Archiv der Kategorie: Veranstaltungsberichte

Was haben Museen mit Kinder- und Jugendhilfe zu tun?

Am 08. Februar 2016 fand im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums in Berlin eine Diskussion mit dem Titel „Inklusion = Banalisierung? Ein Streitgespräch über inklusive Museen“ statt.

Ich persönlich fand diese Veranstaltung deshalb interessant, weil es im Kern um die Frage der Vermittlung von Themen, Gegenständen etc. geht. Im Kontext Museum ist es z.B. die Frage danach, wie Kunstgegenstände, also u.a. Gemälde oder Skulpturen für alle Menschen zugänglich gemacht werden können oder aber auch die Frage danach, wie Geschichte so vermittelt werden kann, dass sie von allen rezipiert werden kann. Im Kontext von Kinder- und Jugendhilfe ist die Frage danach, wie Themen oder Gegenstände vermittelt werden können ebenso von großer Bedeutung – z.B. in der Kita, im der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, in der Schulsozialarbeit und so weiter. Daher gibt es aus meiner Sicht viele interessante Aspekte, die im Kontext von Inklusion im Museum diskutiert werden, die auch für Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe von Bedeutung sind. Natürlich spielen auch (bauliche) Zugangsbarrieren eine große Rolle. An dieser Stelle möchte ich mich allerdings auf das Thema der Vermittlung von Themen und evtl. Gegenständen beschränken.

Die folgenden nun von mir genannten Aspekte bauen auf einigen Punkten auf, die in der Diskussion über inklusive Museen eine Rolle spielten. Ich versuche die Gedanken gleich in den Kontext der Kinder- und Jugendhilfe zu transferieren und ein wenig weiter zu denken.

Eine wichtige Frage in diesem Kontext ist die, worauf der Fokus bei der Konzeptionierung von Angeboten gelegt werden soll. Liegt der Fokus auf dem Ziel des Angebots oder liegt der Fokus auf der Frage nach der Zielgruppe? Was soll mit dem Angebot erreicht werden, was soll z.B. gelernt werden und dann wird von dieser Frage ausgehend das Angebot gestaltet (Zielfokussierung). Wen soll das Angebot ansprechen, für wen ist es gedacht und darauf aufbauend wird dann ein Angebot konzipiert (Zielgruppenfokussierung). Ist also die Frage wofür/zu welchem Zweck entscheidender oder die Frage für wen es ist? Muss man sich für einen von beiden Ausgangspunkten entscheiden? Oder ist es auch möglich beide Ausgangspunkte zu verknüpfen? Müssen vielleicht sogar beide Ausgangspunkte verknüpft werden? Gibt es vielleicht weitere Ausgangspunkte die gewählt werden könnten?

Müssen dabei vielleicht auch verschiedene Lernformen und Bildungsformen unterschieden werden? Also können oder müssen unterschiedliche Bildungsformen auch unterschiedliche Ausgangspunkte haben? So verfolgt intentionale Bildung immer einen Zweck und somit spielt auch die Frage danach, was dabei gelernt werden soll eine große Rolle. Insofern macht es hierbei wohl Sinn, vom Ausgangspunkt der Zielfokussierung zu starten und sich dann zu überlegen, wie dieses Ziel für alle erreicht werden kann.

Ein weiterer Aspekt ist die Pluralisierung von Zugängen. Zugänge zu einem Thema müssen pluralisiert werden, da diese Zugänge zu einem Thema immer sehr individuell sind. Das bedeutet, dass sich einem Thema nicht nur auf eine (vorgegebene) Weise genähert werden kann, sondern von vornherein schon verschiedene Möglichkeiten des Zugangs mitgedacht oder auch spontan möglich gemacht werden müssen. Daran knüpft auch die Frage danach an, wie unterschiedliche Zugänge gewertet werden – gibt es richtige und sinnvolle Zugänge und somit auch falsche und weniger sinnvolle? Oder sind alle Zugänge richtig. Und wie können unterschiedliche Zugänge im Kontext von Kinder- und Jugendhilfe, z.B. in der Kita, in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit oder in der Schulsozialarbeit realisiert werden?

Wichtig ist auch die Frage nach der Form der Vermittlung – ist sie hierarchisch oder dialogisch? Und in welchem Setting ist sie wie und muss sie da so sein oder könnte sie auch anders sein? Und warum ist bisher so? Welche Machtstrukturen spielen da eine Rolle und für wen ist das warum wichtig, dass es bislang so ist? Oder macht es inhaltlich Sinn?

Ich finde diese ganzen Fragen und Aspekte sehr interessant und sie bieten meines Erachtens nach eine gute Diskussions- und Reflexionsgrundlage für die eigenen Angebote. Für mich persönlich steht da die Frage des Sozialen Lernens im Rahmen von Schulsozialarbeit im Zentrum der Betrachtung. Also was heißt das für Soziales Lernen? Wie muss Soziales Lernen gestaltet sein? Wie müssen die Themen des Sozialen Lernens aufbereitet und vermittelt werden? Wie sehen unterschiedliche Zugänge zu Themen des Sozialen Lernens aus? Und wie können diese realisiert werden? Was sind die konkreten Ziele der Angebote des Sozialen Lernens? Was sollen die Kinder/Jugendlichen lernen? Wie kann Soziales Lernen so gestaltet sein, dass alle Kinder/Jugendlichen gleichberechtigt daran teilhaben können? Und funktioniert die Vermittlung von Sozialem Lernen hierarchisch oder dialogisch?

Die Diskussion im Zeughauskino hat mir einige Impulse gegeben. Deutlich wurde bei der Veranstaltung allerdings auch, dass der Begriff von Inklusion nach wie vor sehr unklar und oft schwammig bleibt. Also wovon reden wir, wenn wir von Inklusion sprechen? Und ein für mich spannender Punkt war einer, der eher nebenbei bei der Frage danach fiel, was das Ziel von Inklusion soll. Handelt es sich bei Inklusion um Kommunismus? Die Antwort von Prof. Dr. Wolfgang Ulrich (Freier Autor, Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler) lautete sinngemäß, dass Inklusion bedeutet, dass mehr Menschen am Wettbewerb teilnehmen können. Eine interessante Einschätzung, die wieder zu einem kritischen Einwand zur Inklusion führt, nämlich dass es sich bei Inklusion um ein neoliberales Projekt handelt (und darum aus bestimmten Perspektiven heraus abzulehnen ist).

Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat sich auf den Weg in Richtung Inklusion gemacht und hat die Ausstellung „Alltag Einheit“ unter inklusiven Gesichtspunkten konzipiert und wird auch in weiteren Ausstellungen diesen Blickwinkel beibehalten. Ich werde mir auf jeden Fall eine inklusiv gestaltete Ausstellung ansehen, um mir weitere Anregungen für meine eigene (Sozial-)Arbeit zu holen.

