Inklusion ist eine Frage der Haltung!

In Diskussionen, Gesprächen, Beiträgen wird immer wieder deutlich gemacht, dass Inklusion ohne Ressourcen nicht möglich sei. Inklusion sei eine Ressourcenfrage. Gibt es nicht mehr Ressourcen, sei auch eine Umsetzung von Inklusion nicht möglich. Auch bekannt sein dürfte der (vielleicht konstruierte) Gegensatz Inklusion als Ressourcenfrage auf der einen Seite und Inklusion als Haltungsfrage auf der anderen Seite. Gerne wird es auch miteinander verbunden. Deutlich wird das an Aussagen wie z.B.: „Natürlich ist die Haltung wichtig, aber ohne Ressourcen kann man Inklusion nicht umsetzen. Nur mit der Haltung allein funktioniert es nicht!“.

An dieser Stelle möchte ich einige Gedanken formulieren, die die Position stark machen, dass Inklusion eine Frage der Haltung ist und dass die Ressourcen für die Umsetzung der Inklusion nur eine marginale Rolle spielen.

Unter Umständen schreckt das jetzt einige Leser_innen ab oder ruft ein wenig Abwehr hervor. Dennoch möchte ich dazu einladen, meinen Gedanken zu folgen. Für Anregungen, Kritik, Ergänzungen, Richtigstellungen z.B. in den Kommentaren bin ich sehr dankbar.

Nehmen wir zu Beginn an, Inklusion ist eine Frage der Ressourcen und es sind mehr Ressourcen notwendig, um Inklusion umzusetzen. Welche Ressourcen genau werden benötigt? Personal? Geld? Materialien? Wie sollen sie eingesetzt werden? Wofür? Mit welchem Ziel? In welcher Form? Mit welchen Methoden?

Verändert der Ruf nach mehr Personal und mehr finanziellen Möglichkeiten etwas an den Strukturen, an den Bedingungen für Exklusion, Separation und Diskriminierung? Wenn dem so wäre, dann würde unsere ausschließende, ausgrenzende, diskriminierende Gesellschaft nur darauf beruhen, dass zu wenig Personal und Geld vorhanden wäre, um nicht ausgrenzend und diskriminierend zu sein. Das bedeutet zugespitzt, dass wir alle eigentlich niemanden diskriminieren oder ausgrenzen wollen, aber aufgrund der fehlenden personellen und finanziellen Ressourcen leider nicht anders können. Und deshalb ist der Schlüssel für die Umsetzung von Inklusion mehr Geld und mehr Personal.

Aber aus welcher Position heraus und mit welchem Blickwinkel, mit welcher Perspektive wird über die Art der notwendigen Ressourcen und ihrem Einsatz entschieden? Werden dadurch nicht bestimmte Vorstellungen, Normen, Werte möglicherweise unhinterfragt weiter gefestigt, indem bestimmte Ressourcen auf eine bestimmte Weise eingesetzt werden? Setzen sich ausgrenzende und diskriminierende Denkmuster, Strukturen nicht auch in der Tatsache der gestiegenen Ressourcen weiter fort?

Wichtig ist dafür sicherlich die Definition von Diskriminierung und Ausgrenzung. Ich verstehe diese als Gelernte und verinnerlichte Strukturen und Denkweisen. Meine eigene Denkweise nehme ich als Normalität wahr. Selten denke ich dabei aber an die Gründe für das So-Gewordensein, an meine eigene Positionierung in den gesellschaftlichen Strukturen, an meine Privilegien. Mit welcher Brille schaue ich auf die Welt und wieso? Und welche Folgen hat das für meine Wahrnehmung, für mein Denken, für mein Handeln?

Inklusion verlangt einen Blick- und Perspektivwechsel. Der Blick soll weggehen vom Individuum (mit seinen möglichen oder zugeschriebenen Mängeln und Defiziten) und hin zur Gesellschaft und ihren Bedingungen (mit ihren diskriminierenden und ausgrenzenden Strukturen). Das bedeutet, dass ich mich mit verschiedenen Diskriminierungsformen, ihren Ausprägungen, Erscheinungsformen, Strukturen, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beschäftigen muss. Und es bedeutet ebenso, dass ich mich mit meiner eigenen Brille, meiner eigenen Positionierung in diesem System auseinandersetzen muss. Ich muss meine eigene Haltung, meine Werte, meine Normen erkennen, reflektieren, überprüfen. Ich muss mich in einem Lernprozess begeben, um meine Positionierung als eine unter vielen möglichen zu begreifen und nicht als Norm, ich muss mich damit auseinandersetzen an welchen Stellen ich selber andere Menschen diskriminiere, diskriminierende Strukturen stärke und vor allem warum. Ich muss den für Inklusion wichtigen Blickwechsel stets üben, denn an vielen Stellen hat sich die Suche nach Gründen für Probleme beim Individuum fest verankert. Dies gilt es zu verlernen, bzw. auch abschalten zu können.

Das hat sehr viel mit der eigenen Haltung zu tun. Insofern ist die Arbeit an und die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung ein Schlüsselmoment in der Frage der Umsetzung der Inklusion. Deshalb gehe ich soweit zu sagen: Inklusion ist eine Haltungsfrage.

Erst wenn ich in diesen Prozess einsteige, merke ich auch an welchen Stellen ich was benötige. Und dann kann ich darüber nachdenken, ob mir noch Gelder fehlen oder Personal oder etwas anderes. Und mit dieser neuen Perspektive kann ich Geld und Personal so einsetzen, dass sie zur Umsetzung von Inklusion beitragen. Vielleicht merke ich aber auch, dass ich vorerst nicht mehr Geld oder Personal benötige.

