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Zurück in die Zukunft – Inklusion als Menschenrecht

Inklusion als MenschenrechtHier ein 30min-Audiobeitrag mit dem Titel „Zurück in die Zukunft – Inklusion als Menschenrecht“. Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, den meine Kollegin Susanne Romeiß und ich auf einer Fachveranstaltung eines freien Trägers der Jugendhilfe gehalten haben.

Broschüre: Auftrag Inklusion. Perspektiven für eine neue Offenheit in der Kinder- und Jugendarbeit. Inhaltliche Grundlagen, Handlungsempfehlungen und Anregungen für die Praxis

Die Broschüre mit den Titel “Auftrag Inklusion. Perspektiven für eine neue Offenheit in der Kinder- und Jugendarbeit” bietet, wie es der Untertitel verrät “Inhaltliche Grundlagen, Handlungsempfehlungen und Anregungen für die Praxis”.

Herausgegeben wurde sie von Aktion Mensch, der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. (aej) und der Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband.

Auf dem Deutschen Jugendhilfetag in Berlin im Juni 2014 stellte Dr. Gunda Voigts den Inklusions-Check und einige Aspekte zur Standortbestimmung von Kinder- und Jugendarbeit im Kontext von Inklusion vor, beides Ergebnisse des gemeinsamen Projektes “Auftrag Inklusion – Perspektiven für eine neue Offenheit in der Kinder- und Jugendarbeit”. Sowohl die Standortbestimmung, als auch den Inklusionscheck, die man bisher separat erhalten konnte (http://www.auftrag-inklusion.de/standortbestimmung-inklusions-check), sind Teil der im Februar 2015 herausgegeben Broschüre.

Die Broschüre gliedert sich in 2 Teile. Teil 1 mit Inhaltlichen Grundlagen und einer Standortbestimmung von Kinder- und Jugendarbeit im Kontext von Inklusion und Teil 2 mit dem Inklusions-Check mit Beispielen aus der Praxis, Tipps zum Weiterlesen, Fördermöglichkeiten der Aktion Mensch und einem Anhang.

Im folgenden gebe ich eine kurze Übersicht über den Inhalt der Broschüre und nenne einige aus meiner Sicht für die Diskussion und Weiterentwicklung wichtige Aspekte aus der Broschüre.

Teil 1

A – Inhaltliche Grundlagen

“In klarer Abgrenzung zum Begriff ‘Integration’ ist mir wichtig, Inklusion als gesellschaftlichen Anspruch zu denken, in dem alle Menschen gleiche Zugangsrechte in alle Lebens- und Wirkungsbereichen haben.” (Prof. Dr. Schuppener, S. 12)

Begriff: “Menschen mit Behinderungserfahrungen” – “…macht […] deutlich, dass es um Menschen geht, die ‘behindert’ werden […]. Es geht um Menschen, die im Laufe ihres Lebens Erfahrungen mit Barrieren gemacht haben.” (ebd.)

“Wenn von Inklusion gesprochen wird, sollten wir immer hinterfragen, wer da von Inklusion spricht und warum, und natürlich was darunter gerade verstanden wird. Je mehr von Inklusion gesprochen wird, desto mehr verändert sich auch das dominierende Verständnis von Inklusion. Am Ende wird Inklusion dann häufig einfach nur als ein bisschen mehr Integrationsbemühung verstanden und auch noch unter den Vorbehalt der Finanzierung gestellt.” (Prof. Dr. Dannenbeck, S. 19)

“Inklusion ist und verlangt nach mehr. Sie ist das grundsätzliche Hinterfragen, wie unsere Gesellschaft mit Vielfalt umgehen möchte. Wenn wir über Inklusion reden, dann müssen wir zum Beispiel auch über die europäische Migrationspolitik, über Rassismus oder die Entwicklung sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft sprechen.” (ebd.)

