„Wir haben gesagt, wir starten einfach“ – Interview mit Claudia Vatter, Leiterin des Ganztagsbereichs „GrüneBirke“–TEIL I

Foto: Claudia Vatter

Im Berliner Bezirk Spandau gibt es den Ganztagsbereich „GrüneBirke“ an der Schule am Grüngürtel und an der Birken-Grundschule. Der Ganztagsbereich, der sich in Trägerschaft von FiPP e.V. befindet, betreut täglich 140 Kinder und beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema Inklusion. Der Ganztagsbereich „GrüneBirke“ hat sich schon frühzeitig auf den Weg in Richtung Inklusion und inklusives Arbeiten gemacht. Über diesen Prozess, seinen Beginn, den aktuellen Stand und über Inklusion in einem Ganztagsbereich habe ich mit Claudia Vatter, Leiterin des Ganztagsbereichs „GrüneBirke“ gesprochen.

Claudia, du leitest den Ganztagsbereich „GrüneBirke“ an der Schule am Grüngürtel und an der Birken-Grundschule. Wie viele Kolleg_innen seid ihr? Was sind die Aufgaben des Ganztagsbereichs? Wie sieht ein Tag im Allgemeinen aus und wie ist er strukturiert?

Wir sind derzeit 16 Erzieher hier vor Ort und es sind auch alle in der Funktion von Erziehern angestellt. Wir haben aber unterschiedliche Abschlüsse mit denen die Leute zu uns gekommen sind. Es gibt Fachkräfte für Integration, wir haben eine Erziehungswissenschaftlerin hier im Team, es gibt jemanden der hat Bildung und Erziehung studiert, oder auch Soziale Arbeit. Es ist also eine sehr große Mischung, die hier arbeitet. Was die Nationalitäten im Team betrifft haben wir ebenfalls eine Mischung vertreten und auch im Altersdurchschnitt sind wir bunt gemischt. Es bildet sich bei uns im Team hier auch schon Vielfalt ab.

Wir arbeiten im offenen Ganztag mit beiden Schulen zusammen. Die Schulen befinden sich seit einem Jahr in einem Fusionsprozess und wir arbeiten hier alle unter dem Arbeitstitel inklusiver Campus. Es ist so, dass unsere Aufgaben insofern beschrieben werden können, dass wir vormittags den Frühdienst übernehmen, dann in Kooperation mit den Lehrern in Klassenteams arbeiten – wir begleiten die 1.-4. Klasse. Und die Erzieher sind dann nachmittags für die klassischen Aufgaben, wie man sie kennt, zuständig: Begleitung des Mittagessens, Hausaufgabenbegleitung, Freispielleitung, Freispielorganisation, AG- und Freizeitangebote im Allgemeinen und der Spätdienst wird von uns übernommen. Das heißt im Grunde sind wir von 6-18 Uhr da. Wir sind die Profession, die am längsten vor Ort ist. In der Kooperation mit Schule und in den Klassenteams ist der Fokus auf die Begleitung gerichtet, nicht auf das Unterrichten. Da grenzen wir uns auch ganz klar ab. Unser Fokus ist das Soziale Lernen in der Klasse. Es ist die Unterstützung von Einzelnen und der Gesamtgruppe und wir sind natürlich auch auf Ausflügen mit dabei. Wir initiieren gemeinsam mit den Lehrern Projekte, sind im Austausch wenn es um die Elternzusammenarbeit geht und arbeiten dort ganz eng in Kooperation. Zu meinen Aufgaben als Leitung gehört auch die Vernetzung mit der Schulleitung und dem Schulleitungsteam, also der erweiterten Schulleitung, mit Blick darauf, wie wir den Standort hier organisieren.

Auf eurer Homepage steht, dass ihr inklusiv arbeitet. Du hattest ja eben auch schon den inklusiven Campus angesprochen. Lass uns zuerst einen Blick in die Vergangenheit werfen. Wann habt ihr im Ganztagsbereich angefangen euch mit dem Thema Inklusion zu beschäftigen und was war konkret der Anlass dafür?

Wir haben uns hier 2010 auf den Weg gemacht, beziehungsweise im Schuljahr 2009/2010. Der Anstoß war eigentlich, dass das Thema Inklusion immer mehr in aller Munde war. Wir haben erst mal auf Leitungsebene entschieden, dass wir jetzt den Fokus auf die inklusive Arbeit legen wollen und haben dann den Teamprozess angeschoben. Der Anlass dafür war letztendlich, dass wir gemerkt haben, dass wir, was diese klassischen Dinge betreffen zwischen der Integration und der Inklusion, einfach aus einer gewissen Natürlichkeit heraus schon den inklusiven Ansatz im Grunde gelebt haben. Das ist sicherlich durch die offene Arbeit hier bei uns im Haus mit den Funktionsräumen, dem Anti-Bias-Ansatz und -schwerpunkt vom Träger und so weiter begünstigt worden. Und dann haben wir uns entschieden die Prozessspirale mit dem Team anzufangen.

