„Inklusion ist das Ziel, Begegnung der Weg.“*

Am 05. März fand in Frankfurt am Main die Fachtagung zu Vielfalt, Verschiedenheit und Inklusion in der Kinder- und Jugendarbeit „ALLE(S) DRIN!“ statt. (http://www.boell-hessen.de/alles-drin/)

Auf dem Programm standen neben einem Impulsvortrag, 2 Workshopblöcke und ein Expert_innen-Gespräch. Natürlich gab es zwischendurch genügend Zeit, um miteinander ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen.

Im Folgenden berichte ich von den einzelnen Programmpunkten der Tagung. Das Berichtete stellt nur einen Teil des Tatsächlichen dar, nämlich dass, was ich interessant und wichtig fand und was ich verstanden habe und demzufolge beansprucht dieser Bericht keine Vollständigkeit.

 

1. Impulsvortrag

Impulsvortrag

Den Impulsvortrag zum Einstieg in die Tagung hielt Prof. Dr. Clemens Dannenbeck von der Hochschule Landshut. (https://www.haw-landshut.de/die-hochschule/fakultaeten/soziale-arbeit/prof-dr-clemens-dannenbeck/startseite.html)

In seinem Vortrag mit dem Titel „Lernziel Inklusion?! Vom falschen Umgang mit dem Richtigen“ ging Prof. Dr. Dannenbeck auf den aktuellen Diskurs über Inklusion ein.

Anhand eines Beispiels machte er eingangs deutlich, wie absurd manche Elemente der Debatte seien: Er erläuterte im Plenum des Fachtages, dass er nur für Personen ausgebildet sei, die eine Hochschulzugangsberechtigung haben. Für alle anderen sei er nicht qualifiziert. Deshalb müsse er diese bitten den Raum nun zu verlassen und in einen Nebenraum zu gehen. Dort würden sie dann einen Vortrag in einer für sie angemessen Weise und in einer für sie angemessen Sprache hören.

Durch dieses Beispiel wurde die absurde Logik der Abwehr von bspw. Inklusion in der Schule am eigenen Körper erfahrbar. Die Absurdität dieses Vorschlags brachte einige im Plenum zum Lachen, veranschaulichte aber diese Argumentation sehr deutlich.

Anschließend nahm Prof. Dr. Dannenbeck Bezug auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) und verwies darauf dass es sich dabei um ein Menschenrechtsdokument handele, dass keine zusätzlichen Rechte für eine spezielle Gruppe formuliere, sondern die Menschenrechte für diese Gruppe bekräftige. Aus diesem Grund sei Inklusion auch nicht teilbar, also nur für einzelne Gruppe oder in einzelnen Phasen zu realisieren. Inklusion sei ein Menschenrecht.

Bei der Inklusion gehe es nicht darum, dass die Integrationsquoten gesteigert würden. Die Steigerung der Integrationsquoten seinen zwar zu begrüßen, seien aber Integration und keine Inklusion. Inklusion hinterfrage gesellschaftliche Bedingungen und es sei eine Qualität eines Systems und keine Eigenschaft einer Person.

Ebenso machte Prof. Dr. Dannenbeck deutlich, dass die Wertschätzung und Anerkennung von Vielfalt ein diskriminierendes Moment beinhalte. Denn Vielfalt zu identifizieren und zu benennen setze ein Machtgefälle voraus – wer erkennt und benennt die Differenzen und wer legt fest, was Differenzen sind? In diesem Zuge zitierte er auch eine Teilnehmerin einer anderen Fachtagung zum Thema Inklusion, die sinngemäß gesagt habe, dass Inklusion die Verhinderung von Diskriminierung und nicht die Anerkennung von Vielfalt sei.

Zum Abschluss seines Vortrags verwies Prof. Dr. Dannenbeck auf die Konstruktion „alle Menschen“ und fragte, welche Menschen sich jenseits dieses „alle“ befänden und dabei nicht mitgedacht würden.

 

2. Workshopblock am Vormittag

Workshop 1

Am Vormittag nahm ich an dem Workshop „Social Justice und Diversity – ein gerechtigkeitstheoretischer und reflexiver Ansatz zur Gestaltung von Vielfalt“ teil. Den Workshop leiteten Heike Beck und Steffi Valter. (https://www.frankfurt-university.de/fachbereiche/fb4/kontakt/professorinnen/heike_beck.html)

In dem Workshop wurden einige Elemente und Grundzüge des Social Justice Ansatzes dar- und einige Übungen vorgestellt.

Der Ansatz komme aus den USA und sei durch Leah Carola Czollek, Gudrun Perko und Heike Weinbach in Deutschland bekannt gemacht und weiterentwickelt worden.

