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Buchtipp: Suitbert Cechura: Inklusion: Die Gleichbehandlung Ungleicher. Recht zur Teilhabe an der Konkurrenz

Meiner Ansicht nach ist es immer wieder wichtig, sich auch kritisch mit Inklusion (z.B. dem Konzept, und den aktuellen Diskursen) auseinander zu setzen, um nicht unreflektiert irgendetwas zu tun. Einen Beitrag zu dieser Auseinandersetzung liefert Suitbert Cechura mit seinem Buch „Inklusion: Die Gleichbehandlung Ungleicher. Recht zur Teilhabe an der Konkurrenz“.Suitbert Cechura

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte aus dem Buch, die mir besonders wichtig erscheinen und über die es meiner Ansicht nach notwendig ist nachzudenken und zu diskutieren.

In 7 Kapiteln setzt sich Suitbert Cechura mit dem Thema Inklusion auseinander:

  1. Einleitung
  2. Integrations- und Inklusionsidealismus
  3. Die UN-Behindertenrechtskonvention
  4. Von der Krüppelfürsorge zur Inklusion
  5. Teilhabe am Leben in der kapitalistischen Konkurrenz
  6. Begleitung der Reformen durch Staat und Öffentlichkeit
  7. Resümee

Gleich zu Beginn des Buches stellt Suitbert Cechura fest, dass Inklusion „zu einem Prüfstein gemacht [wird], wie man zu Menschen mit Behinderung steht und von daher verbietet sich geradezu, zu prüfen, was Inklusion bedeutet, bzw. wer welche Interessen mit diesem Stichwort verfolgt“ (S. 5). Und daraus zieht er die Konsequenz, die zugleich Leitthema des Buches ist. „Mit diesem Buch soll Inklusion selber auf den Prüfstand gestellt werden“ (ebd.).

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, beginnt Suitbert Cechura seine Ausführungen mit einer Auseinandersetzung zum Begriff Inklusion. Neben der Feststellung, dass die Erklärungen häufig auf Bilder zurückgreifen (vgl. S.7) kommt Suitbert Cechura zu dem Schluss: „Mit Inklusion wird also zunächst einmal ein Gemeinschaftsgedanke propagiert, der völlig absieht davon, was da gemeinschaftlich veranstaltet wird oder auch nicht“ (S. 7). Hinzu kommt, dass der Ausschluss, egal von was auch immer, von vornherein als etwas Negatives verstanden wird (vgl. ebd.).

Anschließend geht Suitbert Cechura auf die gängigen Bilder zu den Begriffen Exklusion, Separation, Integration und Inklusion ein.

„Exklusion steht dafür, dass gleiche Menschen andersartige ausgrenzen und das soll negativ sein. Dagegen erscheint in unserer Gesellschaft Exklusivität als etwas Erstrebenswertes. Die Selbstverständlichkeit, dass Ausschluss immer negativ ist, wie es hier unterstellt ist, gibt es so gar nicht.“ (S. 8) Ebenso folgert Suitbert Cechura, „die Exklusion, die mit diesem Bild angegriffen wird, ist inhaltsleer, weil es gar nicht darum geht, zu klären, wovon [Herv. i.Orig., Anm. d. Verf.] Menschen ausgeschlossen werden und warum“ (ebd.).

Das gleiche stellt er bei dem Bild der Separation fest (vgl. S. 9)

„Das Bild der Inklusion soll die Gemeinsamkeit der Verschiedenen bebildern, unter der sich jeder das vorstellen kann, was er sich unter dieser Gemeinsamkeit vorstellen möchte, schließlich hat der Begriff der Inklusion außer der Gemeinschaftlichkeit keinen Inhalt“ (ebd.). Hinzu kommt, dass „mit dem Bild der Gemeinschaftlichkeit etwas versprochen [wird], was es in dieser Gesellschaft so gar nicht gibt. Auch Schüler ohne Behinderung mit Hauptschulabschluss oder Realschulabschluss sind von der akademischen Bildung ausgeschlossen.“ (S. 10)

„Mit der Inklusion wird das Idealbild einer Gesellschaft gemalt, die für alle Mitglieder alle Möglichkeiten offen hält und macht sich damit frei von dem, was die vorfindliche Gesellschaft kennzeichnet“ (S. 11).

„Vorstellig gemacht wird mit der Inklusion eine Verbesserung der Stellung von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft. Dabei ist die Gesellschaft, an der sie teilhaben wollen und sollen, ja nichts einheitliches, sie besteht aus einer Ansammlung von sehr gegensätzlichen Positionen, als ein Zusammenleben von Armen und Reichen, von Unternehmern, Finanzkapitalisten und Arbeitern und Sparern, von Mietern und Vermietern, Richtern und Strafgefangenen etc. Teilhabe verspricht nicht mehr und nicht weniger, als dass Menschen mit Behinderungen an all dem teilhaben sollen oder sich beteiligen dürfen. […] Dass sie an den positiven Seiten gerne teilhaben wollen, ist anzunehmen, dass sie auch an Obdachlosigkeit und Armut teilhaben wollen, wohl kaum.“ (S. 11f.)

Anschließend setzt sich Suitbert Cechura mit der UN-Behindertenrechtskonvention auseinander.

„Aus der Tatsache, dass auf der Ebene der UNO viele Staaten sich geeinigt haben, muss noch nichts Positives folgen“ (S. 13). „Wenn alle Unterzeichnerstaaten ihren Bürgern etwas Gutes tun wollen, wer hat sie denn daran gehindert, es von sich aus zu tun? Wieso braucht es dazu eine internationale Vereinbarung, die nur dann zu Stande kommt, wenn sie ihr die Zustimmung geben?“ (S. 14). Darüber hinaus ist zu bedenken, „dass Staaten, wenn sie Vereinbarungen treffen, diese auch irgendwie ihren [Herv. i. Orig., Anm. d. Verf.] Interessen entsprechen müssen. Sonst würden sie die Zustimmung zu einem solchen Abkommen verweigern.“ (Ebd.)

„Einerseits wird mit der Verabschiedung der Behindertenrechtskonvention ein Versäumnis eingestanden, was den Umgang der Staaten bezüglich der Menschen mit Behinderung betrifft, andererseits wird aber auch die Kontinuität betont, weil sich in der Behindertenrechtskonvention auf die Prinzipien berufen wird, die eigentlich für alle schon immer Gültigkeit haben sollen“ (S. 17).

„Versprochen wird Menschen mit Behinderung, dass sie von Seiten des Staates nicht anders behandelt werden sollen, als alle anderen Bürger auch, er anerkennt sie als seine Bürger, mit Willen und Bewusstsein, denen er vorgibt, unter welchen Bedingungen sie diese zu bestätigen und zu leben haben“ (S. 21).

„Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft heißt, dass der Bürger vom Staat als freier bestimmt ist, der sein Glück selber zu gestalten hat. Freiheit in dem Sinne bedeutet, der Staat verpflichtet seine Bürger, für ihr Auskommen selber zu sorgen, dass sie dies in Eigenverantwortung und mit eigenen Mitteln zu tun haben.“ (S. 21)

„Mit der Behindertenrechtskonvention werden auch den Menschen mit Behinderung ihre Freiheitsrechte zugesichert, was oft übersetzt wird, mit mehr Autonomie und Selbstbestimmung. Versprochen wird ihnen damit, dass auch Menschen mit Behinderung als eigenständige Konkurrenten an dieser Konkurrenz teilhaben sollen. […] Selbstbestimmt leben bedeutet, selber für sein Auskommen zuständig und verantwortlich zu sein.“ (S.22)

„Die Frage der Teilhabe selber ist nichts Neues, denn teil hatten die Menschen mit Behinderung immer schon an dieser Gesellschaft, der man so ohne weiteres nicht entkommen kann. Mit der Frage nach der Teilhabe ist somit die Frage aufgeworfen, wie [Herv. i. Orig., Anm. d. Verf.] die Menschen in Zukunft am Leben in dieser Gesellschaft teilhaben sollen.“ (S. 30)

Im Anschluss an die Beschäftigung mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen macht Suitbert Cechura einen historischen Abriss über den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Behinderungen.