Tagungsbericht: „Auf die Haltung kommt es an! – Vielfalt als Stärke“

Foto bbw

 

Am 19.11.2015 veranstaltete das bbw Südhessen (Berufsbildungswerk Südhessen gGmbH) in Groß Karben (bei Frankfurt am Main) eine Fachtagung mit dem Titel „Auf die Haltung kommt es an! – Vielfalt als Stärke“. Die Fachtagung fand direkt auf dem Gelände des bbw Südhessen statt.

Es folgt nun ein subjektiver Veranstaltungsbericht, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Begrüßung

In der Begrüßung ging Renée Eve Seehof, Geschäftsführerin des bbw Südhessen, auf das Thema Vielfalt ein und stellte fest, dass Vielfalt Wirklichkeit ist. Aber Renée Eve Seehof fragte anschließend danach, ob sich Vielfalt auch in unseren Werten, in unseren Normen, in unseren Einstellungen und in unserem Zusammenleben widerspiegelt.

Grußwort

Die Grußworte kamen von der Beauftragten der hessischen Landesregierung für Menschen mit Behinderung – Maren Müller-Erichsen und darin wurde deutlich gemacht, das die Frage nach der Haltung eine philosophische Frage ist.

Vortrag 1 – Inklusion als Ethos

Den Vortrag mit dem Titel „Inklusion als Ethos“ hielt Dr. Thomas Ebers (Institut für angewandte Philosophie und Sozialforschung, Bonn). Darin verdeutlichte Dr. Thomas Ebers die Bedeutung der Haltung bei der Umsetzung von Inklusion. Haltung ist ein zentrales Thema. Dr. Thomas Ebers unterschied zu Beginn des Vortrags Integration und Inklusion. Integration ist das Lob der Gleichheit und Inklusion das Lob der Ungleichheit/Vielfalt. Verschiedene Gerechtigkeitstheorien bieten die Grundlage für Inklusion. Nach Ansicht von Dr. Thomas Ebers wird so stark über die Begriffe Integration und Inklusion gestritten, da sich dahinter unterschiedliche Konzepte verbergen. Um die Bedeutung von Begriffen zu verdeutlichen bringt Dr. Thomas Ebers einige Aspekte von John R. Searle an: gesellschaftliche Tatsachen sind nicht gleich Fakten; gesellschaftliche Tatsachen entstehen aus spezifischen sprachlichen Operationen: Deklarativa; Deklarativa bringen das, was der Fall ist selbst erst hervor; mit gesellschaftlichen Tatsachen werden „Hintergrundmächte“, deontische Netze gesellschaftlich verankert. Dr. Thomas Ebers versteht Integration und Inklusion auch als Deklarativa und Inklusion ist nicht zu trennen von der Frage danach, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Diese Frage und die Auseinandersetzung damit hat ein gewisses Störpotenzial und führt zu Verunsicherung.

Anschließend erläuterte Dr. Thomas Ebers den Begriff Ethos, indem auf die Definition von Aristoteles verwiesen wird. Dieser sah dabei Ethos auf drei Ebenen wirken: 1. Sitte, Üblichkeit, Brauch; 2. Handlung; 3. Gewohnheit, charakterliche Verfassung, Haltung. Daneben legte Dr. Thomas Ebers die Ebenen des Index für Inklusion, die genau zu der Aufteilung von Aristoteles passen: 1. Strukturebene (Rahmenbedingungen); 2. Praktiken, Konzepte; 3. Kulturelle Ebene. In beiden Modellen sind alle Ebenen miteinander verwoben und eine Trennung macht nur analytisch Sinn. Leider werden diese Ebenen in der Diskussion oft gegeneinander ausgespielt. Was aber aufgrund der Verwobenheit miteinander im Prinzip keinen Sinn macht.

Daraus folgt auch die Frage, wie Inklusion in einem selektiven Bildungssystem/in einer selektiven, neoliberalen Gesellschaft funktionieren soll? Auch in der Inklusionsforschung, die sich mit Fragen der Leistung und dem gemeinsamen Lernen von Schüler_innen beschäftigt, wird die Leistungslogik nicht durchbrochen. Für dieses „falsche“ Handeln ohne Denken wurden die Begriffe „Inklusionismus“ und „Inklusionslüge“ eingeführt. So kann Inklusion nicht funktionieren. Inklusion erfordert eine Arbeit sowohl an der inneren (persönlichen) als auch an der äußeren (gesellschaftlichen) Verfassung.

Anschließend erläuterte Dr. Thomas Ebers die Bedeutung der Haltung. Haltung soll Halt bieten. Aber wenn die eigene Haltung zur Schranke und Blockade wird und somit eine Hürde für die Umsetzung von Inklusion darstellt, dann wird es kritisch. Einer repräsentativen Umfrage zufolge gaben die Mehrheit der Befragten an, dass die Umsetzung von Inklusion aufgrund der aktuellen Haltung der Menschen scheitert und nicht umgesetzt werden kann.

Abschließend zitierte Dr. Thomas Ebers Theodor W. Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ und ergänzt Adornos Aussage mit der kritischen Anmerkung als Reaktion dazu: „Aber es gibt ein richtigeres Leben im falschen.“ Das transferierte Dr. Thomas Ebers auf das Thema Inklusion: „Es gibt kein inklusives Leben im exklusiven, aber es gibt ein inklusiveres Leben im exklusiven!“. Es kommt also auf die Haltung an.

Poetry Slam – Wortreich & gehaltvoll

Auszubildende des bbw Südhessens trugen ihre eigenen Texte zu verschiedenen Themen vor.

Stark werden – stark sein – starke Vorbilder im Gespräch

An dem Gespräch waren Thomas Kahlau (Mundmaler), Jasmin Ziemann (Moderatorin und Sängerin) und Karine Babayants (InteGREATer e.V.) beteiligt. Moderiert wurde das Gespräch von Mercedes Pascual Iglesias (Journalistin und Redakteurin). In dem Gespräch ging es um die Frage, was Stärke ist, was Menschen stärkt, was sie schwächt und alle Teilnehmer berichteten von konkreten Situationen aus ihrem Leben und teilten einige persönliche Erfahrungen.

Lesung – Die Kraft in mir

Nach einer Kaffeepause las Thomas Kahlau aus dem eigenen Buch „Die Kraft in mir“ vor.

Musikalisches Intermezzo

Jasmin Ziemann sang ein eigenes Lied.

