein besseres Leben wird, ist dann die Leistung der Betroffenen und schließt Versagen ein, schließlich können nicht alle gewinnen. Im Prinzip ist es eine Absage an (vielleicht exkludierende?) Sonderbehandlungen und damit eine Absage an Rücksichtnahmen wegen körperlicher oder psychischer Beeinträchtigungen.“ (S. 168)

Wir – „Durch die Wahl dieses Personalpronomens verwischt die Regierung jeden Unterschied zwischen denen, die Gesetzte machen und denen, die den Gesetzten zu gehorchen haben. Das Ergebnis sollen aber alle gemeinsam verantworten und so bekommt ein freundliches oder unfreundliches Wort gegenüber einem Menschen mit Behinderung das gleiche Gewicht wie ein Gesetz, das die Höhe des Lebensunterhaltes im Rahmen der Grundsicherung festlegt.“ (S. 177)

Ebenso beleuchtet Suitbert Chechura die Rolle der Wissenschaft in der aktuellen Diskussion über Inklusion.

„Mit der Behauptung eines Paradigmenwechsels wird den Politikern unterstellt, sie folgten einem wissenschaftlichen Konzept. Demnach kalkulieren sie nicht ihre Haushaltsmittel, wie sie mit ihnen das Wirtschaftswachstum befördern können und wie sie anfallende Kosten z.B. für den Unterhalt von Menschen mit Behinderung minimieren, sondern hängen einer theoretischen Richtung an, die sie umsetzen.“ (S. 181)

„So leistet die Wissenschaft ihren Beitrag zur Überhöhung eines politischen Prozesses, der damit das Gütesiegel erhält, sich einem höherwertigen Menschheitsanliegen zu verdanken“ (S. 183).

„So wird die Konvention nicht darauf hin untersucht, welche Zwecke die unterzeichnenden Staaten damit verfolgen, sondern wird die Konvention konsequent dahingehend umgedeutet, dass sie ein Mittel für die Betroffenen zu sein hätte.“ (S. 205)

In seinem Resümee fasst Suitbert Cechura seine Auseinandersetzung mit dem Thema zusammen und kommt u.a. zu dem Schluss:

„Inklusion ist keine Erfindung der Politik, sondern wurde von Menschen mit Behinderung in die Welt gesetzt. Die Forderung ist eine nach Chancengleichheit für Menschen mit Behinderung in der Konkurrenz um schulischen und beruflichen Erfolg. […] Mit der Forderung nach Chancengleichheit ist der Maßstab nicht ein besseres Leben, sondern die Möglichkeit danach streben zu dürfen. Die so Fordernden erweisen damit schon ihre Anerkennung gegenüber den Verhältnissen, in denen sich die Bürger als freie in der Welt von Geld und Eigentum bewähren müssen. An dieser Welt wollen sie teilhaben und sich in ihr beweisen.“ (S. 211f.)

„Mit der Inklusion unterstreicht der Staat, dass er nur die Voraussetzungen schafft, auf der die Bürger selber für ihr Auskommen sorgen sollen“ (S. 214).

Fazit

Die hier genannten Aspekte sind nur ein Auszug der vielen Punkte und Themen, die Suitbert Cechura in seinem Buch bespricht. Ich finde das Buch sehr ansprechend geschrieben, gut verständlich und es beinhaltet aus meiner Sicht viele interessante, nachdenkenswürdige und zu diskutierende Aspekte, Themen und Fragen. Das Buch bietet für die Diskussion über Inklusion einen guten kritischen Impuls, da es sich nicht um die Frage nach Ressourcen (materiell, finanziell, personell) bewegt, sondern den Anspruch hat grundsätzlich das Konzept von Inklusion und seine gesellschaftliche Verortung zu betrachten und zu hinterfragen. Ich kann das Buch (nicht nur) für alle die empfehlen, die auf dem Weg in Richtung Inklusion innehalten und nochmal auf das Thema schauen wollen. Eine kritische Auseinandersetzung kann dabei helfen, die eigene Position und Haltung zu reflektieren und zu schärfen. Das Buch von Suitbert Chechura kann dafür eine gute Anregung sein.

Informationen zum Buch:

Suitbert Cechura

Inklusion: Die Gleichbehandlung Ungleicher. Recht zur Teilhabe an der Konkurrenz

Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG Münster

2015

ISBN: 978-3-95645-479-0