Empfehlung: Kritik oder Antisemitismus? Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus

Eine inklusive Haltung und somit auch eine inklusive Pädagogik nehmen alle Diskriminierungsformen in den Blick. So auch den israelbezogenen Antisemitismus. Die Amadeu Antonio Stiftung hat eine neue Handreichung mit dem Titel „Kritik oder Antisemitismus? Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus“ veröffentlicht. Diese kann direkt bei der Amadeu Antonio Stiftung bestellt oder kostenlos als PDF heruntergeladen werden.

Hier geht es zur PDF-Version der Handreichung.

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte aus der Handreichung.

Zu folgenden Fragen möchte die Handreichung Anregungen geben und Hilfestellung leisten:

„Wo fängt Antisemitismus in Bezug auf Israel genau an? Wie kann pädagogisch gegen (israelbezogenen) Antisemitismus vorgegangen werden, sowohl vorbeugend als auch bei einer erneuten Eskalation im Israel-Palästina-Konflikt? Inwiefern spielt Rassismus eine Rolle bei der öffentlichen Fokussierung auf den Antisemitismus aus muslimisch sozialisierten Milieus?“ (S. 3)

Die Handreichung ist in drei Bereiche unterteilt:

  • Hintergrund, Analyse und Begrifflichkeiten
  • Fallbeispiel
  • Pädagogische Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten

Hintergrund, Analyse und Begrifflichkeiten

Den inhaltlichen Einstieg in diesem Abschnitt macht Anetta Kahane mit ihrem Text „Israelbezogener Antisemitismus – ein überladenes Problem“.

Gleich zu Beginn stellt sie fest: „Es gibt ihn, den Israelhass, der antisemitisch daherkommt und auch so gemeint ist“ (S. 6). „Wie kein anderes Land auf der Welt steht Israel unter ständiger, missbilligender Beobachtung“ (ebd.).

Als Ursache dafür sieht sie „eine Mischung aus Neid und Verachtung, eine Furcht vor dem Kosmopolitischen, dem Abstrakten, dem Kapitalistischen, dem Revolutionären, dem Verschwörerischen und dem Intellektuellen. Das alles steckt in der antisemitischen Projektion, die freilich nichts mit dem realen Judentum zu tun hat. […] Die Projektionen auf die Juden sind so komplex, dass sie eigentlich tun können, was sie wollen – es wird immer irgendein Ressentiment bestätigt.“ (S. 6f.)

„Israelfeindschaft oder – wie wir es nennen – israelbezogener Antisemitismus hat den klassischen Antisemitismus als Gesellschaftstheorie längst abgelöst“ (S. 8).

Der darauf folgende Text „Wie unterscheide ich Kritik von israelbezogenem Antisemitismus?“ von Jan Riebe nennt einige Aspekte, die für die Unterscheidung hilfreich sind, ob eine Aussage eine Kritik ist oder israelbezogener Antisemitismus.

Vor allem ist es dabei wichtig, dass „wer Antisemitismus erkennen will, muss sich notgedrungen mit seiner Wandlungsfähigkeit, seinen Facetten, seiner Historie und Gegenwart näher beschäftigen“ (S. 10).

Ein Problem bei der Erkennung von Antisemitismus ist, dass die „Ausprägung von Antisemitismus im Nationalsozialismus […] in den Köpfen so präsent [ist], dass aktuelle Formen von Antisemitismus meist nicht erkannt werden oder erkannt werden wollen“ (S. 11).

„Schon allein der Begriff >>Israelkritik<< ist problematisch, da er das Ausmaß der Fokussierung auf Israel als selbstverständlich setzt. Begriffe wie beispielsweise >>Russlandkritik<<, >>Griechenlandkritik<< oder >>Türkeikritik<< gibt es im Gegensatz zur >>Israelkritik<< im allgemeinen Sprachgebrauch kaum.“ (S. 12)

Hilfreich bei Einschätzung, ob es sich bei einer Aussage um Kritik oder israelbezogenen Antisemitismus handelt, kann der sogenannte 3D-Test sein. Dazu gehört der „Test auf Dämonisierung“ (S. 13), der „Test auf Doppelstandards“ (ebd.) und der „Test auf Delegitimierung“ (S.15). Trifft einer dieser Punkte zu, also wird Israel dämonisiert, werden bei Israel Doppelstandards angewandt, wird Israel delegitimiert, dann ist die Aussage antisemitisch. Wichtig ist aber, dass es sich dabei um eine „Hilfestellung“ (ebd.) und keine „eindeutige[n] Tests zur Identifikation von israelbezogenem Antisemitismus“ (ebd.) handelt. „Deshalb ist Nachhaken dringend zu empfehlen“ (ebd.).