Vortrag 2 – Diversity und Empowerment: Vielfalt als Stärke – Vielfalt stärken

Judy Gummich (Diversity-Beraterin und Trainerin) hielt den zweiten Vortrag der Tagung mit dem Titel „Diversity und Empowerment: Vielfalt als Stärke – Vielfalt stärken“. Die Basis für Inklusion ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Die Menschenrechte sind universell, unteilbar, unveräußerlich und sie bedingen einander. Sie sind begründet in der unbedingten Anerkennung der Menschenwürde und enthalten somit ein Diskriminierungsverbot. Inklusion bedeutet für Judy Gummich die Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind und die entsprechende Veränderung der Rahmenbedingungen/Gesellschaft. Diversity bedeutet Vielfalt, Vielfältigkeit, Unterschiedlichkeit und Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Im Diversity-Ansatz geht es um Wahrnehmen, Achten, Anerkennung, Wertschätzung, Förderung menschlicher Vielfalt. Der Diversity-Ansatz ist Philosophie, Handlungsorientierung, ein Chancengleichheitskonzept, ein ganzheitlicher Prozess, ein Organisations- und Personalentwicklungsinstrument und bezieht sich auf die sogenannten Kern-Dimensionen: ethnische Herkunft/Hautfarbe, Geschlecht, Religion und Weltanschauung, sexuelle Identität, Alter, Behinderung, sozialer/ökonomischer Status. Der Diversity-Ansatz versteht sich dabei als Gestaltung und Gestaltungsbedingung von Gesellschaft.

Abschließend erläuterte Judy Gummich den Empowerment-Ansatz. Empowerment bedeutet Selbstbefähigung, Selbstermächtigung, Stärkung von Autonomie und Eigenmacht, Übertragung von Verantwortung. Der Empowerment-Ansatz hat vier verschiedene Zugänge: einen politischen, einen lebensweltlichen, einen reflexiven und einen transitiven. Das Ziel ist weg vom Objekt und passivem Opfer hin zum Subjekt und zum/zur handelnden Akteur_in zu kommen. Dazu müssen die Machtverhältnisse verändert werden. Judy Gummich machte deutlich, dass es sich beim Empowerment nicht um eine zwangsweise Selbstoptimierung handelt.

Workshop – Diversity trainieren: Ziele, Anwendungsmöglichkeiten und Methoden

Nach der Mittagspause startete die Workshopphase. Ich nahm an dem Workshop „Diversity trainieren: Ziele, Anwendungsmöglichkeiten und Methoden“ von Judy Gummich (Diversity-Beraterin und Trainerin) teil.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde begannen wir mit einem kleinen Einstieg. Im Plenum konnten wir die Sätze „Ich bin heute hier, weil…“, „Ich bin heute hier, obwohl …“ und „Ich bringe heute … ein“ vervollständigen. Anschließend haben wir eine soziometrische Übung gemacht, bei der wir uns zu Sätzen, Fragen, Aussagen an einer Skala, beziehungsweise im Raum positionieren sollten. Dann folgte ein theoretischer Input. Judy Gummich erklärte, dass Vielfalt verschiedene Dimensionen hat – die organisationale Dimension, die äußere Dimension, die innere Dimension und die Persönlichkeit. Darüber hinaus stellte Judy Gummich fest, dass Intersektionalität der Normalfall ist, da wir alle in verschiedenen Dimensionen mit unterschiedlichen Merkmalen vertreten sind, aber dennoch gerät die Intersektionalität immer wieder aus dem Fokus. Es folgte eine Erläuterung darüber, was ein Diversity-Training ist. Im Diversity-Training geht es um die Erweiterung der Diversity-Kompetenz und zwar auf der Haltungsebene, auf der Wissensebene und auf der Handlungsebene. Judy Gummich gibt einen Überblick über die Arbeitsweisen, Methoden, Themen, Inhalte, Ziele und Grundprinzipien von Diversity-Trainings. Diese spielen eine wichtige Rolle in einer Diversity-Gesamtstrategie und ermöglichen ein Innehalten, Reflektieren und Impulse. Zum Abschluss des Workshops haben wir eine Austausch-Übung gemacht, bei der zu zweit 3 Gemeinsamkeiten und 3 Unterschiede gefunden werden sollten. In einem zweiten Schritt sollte dann in der Zweierrunde besprochen und diskutiert werden, welche Kompetenzen, Ressourcen und Fähigkeiten sich aus diesen Gemeinsamkeiten und Unterschieden ergeben.

Musikalisches „Potenzial“

Jonas Knab rappte das eigene Lied „Potenzial“

Tagungsimpressionen und Ausklang mit Street Stomp

Nach einigen Stimmen aus dem Plenum zu der Fachtagung trat die Gruppe Street Stomp mit einer Rhythmus-Show auf.

Diversity-Parcours

Während des ganzen Tages konnte man durch den Diversity-Parcours gehen, welcher von ManuELA Ritz, gemeinsam mit bbw-Teilnehmer_innen entwickelt worden ist und sich sehr sinnlich und anregend auf eine andere Art und Weise mit dem Thema Vielfalt auseinander setzen. Es gab dort auch die Möglichkeit sich von Expert_innen durch den Parcours führen zu lassen und zusätzliche Erklärungen zu erhalten.

Fazit

Ich fand die Veranstaltung sehr interessant. Es gab ein sehr abwechslungsreiches Programm, mit vielen kulturellen Beiträgen, es wurden verschiedene Sinne angesprochen und sich auf verschiedenen Ebenen mit dem Tagungsthema auseinander gesetzt. Die Atmosphäre war sehr nett und sehr angenehm und ich persönlich fand die Veranstaltung sehr gelungen. Es gab viele verschiedene Workshops mit unterschiedlichen Themen. Leider war in der Tagungsplanung die Teilnahme an nur einem Workshop vorgesehen. Da fiel mir die Entscheidung im Voraus schon schwer und ich hätte gerne noch mehr Workshops besucht. Die Vorträge waren für mich ebenso sehr anregend und informativ und es gibt wieder viele neue Aspekte zum Überdenken, Nachdenken, Weiterdenken.

“All inclusive?”–Fachtagung der DGfE–ein Veranstaltungsbericht

Am 30. und 31. Oktober 2016 fand in Berlin eine Fachtagung der DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) mit dem Titel “All inclusive?” Inklusion als Herausforderung für die Erziehungswissenschaft statt. Hier geht es zu dem Programm der Fachtagung.

DGfE

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte der Fachtagung, die mir besonders wichtig erscheinen. Dieser Bericht ist also, wie immer, sehr subjektiv und beansprucht daher inhaltlich keine Vollständigkeit.

TAG I

Begrüßung und Eröffnung

Die Veranstaltung wurde von Prof. Dr. Hans-Christoph Koller eröffnet. Prof. Dr. Koller stellt fest, dass die Erziehungswissenschaft in der bisherigen Diskussion über Inklusion eine untergeordnete Rolle gespielt hat und eine Beteiligung darum dringend erforderlich ist. Der Begriff Inklusion ist ein sehr umstrittener Begriff und wird von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich verstanden. Die Erziehungswissenschaft muss sich fragen, was sie im Rahmen von Wissenschaft und im Rahmen von Ausbildung zur Inklusion und zu der Diskussion beitragen kann.