“[…] Für alle Kinder und Jugendlichen, die sich für ein bestimmtes Angebot interessieren, muss dieses auch zugänglich gemacht werden und eine Teilhabe ermöglicht werden. Das wäre der Anspruch einer inklusionsorientierten Kinder- und Jugendarbeit.” (ebd., S. 20)

“Der ‘Auftrag Inklusion’ bedeutet aus meiner Sicht für die Jugendverbände nicht, bis zur Nicht-Wiedererkennbarkeit offen zu sein, sondern zu reflektieren, wer man ist und wie man dadurch exkludiert. Inklusionsanstrengung bedeutet zuerst einmal Exklusionsreflexion.” (Prof. Dr. Sturzenhecker, S. 23)

B – Standortbestimmung von Kinder- und Jugendarbeit im Kontext von Inklusion

Auf einige “Grundlegende Gedanken zur Begriffsbestimmung und Mitverantwortung der Kinder- und Jugendarbeit auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft” (S. 49) folgen “Fakten für eine Standortbestimmung auf dem Weg zu einer Kinder- und Jugendarbeit mit inklusiven Gestaltungsprinzipien” (S. 50-51). Diese Fakten sollen “als Handwerkszeug für Debatten dienen und als konkrete Leitlinien für den Weg genutzt werden können” (S. 48).

Teil 2

A – Der Inklusionscheck mit Beispielen aus der Praxis

Der Inklusions-Check möchte “konkrete Anregungen zur Entwicklung inklusiver Gestaltungsprinzipien in der Kinder- und Jugendarbeit geben” (S. 52). Er ist eine kürzere Version des Index für Inklusion. Dadurch kann einem der Einstieg erleichtert werden, weil man nicht so abgeschreckt ist von der Fülle der Fragen, die der Index beinhaltet. Anders als in der Einzelversion (siehe oben) sind dem Check in der Broschüre Praxisbeispiele beigefügt.

Check 1: Wie offen will ich sein? – An der eigenen inklusiven Haltung arbeiten (S. 53)

Check 2: Wie offen wollen wir als Team sein? – Wie wir uns gemeinsam für Inklusion rüsten (S. 57)

Check 3: Wie offen ist der Ort an dem wir uns treffen? – Auf dem Weg zur Barrierefreiheit (S. 65)

Check 4: Wie offen sind unsere Angebote? – Wie Kinder- und Jugendarbeit mit inklusivem Anspruch aussehen kann (S. 73)

Check 5: Wie offen sind wir für das, was Kinder und Jugendliche wollen? – Was Inklusion mit Partizipation zu tun hat (S. 86)

Check 6: Wie offen sind wir für die Fragen von Eltern? – Eltern als wichtige Partner(innen) auf dem Weg zur Inklusion (S. 91)

Check 7: Wie offen sind wir für neue Kooperationen? – Mit wem sich zusammen arbeiten lässt und wie das funktionieren kann… (S. 97)

Check 8: Habt ihr den Check gecheckt? – Gedanken für den Weg (S. 109)

B – Tipps zum Weiterlesen

Hier gibt es eine Fülle an Literaturtipps rund um das Thema Inklusion – Allgemein zum Thema Inklusion; Inklusion und Kinder- und Jugendarbeit (Fachartikel); Inklusion und Kinder- und Jugendarbeit (Projekt- und Praxisberichte, Tagungsdokumentationen); Inklusion und Kinder- und Jugendarbeit (Arbeitshilfen); Thema Barrierefreiheit; Positionierungen, Beschlüsse zum Thema Inklusion; Filme und Spots; Online Angebote

C- Fördermöglichkeiten der Aktion Mensch

In diesem Kapitel werden die verschiedenen Fördermöglichkeiten der Aktion Mensch dargestellt.

A- Anhang

Im Anhang sind Kurzdarstellungen der Projektpartner und eine Danksagung.