„Dies zeigt, dass Behinderung nicht identisch ist mit einer körperlichen Beeinträchtigung und damit als Eigenschaft, die eine Person kennzeichnet, sondern ein Verhältnis darstellt. Eine körperliche Beeinträchtigung oder Schädigung steht immer im Verhältnis zu den Lebensbedingungen, unter denen ein Mensch lebt oder zu den Zwecken, die er selber verfolgt. Eine Sehbeeinträchtigung stellt nicht automatisch eine Behinderung dar, sondern nur dann, wenn sie entweder nicht durch eine Brille ausgeglichen werden kann oder die Brille einem bei der Ausübung einer Tätigkeit behindert. Existenziell wird eine Schädigung dann, wenn sie den Geschädigten an der Verfolgung der zum Lebensunterhalt notwendigen Tätigkeiten der der Realisierung eigener Zwecke hindert.“ (S. 32)

„Wenn die Lage von Menschen mit Behinderung maßgeblich durch ihre soziale Lage bestimmt ist, so sind Veränderungen im Umgang mit Menschen mit Behinderung auch vor dem Hintergrund der Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu betrachten“ (S. 33).

„Auf diesem Hintergrund sollte es zu denken geben, wenn Menschen mit Behinderung oder die für die Interessen von Menschen mit Behinderung eintreten, auf die Nützlichkeit von Menschen mit Behinderung für die Gesellschaft verweisen. Damit machen sie sich einen Maßstab zueigen, der die eigene Existenzberechtigung an die Nützlichkeit für die Gesellschaft bindet. Nicht die Gesellschaft wird daran gemessen, in wieweit sie ihren Mitgliedern nützt, sondern es gilt als eine Selbstverständlichkeit, dass die Mitglieder der Gesellschaft für deren Zwecke da zu sein haben. Und wenn Menschen auf Grund ihrer physischen oder geistigen Verfasstheit sich nicht nützlich machen können und auf Unterstützung angewiesen sind, haben sie dann ihr Existenzrecht verloren?“ (S. 53)

Ebenso geht Suitbert Cechura auf den aktuellen gesellschaftlichen Rahmen ein und nennt einige Reformbeispiele der letzten Zeit (z.B. die Hartz-IV – Reformen) und ihre Ziele.

„Nicht nur durch die Erhöhung des Renteneintrittsalters, sondern auch durch einen früheren Berufseintritt wird die Lebensarbeitszeit erhöht und damit unterstrichen, wozu die Bevölkerung da ist, nämlich durch ihre Arbeit den Reichtum der Nation zu mehren“ (S. 80).

„Schulische Inklusion ist somit nicht der Ausgangspunkt für die schulischen Reformen, wie vielfach dargestellt wird, sondern Bestandteil einer weit reichenden Bildungsreform“ (S. 81).

„Der Umbau des Sozialstaates und die Reform des Bildungswesens gehen nicht auf die Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention zurück. Die bereits vor Jahren eingeleiteten Reformen firmieren inzwischen aber alle als Verwirklichung und Umsetzung der Inklusion.“ (ebd.)

„Wie Deutschland mit einer Konvention umgeht, hängt davon ab, wie diese der aktuellen Politik gelegen kommt oder auch nicht. So wie die UN-Behindertenrechtskonvention von der Politik und der Öffentlichkeit behandelt wird, ist sie offenbar sehr willkommen. Der Umbau des Sozialstaates steht damit nicht mehr im negativen Licht von Sparmaßnahmen, Ökonomisierungsvorhaben oder der Umsetzung einer neoliberalen Politik, sondern erhält nun das Gütesiegel, die Verwirklichung des Strebens von Menschen mit Behinderung nach Selbstständigkeit und Autonomie zu sein.“ (S. 82)

„Unter dem Titel der Inklusion sind die Reformen nun in der öffentlichen Diskussion die Verwirklichung eines langgehegten Strebens der Betroffenen“ (S. 83).

„Behindert sein betrifft Menschen ganz unterschiedlich, je nachdem, ob sie zur Elite der Gesellschaft mit entsprechenden Verbindungen und Einkommen gehören oder aber ob sie ihren Lebensunterhalt durch den Einsatz ihrer Arbeitskraft verdienen müssen“ (S. 84).

„Die Förderung von Menschen mit Behinderung zu tauglichen Arbeitskräften bereichert so das Reservoir auf dem Arbeitsmarkt, aus dem sich Arbeitgeber bedienen können“ (S.92).

Die Schule ist ein wichtiges Element, um Menschen beschäftigungsfähig zu machen. Diesem Bereich widmet sich Suitbert Cechura als nächstes.

„Ziel ist nicht die Ermittlung von Lernergebnissen und Beseitigung von Lerndefiziten, sondern die Ermittlung von Unterschieden, die die Kinder in überdurchschnittlich, durchschnittlich und unterdurchschnittlich schnell Lernende einteilt. […] Mittels Noten werden die Kinder selektiert auf die unterschiedlichen Bildungsgänge und damit auf die unterschiedlichen Ebenen der Berufshierarchie. […] Wenn ein Kind langsamer lernt und deshalb im Vergleich mit anderen schlechter abschneidet, ist es nach dieser Vorstellung eben weniger begabt und folgerichtig benötigt es nicht mehr Zeit oder mehr Unterweisung, sondern man wird ihm am besten gerecht, wenn es vom weiteren Lernen ausgeschlossen und von Überforderung verschont wird.“ (S.94f.)

„Der Gedanke der Inklusion in der Schule knüpft an an die Forderung nach Leistungsgerechtigkeit auch für Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen. Damit deren Begabungen zum Tragen kommt, sollen ihnen Bedingungen geschaffen werden, damit im Leistungsvergleich nicht ihre Beeinträchtigung erfasst, sondern ihr Leistungsvermögen ermittelt wird.“ (S. 95)

„Mit Teilhabe hat die Politik nicht versprochen, dass damit alle Unterschiede aufgehoben sind, sondern dass Kinder mit Behinderungen sich den gleichen Anforderungen der Schule zu stellen haben, wie die anderen Kinder“ (S. 100).

„Studien wie PISA machen deutlich, dass die Politik die Schule als Mittel für die internationale Konkurrenz der Staaten um ihren wirtschaftlichen Erfolg behandelt und die Bildungspolitik den Schulen den Auftrag erteilt hat, ihre Schüler für diese Konkurrenz fit zu machen. […] Insofern ordnet sich die Inklusion von Schülern mit Behinderungen ein in die allgemeine Schulreform, die angesichts zurückgehender Schülerzahlen neu definiert, wo welche Schulen vonnöten sind.“ (S. 103)

„Der vielleicht berühmteste Satz des theoretischen Kommunismus – >>Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!<< – entspricht somit zugleich der Grundidee der Inklusion. […] Inklusion ist Kommunismus für die Schule.“ (S.109)

Anschließend beschäftigt sich Suitbert Cechura mit dem Arbeitsmarkt.

„Die Betriebe sind aber auch davon zu überzeugen, in Menschen mit Behinderungen nützliche Mitarbeiter zu entdecken. Angesichts zurückgehender Bevölkerungszahlen sollen Arbeitgeber in dem Teil der arbeitslosen Bevölkerung, die in der Vergangenheit abgeschrieben war, die Überwindung von Arbeitskräftemangel entdecken“ (S. 122).

Anschließend setzt sich Suitbert Chechura kritisch mit dem Konzept des persönlichen Budgets auseinander.

„Implizit wird damit kritisiert, dass bei der bisherigen Hilfegewährung zuviel darauf geschaut wurde, was Menschen mit Behinderungen nicht können, statt ihre Fähigkeiten ins Blickfeld zu rücken. Unterstellt ist damit, dass man diesen Menschen ein Zuviel an Leistungen hat zukommen lassen. Zukünftig sind die Menschen mit Behinderung gefordert, mehr Eigenleistung und Selbstständigkeit im Sinne von Selbstversorgung zu erbringen. Das ist der zweifelhafte Inhalt von einem größeren Maß an Unabhängigkeit und Autonomie.“ (S. 134)

„Damit Menschen mit Behinderung stärker für sich selber sorgen und am Leben dieser Gesellschaft teilhaben können, müssen allerdings noch Barrieren beseitigt werden, die die Politik nicht bei sich, sondern in der Gesellschaft verortet hat, weswegen zur Inklusion auch eine Öffentlichkeitskampagne gehört.“ (S. 165)

Eine dieser Maßnahmen ist der Nationale Aktionsplan, den due Bundesregierung zur Umsetzung von Inklusion beschlossen hat.