Inklusion – Querschnittsthema für die Erziehungswissenschaft?

Prof. Dr. Rolf Werning hielt den ersten Vortrag der Fachtagung. Prof. Werning machte deutlich, dass es sich bei dem Diskurs zum Thema Inklusion um einen internationalen Diskurs handelt und das dieser nicht nur auf nationaler Ebene geführt wird. Ebenso stellt er fest, dass es eine anhaltende Diskussion über den Begriff der Inklusion gibt, also was darunter zu verstehen ist. Geht es um Behinderung als Kategorie oder um alle Dimensionen von Vielfalt? Schon diese Frage wird unterschiedlich beantwortet. Prof. Dr. Werning beschreibt Inklusion als ein unspezifisches, wenig konkretes Konzept, dass aber einen umfassenden Anspruch hat. Doch warum ist Inklusion so ein wirkmächtiges Thema geworden? Liegt in dem Unkonkreten die hohe Anschlussfähigkeit von Inklusion begründet? Der Gedanke von Inklusion ist kein neuer. Alle an Bildung partizipieren zu lassen zieht sich als Ziel durch viele Stellungnahmen, Positionspapiere und Erklärungen der vergangenen Jahrzehnte. Ebenso für Inklusion interessant ist das Mehrebenenmodell zur Integration von Helmut Reiser. Die Umsetzung von Integration und auch von Inklusion findet auf vier verschiedenen, miteinander in Beziehung und Abhängigkeit stehenden Ebenen statt: individuelle Ebene, interaktionale Ebene, institutionelle Ebene, gesellschaftliche Ebene. Inklusion ist eine radikale Frage an Bildungssysteme nach dem Umgang mit Differenz und Diskriminierung. Prof. Dr. Werning vertritt die Auffassung, dass eine Schule in einer heterogenen Umgebung diese Hetergenität auch aufgreifen können muss. Anschließend stellt Prof. Dr. Werning einige Diskurse im Kontext von Inklusion vor. Eine Form ist der ethische und menschenrechtsbasierte Diskurs. Dieser begründet Inklusion ethisch und in Bezug auf die Menschenrechte. Ein anderer Diskurs ist einer mit dem Fokus auf der Wirkung von Inklusion. Also die Frage danach, wie wirkt sich Inklusion auf die Menschen aus, z.B. im System Schule. Zwischen diesen beiden Diskursen besteht ein Widerspruch, denn Menschenrechte können und dürfen nicht versucht werden empirisch abgesichert zu werden. Insgesamt gibt es eine Vielfalt der inklusionsdiskurse und daher steht die Frage im Raum nach dem “anything goes?” – also was bedeutet das in der Konsequenz? Was kann unter dem Deckmantel von Inklusion umgesetzt werden, wenn die Diskurse so vielfältig sind? Ist dann auch alles möglich? Darüber hinaus sieht Prof. Dr. Werning in der Diskussion über Inklusion sowohl einen sonderpädagogisch orientierten als auch einen organisationsentwicklungsorientierten Diskurs. Bei dem sonderpädagogisch orientierten Diskurs liegt der Fokus auf den Individuen. Die Menschen mit erschwerten Bildungs- und Erziehungsbedingungen stehen im Mittelpunkt der Betrachtung und es wird geprüft, welchen Förderbedarf sie haben. Dadurch entstehen verschiedene Widersprüche, so dass separierende Strukturen und Sprache bestehen bleiben (z.B. Inklusionsklassen, Inklusionskinder) oder es zu einer exklusiven Inklusion kommt. Der organisationsentwicklungsorientierte Diskurs richtet den Fokus auf die Bildungsinstitutionen und auf deren Fähigkeit mit Vielfalt umzugehen. Dafür ist der Index für Inklusion ein geeignetes Hilfsmittel. In diesem Diskurs steckt für Systeme ein hohes Innovationspotenzial. Prof. Dr. Werning versteht Inklusion als Minimierung von Diskriminierung und Ausgrenzung und als Maximierung sozialer Partizipation. Die Sonderpädagogik als Profession ist wichtig und richtig, aber sonderpädagogische Diskurse sind kein Teil des Inklusionsdiskurses. Ebenso wenig, wie die von anderen Spezialdisziplinen (z.B. zu den Themen Gender, Kultur, etc.). Die Sonderpädagogik ist somit auch nicht der Hauptbestandteil der Umsetzung von Inklusion.

An den Vortrag von Prof. Dr. Rolf Werning anschließend referierte Prof. Dr. Anja Tervooren. Prof. Dr. Tervooren versteht Inklusion als eine Beschreibung des Verhältnisses von Allgemeinen und Besonderen. Dieses Verhältnis ist ein Grundproblem der Pädagogik und die Debatte rund um das Thema Inklusion verhandelt das gleiche Grundproblem mit einem andern Gewand. Die Normativität der Pädagogik, ihre Grundannahmen und Normen müssen betrachtet und analysiert werden. Ebenso wie die Voraussetzungen für Partizipation. Damit einhergehend muss der Autonomiebegriff auf den Prüfstand gestellt werden. Der Blick muss vom Allgemeinen her auf die Dinge gerichtet werden. Die Kategorie Behinderung sollte ebenso wie andere Differenzkategorien selbstverständlich in der Erziehungswissenschaft mit beachtet und mitgedacht werden. Das Thema Inklusion ist an allen Stellen zu implementieren. Das heißt auch, dass eine Fokussierung auf den schulpädagogischen Diskurs aufgebrochen werden muss. Ebenso wie Prof. Dr. Werning sieht es auch Prof. Dr. Tervooren, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema Inklusion ohne eine sonderpädagogische Schwerpunktsetzung nötig ist.

Nach diesem Vortrag kamen im Plenum diverse Fragen auf. So z.B.: Was ist das Allgemeine an dem wir uns orientieren? Schließen wir damit das Besondere in Teilen aus? und: Inwieweit muss das Besondere in der Betrachtung des Allgemeinen berücksichtigt werden?

Erziehungswissenschaftliche Befunde zur Frage der Inklusion – Inputs aus aktueller Forschung

Prof. Dr. Birgit Lütje-Klose stellte in ihrem Beitrag einige Ergebnisse der BiLieF-Studie (Bielefelder Längsschnittstudie zum Lernen in inklusiven und exklusiven Förderarrangements) vor. Anschließend zitierte Prof. Dr. Hans Anand Pant einige Ergebnisse der IQB-Studien. Prof. Dr. Clemens Hillenbrand machte danach deutlich, dass die empirisch-quantitative Forschung nicht über denn Sinn oder Unsinn der Implementierung von Inklusion diskutiert, also kein Hilfsmittel zur Legitimation oder deren Delegitimierung ist. Inklusion an sich ist gesetzt und die Forschung hat die Aufgabe zu prüfen, welche Wirkung bestimmte pädagogische Maßnahmen haben. Prof. Dr. Hillenbrand macht drei Ebenen der Qualität von Inklusion aus empirischer Perspektive fest: access (Zugang), participation (Teilhabe) und supports (Unterstützung).