„Israelbezogener Antisemitismus bedeutet häufig, über Israel zu reden, ohne über Israel zu reden: Formell wird sich über Israel echauffiert, ursächlich geht es aber um andere Dinge wie die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte, eigene Diskriminierungserfahrungen oder das Ziel, sich in sozial akzeptierter Form antisemitisch äußern zu können. […] Es hat daher im Regelfall keinen Sinn, nach solchen Äußerungen intensiv die Politik Israels oder den Nahostkonflikt zu erörtern. Stattdessen sollte die jeweilige Funktion solch antisemitischer Äußerungen offengelegt und anschließend diese Funktion statt Israel in den Blick genommen werden.“ (S. 17)

Für die eigene Haltung und Position ist es sinnvoll sich folgende Fragen zu stellen, wenn man israelische Politik kritisiert:

  • „Was sind meine Beweggründe für die Kritik?
  • Kritisiere ich Israel anders als andere Staaten und wenn ja warum?
  • Beschäftigt mich der Nahost-Konflikt mehr als alle anderen Konflikte und wenn ja warum?
  • Bin ich bereit, meine Position zu Israel aufgrund von Fakten zu revidieren?“ (S. 19)

Die „Alltagstauglichkeit des israelbezogenen Antisemitismus und seine gesellschaftliche Akzeptanz machen ihn so gefährlich und schwierig zu erkennen“ (ebd.).

Fallbeispiel

In dem Text „Taktische Solidarität. Rechtspopulistische und neonazistische Positionierungen zum Antisemitismus“ setzen sich Heiko Klare und Michael Sturm mit den Aussagen und Positionen verschiedener rechtspopulistischer und neonazistischer Gruppen in Bezug auf Antisemitismus und Israel auseinander und beleuchten ihre Funktionen.

„Nutzen rechtspopulistisch Parteien und ihre Protagonist_innen einerseits den Nahostkonflikt vor allem, um eine vorgebliche Solidarität mit Israel angesichts der globalen >>islamistischen Bedrohung<< zur Schau zu stellen, inszenieren sich Neonazis andererseits vor allem als Freunde der vom >>Staatsterrorismus Israels<< betroffenen Palästinenser. Beide Positionen eint, dass es dabei nicht um eine tatsächlich[e] Auseinandersetzung mit israelischer Politik geht, sondern ausschließlich die eigenen Positionen vermittelt und argumentativ gestärkt werden sollen.“ (S. 24)

Pädagogische Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten

In dem von Jan Riebe geführten Interview mit Johannes Baldauf und Judith Rahner, welches unter dem Titel „Antisemitismus in Sozialen Netzwerken – ein Fachgespräch“ in der Handreichung veröffentlich ist, richtet den Blick auf die Soziale Netzwerke und ihre Bedeutung für Antisemitismus.

„Soziale Netzwerke sind eine wichtige Wissensquelle für Jugendliche. […] Ist man sich dessen bewusst, dann ist zentral, dass die pädagogische Arbeit im Internet ansetzt.“ (S. 34)

„Am Beispiel des Nahostkonflikts zeigt sich, dass viele Jugendliche ihre Informationen nur aus dem Netz bekommen, weil weder in Schulen noch in Jugendclubs offen darüber gesprochen wird“ (S. 34f.).

In ihrem Text „>>Gefällt mir (nicht)<<. Facebook-Monitoring zu Postings von Jugendlichen während des Gaza-Krieges“ stellt Judith Rahner die Ergebnisse des Monitoring von Facebookprofilen vor. Die Facebookprofile gehören „mehr als einhundert Berliner Jugendlichenim Alter von 12 bis 20 Jahren, die sich überwiegend entweder selbst als muslimisch verstehen oder als muslimisch (fremd)markiert werden“ (S. 39).

„Die Ergebnisse des Facebook-Monitorings verdeutlichen […], dass sich keine Hinweise auf einen >>neuen<< oder spezifisch >>muslimischen<< Antisemitismus finden lassen“ (ebd.).

„Unter Jugendlichen gibt es ein sehr großes Bedürfnis, sich mit den Geschehnissen des Nahost-Konflikts auseinanderzusetzen und diese zu diskutieren. Pädagogische Einrichtungen lassen Jugendliche damit jedoch oft alleine, so dass diese besonders anfällig für einfache, oft antisemitische Erklärungsansätze in Sozialen Netzwerken sind.“ (Ebd.)

„In viele Postings und Kommentaren nehmen jugendliche User direkt auf Islamfeindlichkeit, antimuslimischen Rassismus und eigene Diskriminierungserfahrungen Bezug. Als Muslim nicht anerkannt zu werden, zur hiesigen Gesellschaft nicht wirklich dazuzugehören, in Medien und Bildungseinrichtungen oftmals stereotyp und einseitig dargestellt bzw. wahrgenommen zu werden, ist – auch unabhängig von den Geschehnissen in Nahost – ein permanentes Thema in den ausgewerteten Profilen. Zu Zeit der Eskalation in Gaza bekommen diese Erfahrungen insbesondere dann eine veränderte Tragweite, wenn jugendliche Muslime durch mediale und gesellschaftspolitische Zuschreibungen direkt und oftmals als alleinige Träger von Antisemitismus markiert werden.“ (S. 43)

„Wichtig wäre, dass pädagogische Fachkräfte generell und informiert Kenntnis nehmen von Auseinandersetzungen über den Nahost-Konflikt unter >>ihren<< Jugendlichen auf Facebook“ (S. 45).