Das ist im Vergleich zu anderen Trägern und Bereichen recht früh gewesen. Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist 2009 in Kraft getreten und viele Träger und Einrichtungen beschäftigen sich seit 1 bis 2 Jahren mit dem Thema.

Sicherlich hat das auch die Zusammenarbeit mit der Schule am Grüngürtel begünstigt. Wir hatten schon die große Vielfalt. Erst mal auch aufgrund von dem Standort der Einrichtung eine sehr große kulturelle Vielfalt, aber auch die Kinder mit Behinderungen und Kinder mit Einschränkungen und Beeinträchtigungen waren alle schon hier bei uns am Platz und wir haben mit dieser Vielfalt schon gearbeitet. Also von so her war das Thema für uns einfach nicht neu oder fremd oder dergleichen. Und auch die multiprofessionelle Zusammenarbeit in den Klassenteams hat es natürlich auch begünstigt, dass sich das Thema für uns einfach ganz natürlich entwickelt hat.

Wie waren die Rahmenbedingungen zu der Anfangszeit eurer Auseinandersetzung mit dem Thema Inklusion und welche Reaktionen habt ihr bekommen?

Von den Rahmenbedingungen war es eigentlich schon immer so, dass diese hier am Standort eigentlich nicht optimal sind. Das ist, denke ich, im Bereich der Ganztagsschule ein grundsätzliches Problem. Da gibt es viel Entwicklungspotenzial sowohl was die Räumlichkeiten betrifft, als auch bei der personellen Ausstattung. Für uns war klar, dass wir die Rahmenbedingungen nicht so stark gewichten, so dass wir sagen, wir können damit nicht starten. Deswegen lag der Fokus gar nicht auf den Rahmenbedingungen. Uns war am Anfang wichtig, dass wir die Stellenanteile haben, die wir benötigen um gut in dem Bereich arbeiten und alle Kinder gut in die Gesamtgruppe integrieren zu können. Da waren wir immer in einem großen Auseinandersetzungsprozess mit allen Beteiligten und von so her ist die Ausstattung bei uns, auch über die Anteile der Förderbedarfe, eigentlich relativ stabil gewesen. Also hatten wir eigentlich immer ganz gute Bedingungen um zu starten. Das muss man definitiv sagen. Und auch unsere räumlichen Bedingungen sind im Vergleich zu anderen Ganztagsbereichen so, dass wir von Schule auch immer Schulräume mit nutzen konnten um Angebote mit den Kindern durchzuführen. Und das hat sich jetzt durch den Prozess natürlich die letzten Jahre noch verbessert.

Bei den Reaktionen war es bei den Eltern so, dass sie im Grunde kein anderes Arbeiten kannten, da wir Kinder nie aus der Gruppe herausgenommen haben um sonderpädagogische Angebote zu machen. Aber als wir dann anfingen konkret darüber zu sprechen und auch gerade in Bezug auf die Offene Arbeit waren immer auch erst mal Vorbehalte der Eltern da. Gerade von den Eltern mit Kindern mit Förderbedarf gab es viele Fragen: Wird mein Kind genügend in der Gruppe gefördert? Geht es in der Gruppe nicht unter? Kommt mein Kind nicht zu kurz? Also wir waren mit diesen Vorurteilen, die auch überall in der Presse diskutiert werden, konfrontiert und mussten uns damit auseinander setzen und entsprechend unsere Arbeit transparent machen.

Und von Schul- und Trägerseite. Wie waren da die Reaktionen?

Die Frage ist ein bisschen schwierig zu beantworten, weil das eine prozesshafte Geschichte war. Wir haben nicht mit dem Gongschlag gesagt: so und ab jetzt schreiben wir uns Inklusion auf die Fahne. Sondern es war wirklich ein Prozess. Und innerhalb von dem Prozess ist dann auch dem Träger und auch den Schulen langsam klar geworden was hier gerade bei uns im Ganztag passiert. Wir haben uns gefragt, welchen Weg wir einschlagen, wo bilden wir uns fort, wo gehen wir in die Tiefe, wo verändern wir auch nochmal unsere Systeme? Wo schauen wir hin und wo passiert Ausgrenzung? Wo ist Teilhabe nicht möglich? Und die Reaktionen an sich sind von allen Seiten eigentlich sehr positiv, da gab es immer Unterstützung von allen Seiten. Und es wurde zum Beispiel von Trägerseite geschaut, wie man das Thema auch nochmal stärker in den Fokus rücken kann. Sabine Tönnis, Fachberatung im Bereich Kinder- und Jugendhilfe und Schule beim Träger FiPP e.V. und ich machen für den Ganztag jetzt trägerintern die AG inklusive Bildung im Ganztag. Der Träger hat das Thema auch durch die jährliche Arbeitstagung stärker in den Fokus gerückt, was uns natürlich als inklusive Einrichtung freut.

Wie viel Vorkenntnisse hattet ihr zu dem Thema Inklusion und wie sah eure fachliche Ausgangsbasis aus? Woran konntet ihr anknüpfen und gegebenenfalls aufbauen?