In der anschließenden Diskussion kamen Fragen wie: Warum befinden wir uns noch immer in der Phase der Legitimation von Inklusion? Warum gibt es keine Legitimationspflicht der Exklusion? Woran erkennen wir gelingende und gelungene Inklusion? Prof. Dr. Anand Pant vertrat in dieser Diskussion die Auffassung, dass wir, wenn wir die Figur der Individualisierung stärken, keine Differenz-Kategorien mehr brauchen.

Was wissen wir eigentlich über Inklusion?

An dieser Einheit habe ich nicht teilgenommen und kann daher auch nicht darüber berichten.

TAG II

Erziehungswissenschaftliche Inklusionsforschung? Forschungsperspektiven und –bedarfe

M.Ed Melanie Radhoff und Dr. Christiane Ruberg haben einige Ergebnisse ihrer Analyse zur Veränderung der Lehramtsausbildung mit Blick auf das Thema Inklusion vorgestellt. Beide verstehen Inklusion als grundlegende Auseinandersetzung zum Umgang mit Heterogenität und haben festgestellt, dass es in einigen Bundesländern inzwischen integrierte Studiengänge gibt, dass das allgemeine Lehramtsstudium mit einem sonderpädagogischen Studium gekoppelt wird. Ebenso konnten sie feststellen, dass es in einigen Bundesländern einen Ausbau der sonderpädagogischen Studiengänge gibt und es weiterhin deutlich wird, dass sich inhaltlich stark auf sonderpädagogische Inhalte und Themen fokussiert wird. Dabei ist zu diskutieren, ob es sich bei dieser letzten Tendenz um eine Sonderpädagogik light oder im eine Etappe im Kontext allgemeiner Emanzipationsbewegungen handelt.

Es wird die Frage gestellt, wie ein inklusiver/inklusionsorientierter Studiengang aussehen würde? Welche Fähigkeiten und Kompetenzen müssen darin vermittelt werden?

Prof. Dr. Michael Grosche konstatiert ein diffuses Inklusionsverständnis und stellt darüber hinaus fest, dass es einfacher zu sagen ist, was nicht Inklusion ist, statt was Inklusion ist. Diese Unklarheiten in Bezug auf Inklusion erschweren die Forschung, da der Forschungsgegenstand ungenau ist. Prof. Dr. Grosche sieht, dass die Sonderpädagogik und Erziehungswissenschaft viele relevante Kompetenzen für Inklusion besitzen aber diese nicht alleine umsetzen können.

Prof. Dr. Markus Dederich hebt hervor, dass die unterschiedlichen Verständnisse von Inklusion nicht aufgelöst werden können, sondern kenntlich gemacht werden müssen. Antinomien und Widersprüche gehören zur Pädagogik und Inklusion funktioniert diesbezüglich wie eine Lupe und verdeutlicht diese Widersprüche. Das muss ausgehalten werden. Darüber hinaus ist es wichtig zu beachten, dass wenn der Forschungsgegenstand unklar ist, dann bleiben auch die Ergebnisse unklar. Daher ist mehr Theorie nötig, denn Forschung konstituiert den Gegenstand stets mit. Der Einfluss, den Forschung auf den Gegenstand hat muss reflektiert werden. Ein Problem sieht Prof. Dr. Dederich darin, dass Inklusion als Prinzip nicht in Frage gestellt wird, obwohl Wissenschaft ergebnisoffen sein und bleiben muss. Ebenso macht er deutlich, dass Gleichbehandlung und Ungleichbehandlung (z.B. in der pädagogischen Praxis) in der Balance gehalten werden müssen, denn beide können Gleichheit und Ungleichheit vergrößern und minimieren.

Inklusion in der akademischen Ausbildung – Perspektive und Bedarfe im erziehungswissenschaftlichen Studium und in der LehrerInnenbildung. Ein Rundgespräch.

Prof. Dr. Thomas Häcker versteht die Frage nach dem Umgang mit Heterogenität als schulkonstituierend und sie beschreibt das Kerngeschäft der Schulpädagogik. Dieser Diskurs wurde durch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen intensiviert. Für die Professionalisierung spielt die Reflexivität eine große Rolle. Unterricht, Methoden Didaktik, Schulstrukturen, Schulkulturen müssen analysiert und ggf. verändert werden. Dafür müssen Studierende das Handwerkszeug erhalten.

Prof. Dr. Susanne Miller sieht, das der Umgang mit und Fragen zu Heterogenität eine wichtige Rolle im Studium spielen. Lehrer_innen sollen so ausgebildet werden, dass sie sich für alle Kinder und Jugendlichen qualifiziert und zuständig fühlen.. Daher muss eine Pädagogik für Alle entwickelt werden.

Prof. Dr. Maria-Luise Braunsteiner beschrieb die bildungspolitischen Veränderungen der letzten Jahre in Österreich. Dort hat eine Inklusive Pädagogik die Sonderpädagogik ersetzt.

In der anschließenden Diskussion wurden z.B. folgende Fragen gestellt: Können Universitäten mit den gegebenen Strukturen, unter den gegebenen Bedingungen Profis für Inklusion ausbilden? Reichen radikale Heterogenisierung und Individualisierung aus, um den Herausforderungen in Bezug auf das Thema Inklusion gerecht zu werden? Oder müssen partikuläre Gruppeninteressen wieder mehr in den Fokus rücken?

Fazit

Ich persönlich fand diese Fachtagung sehr interessant. Sie hat das Thema Inklusion aus einer für mich anderen Perspektive betrachtet und sowohl die Vorträge als auch die Diskussionen waren sehr anregend und informativ. Es wurde deutlich, dass an viele Forschungen, Theorien und Ideen der Vergangenheit angeknüpft werden kann, aber ebenso auch noch viel Arbeit, Diskussionen und Auseinandersetzungen gegenwärtig und zukünftig notwendig sind. Leider konnte ich an einigen Stellen inhaltlich nicht ganz folgen (z.B. wenn es um empirische Methoden und Ergebnisse ging und ein gewisses Grundverständnis vorausgesetzt wurde), beziehungsweise ging es mir da etwas zu schnell. Ebenso fand ich es schade, dass die Fachtagung nur so kurz war (ein Nachmittag/Abend und ein Vormittag). So konnten viele Themen und Diskussionen nur angerissen oder angestoßen aber in diesem Rahmen nicht weiter vertieft werden. Dennoch fand ich die Veranstaltung sehr gelungen und für mich sehr bereichernd und es hat sich für mich wirklich gelohnt daran teilzunehmen.

Bericht vom Fachtag Inklusion in der Jugendarbeit “Alle sind verschieden – alle sind dabei!”

