Einige Gedanken rund um das Thema Inklusion

Am 18.06.2015 hat Prof. Dr. Grampp in Bamberg im Rahmen einer Vortragsreihe Inklusion einen Vortrag zum Thema “Inklusion – Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte” gehalten. Hier geht es zur Zusammenfassung des Vortrags auf inklusionswege.de. Ich habe den Vortrag in meinem Text nur zusammengefasst und nicht kommentiert oder diskutiert. Das möchte ich an dieser Stelle tun. Deshalb im Folgenden einige Gedanken zu einzelnen Punkten aus dem Vortrag von Prof. Dr. Grampp. Ich finde Anregungen zu dem Thema Inklusion immer wieder spannend. ich finde es wichtig, mir Argumente zum Thema anzuhören und mich mit diesen zu beschäftigen und auseinander zu setzen. Meine Gedanken und Überlegungen zum Thema sind keine Wahrheiten und nicht absolut. Sie sind relativ und sie spiegeln meinen Diskussionsstand und den Stand meiner Auseinandersetzung mit dem Thema wieder. Insofern bin ich dankbar für jede Anregung, jeden weiteren Gedanken, jede Überlegung, jede Diskussion.

1. Was ist Inklusion?Der Versuch einer Definition

Prof. Dr. Grampp beanstandete in seinem Vortrag die (sprachlichen) Ungenauigkeiten in Bezug auf die Definition von Inklusion. Was ist Inklusion nun genau? Ist Inklusion: Teilhabe? Beteiligung? Veränderung der Umwelt? Dabei sein? Eine veränderte Gesellschaft?

Deshalb nun der Versuch einer (weiteren) Definition von Inklusion:

Inklusion ist ein gesellschaftlicher Zustand, in dem alle Menschen in der Gesellschaft die gleichen Chancen  zur persönlichen Entwicklung haben, die gleichen Zugangsmöglichkeiten zu Bildungsangeboten, zu kulturellen Angeboten und zum Arbeitsmarkt. Inklusion ist ein gesellschaftlicher Zustand, in dem Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, Sprache, geistige Fähigkeiten, körperliche Fähigkeiten, Religion, Sexualität keinen Einfluss auf diese Chancen und Zugangsmöglichkeiten haben. Inklusion ist ein gesellschaftlicher Zustand, in dem jeder Mensch gleichberechtigt und gleichwertig ist.

2. Ist Inklusion ein Menschenrecht oder ein Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte?

Prof. Dr. Grampp betonte, dass Inklusion kein Menschenrecht ist. Es ist nirgends als Menschenrecht verankert und nirgends als Menschenrecht formuliert. Für ihn ist Inklusion ein Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte, also ein Mittel und Weg dahin.

Ich denke, dass dieser Gegensatz eine Frage der Definition von Inklusion ist. Wenn wir von der oben formulierten Definition ausgehen, dann decken sich die Inhalte und Aspekte von Inklusion meines Erachtens nach sehr deutlich mit den Inhalten und Aspekten der Menschenrechte. Insofern könnte man sagen, dass Inklusion und Menschenrechte in die gleiche Richtung zielen, deckungsgleich sind. Doch kann man daraus ableiten, das Inklusion ein Menschenrecht ist? Eher müsste es wohl heißen: Inklusion entspricht den Menschenrechten bzw. der Umsetzung der Menschenrechte. Wenn Inklusion ein Menschenrecht ist, dann müsste es eine Teilmenge der Menschenrechte sein. Aber ist es das wirklich? Ist es nicht so, dass es Schnittmengen, sogar weitestgehend Übereinstimmungen gibt, aber beiden Begriffe gleichwertig nebeneinander stehen und nicht einer ein Unterbegriff des anderen ist? Sind in einer inklusiven Gesellschaft die Menschenrechte verwirklicht? Ist eine Gesellschaft, in der die Menschenrechte gelten, inklusiv? Mit der obigen Definition würde ich beide Fragen bejahen. Das macht aber wieder deutlich, dass Inklusion kein Menschenrecht ist.

