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„Auf dem Weg zur Inklusion. Ein Arbeitsbuch“ des AWO Bundesverbandes e.V.

Arbeitsbuch AWO

Der AWO Bundesverband e.V. hat 2014 ein Arbeitsbuch veröffentlicht, das auf dem Weg zur Inklusion Anregungen, Ideen und Unterstützung geben möchte. Entstanden ist das Arbeitsbuch aus dem AWO Weiterbildungsprojekt „InDuBi – Inklusion durch Bildung“.

Das Arbeitsbuch ist in die Bereiche Wissen, Inklusion.Check, Handlungsfelder, Methoden, und Wissen unterteilt.

Im Folgenden stelle ich das Arbeitsbuch „Auf dem Weg zur Inklusion“ kurz vor.

Wissen

  1. Warum ein Arbeitsbuch Inklusion für die AWO?

Ausgehend von der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen muss ebenso „der Bereich der sozialen Arbeit […] mit dem Ziel weiterentwickelt werden, für alle Menschen Zugang sowie Mitbestimmung und Teilhabe zu gewährleisten“ (S. 7) Auch die AWO möchte sich diesen Herausforderungen stellen und mit „diesem Arbeitsbuch Inklusion soll ein Beitrag dazu geleistet werden, Unklarheiten zu klären. Der Begriff Inklusion soll mit Inhalten gefüllt werden, die in konkreten Handlungsfeldern Stück für Stück umgesetzt werden können und müssen.“ (ebd.) Dabei bietet das Arbeitsbuch auf verschiedenen Ebenen Unterstützung und Anregungen an.

  1. Wie kann dieses Arbeitsbuch genutzt werden?

In dem Arbeitsbuch befinden sich Diskussionsanregungen, Impulse für Auseinandersetzungen, konkrete Materialien zur Analyse und Entwicklung, Methodenvorschläge für einzelne Stufen. Wichtig ist, „dass das Arbeitsbuch als mitlernende Arbeitshilfe verstanden und genutzt wird“ (S. 10), also die darin enthaltenden Angebote an die eigene Arbeit angepasst werden können und sollen.

  1. Inklusion – Wohin wollen wir? Eine kleine Geschichte einer großen Vision

In diesem Kapitel wird eine Vision von Inklusion in 40 Jahren als Geschichte präsentiert. Diese kann als Einstieg in die Auseinandersetzung genutzt werden.

  1. Inklusion – was ist das eigentlich?

In diesem Abschnitt wird erläutert, was unter Inklusion verstanden wird und welche Konsequenzen es für die Gesellschaft hat. „Jede*r ist auf ihre*seine Art und Weise einzigartig und Teil der Vielfalt. In der Konsequenz heißt dies, dass alle Menschen dabei sein, mitwirken und mitentscheiden können. Daraufhin müssen bauliche, kommunikative, ökonomische, strukturelle sowie fachliche Rahmenbedingungen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens geprüft und entsprechend weiterentwickelt werden.“ (S. 14) Dabei wird Inklusion als Prozess verstanden, der an viele in der Praxis schon bekannte Ansätze, wie z.B. „Gemeinwesenarbeit, […] Gender-Mainstreaming, […] interkulturelle Öffnung, Lebenslagenkonzepte und […] Empowerment“ (S. 15) anknüpfen kann. „Der inklusive Prozess in Einrichtungen und Diensten muss immer drei Dimensionen in Betracht ziehen, die untrennbar miteinander verzahnt sind: Kultur, Struktur und Handlungspraxis“ (S. 16).

Inklusion.Check

  1. Check – Wo sind wir jetzt?

Der Inklusions.Check ist ein aus 45 Fragen bestehender Fragenkatalog der bei der Analyse des gegenwärtigen Zustandes und des sich daraus ergebenden Handlungsbedarfes unterstützen möchte. Im Check werden alle drei Ebenen (Kultur, Struktur, Handlungspraxis) betrachtet und mehrere Fragen des Checks sind zu Handlungsfeldern gebündelt, die im Folgenden weiter untersetzt sind.

