“All inclusive?”–Fachtagung der DGfE–ein Veranstaltungsbericht

Am 30. und 31. Oktober 2016 fand in Berlin eine Fachtagung der DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) mit dem Titel “All inclusive?” Inklusion als Herausforderung für die Erziehungswissenschaft statt. Hier geht es zu dem Programm der Fachtagung.

DGfE

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte der Fachtagung, die mir besonders wichtig erscheinen. Dieser Bericht ist also, wie immer, sehr subjektiv und beansprucht daher inhaltlich keine Vollständigkeit.

TAG I

Begrüßung und Eröffnung

Die Veranstaltung wurde von Prof. Dr. Hans-Christoph Koller eröffnet. Prof. Dr. Koller stellt fest, dass die Erziehungswissenschaft in der bisherigen Diskussion über Inklusion eine untergeordnete Rolle gespielt hat und eine Beteiligung darum dringend erforderlich ist. Der Begriff Inklusion ist ein sehr umstrittener Begriff und wird von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich verstanden. Die Erziehungswissenschaft muss sich fragen, was sie im Rahmen von Wissenschaft und im Rahmen von Ausbildung zur Inklusion und zu der Diskussion beitragen kann.

Inklusion – Querschnittsthema für die Erziehungswissenschaft?

Prof. Dr. Rolf Werning hielt den ersten Vortrag der Fachtagung. Prof. Werning machte deutlich, dass es sich bei dem Diskurs zum Thema Inklusion um einen internationalen Diskurs handelt und das dieser nicht nur auf nationaler Ebene geführt wird. Ebenso stellt er fest, dass es eine anhaltende Diskussion über den Begriff der Inklusion gibt, also was darunter zu verstehen ist. Geht es um Behinderung als Kategorie oder um alle Dimensionen von Vielfalt? Schon diese Frage wird unterschiedlich beantwortet. Prof. Dr. Werning beschreibt Inklusion als ein unspezifisches, wenig konkretes Konzept, dass aber einen umfassenden Anspruch hat. Doch warum ist Inklusion so ein wirkmächtiges Thema geworden? Liegt in dem Unkonkreten die hohe Anschlussfähigkeit von Inklusion begründet? Der Gedanke von Inklusion ist kein neuer. Alle an Bildung partizipieren zu lassen zieht sich als Ziel durch viele Stellungnahmen, Positionspapiere und Erklärungen der vergangenen Jahrzehnte. Ebenso für Inklusion interessant ist das Mehrebenenmodell zur Integration von Helmut Reiser. Die Umsetzung von Integration und auch von Inklusion findet auf vier verschiedenen, miteinander in Beziehung und Abhängigkeit stehenden Ebenen statt: individuelle Ebene, interaktionale Ebene, institutionelle Ebene, gesellschaftliche Ebene. Inklusion ist eine radikale Frage an Bildungssysteme nach dem Umgang mit Differenz und Diskriminierung. Prof. Dr. Werning vertritt die Auffassung, dass eine Schule in einer heterogenen Umgebung diese Hetergenität auch aufgreifen können muss. Anschließend stellt Prof. Dr. Werning einige Diskurse im Kontext von Inklusion vor. Eine Form ist der ethische und menschenrechtsbasierte Diskurs. Dieser begründet Inklusion ethisch und in Bezug auf die Menschenrechte. Ein anderer Diskurs ist einer mit dem Fokus auf der Wirkung von Inklusion. Also die Frage danach, wie wirkt sich Inklusion auf die Menschen aus, z.B. im System Schule. Zwischen diesen beiden Diskursen besteht ein Widerspruch, denn Menschenrechte können und dürfen nicht versucht werden empirisch abgesichert zu werden. Insgesamt gibt es eine Vielfalt der inklusionsdiskurse und daher steht die Frage im Raum nach dem “anything goes?” – also was bedeutet das in der Konsequenz? Was kann unter dem Deckmantel von Inklusion umgesetzt werden, wenn die Diskurse so vielfältig sind? Ist dann auch alles möglich? Darüber hinaus sieht Prof. Dr. Werning in der Diskussion über Inklusion sowohl einen sonderpädagogisch orientierten als auch einen organisationsentwicklungsorientierten Diskurs. Bei dem sonderpädagogisch orientierten Diskurs liegt der Fokus auf den Individuen. Die Menschen mit erschwerten Bildungs- und Erziehungsbedingungen stehen im Mittelpunkt der Betrachtung und es wird geprüft, welchen Förderbedarf sie haben. Dadurch entstehen verschiedene Widersprüche, so dass separierende Strukturen und Sprache bestehen bleiben (z.B. Inklusionsklassen, Inklusionskinder) oder es zu einer exklusiven Inklusion kommt. Der organisationsentwicklungsorientierte Diskurs richtet den Fokus auf die Bildungsinstitutionen und auf deren Fähigkeit mit Vielfalt umzugehen. Dafür ist der Index für Inklusion ein geeignetes Hilfsmittel. In diesem Diskurs steckt für Systeme ein hohes Innovationspotenzial. Prof. Dr. Werning versteht Inklusion als Minimierung von Diskriminierung und Ausgrenzung und als Maximierung sozialer Partizipation. Die Sonderpädagogik als Profession ist wichtig und richtig, aber sonderpädagogische Diskurse sind kein Teil des Inklusionsdiskurses. Ebenso wenig, wie die von anderen Spezialdisziplinen (z.B. zu den Themen Gender, Kultur, etc.). Die Sonderpädagogik ist somit auch nicht der Hauptbestandteil der Umsetzung von Inklusion.