Schauen wir uns nun zusätzlich noch den zweiten Aspekt der Überschrift an. Ist Inklusion ein Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte? Auch hier ist die Frage danach, was eine Teilmenge wovon ist, entscheidend. Wenn Inklusion ein Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte ist, dann bedeutet dies, wenn wir die Gesellschaft inklusiv gestalten, dann leisten wir damit einen Beitrag zur Verwirklichung der Menschenrechte. Aber lässt es sich nicht auch anders herum denken? Leisten wir mit der Verwirklichung der Menschenrechte einen Beitrag zu einer inklusiven Gesellschaft? Das Dilemma ist das gleiche wie oben. Ist Inklusion ein Schritt/Handlungsschritt oder ein Zustand/Ziel oder ein Unterziel/Zwischenschritt (z.B. auf dem Weg zur Verwirklichung der Menschenrechte), oder ist die Verwirklichung der Menschenrechte ein Schritt/Handlungsschritt oder ein Zustand/Ziel oder ein Unterziel/Zwischenschritt (z.B. auf dem Weg zur Verwirklichung ´von Inklusion)?

Insofern würde ich derzeit den oben genannten Gedanken als momentane Antwort auf diese Fragen im Titel geben: Inklusion entspricht der Umsetzung der Menschenrechte/den Menschenrechten. Folglich ist Inklusion kein Menschenrecht und auch kein Prinzip zur Verwirklichung der Menschenrechte.

Hier geht es zu einem Audiobeitrag von einer Kollegin und mir zu dem Thema “Inklusion als Menschenrecht”. Dort vertreten wir die Auffassung, das Inklusion ein Menschenrecht ist und leiten das her. Spannend das mit den hier gemachten Ausführungen nochmal gegenüberzustellen.

3. Über das Verhältnis von Integration und Inklusion zueinander

Wie verhalten sich Integration und Inklusion zueinander? Prof. Dr. Grampp sprach sich in seinem Vortrag für eine Kopperation von beidem aus.

Integration bedeutet die Eingliederung/Wiedereingliederung, Zusammenführung von Personen und Personengruppen. Eine Person oder Gruppe wird in eine andere Gruppe “integriert”, also eingegliedert/einbezogen. Das bedeutet auch, das Menschen aufgrund irgendwelcher Merkmale voneinander getrennt werden und es muss eine Norm konstruiert werden, da ja festgelegt werden muss wer wohin und warum integriert werden soll. Die Normgruppe ist dann also der Zielort der Integration. Daraus folgt für die zu integrierenden eine Anpassungsleistung. Diese kann unterschiedliche Formen annehmen. Bei der Integration steht das Individuum im Fokus der Betrachtung und bei diesem wird der Veränderungsbedarf gesehen.

Inklusion bedeutet Enthaltensein, Einschluss. Alle Menschen sind teil eines Systems und gehören selbstverständlich dazu. Es gibt keine Normgruppe und somit auch keine Norm. Niemand muss sich an eine Norm anpassen, um zu dem System dazu zu gehören. Bei der Inklusion steht die Gesellschaft und ihre Bedingungen/ein System und seine Bedingungen im Fokus der Betrachtung und bei diesem wird der Veränderungsbedarf gesehen.

Das bedeutet, dass Integration und Inklusion zwei völlig unterschiedliche Ansätze sind. Und auf keinen Fall, so wie es leider immer wieder vorkommt, einfach untereinander ausgetauscht werden können. Aber wie ist nun das Verhältnis von Integration zu Inklusion? Manchmal heißt es, Inklusion ist die nächste Stufe und folgt der Integration, Integration ist also die Weiterentwicklung von Integration. Da bin ich mir momentan nicht sicher, ob das tatsächlich so ist. Ich denke, dass es zwei unterschiedliche Ansätze sind, die auch miteinander konkurrieren.

Ist Integration nötig, um Inklusion zu erreichen? Oder anders gefragt: Müssen Personen/Personengruppen erst integriert werden, damit wir eine inklusive Gesellschaft erreichen können? Auch hier bin ich mir nicht sicher. Nehmen wir an, wir gestalten Angebote, Strukturen, Systeme, Gesellschaft inklusiv, so dass alle selbstverständlicher Teil sind, die gleichen Chancen und Zugangsmöglichkeiten haben etc. (Definition s.o.), dann treffen sich verschiedene Menschen. Natürlich müssen sie sich dann miteinander auseinandersetzen, mit einander in Kontakt treten, miteinander verschiedene Dinge aus- und verhandeln. Aber es ist dann eine demokratische Angelegenheit, weil alle an der Auseinandersetzung mitwirken. Im Gegensatz dazu würde bei der Integration eine Gruppe bestehen und sie würde Werte, Normen und Bedingungen setzen, die Geltung haben und Personen oder Personengruppen, die Teil dieser Gruppe werden möchten oder müssen, müssen sich diesen Werten, Normen, Bedingungen anpassen. Dieses Thema umfasst natürlich auch eine Diskussion über Demokratie und Demokratieverständnis. Das auszuführen würde aber den Rahmen dieses Textes sprengen.