Handlungsfelder

  1. Handlungsfelder des inklusiven Prozesses – Und was heißt das im Einzelnen?

In diesem Bereich der Arbeitshilfe gibt es zu verschiedenen Handlungsfeldern eine Erläuterung, vertiefende Fragestellungen, Praxisbeispiele, Methoden und Hinweise zum Vertiefen mit denen gearbeitet werden kann. Das Kapitel ist in folgende Handlungsfelder unterteilt:

Reflexion/Haltung, Ressourcen- und Bedarfsorientierung, Partizipation, Empowerment, Zugänglichkeit, Abbau von Diskriminierung und Ausgrenzung, Zusammenarbeit, Vernetzung, Rahmenbedingungen

Methoden

  1. Methoden – Und wie?

In diesem Kapitel werden hilfreiche Methoden für den Inklusionsprozess vorgestellt. Dafür gibt es eine Methodenübersicht, die alle in dem Arbeitsbuch enthaltenen Methoden auflistet und daran anschließend werden noch einige Methoden vorgestellt, die die Bearbeitung des Inklusion.Check erleichtern und strukturieren sollen.

Wissen

Nach einem Glossar mit Worterklärungen, die einige in dem Arbeitsbuch verwendete Begriffe erläutern folgen viele weitere Materialien zum Weiterarbeiten (z.B. die Dortmunder Erklärung der AWO, ein Inklusionsfahrplan, Arbeitsmaterialien in Leichter und in Einfacher Sprache, Materialien zu den aufgeführten Methoden, Literatur und Arbeitsmaterialien).

Am Ende des Arbeitsbuches werden die verwendeten Quellen aufgeführt und es schließt mit den Danksagungen.

Mein Fazit

Das Arbeitsbuch „Auf dem Weg zur Inklusion“ des AWO Bundesverband e.V. ist eine gelungene Arbeitshilfe für den Inklusionsprozess. Neben einigen theoretischen Erläuterungen werden viele konkrete Hilfsmittel vorgestellt, die den Prozess strukturieren und unterstützen können. Dadurch wird das komplexe Thema Inklusion handhabbarer und greifbarer gemacht. Sehr schön und ansprechend finde ich persönlich, dass das Arbeitsbuch ein Ringhefter ist, aus dem Seiten schnell ausgeheftet und neue Seiten eingeheftet werden können, was dem eigenen Anspruch „eine mitlernende Arbeitshilfe“ (s.o.) zu sein, gerecht wird. Insofern kann ich dieses Arbeitsbuch sehr empfehlen.

Weitere Informationen zur Bestellmöglichkeit des Arbeitsbuches gibt es hier.

Hier finden Sie Informationen zu dem Projekt „InDuBi“.

Haben Sie schon Erfahrungen in der Arbeit mit dem Arbeitsbuch „Auf dem Weg zur Inklusion“ des AWO Bundesverband e.V. gesammelt? Wie bewerten Sie es?

Veranstaltungen barrierefrei planen – aber wie?

Inklusion soll auf allen Ebenen umgesetzt werden. Das bedeutet also, dass auch Veranstaltungen so geplant und durchgeführt werden, dass sie für alle Menschen geeignet sind -also in jeder Hinsicht barrierefrei sind. Doch was ist dafür zu bedenken und zu berücksichtigen?

Der Paritätische Hessen hat schon 2013 eine Broschüre herausgegeben, die sich mit diesen Fragen beschäftigt.

„Der Barriere-Checker. Veranstaltungen barrierefrei planen“ gibt viele verschiedene Anregungen für eine barrierefreie Veranstaltung.

Neben drei wichtigen Grundformeln, geht es um die Bereiche Ankündigung und Einladung, Veranstaltungsort, Anreise und Ankunft, Essen und Trinken, Redebeiträge und Präsentationen.

Anschließend wird auf eine Zielgruppen im besonderen eingegangen: Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen mit Sehbehinderung, Menschen mit Körperbehinderungen, Menschen mit Hörbehinderung, Menschen mit psychischen Behinderungen.

Abschließend gibt es noch „Zehn Knigge-Tipps zum respektvollen Miteinander“ und einen Glossar.

Zu jedem der aufgeführten Bereiche ist eine Checkliste zur Übersicht beigefügt, so dass alle wichtigen Hinweise nochmal auf einen Blick greifbar sind und so die Planung und Durchführung einer barrierfreien Veranstaltung erleichtern.