„Mit dem Versprechen an Menschen mit Behinderung, ihr Talent stärker in die Gesellschaft einbringen und sich vermehrt nützlich machen zu können, wird ihnen nicht ein besseres Leben, sondern die Chance in Aussicht gestellt, darum konkurrieren zu dürfen.“ (S. 167)

„Sind es nicht die Staaten selbst, die die Vereinbarung unterzeichnet haben, die mit ihrer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung überhaupt die Menschen unter Lebensverhältnisse gesetzt haben, die sie schutzbedürftig werden lässt? Und wer bedroht sie, sind die Bedrohungen nicht Resultat des Umstands, dass sie in dieser Wirtschaftsordnung darauf verwiesen sind, mit ihrer Arbeitskraft um einen Gelderwerb zu konkurrieren und in der sämtliche Lebensverhältnisse von der Verfügung über Geld bestimmt sind?“ (S. 168)

„Mit dem Bezug auf die UN-Behindertenrechtskonvention verspricht die Regierung ihre Bürger mit Behinderungen den gleichen Maßstäben zu unterwerfen wie ihre nichtbehinderten Bürgern – sie solle die gleichen Rechte haben, wobei diese den besonderen Bedingungen der Menschen mit Behinderung angepasst werden sollen. […] Durch die gleiche Rechtstellung wie sie auch anderen Bürgern zusteht, erhalten sie die Chance auf ein besseres Leben, ob aus dieser auch ein besseres Leben wird, ist dann die Leistung der Betroffenen und schließt Versagen ein, schließlich können nicht alle gewinnen. Im Prinzip ist es eine Absage an (vielleicht exkludierende?) Sonderbehandlungen und damit eine Absage an Rücksichtnahmen wegen körperlicher oder psychischer Beeinträchtigungen.“ (S. 168)

Wir – „Durch die Wahl dieses Personalpronomens verwischt die Regierung jeden Unterschied zwischen denen, die Gesetzte machen und denen, die den Gesetzten zu gehorchen haben. Das Ergebnis sollen aber alle gemeinsam verantworten und so bekommt ein freundliches oder unfreundliches Wort gegenüber einem Menschen mit Behinderung das gleiche Gewicht wie ein Gesetz, das die Höhe des Lebensunterhaltes im Rahmen der Grundsicherung festlegt.“ (S. 177)

Ebenso beleuchtet Suitbert Chechura die Rolle der Wissenschaft in der aktuellen Diskussion über Inklusion.

„Mit der Behauptung eines Paradigmenwechsels wird den Politikern unterstellt, sie folgten einem wissenschaftlichen Konzept. Demnach kalkulieren sie nicht ihre Haushaltsmittel, wie sie mit ihnen das Wirtschaftswachstum befördern können und wie sie anfallende Kosten z.B. für den Unterhalt von Menschen mit Behinderung minimieren, sondern hängen einer theoretischen Richtung an, die sie umsetzen.“ (S. 181)

„So leistet die Wissenschaft ihren Beitrag zur Überhöhung eines politischen Prozesses, der damit das Gütesiegel erhält, sich einem höherwertigen Menschheitsanliegen zu verdanken“ (S. 183).

„So wird die Konvention nicht darauf hin untersucht, welche Zwecke die unterzeichnenden Staaten damit verfolgen, sondern wird die Konvention konsequent dahingehend umgedeutet, dass sie ein Mittel für die Betroffenen zu sein hätte.“ (S. 205)

In seinem Resümee fasst Suitbert Cechura seine Auseinandersetzung mit dem Thema zusammen und kommt u.a. zu dem Schluss:

„Inklusion ist keine Erfindung der Politik, sondern wurde von Menschen mit Behinderung in die Welt gesetzt. Die Forderung ist eine nach Chancengleichheit für Menschen mit Behinderung in der Konkurrenz um schulischen und beruflichen Erfolg. […] Mit der Forderung nach Chancengleichheit ist der Maßstab nicht ein besseres Leben, sondern die Möglichkeit danach streben zu dürfen. Die so Fordernden erweisen damit schon ihre Anerkennung gegenüber den Verhältnissen, in denen sich die Bürger als freie in der Welt von Geld und Eigentum bewähren müssen. An dieser Welt wollen sie teilhaben und sich in ihr beweisen.“ (S. 211f.)

„Mit der Inklusion unterstreicht der Staat, dass er nur die Voraussetzungen schafft, auf der die Bürger selber für ihr Auskommen sorgen sollen“ (S. 214).

Fazit

Die hier genannten Aspekte sind nur ein Auszug der vielen Punkte und Themen, die Suitbert Cechura in seinem Buch bespricht. Ich finde das Buch sehr ansprechend geschrieben, gut verständlich und es beinhaltet aus meiner Sicht viele interessante, nachdenkenswürdige und zu diskutierende Aspekte, Themen und Fragen. Das Buch bietet für die Diskussion über Inklusion einen guten kritischen Impuls, da es sich nicht um die Frage nach Ressourcen (materiell, finanziell, personell) bewegt, sondern den Anspruch hat grundsätzlich das Konzept von Inklusion und seine gesellschaftliche Verortung zu betrachten und zu hinterfragen. Ich kann das Buch (nicht nur) für alle die empfehlen, die auf dem Weg in Richtung Inklusion innehalten und nochmal auf das Thema schauen wollen. Eine kritische Auseinandersetzung kann dabei helfen, die eigene Position und Haltung zu reflektieren und zu schärfen. Das Buch von Suitbert Chechura kann dafür eine gute Anregung sein.

Informationen zum Buch:

Suitbert Cechura

Inklusion: Die Gleichbehandlung Ungleicher. Recht zur Teilhabe an der Konkurrenz

Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG Münster

2015

ISBN: 978-3-95645-479-0

Praxistipps für Inklusion in der Kita

Foto Kita-Praxisbuch

 

Wie kann Inklusion in der Kita umgesetzt werden? Franziska Krumwiede, Dozentin an der Lehrerakademie im Querenburg-Institut hat ein Praxisbuch mit Tipps und vielen Materialien veröffentlicht. Die 80-seitige Publikation ist in folgende Kapitel unterteilt:

Kapitel 1: Einleitung: Der lange Weg zur Inklusion

Kapitel 2: Vorbereitende und begleitende Maßnahmen

Kapitel 3: Inklusive Strukturen in der pädagogischen Praxis

Kapitel 4: Projekte, Tipps und Tricks für den inklusiven Kita-Alltag

Materialsammlung

Literaturverzeichnis

CD-ROM mit Vorlagen

Im Folgenden stelle ich einige Aspekte des Praxisbuchs vor.

Kapitel 1: Einleitung: Der lange Weg zur Inklusion

Ausgehend von der Forderung der deutschen UNESCO-Kommission “Nicht der Lernende muss sich in ein bestehendes System integrieren, sondern das Bildungssystem muss die Bedürfnisse aller Lernenden berücksichtigen und sich an sie anpassen” (S. 7) verweist Franziska Krumwiede auf einige Beispiele aus Film und Roman, um zu zeigen, dass Inklusion im Grunde nichts Neues ist.

1.1 “Die Inklusive Kita und dann?” – Inklusion, Schule und Arbeitsrecht

Wie ist die Perspektive für die Kinder nach der (inklusiven) Kita? Franziska Krumwiede zeigt in einem Schaubild die verschiedenen Förderschwerpunkte in der Schule auf. Je nach Schwerpunkt folgt daraus ein zielgleicher oder ein zieldifferenter Unterricht. Anschließend deutet sie die Bedeutung von Inklusion für den Arbeitsmarkt an und welche Rolle diese Entwicklung für Menschen mit Behinderungen spielt. Ebenso geht sie kurz auf den Aspekt ein, “es könne sich dabei [Inklusion, Anm. d. Verf.] um eine versteckte arbeitsmarkpolitische Maßnahme handeln. Die Menschen mit Behinderung werden nach dieser Auffassung als Reservearmee eines Arbeitsmarktes missbraucht, dem der Nachwuchs auszugehen droht.” (S. 8) Dem widerspricht Franziska Krumwiede, indem sie auf das Engagement von Menschen mit Behinderungen zur Durchsetzung ihrer Interessen (auch auf dem Arbeitsmarkt) verweist.