In dem anschließenden Text „>>Nicht[s] gegen Juden<<: Unser Onlinetool gegen Antisemitismus“ wird ein Hilfsmittel zur Intervention bei Antisemitismus im Internet vorgestellt.

Hier geht es zu dem Onlinetool.

Dr. Heike Radvan erläutert in dem Text „Aussteigen aus antisemitischen Differenzkonstruktionen“, wie auf antisemitische Äußerungen reagiert werden sollte.

„In der pädagogischen Bearbeitung von antisemitischen Äußerungen sollte die jeweilige Funktion einer antisemitischen Äußerung für den einzelnen Jugendlichen im Mittelpunkt stehen und an dieser Stelle mit der Intervention angesetzt werden“ (S. 49).

„Als sinnvoll kann sich eine fragende Haltung verbunden mit einem anerkennungspädagogischen Umgang erweisen. Zudem ist es oftmals ratsam, universalistisch zu argumentieren und Jugendliche auf ihre konkrete Alltagspraxis zu verweisen.“ (Ebd.)

„Die Differenzkonstruktion zwischen einer Wir-Gruppe und >>den Juden<< erfüllt eine Funktion für diejenigen, die sich antisemitisch äußern: Wer sich abwertend über Juden äußert, wertet sich selbst auf und ordnet sich einer (vermeintlich überlegenen) Gruppe zu“ (ebd.).

„Fragen Pädagog_innen nach der Funktion, so geraten Jugendliche oder Erwachsene mit ihren verschiedenen Erfahrungshintergründen und Haltungen in den Blick – nicht aber >>die Juden<<“ (ebd.).

Der letzte Beitrag der Handreichung stammt von Jan Riebe und trägt den Titel „Was tun bei (israelbezogenem) Antisemitismus? Pädagogische Tipps“.

„Ziel einer antisemitismuskritischen Pädagogik sollte es sein, antisemitischen Vorfällen schon im Vorfeld entgegenzuwirken, anstatt auf sie reagieren zu müssen“ (S. 53).

„Eine Pädagogik gegen Antisemitismus richtet sich nicht nur an Personen, die mehr oder weniger offen antisemitische Positionen vertreten, sondern auch an diejenigen, die sich gegen Antisemitismus positionieren“ (ebd.).

„Es ist wichtig, Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Problem zu betrachten und zu behandeln. […] Die pädagogischen Fachkräfte sind daher gefordert, ihr eigenes Involviertsein in den gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus zu reflektieren. Pädagog_innen sind genauso Teil der Gesellschaft, in der Antisemitismus wirksam ist, wie die Jugendlichen oder Erwachsenen, mit denen sie arbeiten. Daher bedarf es einer selbstkritischen und selbstreflexiven Auseinandersetzung mit der Thematik, um antisemitische Ressentiments zu erkennen und eine eigene Position dazu zu entwickeln.“ (S. 53f.)

„Ziel von bildungspolitischer und pädagogischer Arbeit muss es sein, Jugendliche bei der Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt kritisch-begleitend zu unterstützen“ (S. 55).

„In Bezug auf präventive Arbeit gegen Antisemitismus, aber auch generell gilt es, Diskriminierungserfahrungen von Muslim_innen und/oder Personen mit migrantischen Familienbezügen ernst zu nehmen und zum Bestandteil einer antisemitismuskritischen Auseinandersetzung zu machen“ (ebd.).

„Auch in der antisemitismuskritischen Pädagogik lautet der erste Grundsatz, grundsätzlich stets Betroffene zu schützen, indem auftretender Antisemitismus immer thematisiert wird“ (ebd.).

„Eine wesentliche Komponente des Antisemitismus, auch des israelbezogenen Antisemitismus, ist die Reduktion komplexer, unverstandener gesellschaftlicher Prozesse (z.B. des Nahost-Konflikts) auf ein stark vereinfachendes Gut-Böse-Schema. Um dem entgegenzuwirken, sollten pädagogische Angebote darauf angelegt sein, ein solches stark komplexitätsreduzierendes denken zu durchbrechen.“ (S. 57)

Fazit

Die Handreichung bietet einen guten und übersichtlichen Einstieg in das Thema israelbezogener Antisemitismus und gibt auch einige Anregungen und Empfehlungen, wie mit diesem Thema und dieser Diskriminierungsform umgegangen werden kann und sollte. Viele Aspekte lassen sich sofort in die pädagogische Praxis übernehmen und insofern ist die Handreichung meiner Ansicht nach für Menschen, die in der pädagogischen Praxis tätig sind, sehr zu empfehlen.

Weitere Informationen der Amandeu Antonio Stiftung zum Thema israelbezogener Antisemitismus gibt es hier.

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