Grundlagen des Social Justice Ansatzes seien z.B. die Pädagogik der Unterdrückten, humanistische Theorien und dekonstruktivistische Theorien. Es gehe bei dem Ansatz um eine „wahre“ Anerkennung von Vielfalt, um die Stärkung von Ressourcen, den Abbau von Diskriminierung, Verteilungsgerechtigkeit, Anerkennungsgerechtigkeit und Partizipation. Zentral sei die Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen und die Beschäftigung mit „struktureller Diskriminerung“. Strukturelle Diskriminierung habe drei Ebenen – die individuelle, die institutionelle und die kulturelle Ebene. Ein wichtiger Schritt nach diesem Ansatz sei die Beschäftigung mit den eigenen Gruppenzugehörigkeiten, dabei helfe die Methode des „Gruppenzugehörigkeitsprofil“. Erwähnt wurde auch der Sozialisationszirkel, der verdeutliche, an welchen Stellen in der Sozialisation Handlungsmöglichkeiten gegen strukturelle Diskriminierung bestünden.

Wir haben eine Übung aus dem Social Justice Ansatz praktisch angewandt – eine Übung zu Stereotypen. Normalerweise würden Stereotype zu einem Thema gesammelt, eins herausgesucht und anschließend teile sich die Gruppe in Kleingruppen und überlege, wie dieses Stereotyp auf der individuellen, auf der strukturellen und auf der kulturellen Ebene hergestellt wird. Wir haben den Schritt der Stereotypen-Sammlung übersprungen. Uns wurde ein Stereotyp vorgegeben.

Hier sind die Handouts vom Workshop:

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Materialien und Informationen zum Social Justice Ansatz gibt es auf der Seite www.social-justice.eu

 

3. Workshopblock am Nachmittag

Workshop 2

Am Nachmittag nahm ich am Workshop „Netzwerk Inklusive Praxis in der Kinder- und Jugendarbeit“ teil. Der Workshop wurde von Roland Sautner und Marlies Denter geleitet. In dem Workshop wurden das Netzwerk, seine Arbeitsinhalte, das Inklusionsverständnis und Projekte des Netzwerkes vorgestellt. Es handele sich bei dem Netzwerk Inklusive Praxis um ein offenes Netzwerk an dem sich interessierte Personen, Einrichtungen und Träger beteiligen können. In dem Netzwerk gehe es um den Erfahrungsaustausch, Informationsaustausch, um die Planung und Durchführung von Angeboten und Projekte, um Fortbildungen, Fachveranstaltungen und fachpolitische Forderungen. Der inhaltliche Schwerpunkt liege zwar schon auf Menschen mit Behinderungen, es würde aber auch zu anderen Themen, wie bspw. Sexualität, Geschlecht, Kultur, Antisemitismus und Rassismus gearbeitet.

Anschließend wurde ein Film über vergangene Projekte des Netzwerkes gezeigt, von aktuellen Projekten berichtet und abschließend haben wir Bedingungen für das Gelingen von Inklusion in der Kinder- und Jugendarbeit gesammelt.

Mehr Informationen zu dem Netzwerk gibt es unter http://www.inklusion-ffm.info/index.php/start.html

 

4. Expert_innen-Gespräch

Expertengespräch

Zum Abschluss des Fachtages fand ein Expert_innen-Gespräch mit dem Titel „Inklusion konkret!“ statt. Als Expert_innen aus Politik, Verwaltung und Praxis waren geladen:

– Christa Schmidt, Geschäftsführung Behindertenbeirat München (http://www.behindertenbeirat-muenchen.de)

– Dr. Gunda Voigts, Uni Kassel

– Dr. Dorothea Terpitz, 1. Vorsitzende von Gemeinsam leben Hessen e.V. (http://www.gemeinsamleben-hessen.de)

– Christian Telschow, Evangelische Jugend Frankfurt am Main, Arbeitsbereich Offene Kinder- und Jugendarbeit (http://www.ejuf.de)

Nach kurzen Statements der Expert_innen konnten die Fachtagungsteilnehmer_innen Fragen stellen oder mit eigenen Redebeiträgen die Diskussion bereichern.

Aus dem Gespräch habe ich die folgenden vier Punkte für mich mitgenommen:

– inklusive Kinder- und Jugendarbeit ist nur möglich, wenn Schule inklusiv ist

– wir müssen mehr auf die Gemeinsamkeiten von Kindern und Jugendlichen sehen, die sie in ihrer Entwicklung und in den dazugehörigen Themen haben, als auf die Differenzen (bspw. Behinderung und keine Behinderung)

– Inklusion ist nicht in erster Linie eine Frage der Ressourcen. Vieles ist auch mit den gegebenen Mitteln möglich und machbar.

– es sieht derzeit danach aus, als wenn die sogenannte „Große Lösung“ noch in dieser Legislaturperiode der Bundesregierung durchgesetzt wird

 

Zum Abschluss der Fachtagung wurde ein kurzer Film gezeigt, der während der Fachtagung über die Fachtagung gedreht wurde.

 

5. Hier noch einige weiterführende Links mit Material und Informationen zum Thema

www.netzwerk-inklusion-deutschland.de

http://www.bundesjugendkuratorium.de/pdf/2010-2013/Stellungnahme_Inklusion_61212.pdf

http://www.muenchen-wird-inklusiv.de/wp-content/uploads/2014-02_aktionsplan-unbrk_muenchen_korr2.pdf

 

*Das Zitat stammt aus der Begrüßungsrede von Roland Sautner zu Beginn der Fachtagung.

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