Fazit

Die Broschüre gibt meiner Ansicht nach einen guten Überblick, was für eine barrierefreie Veranstaltung zu berücksichtigen ist. Durch die Checklisten hat man das Wichtigste auf einem Blick. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass es eine ganze Menge ist, was es zu  bedenken gibt und irgendwie scheint es eine riesige Herausforderung zu sein und es wirkt erst einmal etwas abschreckend auf mich. Die Checklisten erleichtern das dann vielleicht wieder ein bisschen und sicherlich macht es die Routine dann auch einfacher… Also einfach machen! 🙂

Hier geht es zu der Broschüre.

Tipp: Radiobeitrag zum Thema „Namen“

Im Anti-Bias-Ansatz, der meiner Ansicht nach viel mit Inklusion und einer inklusiven Pädagogik zu tun hat, ist ein Aspekt und Ziel, Identitäten zu stärken. Ein Baustein zur Erreichung dieses Ziels kann die Auseinandersetzung mit dem eigenen Namen sein – welche Bedeutung hat mein Name, woher kommt mein Name, wer hat ihn mir gegeben, warum wurde er mir gegeben, wie möchte ich genannt werden?

Beim Deutschlandfunk gibt es ein Feature mit dem Titel „Nomen est omen? – Wie Namen entstehen und wirken“. In dem Feature wird sich auf vielen verschiedenen Ebene mit dem Thema „Namen“ auseinandergesetzt und es werden unterschiedliche Facetten beleuchtet und angesprochen – z.B. Bedeutung für die Person, Diskriminierung, Assoziationen zu Namen, Relevanz

Hier geht es zu dem Radiobeitrag. Auf der Seite kann der Beitrag gehört und gelesen werden.

Website Inklusion-Frankfurt.de

Die Stadt Frankfurt am Main widmet sich dem Thema Inklusion auf einer dafür eigens eingerichteten Website. Unter www.inklusion-frankfurt.de finden sich einige Fakten rund um das Thema Inklusion, eine Begriffserklärung, verschiedene vertiefende Materialien und eine Liste mit weiteren Informationen, Angeboten und Hilfen zum Thema.

Ich finde das einen tollen Ansatz. Interessent_innen können gebündelt viele wichtige Informationen und Ansprechpartner_innen, Initiativen und Akteure rund um das Thema Inklusion in Frankfurt am Main bekommen.

Welche Städte/Landkreise haben noch solche Webseiten?

www.inklusion-frankfurt.de

Empfehlung: Kritik oder Antisemitismus? Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus

Eine inklusive Haltung und somit auch eine inklusive Pädagogik nehmen alle Diskriminierungsformen in den Blick. So auch den israelbezogenen Antisemitismus. Die Amadeu Antonio Stiftung hat eine neue Handreichung mit dem Titel „Kritik oder Antisemitismus? Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus“ veröffentlicht. Diese kann direkt bei der Amadeu Antonio Stiftung bestellt oder kostenlos als PDF heruntergeladen werden.

Hier geht es zur PDF-Version der Handreichung.

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte aus der Handreichung.

Zu folgenden Fragen möchte die Handreichung Anregungen geben und Hilfestellung leisten:

„Wo fängt Antisemitismus in Bezug auf Israel genau an? Wie kann pädagogisch gegen (israelbezogenen) Antisemitismus vorgegangen werden, sowohl vorbeugend als auch bei einer erneuten Eskalation im Israel-Palästina-Konflikt? Inwiefern spielt Rassismus eine Rolle bei der öffentlichen Fokussierung auf den Antisemitismus aus muslimisch sozialisierten Milieus?“ (S. 3)

Die Handreichung ist in drei Bereiche unterteilt:

  • Hintergrund, Analyse und Begrifflichkeiten
  • Fallbeispiel
  • Pädagogische Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten

Hintergrund, Analyse und Begrifflichkeiten

Den inhaltlichen Einstieg in diesem Abschnitt macht Anetta Kahane mit ihrem Text „Israelbezogener Antisemitismus – ein überladenes Problem“.

Gleich zu Beginn stellt sie fest: „Es gibt ihn, den Israelhass, der antisemitisch daherkommt und auch so gemeint ist“ (S. 6). „Wie kein anderes Land auf der Welt steht Israel unter ständiger, missbilligender Beobachtung“ (ebd.).