1.2 “Das ist für uns nichts Neues” – von der Integration zur Inklusion 

In diesem Kapitel verweist Franziska Krumwiede in erster Linie auf die bundesrepublikanische Geschichte und das Engagement der “Krüppelbewegung”, die schon in den 1970er Jahren viele Dinge formulierte, die heute in der Diskussion um Inklusion erneut auftauchen. Aufgrund dieser Geschichte, die starken Einfluss auf die (Weiter-)Entwicklung von Kindertagesstätten hatte, gibt es mehr integrative Kindertagesstätten als Schulen. (Vgl. S. 9f.)

Anschließend erläutert die Autorin in einem Schaubild die Begriffe Exklusion, Segregation, Integration und Inklusion und ihre historische Verortung. Es geht aber nicht darum, Integration als veraltet und überholt zu verstehen, denn in einigen Bereichen ist es nach wie vor sinnvoll integrativ zu arbeiten und von dieser Grundlage aus zu schauen, wie und an welcher Stelle in Richtung Inklusion gearbeitet werden kann. (Vgl. S.10ff.)

Kapitel 2: Vorbereitende und begleitende Maßnahmen

2.1 “Wir brauchen mehr festes Personal!” – Aufbau eines Multiprofessionellen Teams

Die aktuelle Personalsituation führt in vielen Kindertagesstätten immer wieder zu Frustration. Da sich dieser Zustand in absehbarer Zeit nicht verbessern wird, empfiehlt Franziska Krumwiede die Kooperation mit externen Fachkräften. In einem Schaubild zeigt sie auf, welche Professionen alles zu einem sogenannten multiprofessionellen Team gehören. 

Anschließend geht die Autorin beispielhaft auf die Kooperation zwischen Integrationshelfern, Integrationsassistenten, Eltern und Kita, auf die Kooperation zwischen Kita, Schule und Eltern und auf die Kooperation zwischen Kita und Therapeuten ein. Dabei erläutert sie u.a. die Sinnhaftigkeit von Integrationshelfern, wie und von wem sie zu beantragen sind und was sie leisten müssen. Ebenso erklärt Franziska Krumwiede, warum eine Kooperation von Kindertagesstätten mit Grundschulen (nicht nur) für den Übergang sinnvoll ist und nennt einige Beispiele dafür, was im Rahmen dieser Kooperationen stattfinden kann. Darüber hinaus geht die Autorin auf die Wichtigkeit der Kooperation mit verschiedenen Therapeuten für die Kinder und auch die Kindertagesstätte ein.

2.2 “Wir haben ja noch nicht mal Aufzüge!” – Kita-Räume lebendig gestalten 

In diesem Abschnitt gibt Franziska Krumwiede Hinweise und Tipps, wie die Einrichtung, auch ohne große zukünftige Umbauten die Räume gut gestalten und nutzen kann. Dafür empfiehlt sie u.a. eine Beschreibung des Ist-Standes, das Erstellen eines Raumkonzepts und die Zuordnung von Funktionen zu den Räumen und verweist auf die Reggio-Pädagogik als Ideengeber. Die Reggio-Pädagogik kann für die Raumgestaltung eine große Rolle spielen, denn in der Reggio-Pädagogik gilt der Raum als dritter Erzieher und soll zum forschenden Lernen anregen (vgl. S. 20). Anschließend verweist Franziska Krumwiede auf die Bedeutung einer guten Raumkonzeption für die Binnendifferenzierung.

2.3 “Und wo nehme ich das Material her?” – Zusätzliches Material

In diesem Abschnitt verweist Franziska Krumwiede auf verschiedene hilfreiche Seiten im Internet, die unterschiedliche Materialien für die sonderpädagogische Förderung und inklusives Arbeiten anbieten. Darüber hinaus ist es sinnvoll, sich von Sonderpädagog_innen verschiedene Materialien für verschiedene Förderschwerpunkte zeigen und erklären zu lassen (vgl. S. 22).

2.4 Meine Haltung als Erzieherin

Die eigene Haltung spielt für die Umsetzung von Inklusion eine entscheidende Rolle. Um sich mit der eigenen Position und Haltung zu dem Thema Inklusion zu beschäftigen und auseinander zu setzen, hat Franziska Krumwiede in diesem Abschnitt der Publikation einen Fragenkatalog als Hilfsmittel aufgeführt.

2.5 “Damit komm´ ich nicht klar!” – Coaching und Supervision

Franziska Krumwiede und Martina Humbach erläutern die Chancen, die eine Supervision für den Prozess hin zu Inklusion bieten kann. Denn mit der Inklusion gehen viele Herausforderungen für die pädagogischen Fachkräfte einher (z.B. Heterogenität der Kinder, Arbeit in multiprofessionellen Teams) (vgl. S. 24). Dazu wird erklärt, was eine Supervision ist, in welchem Rahmen sie stattfinden kann und welche Inhalte in einer Supervision besprochen werden können.

2.6 “Easy Going: Eltern” – Leitfaden Elterngespräche

In diesem Abschnitt geben Franziska Krumwiede und Jost Schneider Anregungen und Hinweise zu Elterngesprächen. Dabei unterscheiden sie drei Typen von Eltern: überengagierte und leistungsorientierte Eltern, defizitorientierte Eltern, desinteressierte Eltern. Dabei werden z.B. konkrete Argumentationen genannt, die bei unterschiedlichen Situationen hilfreich sein können, aber auch einige Ansätze, um mit sogenannten desinteressierten Eltern in Kontakt zu kommen.

Kapitel 3: Inklusive Strukturen in der pädagogischen Praxis

3.1 “Das ist doch alles nur Theorie!” – Der Index für Inklusion

Ein möglicher Baustein, um Inklusion von der Theorie in die Praxis umzusetzen ist der Index für Inklusion. Der Index für Inklusion ist in drei Ebenen unterteilt: inklusive Kulturen schaffen, inklusive Strukturen etablieren, inklusive Praktiken entwickeln.  Zu jedem dieser Bereiche gibt es verschiedene Indikatoren, anhand welcher sie ihre Arbeit in der Einrichtung weiter entwickeln können. (Vgl. S. 31f.) Franziska Krumwiede zeigt zum Schluss die Vor- und die Nachteile des Index für Inklusion auf.

3.2 “Dürfen die Kinder jetzt immer machen, was sie wollen?” – Offenes Arbeiten und Binnendifferenzierung

Franziska Krumwiede und Karin Kress sind der Auffassung, “(Teil-)Offenes Arbeiten und Binnendifferenzierung fördern das freie und selbstbestimmte Arbeiten von Kindern” (S. 32). In diesem Abschnitt folgen Erläuterungen dazu, was unter Binnendifferenzierung und Offener Arbeit zu verstehen ist, wie es jeweils umgesetzt werden kann. Eine Gruppe kann nach Aufgaben, nach Stärken und Schwächen, nach Sozialform, nach Medium und nach Inhalt differenziert werden (vgl. S 32f.). Auch eine äußere Differenzierung ist, wenn sie sinnvoll ist, möglich und nicht ausgeschlossen (vgl. S. 33).

Die Offene Arbeit ist eine “extreme Form der Binnendifferenzierung und muss gut angeleitet werden” (S. 33). “Offenes Arbeiten bedeutet, dass die Kinder frei entscheiden können, in welchen Räumen und mit welchen Lernarrangements sie ihren Kita-Tag bzw. ihre Kita-Woche verbringen wollen” (ebd.). Anschließend gehen Franziska Krumwiede und Karin Kress auf einige Fragen und auf die Vor- und Nachteile von Offenem Arbeiten und Binnendifferenzierung ein.

3.3 “Der positive Blick!” – Das Early-Excellence-Konzept in Theorie und Praxis

Aus der Sicht von Franziska Krumwiede ist das Early-Excellence-Konzept sehr geeignet für Inklusion in der Kita (vgl. S. 34). “Das EEC-Modell erweist sich im inklusiven Kita-Alltag als praktikabel, weil es aufgrund seiner Struktur Heterogenität als Chance und Vielfalt als Zukunft definiert” (S. 34). Im Fokus steht das Kind mit seiner Individualität und seinen Fähigkeiten (vgl. ebd.). Anschließend geht die Autorin auf einige wichtige Aspekte des Ansatzes ein. Zum Ende des Abschnitts gibt sie eine Übersicht zu Vor- und Nachteilen des Ansatzes.