Mein Fazit

In Anbetracht dessen, dass in der öffentlichen und medialen Diskussion das Thema Inklusion meist an der Institution Schule festgemacht und diskutiert wird und anderen Lebensbereiche weniger Aufmerksamkeit erfahren, ist diese Broschüre, die sich konkret mit Inklusion in der Kinder- und Jugendarbeit beschäftigt und viele Praxisanregungen bietet, ein wichtiger Beitrag zur Diskussion und Weiterentwicklung von inklusiver Kinder- und Jugendarbeit.

Zum Download der Broschüre gelangt man hier.

Zum aktuellen Stand der Umsetzung der UN-Konvention

Wie ich schon in einem früheren Beitrag geschrieben habe, wurde die Bundesrepublik Deutschland Ende März daraufhin überprüft, inwieweit die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen inzwischen umgesetzt wurden.

Im Deutschlandfunk gab es zu diesem Anlass am 28.03. einen längeren Beitrag mit einer Diskussion von mehreren Expert_innen zum Thema.

Den Link zu dem Audiobeitrag mit dem Titel “Note Mangelhaft. Was läuft schief bei der Umsetzung der Inklusion in Deutschland?” gibt es hier.

An der Diskussion, an der auch Hörer_innen teilnehmen konnten, waren Dr. Valentin Aichele (Deutsches Institut für Menschenrechte), Eva-Maria Thoms (mittendrin e.V.) und Prof. Dr. Ulrich Heimlich (Ludwig-Maximilians-Universität München) beteiligt.

Im Kern der Diskussion ging es um den Stand der Umsetzung, mit dem Schwerpunkt Schule und der Frage, wie Inklusion in einem föderalen System, wie dem der Bundesrepublik Deutschland umgesetzt werden kann. Des Weiteren wurde über die zukünftige Rolle und Aufgaben von Förderzentren und Sonderpädagog_innen diskutiert.  Ebenso ging es um die Frage der Unterrichtsgestaltung  in Zeiten der Inklusion. Dieses Themenfeld konnte allerdings aus Zeitgründen nur angerissen werden.

Neben den allgemeinen Informationen ist sicherlich der letzte Punkt auch für die Jugendhilfe interessant. Denn auch hier stellt sich die Frage, wie der inklusive Anspruch in der Arbeit mit Gruppen realisiert werden kann.

Für den 10. April werden die Empfehlungen des UN-Fachausschusses erwartet. Inwieweit sie für die Jugendhilfe hilfreich und richtungsweisend sind, bleibt abzuwarten. Für den Bereich Schule sind die Erwartungen an die Empfehlungen wohl recht groß.

Prüfung der Umsetzung der UN-BRK in Deutschland

Am 26. und 27.03.2015 fand die Überprüfung der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Deutschland statt.

Dazu gibt es hier einen Text vom Deutschen Institut für Menschenrechte und hier einen kurzen Audiobetrag vom Deutschlandfunk.

Wir können gespannt sein, wie die UN das Vorankommen in Deutschland in Bezug auf Inklusion bewertet und welche Empfehlungen gegeben werden.

Passen Inklusionsprojekte und Inklusion zusammen?

Liest man die Überschrift dieses Textes, erscheint unter Umständen ein großes Fragezeichen über dem Kopf, denn diese macht einen Widerspruch auf, der auf den ersten Blick als völlig unsinnig erscheint. Und dennoch möchte ich diesen Gedanken, dass sich Inklusionsprojekte und Inklusion möglicherweise widersprechen, beziehungsweise nicht zusammenpassen aufnehmen.

Inklusionsprojekte

Seit einiger Zeit gibt es in unterschiedlichen Kontexten vermehrt Inklusionsprojekte, so auch in der Jugendhilfe. Diese verfolgen offiziell das Ziel, Inklusion umzusetzen, der Inklusion einen Schritt näher zu kommen, Inklusion voranzutreiben. In vielen Fällen geht es dabei um die Anbindung oder den Einbezug einer festgelegten, auf ein Merkmal reduzierten Zielgruppe (bspw. Menschen mit Behinderungen) in bestehende Angebote der Einrichtung oder die Anbindung oder den Einbezug einer festgelegten, auf ein Merkmal reduzierten Gruppe (bspw. Menschen mit Behinderungen) an und in die Einrichtung mit Hilfe spezieller Angebote.