Als Ursache dafür sieht sie „eine Mischung aus Neid und Verachtung, eine Furcht vor dem Kosmopolitischen, dem Abstrakten, dem Kapitalistischen, dem Revolutionären, dem Verschwörerischen und dem Intellektuellen. Das alles steckt in der antisemitischen Projektion, die freilich nichts mit dem realen Judentum zu tun hat. […] Die Projektionen auf die Juden sind so komplex, dass sie eigentlich tun können, was sie wollen – es wird immer irgendein Ressentiment bestätigt.“ (S. 6f.)

„Israelfeindschaft oder – wie wir es nennen – israelbezogener Antisemitismus hat den klassischen Antisemitismus als Gesellschaftstheorie längst abgelöst“ (S. 8).

Der darauf folgende Text „Wie unterscheide ich Kritik von israelbezogenem Antisemitismus?“ von Jan Riebe nennt einige Aspekte, die für die Unterscheidung hilfreich sind, ob eine Aussage eine Kritik ist oder israelbezogener Antisemitismus.

Vor allem ist es dabei wichtig, dass „wer Antisemitismus erkennen will, muss sich notgedrungen mit seiner Wandlungsfähigkeit, seinen Facetten, seiner Historie und Gegenwart näher beschäftigen“ (S. 10).

Ein Problem bei der Erkennung von Antisemitismus ist, dass die „Ausprägung von Antisemitismus im Nationalsozialismus […] in den Köpfen so präsent [ist], dass aktuelle Formen von Antisemitismus meist nicht erkannt werden oder erkannt werden wollen“ (S. 11).

„Schon allein der Begriff >>Israelkritik<< ist problematisch, da er das Ausmaß der Fokussierung auf Israel als selbstverständlich setzt. Begriffe wie beispielsweise >>Russlandkritik<<, >>Griechenlandkritik<< oder >>Türkeikritik<< gibt es im Gegensatz zur >>Israelkritik<< im allgemeinen Sprachgebrauch kaum.“ (S. 12)

Hilfreich bei Einschätzung, ob es sich bei einer Aussage um Kritik oder israelbezogenen Antisemitismus handelt, kann der sogenannte 3D-Test sein. Dazu gehört der „Test auf Dämonisierung“ (S. 13), der „Test auf Doppelstandards“ (ebd.) und der „Test auf Delegitimierung“ (S.15). Trifft einer dieser Punkte zu, also wird Israel dämonisiert, werden bei Israel Doppelstandards angewandt, wird Israel delegitimiert, dann ist die Aussage antisemitisch. Wichtig ist aber, dass es sich dabei um eine „Hilfestellung“ (ebd.) und keine „eindeutige[n] Tests zur Identifikation von israelbezogenem Antisemitismus“ (ebd.) handelt. „Deshalb ist Nachhaken dringend zu empfehlen“ (ebd.).

„Israelbezogener Antisemitismus bedeutet häufig, über Israel zu reden, ohne über Israel zu reden: Formell wird sich über Israel echauffiert, ursächlich geht es aber um andere Dinge wie die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte, eigene Diskriminierungserfahrungen oder das Ziel, sich in sozial akzeptierter Form antisemitisch äußern zu können. […] Es hat daher im Regelfall keinen Sinn, nach solchen Äußerungen intensiv die Politik Israels oder den Nahostkonflikt zu erörtern. Stattdessen sollte die jeweilige Funktion solch antisemitischer Äußerungen offengelegt und anschließend diese Funktion statt Israel in den Blick genommen werden.“ (S. 17)

Für die eigene Haltung und Position ist es sinnvoll sich folgende Fragen zu stellen, wenn man israelische Politik kritisiert:

  • „Was sind meine Beweggründe für die Kritik?
  • Kritisiere ich Israel anders als andere Staaten und wenn ja warum?
  • Beschäftigt mich der Nahost-Konflikt mehr als alle anderen Konflikte und wenn ja warum?
  • Bin ich bereit, meine Position zu Israel aufgrund von Fakten zu revidieren?“ (S. 19)

Die „Alltagstauglichkeit des israelbezogenen Antisemitismus und seine gesellschaftliche Akzeptanz machen ihn so gefährlich und schwierig zu erkennen“ (ebd.).

Fallbeispiel

In dem Text „Taktische Solidarität. Rechtspopulistische und neonazistische Positionierungen zum Antisemitismus“ setzen sich Heiko Klare und Michael Sturm mit den Aussagen und Positionen verschiedener rechtspopulistischer und neonazistischer Gruppen in Bezug auf Antisemitismus und Israel auseinander und beleuchten ihre Funktionen.