Kapitel 4: Projekte, Tipps und Tricks für den inklusiven Kita-Alltag

4.1 “Wer wird denn da gleich durchdrehen!?” – Anregungen für den Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung

In diesem Abschnitt gibt Franziska Krumwiede einige Tipps für den Umgang mit Kindern mit AD(H)S, mit traumatisierten Kindern, mit Kindern mit Autismus/Asperger-Syndrom. In einigen Fällen kann auch die Nutzung eines Hilfeplankonzeptes sinnvoll sein. Einige Rahmenbedingungen und Voraussetzungen erläutert die Autorin am Ende des Abschnitts.

4.2 “Die Entdeckung der Langsamkeit” – ein inklusives Projekt zum Thema “Zeit”

Franziska Krumwiede stellt hier in groben Zügen ein Projekt zum Thema Zeit vor, welches in der Kita durchgeführt werden kann. Darüber hinaus wird kurz der Time-Timer als Hilfsmittel für Kinder empfohlen, damit sie sich zeitlich besser orientieren können.

4.3 “Jetzt sind wir auch noch Deutschlehrer!” – Sprach-Förderung in der inklusiven Kita

Neben dem Verlauf des Spracherwerbs, den Franziska Krumwiede in einem Schaubild dargestellt hat, geht es in diesem Abschnitt um drei mögliche Förderschwerpunkte im Bereich Sprache: sonderpädagogische Förderung, Förderung von Kindern mit Problemen beim Erwerb der Erstsprache und Förderung von Kindern, mit  Deutsch als Zweitsprache. Die Autorin stellt kurz dar, was Anhaltspunkte für einen Unterstützungs- und Förderbedarf in diesen Fällen sein und welche Schritte unternommen werden können. Am Ende dieses Abschnitts nennt und erläutert Franziska Krumwiede wichtige Prinzipien der Sprachförderung für alle Kinder.

4.4 “Lass´ uns mal Tacheles reden!” – Leichte Sprache in der Kita 

Leichte Sprache ermöglicht es, dass viele Menschen einen Text verstehen können. Neben einige Beispielen von Texten in Leichter Sprache im Gegensatz zu Texten in Alltagssprache führt Franziska Krumwiede einige Regeln der Leichten Sprache auf und gibt einige Literaturempfehlungen.

Materialsammlung

“In der Materialsammlung finden Sie neben generellen Dokumenten zur Inklusion viele praktische Anregungen für ihre pädagogische Praxis” (S. 49). Die Materialsammlung ist sehr umfangreich (fast die Hälfte der Publikation) und beinhaltet viele verschiedene Materialien, auf die zum Teil in den vorherigen Kapiteln Bezug genommen wurde. Neben einigen Dokumenten umfasst die Sammlung Checklisten, Übersichten, Handreichungen, Beobachtungsbögen, Pläne und vieles mehr

CD-ROM mit Vorlagen

Eine Besonderheit ist die beigefügte CD-ROM mit den in der Materialsammlung vorhandenen Materialien in einer bearbeitbaren Version, so dass sie für den eigenen Bedarf überarbeitet und angepasst werden können.

 

Fazit

Das Praxisbuch wird meiner Ansicht nach seinem Titel und seinem Anspruch gerecht. Es gibt eine kurze und knappe Einführung in das Thema Inklusion und es folgen viele Tipps, wie Inklusion in der Kindertageseinrichtung umgesetzt werden kann. Dazu gibt es viele Schaubilder und Textboxen, die das genannte unterstreichen oder vertiefen, neue Aspekte mit einbringen und die Publikation insgesamt sehr lebendig erscheinen lassen.

Die wirklich umfangreiche Materialsammlung ermöglicht den Prozess in der eigenen Einrichtung gut beginnen oder vertiefen zu können.

Leider fokussiert sich das Praxisbuch auf Menschen mit Behinderungen und sonderpädagogische Förderschwerpunkte, auch wenn immer wieder davon gesprochen wird, dass Inklusion alle Menschen betrifft. Gestützt wird dieser Eindruck dadurch, dass im Text von Inklusionskind und Inklusionsmaßnahme die Rede ist, was sehr an Integration erinnert und den eingangs gemachten Unterschieden zwischen Integration und Inklusion widerspricht.

Die Publikation bietet einen guten Einstieg in die Umsetzung von Inklusion in der Kita und sie kann meiner Auffassung nach ein guter Begleiter für den Prozess sein. Es ist ein anregendes und informatives Praxisbuch, welches mich auf viele Themen neugierig gemacht hat. 

Produktinformation

Franziska Krumwiede: Inklusion in der Kita. Das Praxisbuch. Profi-Tipps und Materialien aus der Erzieherinnenfortbildung, Auer Verlag, 2015

ISBN: 978-3-403-07485-4

Philosophieren mit Kindern als Teil einer inklusiven Didaktik

Foto-Philo mit Kindern

Im Beltz Verlag sind von Kristina Calvert “48 Bildkarten zum Philosophieren mit Kindern” erschienen.

In der Box befinden sich 48 Bildkarten und ein Booklet, was zum Einen eine kurze Einführung in das Philosophieren mit Kindern einführt, als auch Ideen gibt, wie mit den Bildkarten gearbeitet werden kann.

Die Karten sind, laut Angabe, für Kinder und Jugendliche im Alter von 5-18 Jahren geeignet.

“Das Kreative Philosophieren mit Kindern ist ein didaktisch strukturierter Denkraum, in dem Kinder zuerst einmal lernen, dass sie selber denken können und dass dies gemeinsam mit anderen Kindern Spaß macht” (S. 7).

Die Bildkarten können den Fragebereichen der Philosophie zugeordnet werden: Erkenntnislehre (Was kann ich wissen), Ethik (Was soll ich tun?), Metaphysik (Was darf ich hoffen?) und Philosophische Anthropologie (Was ist der Mensch?) (vgl. ebd.).

Anschließend wird im Booklet genauer auf die einzelnen Fragebereiche eingegangen und die dazugehörigen Bildkarten werden aufgeführt.

Danach gibt es eine Einführung zum Kreativen Philosophieren, auch in Abgrenzung zur Philosophie für Kinder.

Die Grundlage des Kreativen Philosophierens ist das Sortieren und Ordnen, welches in diesem Fall anhand und mithilfe der Bildkarten geschieht. Dazu werden in dem Booklet einige Anregungen und ein praktisches Beispiel aus einer Gruppe aufgeführt.

Darüber hinaus bieten die Karten die Möglichkeit sich auf vielseitige Weise den Themen zu nähern, darüber zu philosophieren und ins Gespräch zu kommen. Auch dazu gibt es in dem Booklet einige Anregungen und Ideen.

Der Vorteil des Philosophierens anhand der Karten auf Grundlage des Sortierens und Ordnens ist es, dass jedes Kind einbezogen wird, anknüpfen und etwas beitragen kann. “Durch das Ordnen wird das individuelle Vorwissen aktiviert und an die vorhandenen Konzepte der Kinder geknüpft” (S. 40).

Fazit

In der Box befinden sich 48 anregende und interessante Bildkarten, die mich sofort zum Nachdenken bringen. Ich kann mir einen Einsatz der Bildkarten auch außerhalb von schulischem Lernen oder Kita vorstellen, z.B. im Rahmen der schulbezogenen Arbeit und auch in anderen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe – z.B als Gesprächsanregungen in der Offenen Arbeit. Das Booklet gibt einen guten Einstieg in das Thema und einige Anregungen und Ideen zu der Arbeit mit den Bildkarten. Obwohl die konkrete Arbeit mit den Karten gut und genau beschrieben wird, kann ich mir die praktische Umsetzung noch nicht ganz vorstellen. Ich bin gespannt, wie die Karten bei den Kindern ankommen und wie sich die tatsächliche Arbeit damit gestaltet.

Wer hat schon praktische Erfahrungen in der Arbeit mit diesen Karten gesammelt? Welche Rückmeldungen und Empfehlungen können Sie geben? Was ist in der Arbeit mit den Karten zu beachten, zu bedenken und zu berücksichtigen?

Hier finden Sie weitere Informationen zu den Bildkarten.

Produktinformation:

Kristina Beltz: “48 Bildkarten zum Philosophieren mit Kindern”, Beltz, Weinheim und Basel, 2015

ISBN: 978-3-407-62933-3

Arbeitshilfe für Inklusion in der Jugendarbeit

Im Oktober 2014 wurde die Arbeitshilfe “Index für die Jugendarbeit zur Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung” von Thomas Meyer und Christina Kieslinger durch das Institut für angewandte Sozialwissenschaften an der Dualen Hochschule Baden Württemberg Stuttgart herausgegeben.