Dazu ein praktisches Beispiel: Ich biete regelmäßig Soziales Lernen als Projekttag für Schulklassen an. Nun kann ich natürlich mit mehr Personal und mehr Geld arbeiten. Aber das bedeutet noch nicht zwangsläufig, dass das Soziale Lernen dadurch inklusiver geworden ist. Denn ich muss mich z.B. damit auseinandersetzen, welche Methoden verwende ich, wie sind die Methoden strukturiert, was setzen sie voraus? Wen schließen bestimmte Methoden aus? Welches Verständnis von Lernen habe ich und warum? Was sind meine Ziele im Sozialen Lernen? Wieso? Welche Normvorstellungen vertrete ich? Woher kommen diese? Ist mein Ablauf für alle ansprechend und interessant? Können alle an die Inhalte anknüpfen?

Und nach diesem Schritt/diesen Schritten kann ich eventuell zu dem Punkt kommen, dass dieses und jenes methodisch sehr geeignet ist und dass ich für die Umsetzung dieser methodischen und didaktischen Herangehensweise ggf. noch dieses und jenes benötige. Oder eben auch nicht.

Das Verständnis von Inklusion als Ressourcenfrage läuft Gefahr die Umsetzung von Inklusion zu gefährden. Denn die Umsetzung ist dann (ausschließlich) an die Zurverfügungstellung von zusätzlichen Ressourcen gekoppelt. Und dadurch kann ich das Thema und die Umsetzung und jegliche Verantwortung dafür von mir wegschieben.

Inklusion als Frage der Haltung zu verstehen ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Sie ist mit viel Kraft, mit viel Aufwand, mit vielen Irritationen und Auseinandersetzungen verbunden. Dieses Verständnis von Inklusion ist mühselig. Aber meiner Ansicht nach führt daran kein Weg vorbei. Wenn wir tatsächlich auf eine inklusive Gesellschaft hinarbeiten wollen, dann müssen wir uns mit diskriminierenden und ausgrenzenden Strukturen und Denkweisen, die wir auch verinnerlicht haben, auseinandersetzen. Denn sonst laufen wir Gefahr, diese Strukturen und Denkweisen weiter zu stützen, zu stabilisieren und weiter zu tragen. Und genau das müssen wir verhindern. Fangen wir also bei uns selber an.

3 Gedanken zu „Inklusion ist eine Frage der Haltung!“

  1. Ganz genau! Kurz gesagt, ohne Entwicklung einer inklusiven Kultur wird es schwer werden. Wir werden alles benötigen: inklusive Strukturen, Haltungen, Werte und Ressourcen! Mit den ersten Dreien lässt sich gut beginnen.

  2. Ich stimme Dir zu, würde an einer Stelle aber weiter gehen: Der Perspektivwechsel ist gar nicht so schwer(für den_die Einzelne_n), er muss nur immer wieder geübt, erinnert, eingefordert werden. Und es bedarf einer Verabredung, die Perspektive wechseln zu wollen oder zu müssen, und die herzustellen, erscheint gelegentlich mühsam. Wir müssen wohl mehr Banden bilden 🙂

  3. Hi,
    danke für den Blog-Beitrag. Auch ich denke bereits eine ganze Weile darüber nach, ob Inklusion eine Frage der Haltung ist. Mittlerweile sehe ich das jedoch etwas anders. Das Problem dabei ist m.E., dass ich immer wieder Menschen begegne, die großartig und lautstark genau das verkünden und dabei allen Beteiligten deutlich zu machen versuchen, dass sie selbst ja genau die richtige Haltung dazu haben. Oft sind dies z.B. Sonderpädagogen, Therapeuten oder Behördenmitarbeiter, die damit nicht nur Entwicklung bremsen („Die Haltung fehlt eben [bei den anderen]. Deshalb bin ich gegen Inklusion. Die armen behinderten Kinder müssen in Sonderstrukturen bleiben solange die „richtige“ Haltung fehlt.“). Sehr oft teile ich genau ihre Auffassung von selbstbestimmtem Leben und Teilhabe nicht. Mittlerweile finde ich das Beharren auf einer vermeintlich richtigen Haltung zur Inklusion sogar eher gruselig, denn dies bezieht sich fast immer auf den Fokus auf Menschen mit Behinderungen und ihren Defiziten, die man ja *Ironie on* akzeptieren sollte *Ironie off*. Meines Erachtens geht es eigentlich um konkrete Barrieren, auf die Menschen mit Behinderung stoßen: Treppen, mangelnde Beschilderung, schwere Sprache, etc. und nicht um irgendeine Haltung zu den Menschen. Und ein Abbau von Barrieren (z.B. Rampen, Beschilderung, Vertonung von Inhalten, Untertitel, Übersetzungen/Dolmetschen von Inhalten in verständliche Sprache,…) kostet nun mal Geld. Ich stimme allerdings zu, dass zusätzlich Ressourcen meist eher in Personal gesteckt werden und dies oft negative Folgen für die Inklusion hat: ein weiterer Sonderpädagoge an einer Schule diagnostiziert z.B. weitere auffällige Kinder, die mit Therapie oder Förderung möglichst weit „normalisiert“ werden sollen. Das ist nicht mein Verständnis von einer selbstverständlichen Anerkennung von Neurodiversität und Anderssein. Oft ist für mich die „Haltungsdiskussion“ die emotionale Verkitschung eines durchaus sachlich zu benennenden Barriere- bzw. Kommunikationsproblems auf verschiedenen Ebenen.
    LG,
    Jenny

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