Nach diesen Überlegungen erscheint es mir erst einmal nicht plausibel, dass Inklusion und Integration in irgend einer Form kooperieren können, da es doch zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen und Konzepte sind.

4. Müssen Schulen inklusiv werden oder das Schulsystem?

Prof. Dr. Grampp machte in seinem Vortrag deutlich, dass nirgends in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen von einer inklusiven Schule gesprochen wird. Es geht um ein inklusives Schulsystem. Und daher gehen die Forderungen einiger Personen/Personengruppen an der Sache vorbei.

Wenn wir einen Blick in die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen werfen, dann heißt es dort in der offiziellen deutschen Übersetzung:

“Artikel 24 – Bildung

(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel …”

Im englisch-sprachigen Originaldokument heißt es:

“Article 24 – Education

(1) States Parties recognize the right of persons with disabilities to education. With a view to realizing thid right without discriminatio and on the basis of equal opportunity. States Parties shall ensure an inclusive education system at all levels an life long leraning directes to: …”

Beim Lesen fällt auf, dass das englische “inclusive education system” mit “integratives Bildungssystem” übersetzt wurde. Das löste eine Diskussion aus und führte auch zu einer Schattenübersetzung, die den Anspruch hat, das englisch-sprachige Originaldokument richtig zu übersetzen, da inclusive, nicht mit integrativ übersetz werden kann, da es zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.

In der Konvention ist also die Rede von einem inklusiven Bildungssystem. Folgt daraus, dass Schulen inklusiv werden müssen oder reicht es, wenn das Bildungsystem inklusiv ist. Wenn wir uns die Systemebene “Bildungssystem” anschauen, dann könnte die These aufgestellt werden, dass in der Bundesrepublik Deutschland niemand, oder nur wenige Menschen, aus dem Bildungssystem als Ganzes ausgeschlossen werden. Für alle Kinder besteht bspw. Schulpflicht Diese können sie an verschiedenen Schulen wahrnehmen. Aber sie bleiben dennoch teil des Bildungssystems und damit wäre es, dieser Logik folgend inklusiv. Diese Argumentation reduziert “inklusiv” auf seine soziologische Ebene – Menschen sind inkludiert oder nicht. Aber das ist, meiner Auffassung nach ein falsches Verständnis von Inklusion, denn es geht nicht darum, ob jemand inkludiert ist, denn das würde den Fokus wieder auf die Person richten, sondern die Frage ist, ob ein System inklusiv ist – also für alle Menschen geeignet, zugänglich etc.

Wenn das Bildungssystem inklusiv ist, dann bedeutet das, dass alle Menschen gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem haben, die gleichen Bildungschancen, die gleichen Zugangsmöglichkeiten und nicht aus dem Bildungssystem ausgeschlossen sind. Und die Frage ist, ob ein so stark differenziertes, in verschiedene Schultypen gegliedertes Schulsystem, wie das in der Bundesrepublik Deutschland dem gerecht wird? Haben alle Kinder die gleichen Bildungschancen, die gleichen Zugangsmöglichkeiten und einen gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem, wenn Kinder aufgrund bestimmter Merkmale oder Eigenschaften, (vermeintlichen) Zugehörigkeiten zu bestimmten Gruppen in unterschiedliche Schultypen aufgeteilt werden? Ich denke eher nicht. Demnach müsste aus der Forderung ein inklusives Bildungssystem zu schaffen auch die Forderung folgen, inklusive Schulen zu schaffen, also Schulen, an denen alle Kinder gemeinsam lernen, die gleichen Chancen haben ihre Potenziale zu entwickeln und sich weiter zu entwickeln.

Zu Beginn dieses Jahres fand die Überprüfung der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in der Bundesrepublik Deutschland statt. Im Anschluss veröffentlichte der UN-Fachausschuss ein Empfehlungsschreiben zur weiteren Umsetzung. Dort heißt es zu Artikel 24:

“45. Der Ausschuss ist besorgt darüber, dass der Großteil der Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen in dem Bildungssystem des Vertragsstaats segregierte Förderschulen besucht.