Hier geht es zu der Arbeitshilfe.

Im Folgenden nenne ich einige aus meiner Sicht wichtige Aspekte dieser Arbeitshilfe in der inhaltlichen Reihenfolge.

1 Einführung – Inklusion geht uns alle an

1.1 Welche Rolle spielt Inklusion in der internationalen Menschenrechtsdiskussion

Die aktuelle Debatte über Inklusion wird im Kontext von Menschenrechtsdokumenten betrachtet. Es fehlte in der “Anti-Diskriminierungsklausel der Menschenrechtserklärung die ausdrückliche Erwähnung von Menschen mit Behinderung” (S. 11). Die Idee von Inklusion wurde in der Vergangenheit immer wieder von verschiedenen Organisationen und Interessenverbänden formuliert und gefordert. 1994 wurde durch die Salamanca-Erklärung das Thema stärker in den Fokus gerückt und durch die Verabschiedung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurden die Menschenrechte explizit auch für Menschen mit Behinderungen formuliert und vereinbart. Dadurch bekam auch das Thema Inklusion eine neue Aufmerksamkeit. Für die Jugendhilfe ist es insofern relevant, weil in der Konvention auch das Thema Kinder mit Behinderungen genannt ist und weil es in der UN-Kinderrechtekonvention einen Artikel zu Kindern mit Behinderungen gibt. (Vgl. S. 11f.)

1.2 Was sind die wesentlichen Inhalte der UN-Behindertenrechtskonvention?

Ein wichtiger Aspekt ist der sogenannte Paradigmenwechsel. Behinderung wird nicht als Defizit, Mangel, Problem eines Individuums verstanden, sondern als Barrieren zur Teilhabe. Der Fokus liegt also auf den gesellschaftlichen Bedingungen. Menschen mit Behinderungen steht ein “gleichberechtigter Zugang zum allgemeinen Bildungssystem, zum Arbeitsmarkt, zum sozialen und kulturellen Leben sowie zur Politik zu” (S. 13). Deswegen müssen gesellschaftliche Strukturen und Bedingungen verändert werden. (Vgl. S. 12f.)

Es werden nachfolgende einige Artikel beispielhaft genannt, die die gesamtgesellschaftliche Aufgabe von Inklusion verdeutlichen.

1.3 Was bedeuten diese Forderungen nun für ein Gemeinwesen?

“Zusammenfassend geht die Idee der Inklusion also Hand in Hand mit der Notwendigkeit der Öffnung eines Sozialraums für die Belange behinderter Menschen” (S. 15).

“Das heißt, es müssen Unterstützungsmöglichkeiten aufgebaut werden, die es ermöglichen, dass die Unterstützung dort erbracht wird, wo Menschen mit Behinderung leben, arbeiten und Freizeit verbringen” (S. 16).

Die Sonderpädagogik ist weiterhin notwendig und deshalb spielen Kooperationen zukünftig eine noch größere Rolle (vgl ebd.).

2 Inklusion von Kindern und Jugendlichen

2.1 Kinder- und Jugendliche in der UN-Behindertenrechtskonvention

In der Konvention wird in mehreren Artikeln auf das Thema Kinder mit Behinderung gesprochen. Der Artikel 7 der Konvention bezieht sich vollständig auf Kinder mit Behinderung. (Vgl. S. 16f.)

“In diesem eigenständigen Artikel steht vor allem der Aspekt der Gleichberechtigung, Meinungsäußerung und Beteiligung von Kindern im Vorder-grund” (S. 17).

Nachfolgend werden Artikel 7 – Kinder mit Behinderung, Artikel 23 – Achtung der Wohnung und der Familie, Artikel 24 – Bildung als Beispiele genannt und vollständig zitiert.

2.2 Welche Erfahrungen gibt es bisher mit Inklusion in der Kinder- und Jugendarbeit?

Die Umsetzung von Inklusion in der Kinder- und Jugendarbeit fand bislang wenig Beachtung. Überwiegend wird Inklusion im Bildungswesen verortet und besprochen. Für die Kinder- und Jugendarbeit ist es wichtig, sich mit Partizipationsmöglichkeiten zu beschäftigen und zu reflektieren, welche Methoden für eine inklusive Kinder- und Jugendarbeit geeignet sind. Partizipation in der Kinder- und Jugendarbeit ist wichtig und grundlegend, da Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit “der einzige Ort [sind], an dem Kinder und Jugendliche eigenständig gestalten und auslotbare Erfahrungsräume nutzen können, in denen nicht Erwachsene mit ihren Erwartungen Orientierungspunkte bilden und in denen eine Lernkultur vorherrsch, die auf Erfahrungen des alltäglichen Lebens setzt und so nachhaltige Wirkung auf Bildungsprozesse entfaltet” (S. 20, zit. nach AGJ 2012, S. 59).

Des Weiteren gibt es bislang nur wenige Studien , die sich mit dem Thema Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Kinder- und Jugendarbeit beschäftigen. In der Kinder- und Jugendarbeit sind Kinder und Jugendliche mit Behinderungen unterrepräsentiert und oft sind inklusive Angebote einmalig, zeitlich befristete Projekte oder Aktionen. (Vgl. S. 20f.)

3 Inklusion – was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Begriff?

Der Begriff “Inklusion” bedeutet “Einschließung”, “Enthaltensein” und kommt aus dem Lateinischen (vgl. S. 22).

3.1 Inklusion erfordert den Abbau aller Barrieren

“Inklusion zu ermöglichen bedeutet, (Zugangs-)Barrieren vollständig abzubauen. Mit Zugangsbarrieren sind keinesfalls nur räumliche Barrieren gemeint (dies wird oftmals spontan mit dem Begriff der “Barrierefreiheit” assoziier), sondern gleichermaßen auch sprachliche Barrieren, soziale Barrieren (wie Berührungsängste, Vorurteile, Diskriminierung), aufgabenbezogene Barrieren (z.B. im Hinblick auf Sportarten, Spielabläufe, usw.) oder institutionelle Barrieren wie bestimmte Zugangsvoraussetzungen (etwa für Mitgliedschaft in einem Verein oder für eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt).” (S. 23)

“Inklusion bezeichnet also allgemein das Bestreben, ein Gemeinwesen so zu gestalten, dass alle darin lebenden Menschen teilhaben können und Zugang zu sämtlichen bedeutsamen Lebensbereichen und Dienstleistungen haben” (S. 23).

3.2 Inklusion bedeutet Anpassung gesellschaftlicher Strukturen an Bedürfnisse und Bedarfe von Menschen mit Behinderung

Es steht nicht mehr der Mensch mit seinen Defiziten und möglichen Ansätzen, diese zu kompensieren im Fokus der Betrachtung, sondern die Gesellschaft mit ihren Bedingungen (vgl. S. 24).

“Der Blick richtet sich nicht auf die “Defizite” behinderter Menschen, sondern auf defizitäre gesellschaftliche Strukturen bzw. Barrieren im Gemeinwesen” (S. 24).

3.3 Inklusion erfordert eine Unterstützung am jeweiligen Wohn-, Arbeits- und Lebensort

Inklusion bedeutet allerdings nicht, dass Menschen mit Behinderungen keine Unterstützung mehr erhalten sollen. Die Unterstützung soll aber nicht mehr in Sondersystemen und Sonderorten stattfinden, sondern dort, wo die Menschen leben, arbeiten und wohnen. (Vgl. S. 25)

3.4 Inklusion bedeutet Akzeptanz von Vielfalt

Verschiedenheit ist normal und die Unterteilung von Menschen in scheinbar homogene Gruppen macht im Kontext von Inklusion keinen Sinn. Es geht also darum Ausgrenzung zu vermeiden. (Vgl. S. 26)

Die Kinder- und Jugendarbeit eignet sich hervorragend dafür, Lernprozesse anzustoßen, die Vielfalt wertschätzen und als Normalzustand zu verstehen (vgl. ebd.).

“Dafür gibt es zwei Gründe:

1) Inklusion sollte so früh wie möglich stattfinden, d.h. je früher ein Kontakt zwischen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung entsteht, desto weniger Berührungsängste haben Menschen vor dem Thema Behinderung. […]

2) Freizeit bietet aufgrund der darin angelegten informellen Bildungsprozesse ein nahezu unübertroffenes Übungsfeld zur Entwicklung inklusiver Angebote. Mit Hilfe von didaktisch reflektierten und professionell moderierten Freizeitangeboten können hervorragend Kontaktsituationen zwischen Kindern/Jugendlichen mit und ohne Behinderung initiiert und gesteuert werden.” (S. 26f.)

