Inklusion heißt, sich gegen die Ideologie der Ungleichwertigkeit einzusetzen

Foto Deutsche Zustände

Mit einer inklusiven Haltung, in einem inklusiven System und in einer inklusiven Gesellschaft wird Vielfalt als Normalzustand betrachtet und Unterschieden mit einer wertschätzenden Haltung begegnet. Im Umkehrschluss bedeutet das also, dass sich jeder Form von Abwertung, Diskriminierung und Herabwürdigung von Menschen und/oder Gruppen entgegen gestellt werden muss.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, auch auf diese Ebene von Inklusion hinzuweisen – das Aktiv werden gegen Diskriminierung, Ausgrenzung, Abwertung und das Entwickeln einer diskriminierungssensiblen Haltung. Auch aus aktuellem Anlass, vor dem Hintergrund der zunehmenden Gewalt gegen Einrichtungen zur Unterbringung von geflüchteten Menschen und gegen geflüchtete Menschen selbst, ebenso vor dem Hintergrund der Diskussion über geflüchtete Menschen, “Grenzsicherung” und über verschärfte Gesetzte gegen geflüchtete Menschen aus der Balkanregion, stelle ich in diesem Beitrag das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und die daran gekoppelte Ideologie der Ungleichwertigkeit in Fragmenten vor.

Als Grundlage dient die von Wilhelm Heitmeyer herausgegebene Forschungsreihe “Deutsche Zustände”, Folge 1-10, erschienen bei Suhrkamp 2002-2012. Den Kern dieser Reihe bilden wissenschaftliche Erhebungen und Analysen zu verschiedenen Diskriminierungsformen, ihren Ausprägungen, Ursachen und Zusammenhängen untereinander.

Alle Hervorhebungen (in kursiv) sind im Original enthalten. 

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

“Die humane Qualität einer Gesellschaft erkennt man nicht an Ethikdebatten in Feuilletons meinungsbildender Printmedien oder in Talkshows, sondern am Umgang mit schwachen Gruppen” (Folge 3, S. 13).

“>>Die Würde des Menschen ist unantastbar<< (Art. I GG). Dieses Postulat ist vor allem in der Idee der Gleichwertigkeit von Menschen aufgehoben. Sie manifestiert sich in der Verhinderung von Ungleichwertigkeit als moralischer Verletzung des kollektiven Selbstverständnisses sowie in der Sicherung physischer und psychischer Unversehrtheit von Menschen bzw. Gruppen.” (Folge 5, S. 15)

“Zu den zentralen Werten einer modernen und humanen Gesellschaft gehören die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Sicherung ihrer physischen und psychischen Unversehrtheit” (ebd., S. 16).

“Die Pluralisierung von Wertvorstellungen eröffnet mehr Freiräume, und die Individualisierung der Lebenswelt läßt vielfältige Formen der Lebensführung zu” (ebd.).

Die Würde des Menschen ist antastbar. Bedrohungen, Verletzungen oder Zerstörungen ihres Anrechts auf physische oder psychische Unversehrtheit gehören für Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit, sexueller Orientierung, Geschlechtszugehörigkeit, religiöser Glaubenspraxis oder mit Behinderungen zum alltäglichen Leben.” (Folge 1, S. 15)

“Gewalt, vor allem mit tödlichen Folgen, stellt die finale Form von Machtaktionen dar. Die Vorformen der Gewalt sind vielfältig. Sie beginnen bei Abwertungen, können sich in Abwehr manifestieren, in Diskriminierungen ausdrücken und zu Ausgrenzungen von einzelnen Menschen allein schon aufgrund von faktischer, vermuteter oder zugeschriebener Gruppenzugehörigkeit führen.” (ebd.)

“Menschenfeindlichkeit wird erkennbar in Prozessen der Betonung von Ungleichwertigkeit und der Verletzung von Integrität” (ebd., S. 17).

Dabei müssen drei Dimensionen unterschieden werden:

“Die erste Dimension betrifft die Betonung des >>Eigenen<< und des >>Fremden<<” und einer damit verbundenen “Aufwertung der Eigengruppe, also Überlegenheit, mit einer Abwertung von Fremdgruppen […], die Unterlegenheit erzeugen soll. Eine zweite Dimension läßt sich an utilitaristischen Kalkülen festmachen. Die Unterscheidung von nützlichen und ausnutzenden >>Ausländern<< gehört ebenso dazu, wie die Unterscheidung zwischen Leistungsstarken und >>Entbehrlichen<<. […]” (ebd.)

Die dritte Dimension bezieht sich auf die Handlungs- und Verhaltensebene und zeigt sich “in der latenten und zeitweisen Aufkündigung der Angstfreiheit sowie angsterzeugenden Machtdemonstration gegen Unterlegene und Abgewertete” (ebd.)

“Der Begriff der Menschenfeindlichkeit bezieht sich auf das Verhältnis zu spezifischen Gruppen und meint nicht ein interindividuelles Feindschaftsverhältnis” (ebd., S. 19).

“Werden Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und feindseligen Mentalitäten der Abwertung, Ausgrenzung etc. ausgesetzt, dann sprechen wir von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, so daß die Würde der betroffenen Menschen antastbar wird oder zerstört werden kann” (Folge 2, S. 14).