„Nutzen rechtspopulistisch Parteien und ihre Protagonist_innen einerseits den Nahostkonflikt vor allem, um eine vorgebliche Solidarität mit Israel angesichts der globalen >>islamistischen Bedrohung<< zur Schau zu stellen, inszenieren sich Neonazis andererseits vor allem als Freunde der vom >>Staatsterrorismus Israels<< betroffenen Palästinenser. Beide Positionen eint, dass es dabei nicht um eine tatsächlich[e] Auseinandersetzung mit israelischer Politik geht, sondern ausschließlich die eigenen Positionen vermittelt und argumentativ gestärkt werden sollen.“ (S. 24)

Pädagogische Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten

In dem von Jan Riebe geführten Interview mit Johannes Baldauf und Judith Rahner, welches unter dem Titel „Antisemitismus in Sozialen Netzwerken – ein Fachgespräch“ in der Handreichung veröffentlich ist, richtet den Blick auf die Soziale Netzwerke und ihre Bedeutung für Antisemitismus.

„Soziale Netzwerke sind eine wichtige Wissensquelle für Jugendliche. […] Ist man sich dessen bewusst, dann ist zentral, dass die pädagogische Arbeit im Internet ansetzt.“ (S. 34)

„Am Beispiel des Nahostkonflikts zeigt sich, dass viele Jugendliche ihre Informationen nur aus dem Netz bekommen, weil weder in Schulen noch in Jugendclubs offen darüber gesprochen wird“ (S. 34f.).

In ihrem Text „>>Gefällt mir (nicht)<<. Facebook-Monitoring zu Postings von Jugendlichen während des Gaza-Krieges“ stellt Judith Rahner die Ergebnisse des Monitoring von Facebookprofilen vor. Die Facebookprofile gehören „mehr als einhundert Berliner Jugendlichenim Alter von 12 bis 20 Jahren, die sich überwiegend entweder selbst als muslimisch verstehen oder als muslimisch (fremd)markiert werden“ (S. 39).

„Die Ergebnisse des Facebook-Monitorings verdeutlichen […], dass sich keine Hinweise auf einen >>neuen<< oder spezifisch >>muslimischen<< Antisemitismus finden lassen“ (ebd.).

„Unter Jugendlichen gibt es ein sehr großes Bedürfnis, sich mit den Geschehnissen des Nahost-Konflikts auseinanderzusetzen und diese zu diskutieren. Pädagogische Einrichtungen lassen Jugendliche damit jedoch oft alleine, so dass diese besonders anfällig für einfache, oft antisemitische Erklärungsansätze in Sozialen Netzwerken sind.“ (Ebd.)

„In viele Postings und Kommentaren nehmen jugendliche User direkt auf Islamfeindlichkeit, antimuslimischen Rassismus und eigene Diskriminierungserfahrungen Bezug. Als Muslim nicht anerkannt zu werden, zur hiesigen Gesellschaft nicht wirklich dazuzugehören, in Medien und Bildungseinrichtungen oftmals stereotyp und einseitig dargestellt bzw. wahrgenommen zu werden, ist – auch unabhängig von den Geschehnissen in Nahost – ein permanentes Thema in den ausgewerteten Profilen. Zu Zeit der Eskalation in Gaza bekommen diese Erfahrungen insbesondere dann eine veränderte Tragweite, wenn jugendliche Muslime durch mediale und gesellschaftspolitische Zuschreibungen direkt und oftmals als alleinige Träger von Antisemitismus markiert werden.“ (S. 43)

„Wichtig wäre, dass pädagogische Fachkräfte generell und informiert Kenntnis nehmen von Auseinandersetzungen über den Nahost-Konflikt unter >>ihren<< Jugendlichen auf Facebook“ (S. 45).

In dem anschließenden Text „>>Nicht[s] gegen Juden<<: Unser Onlinetool gegen Antisemitismus“ wird ein Hilfsmittel zur Intervention bei Antisemitismus im Internet vorgestellt.

Hier geht es zu dem Onlinetool.

Dr. Heike Radvan erläutert in dem Text „Aussteigen aus antisemitischen Differenzkonstruktionen“, wie auf antisemitische Äußerungen reagiert werden sollte.