Die daraus folgende Inklusionspädagogik mit dem Ziel Vielfalt wertzuschätzen baut dabei auf der Pädagogik der Vielfalt nach Prengel und auf integrationspädagogischen Ansätzen auf (vgl. S. 27).

3.5 Inklusion ist auf soziale Lernprozesse und Akzeptanz aller BürgerInnen eines Gemeinwesens angewiesen

Da es in der Vergangenheit wenig Berührungspunkte von Menschen mit und ohne Behinderungen gab, muss dieser geübt und erlernt werden. Berührungsängste müssen abgebaut und der Kontakt miteinander geübt werden. Diese Kontakte müssen begleitet und mit geeigneten Methoden und Maßnahmen unterstützt werden. Kenntnisse über Gruppenprozesse sind bei dem Prozess sehr hilfreich. (Vgl. S. 28f.)

4 Der Index für Inklusion als Orientierungs- und Umsetzungshilfe

Bisher gibt es einen Index für Inklusion für die Schule, für Kommunen und für Kindertageseinrichtungen. Die Indexe sind in die Bereiche “inklusive Strukturen”, “inklusive Praktiken” und “inklusive Kulturen” unterteilt und diese Unterteilung ist auch für die Kinder- und Jugendarbeit sinnvoll. (Vgl. S. 30f.)

4.1 Inklusive Kulturen schaffen: inklusives Denken ermöglichen durch Wertschätzung von Vielfalt und Sensibilisierung aller Beteiligten

In dieser Dimension geht es um die Auseinandersetzung mit der Einrichtungskultur, dem Leitbild und der eigenen Haltung mit dem Ziel Vielfalt als Normalzustand anzuerkennen und wertzuschätzen, Berührungsängste abzubauen und sich in andere Perspektiven als die eigene hineinversetzen zu können. (Vgl. S. 32f.)

4.2 Inklusive Strukturen/Leitlinien etablieren: Barrierefreiheit und geeignete Strukturen für inklusive Angebote

Bei dieser Dimension geht es um den Abbau von Barrieren, um den Zugang zu Informationen und die Zugänglichkeit von Angeboten )vgl. S. 33f.).

4.3 Inklusive Praktiken/Praxis entwickeln: Passgenaue Unterstützung und geeignete Angebote organisieren, aufbauen und nachhaltig implementieren

Hierzu gehören die Planung und Gestaltung von Angeboten (vgl. S. 34f.)

5 Transfer: Der Index für Inklusion für die Kinder- und Jugendarbeit

“Dem Verständnis von Inklusion folgend geht es nicht darum, spezielle “Sonderwege” oder einmalige Angebote für behinderte Kinder und Jugendliche zu entwickeln, sondern darum, dass die (bestehenden) Angebote der Kinder- und Jugendarbeit von vornherein so gestaltet werden, dass sie der gegebenen Vielfalt gerecht werden” (S. 35).

Die genannten Indexe und ihre Dimensionen werden deshalb auf den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe übertragen.

5.1 Inklusive Kulturen schaffen: Inklusives Denken in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit etablieren

Damit Begegnungen zwischen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen die Basis für eine inklusive Kultur sein können, müssen diese Begegnungen unterstützt und begleitet werden. Die Unterstützungsmaßnahmen richten sich an alle in der Einrichtung tätigen und Personen und richten sich auch an die Zielgruppe der Einrichtung. (Vgl. S. 36)

Folgende unterstützende Maßnahmen sind hilfreich: Sensibilisierung und Wissensvermittlung, Gestaltung von Kontaktsituationen, Schulung und Fortbildung, Öffentlichkeitsarbeit und Sozialraumbezug (vgl. S. 36f.)

5.2 Inklusive Strukturen etablieren: Barrierefreiheit und Gestaltung/Anpassung von Angeboten in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit

Es müssen Barrieren verschiedener Art abgebaut werden. Dazu müssen sie vorerst identifiziert werden. Dafür sind Schulungen aller  in der Einrichtung Tätigen unerlässlich. Daneben ist die Reflexion der eigenen Angebote notwendig – welche Zugangs- und Nutzungsbedingungen gibt es, wie sind die Angebote geplant und gestaltet. (Vgl. S. 38)

Folgende Maßnahmen sind in diesem Bereich hilfreich: Identifizierung und Beseitigung räumlicher Barrieren, Identifizierung und Beseitigung sprachlicher Barrieren, Identifizierung und Beseitigung von sozialen Barrieren, Identifizierung und Beseitigung von inhaltlichen Barrieren, Schulung von MitarbeiterInnen und Ehrenamtlichen zur Identifizierung von Barrieren, Erreichbarkeit der Angebote (vgl. S. 39).

5.3 Inklusive Praktiken entwickeln: Passgenaue Angebote kreieren, Unterstützung organisieren, aufbauen und sichern

Für die Angebote ist es wichtig, den Bedarf an Unterstützung zu kennen und Möglichkeiten zur Partizipation zu schaffen. Dafür sind Kooperationen mit sonderpädagogischen Akteuren entscheidend. (Vgl. S. 39f)

Geeignet sind folgende Maßnahmen: Einholen von Informationen über den jeweiligen Unterstützungsbedarf, Anpassung bestehender Angebote und Ausrichtung neuer Angebote an den Unterstützungsbedarf aller Teilnehmenden, moderierte Kontaktsituation und –angebote, Erschließung von Ressourcen zur Unterstützung, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für alle in der Einrichtung Tätigen (vgl. S. 40).

6 Indikatoren zur Selbstbewertung und Evaluation inklusiver Vorhaben in der Kinder- und Jugendarbeit

Der Index für Inklusion ist ei Hilfsmittel zur Selbstbewertung und Evaluation. Es werden hierbei Skalen für die Bewertung benutzt und die genannten Dimensionen in weitere Kategorien unterteilt. (Vgl. S. 41)

6.1 Inklusive Kulturen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit schaffen

Dieser Bereich wurde unterteilt in Gemeinschaft bilden und Inklusive Werke verankern (vgl. S. 42).

in der Arbeitshilfe werden nun die Indikatoren dieser Dimension aufgelistet.

6.2 Inklusive Strukturen/Leitlinien etablieren

Dieser Bereich wurde unterteilt in Eine Einrichtung für alle entwickeln und Umgang mit Vielfalt organisieren (vgl. S. 45).

In der Arbeitshilfe werden nun die Indikatoren dieser Dimension aufgelistet.

6.3 Inklusive Praxis entwickeln

Dieser Bereich wurde unterteilt in Aktivitäten und Angebote gestalten und Unterstützung sichern und Ressourcen mobilisieren (vgl. S. 48).

In der Arbeitshilfe werden nun die Indikatoren dieser Dimension aufgelistet.

7 Umsetzung von Inklusion und Arbeit mit dem Index in der Kinder- und Jugendarbeit

Der Index ist ein Hilfsmittel zur Umsetzung von Inklusion. Dieser Prozess ist zirkulär zu betrachten und besteht “aus fünf Phasen: Phase 1: Mit dem Index beginnen, Phase 2: Die Einrichtungssituation beleuchten, Phase 3: Einen inklusiven Plan entwerfen, Phase 4: Den inklusiven Plan in die Praxis umsetzen, Phase 5: Den Index-Prozess evaluieren” (S. 50).

Für die einzelnen Phasen gibt es empfohlene Schritte, die die Planung und Umsetzung dieser Phasen erleichtern und verbessern (vgl. S. 51).

In Phase 1 wird ein Index-Team gebildet, das vorhanden Wissen zusammengetragen, die eigene Haltung reflektiert. . In Phase 2 werden weitere Personen mit einbezogen, konkrete Aktivitäten geplant und Aufgaben verteilt und die Analyse der Einrichtung wird begonnen. In Phase 3 entsteht ein Plan mit Prioritäten zur Umsetzung von Inklusion. Dieser Plan wird in Phase 4 umgesetzt und in Phase 5 wird diese Umsetzung analysiert und bewertet. (Vgl. S. 51ff.)