46. Der Ausschuss empfiehlt dem Vertragsstaat,

a) umgehend eine Strategie, einen Aktionsplan, einen Zeitplan und Zielvorgaben zu entwickeln, um in allen Bundesländern den Zugang zu einem qualitativ hochwertigen, inklusiven Bildungssystem herzustellen, einschließlich der notwendigen Finanzmittel und des erforderlichen Personals auf allen Ebenen;

b) im Interesse der Inklusion das segregierte Schulwesen zurückzubauen, und empfiehlt, dass Regelschulen mit sofortiger Wirkung Kinder mit Behinderungen aufnehmen, sofern dies deren Willensentscheidung ist

c) dafür Sorge zu tragen, dass auf allen Bildungsebenen angemessene Vorkehrungen bereitgestellt werden und vor Gericht rechtlich durchsetzbar und einklagbar sind;

d) die Schulung aller Lehrkräfte auf dem Gebiet der inklusiven Bildung sowie die erhöhte Barrierefreiheit des schulischen Umfelds, der Schulmaterialien und der Lehrpläne und die Bereitstellung von Gebärdensprache in den regulären Bildungseinrichtungen, einschließlich für Postdoktoranden, sicherzustellen”“.”

Das bedeutet für die obige Frage, dass der UN-Fachausschuss, der die Umsetzung der Konvention in der Bundesrepublik Deutschland kontrolliert, auch ein inklusives Bildungssystem mit inklusiven Schulen verbindet.

6. Verhindert im Extremfall die Anpassung eines Systems die persönliche Entwicklung/das Lernen einer Person?

In seinem Vortrag fragte Prof. Dr. Grampp, ob im Extremfall Inklusion – also die Veränderung und Anpassung eines Systems/der Gesellschaft nicht das Lernen/die persönliche Entwicklung eines Menschen verhindert. Denn wenn immer das System verändert wird, muss sich nie der Mensch verändern.

Ich finde das einen interessanten Gedanken. Und auf der ersten Blick scheint er, trotz aller emotionaler innerer Widerstände, logisch. Doch die eine Frage ist, In Bezug worauf werden Systeme/Gesellschaft bei der Inklusion verändert und die andere Frage lautet, lernen Menschen nur, wenn sie sich an irgend etwas anpassen müssen?

Bei Inklusion geht es meiner Auffassung nach darum, dass sich Systeme/Gesellschaft so verändern muss, dass alle Menschen gleichberechtigter Teil der Gesellschaft, des Systems sind. Das heißt z.B. dass Bedingungen vorherrschen müssen, dass sich jeder Mensch wohlfühlt, gleichberechtig und gleichwertig fühlt, nicht diskriminiert wird, die gleichen Zugangsmöglichkeiten und Chancen zur persönlichen Entwicklung hat. Das zu erreichen ist das Ziel der Veränderungsprozesse. Und wenn dieser Rahmen gesetzt ist, darum geht es meiner Auffassung nach,  dann können Menschen miteinander in Verhandlung treten, diskutieren, streiten, etc. Aber eben auf einer ganz anderen Grundlage, als es ohne inklusive Gesellschaft/inklusives System der Fall ist.

Lernprozesse sind vielfältig und haben verschiedene Anlässe. Sicherlich kann ein Anlass sein, dass eine Person irgendwo in einem System aneckt, auf Widerstand stößt und das dann als Ausgangspunkt nimmt um zu lernen. Aber das ist nur ein Anlass. Und ist es nicht leichter zu lernen, wenn die Bedingungen dafür günstig sind? Also z.B ein angstfreier Raum, die Möglichkeit zum Austausch, verschiedene Perspektiven? Und ebenso ist es doch mit der persönlichen Entwicklung. Diese kann im Widerstand in der Auseinandersetzung mit Systemen oder der Gesellschaft stattfinden, aber ebenso im Miteinander.

Vielleicht müsste man sich an dieser Stelle intensiv mit Lerntheorien und Entwicklungstheorien beschäftigen um die Frage gut beantworten zu können.

Insofern könnte die Antwort auf die Frage auch eine Gegenfrage sein: Verhindert eine nicht-inklusive Gesellschaft, ein nicht-inklusives System Lernen und persönliche Entwicklung?

 

Soweit zu meinen Gedanken und Überlegungen im Nachgang zum Vortrag von Prof. Dr. Grampp. Es ist doch eine ganze Menge geworden. Ich freue mich sehr über Meinungen, Anregungen, Gedanken, Ideen, Kritik zu den genannten Punkten.

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