An den Vortrag von Prof. Dr. Rolf Werning anschließend referierte Prof. Dr. Anja Tervooren. Prof. Dr. Tervooren versteht Inklusion als eine Beschreibung des Verhältnisses von Allgemeinen und Besonderen. Dieses Verhältnis ist ein Grundproblem der Pädagogik und die Debatte rund um das Thema Inklusion verhandelt das gleiche Grundproblem mit einem andern Gewand. Die Normativität der Pädagogik, ihre Grundannahmen und Normen müssen betrachtet und analysiert werden. Ebenso wie die Voraussetzungen für Partizipation. Damit einhergehend muss der Autonomiebegriff auf den Prüfstand gestellt werden. Der Blick muss vom Allgemeinen her auf die Dinge gerichtet werden. Die Kategorie Behinderung sollte ebenso wie andere Differenzkategorien selbstverständlich in der Erziehungswissenschaft mit beachtet und mitgedacht werden. Das Thema Inklusion ist an allen Stellen zu implementieren. Das heißt auch, dass eine Fokussierung auf den schulpädagogischen Diskurs aufgebrochen werden muss. Ebenso wie Prof. Dr. Werning sieht es auch Prof. Dr. Tervooren, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema Inklusion ohne eine sonderpädagogische Schwerpunktsetzung nötig ist.

Nach diesem Vortrag kamen im Plenum diverse Fragen auf. So z.B.: Was ist das Allgemeine an dem wir uns orientieren? Schließen wir damit das Besondere in Teilen aus? und: Inwieweit muss das Besondere in der Betrachtung des Allgemeinen berücksichtigt werden?

Erziehungswissenschaftliche Befunde zur Frage der Inklusion – Inputs aus aktueller Forschung

Prof. Dr. Birgit Lütje-Klose stellte in ihrem Beitrag einige Ergebnisse der BiLieF-Studie (Bielefelder Längsschnittstudie zum Lernen in inklusiven und exklusiven Förderarrangements) vor. Anschließend zitierte Prof. Dr. Hans Anand Pant einige Ergebnisse der IQB-Studien. Prof. Dr. Clemens Hillenbrand machte danach deutlich, dass die empirisch-quantitative Forschung nicht über denn Sinn oder Unsinn der Implementierung von Inklusion diskutiert, also kein Hilfsmittel zur Legitimation oder deren Delegitimierung ist. Inklusion an sich ist gesetzt und die Forschung hat die Aufgabe zu prüfen, welche Wirkung bestimmte pädagogische Maßnahmen haben. Prof. Dr. Hillenbrand macht drei Ebenen der Qualität von Inklusion aus empirischer Perspektive fest: access (Zugang), participation (Teilhabe) und supports (Unterstützung).

In der anschließenden Diskussion kamen Fragen wie: Warum befinden wir uns noch immer in der Phase der Legitimation von Inklusion? Warum gibt es keine Legitimationspflicht der Exklusion? Woran erkennen wir gelingende und gelungene Inklusion? Prof. Dr. Anand Pant vertrat in dieser Diskussion die Auffassung, dass wir, wenn wir die Figur der Individualisierung stärken, keine Differenz-Kategorien mehr brauchen.

Was wissen wir eigentlich über Inklusion?

An dieser Einheit habe ich nicht teilgenommen und kann daher auch nicht darüber berichten.

TAG II

Erziehungswissenschaftliche Inklusionsforschung? Forschungsperspektiven und –bedarfe

M.Ed Melanie Radhoff und Dr. Christiane Ruberg haben einige Ergebnisse ihrer Analyse zur Veränderung der Lehramtsausbildung mit Blick auf das Thema Inklusion vorgestellt. Beide verstehen Inklusion als grundlegende Auseinandersetzung zum Umgang mit Heterogenität und haben festgestellt, dass es in einigen Bundesländern inzwischen integrierte Studiengänge gibt, dass das allgemeine Lehramtsstudium mit einem sonderpädagogischen Studium gekoppelt wird. Ebenso konnten sie feststellen, dass es in einigen Bundesländern einen Ausbau der sonderpädagogischen Studiengänge gibt und es weiterhin deutlich wird, dass sich inhaltlich stark auf sonderpädagogische Inhalte und Themen fokussiert wird. Dabei ist zu diskutieren, ob es sich bei dieser letzten Tendenz um eine Sonderpädagogik light oder im eine Etappe im Kontext allgemeiner Emanzipationsbewegungen handelt.