7.1 Leitindikatoren für die Prozessgestaltung

In der Arbeitshilfe sind in diesem Kapitel Anregungen und Hilfestellungen zu den einzelnen Phasen und den dazugehörigen Maßnahmen aufgeführt, die den Prozess erleichtern und strukturieren sollen.

7.2 Erfahrungen mit der Umsetzung von inklusiven Aktivitäten in der Kinder- und Jugendarbeit – ausgewählte Praxisbeispiele

In diesem Abschnitt werden 4 Standorte und ihre Erfahrungen in der Arbeit mit dem Index beschrieben.

“Zu Beginn des Inklusionsprozesses bietet es sich neben dem Aufbau eines Initiativteams an, öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen wie z.B. Inklusionsforen durchzuführen. Dadurch können multiprofessionelle, generationenübergreifende Arbeitsgruppen gebildet werden. Zur Motivationsaufrechterhaltung und –steigerung sowohl des Inklusionsteams als auch des erweiterten Teams kommt es dann insbesondere auf die Möglichkeit zur Mitgestaltung seitens aller Beteiligten an. Bei der konkreten Planung von Aktivitäten ist dabei eine Vergabe von Zuständigkeiten anzustreben. Findet bereits ein konkreter Einbezug von Menschen mit Behinderung in Aktivitäten, Vorhaben oder sogar in den Regelbetrieb statt, müssen verlässliche Unterstützungsstrukturen aufgebaut werden. Dazu eigenen sich Kooperationen mit Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie der Einbezug von Ehrenamtlichen bzw. BesucherInnen.” (S. 67f.)

“Für den Erfolg eines inklusiven Vorhabens sind zunächst die Art und das ziel der jeweiligen Aktivität relevant. Letzteres sollte eher offen gehalten werden. Zudem sollten inklusive Angebote auf gemeinschaftserleben setzen, auf Partizipation und Freiwilligkeit beruhen sowie in kleinen Gruppen durchgeführt werden. Was das Bewerben des Angebots betrifft,sollte man hierzu vorab die Vor- und Nachteile abwägen und einen entsprechenden Sprachstil finden. Für die Planung und konkrete Umsetzung sind Kooperationen mit anderen Einrichtungen im Stadtteil und Institutionen der Behindertenhilfe, das Einholen von Informationen über das Thema Behinderung und die Sicherstellung der Unterstützung von Nöten. Prinzipiell muss zwischen Sensibilisierungsaktionen und inklusiven Aktivitäten unterschieden werden. beides sollte jedoch parallel und – wenn möglich – thematisch verschränkt geplant und durchgeführt werden.” (S. 75)

“Zur Sicherstellung der Nachhaltigkeit bedarf es an geeignetem Personal und zeitlichen Freiräumen, öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten sowie einem kontinuierlichem Barrierenabbau im Gemeinwese. Zusätzlich benötigt es eine zentrale verantwortliche Ansprechperson, den Einsatz von ehrenamtliche Kräften, die Kooperation und Vernetzung mit verschiedenen ortsansässigen AktuerInnen und Einrichtungen der Behindertenhilfe, Strategien zur Aufrechterhaltung der Motivation und schließlich eine kontinuierliche Evaluation des Prozesses und der Wirkungen der Angebote.” (S. 77f.)

8 Zusammenfassung: Handlungsempfehlungen und Praxishilfen zur Gestaltung inklusiver Aktivitäten und Angebote in der Kinder- und Jugendarbeit

Für die Umsetzung von Inklusion bieten Freizeitangebote einen geeigneten Rahmen, sofern sie regelmäßig stattfinden und sich nicht in kurzfristigen Events erschöpfen. Inklusive Prozesse kommen nur durch langfristigen Kontakt zustande und die gemachten Erfahrungen müssen positiv sein. Die Angebote sollten sich nicht nur auf Jugendliche beschränken, sondern auch schon Kinder als Zielgruppe in Betracht ziehen. (Vgl. S. 78)

8.1 Organisatorische Rahmenbedingungen der Programmplanung und – gestaltung

Folgende Voraussetzungen sind entscheidend für inklusive Freizeitangebote: räumliche, aufgabenbezogene, sprachliche und soziale Barrierefreiheit; explizites Ausschreiben der Angebote; vorheriges Sammeln von Informationen über den jeweiligen Unterstützungsbedarf und den Bedarf aller Teilnehmenden; Schulung, Vorbereitung und Sensibilisierung aller in der Einrichtung Tätigen. (Vgl. S. 79f.)

8.2 Vernetzung, Aufbau von Kooperationen, Ansprechpartner, Elternarbeit und Öffentlichkeitsarbeit

In diesem Feld sind folgende Voraussetzungen wichtig: Kooperation mit der Behindertenhilfe; Kooperation mit der Schule; Ansprechpersonen zur Verfügung stellen; Elternarbeit mit Eltern von Kindern/Jugendlichen mit und ohne Behinderung; Öffentlichkeitsarbeit. (Vgl. S. 80ff.)

8.3 Sicherung von Unterstützung, Assistenzpols, Unterstützerkreise

Folgende Voraussetzungen sind dafür von Bedeutung: Kenntnisse des Unterstützungsbedarfs und den Bedarf der Teilnehmenden; Unterstützungsplanung mit der Behindertenhilfe; Aufbau eines Assistentenpools. (Vgl. S. 83ff.)

8.4 Inhaltliche Rahmenbedingungen der Programmplanung und –gestaltung

Hierbei spielen folgende Aspekte eine Rolle: Freiwilligkeit der Teilnahme, Ergebnisoffenheit/Zwanglosigkeit/Statusgleichheit; Vereinfachung/Anpassung der Angebote an Bedürfnisse behinderter Kinder/Jugendliche; Gemeinschaftserleben/zielorientiere gemeinsame Aufgaben; Teilhabe und Mitbestimmung aller Beteiligten muss ermöglicht werden; Thematisierung von Behinderung (nur bei Gruppen ohne Erfahrung mit behinderten Menschen). (Vgl. S. 85f.)

8.5 Programmdurchführung: Beobachtung und Steuerung der Gruppendynamik

Folgende Punkte sind in diesem Bereich relevant: Steuerung von Gruppen/Konfliktmanagement; Stärken behinderter Kinder und Jugendlichen entdecken; Gemeinsamkeiten entdecken und verdeutlichen; Reflexion und Evaluation des/der Angebots/e im Team. (Vgl. S. 86f.)

9 Literaturnachweise und Tipps zum Weiterlesen

10 Anhang: Fragebogen zum Index für Inklusion

Die oben genannten Indikatoren sind hier mit der Skala aufgeführt und als Arbeitspapier angehangen

Mein Fazit

Die Arbeitshilfe gibt einem nicht nur konkretes Material (den Index) mit an die Hand, sondern führt auch in das Thema Inklusion und seine Verortung im Menschenrechtsdiskurs ein. Das erleichtert aus meiner Sicht den Einstieg, da relativ schnell mit dem Prozess begonnen werden kann, ohne vorher noch verschiedene Literatur zu bemühen, da sich die wichtigen Grundlagen für den Einstieg in dieser Arbeitshilfe befinden. Die Autor_innen haben sich bewusst auf Menschen mit Behinderungen begrenzt, aber weitere Zielgruppen und Indexe sollen folgen. Laut Vorwort soll es dann in einen vollständigen Index für die Kinder- und Jugendarbeit münden. Diese geplanten Gesamtperspektive, also das umfassende Inklusionsverständnis begrüße ich sehr. Der vorliegende Index in der Arbeitshilfe ist dennoch ein erster Schritt und ein erster Zugang zum Thema und aus meiner Sicht sehr zu empfehlen. Die aufgeführten Indikatoren sind sehr detailliert und ermöglichen so einen intensiven Austausch zum Thema.

Den Index und viele weitere Informationen gibt es auch online auf der Projektseite http://www.inklumat.de/

Radiobeitrag zum Thema Antisemitismus

Das Thema Antisemitismus ist nach wie vor aktuell. Und auch für den Themenkomplex Inklusion spielt es eine große Rolle. Die Auseinandersetzung mit dieser in allen gesellschaftlichen Kreisen verbreiteten Diskriminierungsform ist zwingend notwendig in der Arbeit hin zu einer diskriminierungsfreien Gesellschaft, also einer inklusiven Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus bedeutet auch die Auseinandersetzung mit der Verortung der eigenen Person in diesem Gedankensystem und die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung und Sprache.

Hier der Link zum Beitrag des SWR2.