Am 08.10.2015 fand in Hannover der Fachtag Inklusion in der Jugendarbeit “Alle sind verschieden – alle sind dabei!”  statt. Veranstalter war das Paritätische Jugendwerk. Hier geht es zur Ausschreibung.

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Wegweiser am Veranstaltungsort

In der Begrüßungsrede machte Tina Hellmann (Vorstand  Paritätisches Jugendwerk Niedersachsen) deutlich, dass die Jugendarbeit sehr für die Umsetzung von Inklusion geeignet ist, da sie die Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen gut erkennen und diese auch fördern kann.

Einstieg ins Thema

Den thematischen Einstieg in den Fachtag machte Dr. Gunda Voigts (HAWK Hildesheim-Holzminden-Göttingen).  Der Vortrag “Der >>Auftrag Inklusion<< als Herausforderung für die Kinder- und Jugendarbeit war in 2 Teile gegliedert – einen theoretischen zur Begriffsbestimmung und einen praktischen mit einer Standortbestimmung der Kinder- und Jugendarbeit. Dr. Gunda Voigts konstatierte, dass der Begriff Inklusion seit dem Inkrafttreten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2009 sehr populär geworden ist. Doch schon vorher gab es ihn und wurde mit ihm gearbeitet. Als Beispiele dafür nannte Dr. Gunda Voigts diverse soziologische Diskurse, die sich mit Inklusion und Exklusion beschäftigten, wie bspw. die Systemtheorie von Luhmann oder verschiedene sozialstaats- und kapitalismuskritische Arbeiten. Ein weiteres Beispiel sind Diskurse in der Sonder- und Heilpädagogik, die sich u.a. mit der Differenz zwischen Integration und Inklusion beschäftigen. Und als drittes Beispiel das Feld der Sozialen Arbeit, bei der es um Fragen sozialer Ausgrenzung und Ungleichheit geht. Im Jahr 2015 wirkt der Begriff Inklusion eher als Metapher für eine Schulreform und die Einbindung von Schüler_innen mit Behinderungen ins Regelschulsystem, so Dr. Gunda Voigts. Auch in der Kinder- und Jugendhilfe ist der Begriff inzwischen angekommen. Der 13. Kinder- und Jugendbericht vollzieht einen Perspektivenwechsel, in dem formuliert wird “Kinder und Jugendliche sind zu allererst Kinder und Jugendliche”, es gibt Debatten um die “Große Lösung SGB VIII” und Kinder und Jugendliche mit Behinderungen sind in Regelschulen, so dass sie über den Ganztag und auch als Peergroup in der Jugendarbeit ankommen. Anschließend erläuterte Dr. Gunda Voigts die Unterschiede zwischen den Begriffen Integration und Inklusion. Bei der Integration geht es darum, dass eine Mehrheitsgruppe und eine Minderheitsgruppe konstruiert wird und dann überlegt wird, wie die Minderheitsgruppe in die Mehrheitsgruppe kommen kann.  Bei der Inklusion wird keine Norm, also keine Mehr- und Minderheitsgruppe konstruiert, sondern die Jugendarbeit muss so gestaltet sein, dass alle Kinder und Jugendlichen Platz haben. Dr. Gunda Voigts vertieft das mit einigen Aspekten der Praxis der Inklusion basierend auf den Ausführungen von Hinz. Dazu gehören folgende Punkte: Theorie der heterogenen Gruppe, gemeinsames Leben für alle, umfassendes System für alle, systemischer Ansatz, Ressourcen der Systeme, individuelle Curricula für alle, gemeinsames individuelles Lernen, heil- und sonderpädagogische Unterstützung für Systeme. Doch aus dieser Herangehensweise ergibt sich ein Dilemma der Inklusion. Auf der einen Seite soll es keine Fokussierung mehr auf einzelne Merkmale von Menschen und ihre differenzierten Problemlagen geben und auf der anderen Seite müssen Zugangsbarrieren überwunden werden, die genau im Zusammenhang mit diesen Merkmalen stehen. Zum Abschluss des ersten Teils ihres Vortrags zeugt Dr. Gunda Voigts den Film “Was ist Inklusion?” von Aktion Mensch und verweist darauf, dass dieser auch für den Einsatz in der Jugendarbeit gut geeignet ist. Im zweiten Teil ihres Vortrags stellt Dr. Gunda Voigts das Projekt “Auftrag Inklusion – Perspektiven für eine neue Offenheit in der Kinder- und Jugendarbeit”vor. Dazu gehören z.B. Aspekte der Standortbestimmung der Jugendarbeit und der Inklusionscheck. Mehr Informationen zu diesem Projekt, den Fakten und dem Check gibt es hier. In der anschließenden Diskussion fand ich die Frage danach, wie Inklusion in einer nicht inklusiven Gesellschaft funktionieren kann sehr interessant.

Inklusive Jugendarbeit konkret

Den zweiten Input auf dem Fachtag gab Sisko Zielbauer (Projektleitung Under Construction). In dem Vortrag stellte Sisko Zielbauer das Inklusionsprojekt “Under Construction” vor, welches von den sogenannten G5 (5 Verbände) in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde. Das Projekt lief von Dezember 2013 bis März 2015 und an dem Projekt waren 15 Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen beteiligt. In der Praxisphase (Januar 2014-Dezember 2014) gab es für die beteiligten Einrichtungen verschiedene Fortbildungsmodule, deren Inhalte danach in die Praxis übertragen werden sollten. Hier einige Aspekte der Module

Modul A – Inklusion in der Kinder- und Jugendarbeit – EInstieg ins Thema

Modul B – Organisationsentwicklung – Ressource, Methoden, Sensibilisierung

Modul C1 – 1. Praxismodul – Kooperationen Behindertenhilfe und Jugendhilfeträger, inklusive Teams, Spiele, Öffentlichkeitsarbeit, Eltern

Modul C2 – 2. Praxismodul – inklusive kulturpädagogische Projektarbeit, Grenzen, Behinderungsformen, Arbeit mit Menschen mit Handicaps

Als Ergebnisse des Projektes lässt sich u.a festhalten, dass Kunst, Tanz und Musik einen guten Einstieg für inklusives Arbeiten ermöglichen. Des Weiteren sind themenbezogenen Projekte für den Anfang oft einfacher als offene Angebote, denn beim gemeinsamen Tun steht das gemeinsame Interesse an einem Thema im Mittelpunkt. Und ein weiterer wichtiger Aspekt, den Sisko Zielbauer nennt, ist dass sämtliche Methoden und Spiele dahingehend reflektiert, überarbeitet und angepasst werden müssen, dass alle Kinder und Jugendlichen mitmachen können.

Die Projektdokumentation gibt es hier.