Zwölf Elemente sind Teil des Syndroms der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit: Sexismus, Homophobie, Etabliertenvorrechte, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Abwertung von Behinderten, Abwertung von Obdachlosen, Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung von Asylbewerbern, Abwertung von Langzeitarbeitslosen (vgl. Folge 10, S. 17).

“Da angenommene Ungleichwertigkeit den gemeinsamen Kern aller genannten Elemente ausmacht, sprechen wir vom Syndrom einer Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit” (Folge 1, S. 21).

“Ein weiterer wichtiger Aspekt unseres Konzepts ist das bereits angesprochene Verständnis als Syndrom, basierend auf der Annahme, daß die Elemente der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit untereinander zusammenhängen und einen gemeinsamen Kern aufweisen” (Folge 10, S. 16).

Ideologie der Ungleichwertigkeit

Die folgenden Fragmente stammen aus dem Text “Die Ideologie der Ungleichwertigkeit” von Wilhelm Heitmeyer aus der Folge 6 der Deutschen Zustände.

“Zu den großen Ideen der Aufklärung gehört das Ideal der Gleichheit. […] Gleiche staatsbürgerliche Rechte und der gleiche Anspruch auf ein Leben ohne Gefahr für die psychische und physische Unversehrtheit. Die Würde eines jeden Individuums wird damit betont und als Ideal vorgegeben. Gleichheit wird so zur Grundbedingung der Freiheit.” (Folge 6, S. 36)

“Kategoriale Klassifikationen bieten sich in besonderer Weise dafür an, soziale Ungleichheit in Ungleichwertigkeiten zu transformieren” (ebd.).

“Eine Ideologie ist ein System von Begriffen und damit verbundenen Überzeugungen, die der Durchsetzung von Machtinteressen bzw. der Konservierung von Hierarchien und sozialer Überlegenheit dienen.Um dieser Funktion zu genügen, wird die soziale Realität verzerrt wiedergegeben, werden soziale Konstruktionen naturalisiert bzw. biologisiert etc.” (S. 37)

“Auch heute grassiert – quasi hinter dem Rücken der angeblichen Aufklärung – eine Ideologie der Ungleichwertigkeit. […]Diese Ideologie kommt in Gestalt der Abwertung schwacher Gruppen zum Ausdruck, die wiederum eine Legitimationsfunktion für Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt erfüllt oder zumindest erfüllen kann.” (S. 38)

“Die Ideologie der Ungleichwertigkeit und die darin einbezogenen Opfergruppen variieren in Abhängigkeit von den Thematisierungsinteressen deutungsmächtiger Gruppen” (S. 39).

“Es gibt einen prinzipiellen Unterschied zwischen Ungleichheit und Ungleichwertigkeit. Ungleichheit ist materiell fundiert und sozial erzeugt durch gesellschaftliche Strukturentwicklungen, die Klassen oder Schichten hervorbringen[…]. […] Im Zuge des Übergangs von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft werden faktische Unterschiede mit semantischen Bewertungen verbunden, der Wert oder die Wertigkeit von Menschen wird an soziale Lagen gekoppelt. […] Über soziale Ungleichheit, also über Unterschiede im Hinblick auf Leistungsfähigkeit, Besitz, Lebensformen, religiöse Praktiken etc., können Wertigkeiten eingeführt werden – genauer: Ungleichwertigkeiten.”

“Begriffe von Nützlichkeit, Kultur, Moral, Wahrheit, der Verweildauer in einem geographischen Raum, Natur und Intelligenz gehören also zum Arsenal der Etablierung von Ungleichwertigkeiten und machen anfällig für Eskalationsprozesse. Diese beginnen mit Anerkennungsverlusten, d.h. Mißachtung. Diese nächste Stufe ist die Verachtung, deren manifesten Ausdruck Diskriminierungen darstellen. Daran an schließt sich die Machtdemonstration in Form von Unterdrückung und im Extremfall die Vernichtung durch Gewalt.” (S. 42)

“Moderne Gesellschaften schaffen Integration, indem sie Graduation ermöglichen, also die Ausdifferenzierung von Strukturen und eine differenzierte Sichtweise auf Menschen, Lebensweisen, religiöse Überzeugungen, Leistungsvermögen etc.” (S. 43)

Ausblick

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und die Ideologie der Ungleichwertigkeit widersprechen den Menschenrechten, der darin festgeschriebenen Menschenwürde und somit auch dem Anliegen von Inklusion. Aus diesem Grund ist es meiner Auffassung nach hilfreich, sich mit diesem Ansatz zu beschäftigen und auseinander zu setzen. Ein Teil ist es, in der pädagogischen Arbeit gegen die Ideologie der Ungleichwertigkeit und gegen Formen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit aktiv zu werden, darüber aufzuklären, zu intervenieren etc. Daran schließt sich die Frage an, wie die Gleichwertigkeit von Menschen (pädagogisch) vermittelt werden kann. Ein wesentlicher Schritt dazu ist aber auch die Reflexion der eigenen Haltung. Welche Gruppen betrachte ich persönlich nicht als gleichwertig? Welche Gruppen werte ich ab und diskriminiere ich? Wieso? Ist mir das bewusst?

Tipp zum Weiterlesen

Die Amadeu Antonio Stiftung hat sich in der Vergangenheit viel mit dem Thema der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit auseinandergesetzt. Hier gibt es weitere Materialien und Informationen zum Thema.

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