„In der pädagogischen Bearbeitung von antisemitischen Äußerungen sollte die jeweilige Funktion einer antisemitischen Äußerung für den einzelnen Jugendlichen im Mittelpunkt stehen und an dieser Stelle mit der Intervention angesetzt werden“ (S. 49).

„Als sinnvoll kann sich eine fragende Haltung verbunden mit einem anerkennungspädagogischen Umgang erweisen. Zudem ist es oftmals ratsam, universalistisch zu argumentieren und Jugendliche auf ihre konkrete Alltagspraxis zu verweisen.“ (Ebd.)

„Die Differenzkonstruktion zwischen einer Wir-Gruppe und >>den Juden<< erfüllt eine Funktion für diejenigen, die sich antisemitisch äußern: Wer sich abwertend über Juden äußert, wertet sich selbst auf und ordnet sich einer (vermeintlich überlegenen) Gruppe zu“ (ebd.).

„Fragen Pädagog_innen nach der Funktion, so geraten Jugendliche oder Erwachsene mit ihren verschiedenen Erfahrungshintergründen und Haltungen in den Blick – nicht aber >>die Juden<<“ (ebd.).

Der letzte Beitrag der Handreichung stammt von Jan Riebe und trägt den Titel „Was tun bei (israelbezogenem) Antisemitismus? Pädagogische Tipps“.

„Ziel einer antisemitismuskritischen Pädagogik sollte es sein, antisemitischen Vorfällen schon im Vorfeld entgegenzuwirken, anstatt auf sie reagieren zu müssen“ (S. 53).

„Eine Pädagogik gegen Antisemitismus richtet sich nicht nur an Personen, die mehr oder weniger offen antisemitische Positionen vertreten, sondern auch an diejenigen, die sich gegen Antisemitismus positionieren“ (ebd.).

„Es ist wichtig, Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Problem zu betrachten und zu behandeln. […] Die pädagogischen Fachkräfte sind daher gefordert, ihr eigenes Involviertsein in den gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus zu reflektieren. Pädagog_innen sind genauso Teil der Gesellschaft, in der Antisemitismus wirksam ist, wie die Jugendlichen oder Erwachsenen, mit denen sie arbeiten. Daher bedarf es einer selbstkritischen und selbstreflexiven Auseinandersetzung mit der Thematik, um antisemitische Ressentiments zu erkennen und eine eigene Position dazu zu entwickeln.“ (S. 53f.)

„Ziel von bildungspolitischer und pädagogischer Arbeit muss es sein, Jugendliche bei der Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt kritisch-begleitend zu unterstützen“ (S. 55).

„In Bezug auf präventive Arbeit gegen Antisemitismus, aber auch generell gilt es, Diskriminierungserfahrungen von Muslim_innen und/oder Personen mit migrantischen Familienbezügen ernst zu nehmen und zum Bestandteil einer antisemitismuskritischen Auseinandersetzung zu machen“ (ebd.).

„Auch in der antisemitismuskritischen Pädagogik lautet der erste Grundsatz, grundsätzlich stets Betroffene zu schützen, indem auftretender Antisemitismus immer thematisiert wird“ (ebd.).

„Eine wesentliche Komponente des Antisemitismus, auch des israelbezogenen Antisemitismus, ist die Reduktion komplexer, unverstandener gesellschaftlicher Prozesse (z.B. des Nahost-Konflikts) auf ein stark vereinfachendes Gut-Böse-Schema. Um dem entgegenzuwirken, sollten pädagogische Angebote darauf angelegt sein, ein solches stark komplexitätsreduzierendes denken zu durchbrechen.“ (S. 57)

Fazit

Die Handreichung bietet einen guten und übersichtlichen Einstieg in das Thema israelbezogener Antisemitismus und gibt auch einige Anregungen und Empfehlungen, wie mit diesem Thema und dieser Diskriminierungsform umgegangen werden kann und sollte. Viele Aspekte lassen sich sofort in die pädagogische Praxis übernehmen und insofern ist die Handreichung meiner Ansicht nach für Menschen, die in der pädagogischen Praxis tätig sind, sehr zu empfehlen.

Weitere Informationen der Amandeu Antonio Stiftung zum Thema israelbezogener Antisemitismus gibt es hier.