Workshops

Nach der Mittagspause fanden die Workshops statt. Ich habe an dem Workshop “Inklusion in der offenen Kinder- und Jugendarbeit am Beispiel eines Jugendtreffs” teilgenommen. Der Workshop wurde von Anne Skribbe (Leitung des Cafe Leichtsinn) geleitet. Anne Skribbe berichtete vom Cafe Leichtsinn in Bergisch Gladbach und ihrem Modellprojekt zu Inklusion. Das Cafe Leichtsinn ist ein Jugendcafe bei dem es neben Gesellschaftsspielen, Kegeln und Billard auch günstiges Essen und Getränke gibt. Für den Workshop standen folgende Fragen im Mittelpunkt: Welche Herausforderungen stellen sich? Welche Methoden sind sinnvoll? Woran erkenn ich gelungene Inklusion? Anne Skribbe berichtete, dass sie sich in der Einrichtung die Prinzipien der Offenen Arbeit angeschaut und im Hinblick auf Inklusion durchdacht haben. So muss bspw. das Prinzip der Freiwilligkeit erst “hergestellt” werden, das heißt Kinder und Jugendliche mit Behinderungen müssen in die Lage versetzt werden freiwillig zu entscheiden. Dafür müssen sie z.B. von den Angeboten wissen und die Möglichkeit zur Teilnahme haben.  Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Einbindung von Eltern. Diese sind die Expert_innen ihrer Kinder und können so hilfreiche Anregungen für die Arbeit und den Umgang geben. Anne Skribbe empfiehlt die Arbeit mit dem Index für Inklusion zu aktuellen Themen und Fragestellungen. Dadurch entstehen neue Ideen, Gedanken und es gibt viele Anregungen. Eine Kernfrage für den Prozess hin zum inklusiven Arbeite ist die Frage, was in der Offenen Arbeit angeboten werden kann, woran alle Kinder und Jugendlichen Spaß haben. Für das Cafe Leichtsinn sind es Kunst, Tanz, Theater und Karneval, die als Angebote sehr gut funktionieren. Im Cafe Leichtsinn wird mit den Jugendlichen auch zu den Themen Vorurteile und Toleranz gearbeitet, es werden viele Piktogramme genutzt, damit alle Jugendlichen alles verstehen (z.B. die Speise- und Getränkekarte). In dem Workshop haben wir auch 2 Übungen gemacht – 1 Positionierungsübung, bei der eine Frage vorgelesen wurde und wir uns bei Ja oder Nein positionieren sollten. Diese Methoden kann an verschiedene Kontexte angepasst werden und ist auch für Teamprozesse gut geeignet. Als zweite Übung sollten wir einen Stern auf ein Blatt Papier malen und anschließend diesen Stern nachzeichnen. Dabei durften wir allerdings nur in einen Spiegel gucken. Diese Übung verdeutlicht, wie es einem mit einer neuen, ungewohnten, herausfordernden Situation geht.

Hier geht es zur Homepage vom Cafe Leichtsinn.

Fazit

Leider waren nicht so viele Teilnehmer_innen bei dem Fachtag und viele Diskussionen und auch das Verständnis von Inklusion beschränkten sich meist auf Menschen mit Behinderungen. Der Fachtag bot dennoch einen guten Einstieg in das Thema mit vielen Anregungen und Ideen zum selber “Loslegen”.

Hier gibt es die Dokumentation des Fachtags.

Meine Notizen

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Bericht vom InklusionsCamp 2015 in Hamburg

Am Freitag, den 25.09. und Samstag, den 26.9.2015 fand in Hamburg das InklusionsCamp (www.inklusionscamp.de) statt.

Das Besondere an dem InklusionsCamp war, dass es sich dabei um ein Barcamp handelte.

Bei einem Barcamp stehen im Voraus keine Workshops fest, sondern nur der grobe Ablauf. Welche Inhalte und Themen besprochen und diskutiert werden, entscheiden die Teilnehmer_innen vor Ort zu Beginn eines Tages. Jede_r Teilnehmer_in konnte selber überlegen eine eigene Session anzubieten.

Mehr Informationen zur Methode Barcamp gibt es hier.

So fanden pro Tag 5 sogenannte Sessionphasen statt. Eine Session dauerte 45 Minuten. Und parallel wurden während einer Sessionphase mitunter 6 verschieden Sessions, also 6 verschiedene Themen angeboten.

Laut Veranstalter waren es am Ende des Barcamps 55 verschiedene Sessions, die stattfanden. Wie ich finde eine beeindruckende Zahl.

Und so konnte sich jede_r aus der Vielfalt an Themen die Themen heraussuchen, die sie_ihn am meisten interessierten.

Hier geht es zu den Sessionplänen von beiden Tagen.

Zum Beginn des InklusionsCamps gab es einen Einstiegsvortrag von Michael Stenger, ehemaliger Leiter der SchlaU-Schule, bei dem ich leider nicht anwesend sein konnte, da ich erst am Nachmittag angereist bin.

Ich selber habe an folgenden Sessions teilgenommen:

Tag 1

  1. Inklusion und Medien/Inklusion in den Medien
  2. Film „Hotel California“
  3. Aktionsplan Inklusion

Tag 2

  1. All inclusive – Inklusive Öffnung von Stadtteilkulturzentren
  2. Inklusion und Tablets
  3. Charta der Vielfalt/Charta der Diversität
  4. Schulinklusion für Nullcheckerbunnies
  5. Inklusive Öffentlichkeits- und Kampagnenarbeit

Im Folgenden fasse ich einige Inhalte der von mir besuchten Sessions zusammen.

Tag 1

  1. Inklusion und Medien/Inklusion in den Medien

In dieser Session haben wir zu Beginn Ideen gesammelt, was Inklusion für uns bedeutet. Danach haben wir geguckt, was alles unter den Begriff der Medien zu fassen ist – z.B. Inhalte, Bilder, Sprache, Fernsehen, Radio, Print, online. Anschließend betrachteten wir die Rolle, die Menschen mit Behinderungen in den Medien spielen. Oftmals würden sie entweder in Form einer Helden-Geschichte oder in Form einer Horror-Geschichte präsentiert. Bei beiden Varianten steht die Behinderung immer im Fokus der Betrachtung und andere Aspekte der Person werden nicht oder nur kaum berücksichtigt. Die Website www.leidmedien.de bietet gute Anregungen, wie z.B. über Menschen mit Behinderungen in den Medien gesprochen/geschrieben werden kann und sollte, und wie nicht über sie gesprochen/geschrieben werden sollte. Eine wichtige Rolle spielen die sogenannten neuen Medien (Blogs, Kanäle etc.), da Menschen dort selber Bilder über sich erzeugen können und nicht andere Bilder über sie erzeugen.

  1. Film „Hotel California“

In dieser Session haben wir den Film“ Hotel California“ (http://hotelcaliforniafilm.de/) – ein Filmprojekt von und mit Jugendlichen zum Thema Geflüchtete Menschen geguckt. Zu diesem demnächst frei zugänglichen Film, der reale Erlebnisse zugespitzt zeigt, wird es noch pädagogisches Begleitmaterial geben.

