“Gut gemeint, schlecht gemacht”–zu kurz und falsch gedacht

In der Frankfurter Neue Presse gab es einen Kommentar zum Thema Inklusion. Hier geht es zu dem Artikel.

Der Artikel trägt den Titel “Gut gemeint, schlecht gemacht” und ist von Dieter Sattler. Er erschien am 14.06. in der Frankfurter Neue Presse und gibt in aller Kürze die Ansicht des Autoren zum Thema Inklusion in der Schule wider. Seine Argumente sind:

– Inklusion ist wie “Handauflegen und gutes Zureden”

– die Vermeidung Menschen mit Behinderungen auch als solche zu bezeichnen wird ihnen und ihrer Familie nicht gerecht

– es ist verständlich, dass lernbehinderte Kinder akzeptiert werden sollen, aber nicht in der Regelschule

– Kinder mit Lernbehinderung halten die anderen Kinder im Lernen auf

– es gefällt lernbehinderten Kindern nicht, wenn sie ständig spüren, dass sie benachteiligt sind (das spüren sie in Regelschulen)

– lernbehinderte Kinder sollen sich und ihre Fähigkeiten in einer anderen Umgebung entwickeln

Die Argumente werden im Text keinesfalls belegt, näher erläutert, sondern einfach so hingestellt. Es gibt kein Hinterfragen von Denkmustern, Annahmen etc. Und in diesem kurzen Text, so scheint es, ist in aller Kürze das gesamte Thema “Inklusion” abgehakt worden.

Als erstes stellt sich mir die Frage, wie Dieter Sattler darauf kommt, dass Inklusion ist wir Handauflegen und gutes Zureden? Es geht ja bei Inklusion nicht um Gleichmacherei, um das Wegreden von Unterschieden, um das Spielen von heiler Welt. Es geht doch vielmehr darum zu erkennen, dass jeder Mensch verschieden ist, jeder Mensch anders ist und jeder Mensch unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten hat. Und es geht darum, damit umzugehen und so darauf zu reagieren, dass Menschen nicht aufgrund irgend eines Merkmals, irgend einer Eigenschaft aus Bereichen gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen werden. Es geht darum sich für die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen und somit gegen Diskriminierung einzusetzen. Das ist ein langer und schwieriger Prozess und ist somit meiner Auffassung nach das genaue Gegenteil von dem, was Dieter Sattler darunter versteht.

Die Diskussion darüber, ob und wie Menschen mit bestimmte Eigenschaften und Merkmalen benannt werden (sollen/müssen/dürfen) ist eine sehr ambivalente. Die Frage ist natürlich, aus welcher Motivation heraus sie benannt werden – geht es beispielsweise darum, auf Missstände und Diskriminierung hinzuweisen und gegen diese aktiv zu werden, oder geht es darum Menschen als “anders” zu markieren und sie deshalb zu benennen. Des Weiteren ist die Art der Bezeichnung zu hinterfragen. Ist es eine selbstgewählte oder eine zugeschriebene, ist es eine diskriminierende/abwertende Bezeichnung? Es geht also nicht darum nichts mehr sagen oder benennen zu dürfen und Unterschiede wegzuschweigen, sondern darüber nachzudenken, wann welche Unterschiede relevant sind und wie sie beschrieben werden können und mit welcher Zielsetzung.

Die Argumentation von Dieter Sattler in Bezug auf das Verlangsamen der “normalen” Schüler durch lernbehinderte Schüler setzt eine aus meiner Sicht unzulässige Homogenisierung von Klassen voraus und geht völlig an der Realität vorbei. Kinder sind in ihrem Lernverhalten, in ihren Lernausgangslagen, in ihren Lerngeschwindigkeiten, Lernbedingungen alle verschieden. So gibt es in jeder Klasse Kinder/Jugendliche, die langsamer/schneller lernen als andere, denen manches leichter/schwerer fällt als anderen, die mehr/weniger Unterstützung brauchen bei bestimmten Themen/Fächern als andere. Anzunehmen, alle Kindern sind im Lernen gleich und lernbehinderte Kinder/Jugendliche stören dieses Lernen, ist also einfach falsch.

Die Frage der Akzeptanz von lernbehinderten Kindern ist eine Frage des Miteinanders. Werden sie als “andere” benannt und behandelt? Wie wird bei Diskriminierungen interveniert/Wird überhaupt interveniert? Steht ihre Lernbehinderung im Fokus der Betrachtung und wird als alleiniges Merkmal ihrer Person betrachtet? Oder ist ihr Lernverhalten nur ein Aspekt von vielen? Und kann man ihnen gerecht werden und ein positives Selbstbild vermitteln, wenn man ihnen ständig das Gefühl vermittelt, anders zu sein, nicht mithalten zu können, einen extra Ort/eine extra Schule zu brauchen, weg von den “normalen” Kindern?

Kinder/Jugendliche mit Lernschwierigkeiten sind in erster Linie Kinder/Jugendliche. Und jedes Kind/jeder Jugendliche hat einen Förderbedarf (muss gefördert und gefordert werden) und braucht Unterstützung beim Lernen. Die Intensität, die Art und Weise ist sicherlich verschieden. Aber sie ist losgelöst von Kategorien (wie z.B. Lernbehinderung). Wenn wir jedes Kind/jeden Jugendlichen individuell fördern – schauen, was es zum Lernen braucht, welche Schritte die nächsten sind, welche Unterstützung und Anregungen notwendig sind, dann schaffen wir es auch, Schulen für alle zu ermöglichen. Dafür sind sicherlich bestimmte Ressourcen notwendig, aber auch ein Umdenken und Andersdenken. Und damit sollten wir anfangen.

Ich finde es wichtig, sich mit Argumenten/Gegenargumenten zum Thema Inklusion auseinander zu setzen. Und die Argumente und Annahmen, die Dieter Sattler in Bezug auf die Schule und Kinder mit Lernbehinderungen formuliert, lassen sich auch auf andere Systeme übertragen. Ebenso wie meine dazu formulierten Gedanken. Das Thema ist kein nur schulisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches und rührt an vielen grundsätzlichen Fragen, Grundannahmen und Vorstellungen, die tief in der Gesellschaft und in unserem Denken verankert sind und somit auch Einfluss auf unser pädagogisches Handeln, egal in welchem Feld haben. Eine Auseinandersetzung lohnt sich.

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