Inklusion

Bei der Inklusion geht es darum, Strukturen und Angebote zu schaffen, an denen alle Menschen teilhaben können. Menschen dürfen nicht aufgrund irgendwelcher Merkmale ausgeschlossen und diskriminiert, ihnen Zugänge erschwert oder verhindert werden. Jeder Mensch gehört selbstverständlich zu der Gesellschaft und jedem Menschen müssen die gleichen Möglichkeiten zur Teilhabe gegeben werden. Bspw. müssen Angebote der schulbezogenen Arbeit so gestaltet sein, dass ihnen alle Kinder/Jugendliche folgen können. Das heißt, dass z.B. Didaktik, Methoden, Sprache und Inhalte auf den Ausschluss von Kindern hin überprüft und ggf. verändert werden müssen.

Der Widerspruch

Der Widerspruch zwischen Inklusionsprojekten und Inklusion sollte an dieser Stelle schon deutlich werden. Während Inklusionsprojekte gezielt eine oder einige konkrete Zielgruppen ansprechen und diese versuchen einzubinden, geht es bei der Inklusion eher um allgemeine Strukturen, die verändert werden müssen, um alle potenziell einzubeziehen.

Auflösung des Widerspruches

Lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Handelt es sich also nur um einen vermeintlichen Widerspruch?

Die Frage ist, ob es Einrichtungen mit Hilfe von Inklusionsprojekten gelingt, ihre Strukturen nachhaltig zu verändern und inklusiv zu gestalten. Das heißt, ob die Projekte dazu dienen, also ein Mittel dafür sind z.B. eigene Strukturen, Angebote, Methoden kritisch zu hinterfragen, zu reflektieren und Exklusion und Separation zu verhindern, also zusätzlich zu dem Projekt für konkrete Personen auch eine Metaebene der Projektarbeit vorhanden ist. Ist dies der Fall, dann wäre der Widerspruch meiner Ansicht nach aufgelöst.

In einigen Fällen wird der Begriff „Integration“ einfach durch den Begriff „Inklusion“ ersetzt und namentlich wird dann aus einem „Integrationsprojekt“ ein “Inklusionsprojekt“. Inhaltlich verändert sich nichts oder wenig. Diese Projekte sind wichtig und leisten einen wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft. Das Miteinander, die Begegnung, der Austausch verschiedener Perspektiven bspw. von Menschen mit und ohne Behinderungen wird gefördert. Aber mit Inklusion haben sie nichts zu tun. Diese Projekte können den Widerspruch nach meiner Auffassung nicht auflösen, sondern verstärken ihn.

Insofern sollte immer aufmerksam geschaut werden, worum es in dem Projekt geht, was die Ziele sind und wen das Projekt anspricht. Ein inflationär gebrauchter Inklusionsbegriff verwässert ihn und den Anspruch, die Gesellschaft grundlegend zu verändern und umzustrukturieren, also inklusiver zu gestalten.

Fragen anstelle eines Ausblicks

Kann eine nachhaltige Strukturveränderung, ein anhaltender Reflexions- und Veränderungsprozess durch ein Projekt gewährleistet werden? Wozu braucht es die Projektform, um Inklusion umzusetzen/inklusiv(er) zu arbeiten? Verstärkt der Projektcharakter von Inklusionsprozessen nicht eher den Eindruck, dass es sich bei der Inklusion um ein zusätzliches Projekt, das bei vorhanden zusätzlichen Ressourcen ergänzend zur alltäglichen Arbeit durchgeführt werden kann, aber bei Nicht-Vorhandensein nicht durchgeführt werden muss?

Muss der Reflexions- und Veränderungsprozess nicht eher in der alltäglichen pädagogischen Praxis stattfinden um nachhaltig zu sein? 

Wie kann ein Inklusionsprojekt aussehen, das seinem Namen und dem Anspruch gerecht wird?