  1. Aktionsplan Inklusion

In dieser Session berichteten Kolleg_innen der Lebenshilfe Hannover von ihrer Erfahrung mit dem Aktionsplan Inklusion. Dieser Aktionsplan ist eine Selbstverpflichtung der Lebenshilfe Hannover zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und strukturiert den Prozess hin zu einer inklusiven Arbeit. Der Anlass für diesen Prozess war die Frage: Was machen Träger der Behindertenhilfe für die Umsetzung von Inklusion?

Ein Aktionsplan muss veröffentlicht werden und die Umsetzung wird regelmäßig evaluiert. Der Aktionsplan der Lebenshilfe Hannover wurde gemeinsam erstellt und sorgt dafür, dass die eigene Arbeit und die eigenen Strukturen reflektiert und verändert werden. Eine wichtige Veränderung war die Öffnung von Einrichtungen in den Stadtteil und die Nutzung von Angeboten des Kiezes.

Sonstige Gedanken

In den Diskussionen an diesem Tag tauchte immer mal wieder ein Verständnis von Inklusion auf, das Inklusion als Initiation von Sinneswandel, als Gesellschaftsveränderung und als Wertewandel verstand, beziehungsweise persönliche Hoffnungen zu diesen Veränderungen mit dem Begriff verband. Ich finde das ist ein interessanter und vor allem nachdenkens- und diskussionswürdiger Aspekt. Denn es eröffnet die Frage, nach der Definition von Inklusion, den Zielen und dem Abgleich von Theorie und Praxis/Realität und den Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Tag 2

  1. All inclusive – Inklusive Öffnung von Stadtteilkulturzentren

In dieser Session wurde ein neues Projekt vom Goldbekhaus e.V. in Hamburg vorgestellt (http://www.goldbekhaus.de/Marken/All_Inclusive.php) . In dem von Aktion Mensch geförderten Projekt ist Bewegung ein zentrales Moment – Bewegung durch Sport, Bewegung durch Theater, Bewegung durch Musik. Darüber hinaus geht es in dem Projekt um Medienbildung, bei der die Jugendlichen beispielsweise einen eigenen Projektblog gestalten. Ein weiteres Element des Projektes sind Multiplikator_innen-Fortbildungen, bei denen die im Projekt gemachten Erfahrungen geteilt werden sollen. Alle Angebote des Projektes, das von einem erweiterten Inklusionsbegriff (es werden alle Dimensionen von Vielfalt in den Blick genommen) ausgeht, sind kostenfrei. Das Projekt hat im Juni begonnen. Wie es nach der Förderung mit dem Projekt weiter gehen wird, ist derzeit noch offen. Im Prozess der inklusiven Öffnung ist es wichtig, dass sich auch innerhalb des Stadtteilzentrums gut vernetzt und gut kooperiert wird und das das strikte Festhalten an eigenen Bereichen und Programmen für diesen Prozess eher hinderlich ist.

  1. Inklusion und Tablets

In dieser Session wurden verschiedene Möglichkeiten und Apps gezeigt, die es ermöglichen inklusiv zu lernen und Bildung inklusiv zu gestalten. Für inklusives Arbeiten gibt es neben den Möglichkeiten von verschiedenen Einstellungen der Tablets (z.B. bei den Bedienungshilfen) natürlich viele verschiedene Apps. So wurden uns in der Sessions kurze Eindrücke zu den Apps „Wortzauberer“, „Bitsboard Pro“, „Zwanzigerfeld“ und einige Apps vom Montessorium gegeben. Eine wie ich finde sehr interessante App ist der „BookCreator“ mit dem eigene digitale Bücher erstellt werden können, die neben Texten und Fotos auch Ton und Video enthalten und am Ende als ePub gespeichert werden können. Mit dieser App hat man zum Einen die Möglichkeit eigene kleine interaktive Aufgabenbücher für Schüler_innen zu erstellen und zum Anderen können Schüler_innen eigene Bücher zu verschiedenen Themen gestalten.

Viele interessante App-Vorschläge und Empfehlungen gibt es auf dem Blog: http://uk-app-blog.blogspot.de/

  1. Charta der Vielfalt/Charta der Diversität

In der Session haben wir uns mit der Charta der Vielfalt (http://www.charta-der-vielfalt.de/startseite.html) beschäftigt. Dabei handelt es sich um kein Gesetzt, sondern um eine Selbstverpflichtung. Dabei werden folgende Dimensionen von Vielfalt berücksichtigt: Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung, ethnische Herkunft und Nationalität, Religion und Weltanschauung. In der Diskussion wurde deutlich, dass die Charta sehr stark von ökonomischen Aspekten geprägt ist und diese in den Ausführungen immer eine entscheidende Rolle spielen.

Darüber hinaus diskutierten wir die Frage, inwiefern die Charta lediglich als Aushängeschild dient, aber keine tatsächlichen Veränderungen stattfinden.

  1. Schulinklusion für Nullcheckerbunnies

In dieser Session beschäftigten wir uns u.a. mit verschiedenen Förderbedarfen, ihren Abkürzungen, dem Nachteilsausgleich und der Frage, inwieweit trotz Willen zur Umsetzung von Inklusion die Organisation des Alltags und der „Wirklichkeit“ den Ansprüchen und dem Ansatz von Inklusion entgegen stehen/beziehungsweise ihm widersprechen.

  1. Inklusive Öffentlichkeits- und Kampagnenarbeit

In dieser Session beschäftigten wir uns mit der Frage, was bei einer inklusiven Öffentlichkeits- und Kampagnenarbeit berücksichtigt werden muss. Als Empfehlung und Orientierung wurde uns der Leitfaden für inklusives Campaigning ( www.campaignboostcamp.de/leitfaden) empfohlen. Dieser ist in de Bereiche „Alle ansprechen“, „Alle erreichen“ und „Allen begegnen“ unterteilt und gibt Empfehlungen und Literaturhinweise zu Themen wie Sprache, Bilder, Inhalte, Barrierefreie Kommunikation – online und offline, und der Organisation und Durchführung inklusiver und barrierefreier Events.

Hier sind die Scans meiner Notizen:

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Fazit

Das Inklusionscamp war eine sehr gelungene , hervorragend organisierte Veranstaltung, mit einem interessanten methodischen Ansatz, einer unglaublichen Themenvielfalt, der Möglichkeit eigene Themen einzubringen, mit interessanten Teilnehmer_innen, vielen Anregungen und Ideen und einem intensiven Erfahrungsaustausch. Soweit ich es richtig verstanden habe, wird darüber nachgedacht ein weiteres Inklusionscamp zu veranstalten. Ich würde mich sehr darüber freuen!

Dokumentation

Hier geht es zur Dokumentation des InklusionsCamps.