Es wird die Frage gestellt, wie ein inklusiver/inklusionsorientierter Studiengang aussehen würde? Welche Fähigkeiten und Kompetenzen müssen darin vermittelt werden?

Prof. Dr. Michael Grosche konstatiert ein diffuses Inklusionsverständnis und stellt darüber hinaus fest, dass es einfacher zu sagen ist, was nicht Inklusion ist, statt was Inklusion ist. Diese Unklarheiten in Bezug auf Inklusion erschweren die Forschung, da der Forschungsgegenstand ungenau ist. Prof. Dr. Grosche sieht, dass die Sonderpädagogik und Erziehungswissenschaft viele relevante Kompetenzen für Inklusion besitzen aber diese nicht alleine umsetzen können.

Prof. Dr. Markus Dederich hebt hervor, dass die unterschiedlichen Verständnisse von Inklusion nicht aufgelöst werden können, sondern kenntlich gemacht werden müssen. Antinomien und Widersprüche gehören zur Pädagogik und Inklusion funktioniert diesbezüglich wie eine Lupe und verdeutlicht diese Widersprüche. Das muss ausgehalten werden. Darüber hinaus ist es wichtig zu beachten, dass wenn der Forschungsgegenstand unklar ist, dann bleiben auch die Ergebnisse unklar. Daher ist mehr Theorie nötig, denn Forschung konstituiert den Gegenstand stets mit. Der Einfluss, den Forschung auf den Gegenstand hat muss reflektiert werden. Ein Problem sieht Prof. Dr. Dederich darin, dass Inklusion als Prinzip nicht in Frage gestellt wird, obwohl Wissenschaft ergebnisoffen sein und bleiben muss. Ebenso macht er deutlich, dass Gleichbehandlung und Ungleichbehandlung (z.B. in der pädagogischen Praxis) in der Balance gehalten werden müssen, denn beide können Gleichheit und Ungleichheit vergrößern und minimieren.

Inklusion in der akademischen Ausbildung – Perspektive und Bedarfe im erziehungswissenschaftlichen Studium und in der LehrerInnenbildung. Ein Rundgespräch.

Prof. Dr. Thomas Häcker versteht die Frage nach dem Umgang mit Heterogenität als schulkonstituierend und sie beschreibt das Kerngeschäft der Schulpädagogik. Dieser Diskurs wurde durch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen intensiviert. Für die Professionalisierung spielt die Reflexivität eine große Rolle. Unterricht, Methoden Didaktik, Schulstrukturen, Schulkulturen müssen analysiert und ggf. verändert werden. Dafür müssen Studierende das Handwerkszeug erhalten.

Prof. Dr. Susanne Miller sieht, das der Umgang mit und Fragen zu Heterogenität eine wichtige Rolle im Studium spielen. Lehrer_innen sollen so ausgebildet werden, dass sie sich für alle Kinder und Jugendlichen qualifiziert und zuständig fühlen.. Daher muss eine Pädagogik für Alle entwickelt werden.

Prof. Dr. Maria-Luise Braunsteiner beschrieb die bildungspolitischen Veränderungen der letzten Jahre in Österreich. Dort hat eine Inklusive Pädagogik die Sonderpädagogik ersetzt.

In der anschließenden Diskussion wurden z.B. folgende Fragen gestellt: Können Universitäten mit den gegebenen Strukturen, unter den gegebenen Bedingungen Profis für Inklusion ausbilden? Reichen radikale Heterogenisierung und Individualisierung aus, um den Herausforderungen in Bezug auf das Thema Inklusion gerecht zu werden? Oder müssen partikuläre Gruppeninteressen wieder mehr in den Fokus rücken?

Fazit

Ich persönlich fand diese Fachtagung sehr interessant. Sie hat das Thema Inklusion aus einer für mich anderen Perspektive betrachtet und sowohl die Vorträge als auch die Diskussionen waren sehr anregend und informativ. Es wurde deutlich, dass an viele Forschungen, Theorien und Ideen der Vergangenheit angeknüpft werden kann, aber ebenso auch noch viel Arbeit, Diskussionen und Auseinandersetzungen gegenwärtig und zukünftig notwendig sind. Leider konnte ich an einigen Stellen inhaltlich nicht ganz folgen (z.B. wenn es um empirische Methoden und Ergebnisse ging und ein gewisses Grundverständnis vorausgesetzt wurde), beziehungsweise ging es mir da etwas zu schnell. Ebenso fand ich es schade, dass die Fachtagung nur so kurz war (ein Nachmittag/Abend und ein Vormittag). So konnten viele Themen und Diskussionen nur angerissen oder angestoßen aber in diesem Rahmen nicht weiter vertieft werden. Dennoch fand ich die Veranstaltung sehr gelungen und für mich sehr bereichernd und es hat sich für mich wirklich gelohnt daran teilzunehmen.

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