Das ist meine Lieblingsfrage. Im Grunde ist es so, dass das Thema Inklusion erst mal so im Raum stand und im Grunde wusste eigentlich keiner so richtig, was es denn ist und wo es herkommt und was anders ist im Vergleich zur Integration. Wir haben gesagt, wir starten einfach, wir lesen uns in die Thematik ein, wir besorgen uns Bücher. Es gibt viel Literatur dazu und wir schauen jetzt erst mal mit welchen Materialien wir arbeiten wollen. Und wir warten nicht und sagen: wir brauchen hier und da noch eine Fortbildung, sondern wir haben gesagt wir machen uns auf den Weg. Ich glaube das war auch so das, was uns alle letztendlich in dem Prozess geprägt hat, dass wir uns die Dinge selber erarbeitet haben. Natürlich ist Fortbildung wichtig. Aber ich denke, dass viel aus sich selber heraus erarbeitet werden kann und im Grunde hatten wir nicht den Inklusionsfachmann hier im Team oder die Inklusionsfachfrau. Auch haben wir ebenfalls angefangen in unseren Teamkonzeptionstagen immer Inklusionstage einzubauen.

Welche Rolle spielten die Schule und der Träger bei der Umsetzung des Vorhabens? Ein bisschen hast du das bereits angedeutet. Kannst du das noch etwas vertiefen?

Beide Schulstandorte waren an einem sehr unterschiedlichen Punkt. Der Fokus der Birken-Grundschule war eher so, dass die interkulturelle Arbeit eine größere Rolle gespielt hat, wobei in der Schule am Grüngürtel die integrative Arbeit wiederum im Fokus stand. Beide Punkte haben in der Inklusion einen großen Stellenwert und hier in der Mitte bei uns trifft alles zusammen. Von so her hatten wir eine gute Schnittmenge. Mit den Schulen sind wir jetzt auch in der Gesamtentwicklung gesehen mit dem inklusiven Campus auf einem guten inklusiven Weg.

Kannst du rückblickend einige Stationen beziehungsweise Schritte benennen, die aus heutiger Sicht entscheidend für den Prozess waren und die zu dem aktuellen Stand, wie wir ihn heute vorfinden, beitrugen?

Was ganz ausschlaggebend war, war tatsächlich die Einführung der Inklusionstage in den Teamtagen, wo wir uns mit dem Thema ganz gezielt auf unterschiedlichen Ebenen auseinandergesetzt haben. Und ganz entscheidend war am Anfang wirklich, sich mit dem Gesamtteam anzuschauen, was die Unterschiede zwischen Integration und Inklusion sind. Dort passieren einfach viele Schnellschüsse – die Inklusion ist nichts anderes wie die Integration etc. Aber es ist etwas anderes, es ist nochmal eine andere Haltung dahinter und es ist ein anderer Ansatz. Wir haben uns sehr viel mit den Materialien von Hinz und Boban auseinandergesetzt, wo das ja auch sehr schön auseinandergepuzzelt wird, was die Unterschiede sind. Zu diesem Zeitpunkt gab es auch die ersten Aha-Effekte. Ganz entscheidend war auch zu schauen, wo die Einrichtung eigentlich steht. Also letztendlich eine Analyse zu machen, wo wir schon inklusiv arbeiten und wo wir noch integrativ arbeiten. Und wir haben auch eine Analyse gemacht, wo Kinder in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind. Ebenso haben wir uns sehr schnell darauf verständigt, dass, wenn wir von Inklusion sprechen, es nicht auf die Kinder mit Behinderungen begrenzen, sondern es gleich immer im Großen diskutieren. Und das waren glaube ich ganz wichtige Stationen. Darüber hinaus war auch von Anfang an klar, dass die Fachkräfte für Integration hier Teil des Teams sind. Das war auch nochmal ein ganz wichtiger Aspekt genauso, dass wir Kinder nicht separieren. Wenn sie einen Förderbedarf haben, sind sie ganz normal Teil der Gruppe, haben eine Förderplanung, werden aber in den Angeboten nicht extra herausgeholt. Es gibt keine Sprachfördergruppe oder dergleichen, sondern es ist tatsächlich in dem Angebot von jedem Erzieher, von jedem Pädagogen die Aufgabe, innerhalb der Angebote zu differenzieren. Also nach dem Motto, was man ja auch oft in der Inklusion hört und jetzt auch schon publiker ist, dass die Kinder sich nicht nach dem System richten müssen, sondern das System nach den Kindern. Das ist unser Credo, bei dem wir auch sehr schnell gesagt haben, dass das genau der Punkt ist, um den es, wenn man es jetzt ganz weit auf den Kern herunter bricht, geht. Da wollen wir immer ansetzten. Ich glaube das war auch eine ganz wichtige Station.

Gucken wir ein bisschen auf die Gegenwart. Wie sieht der aktuelle Stand in Bezug auf das Thema Inklusion aus? Was hat sich seitdem auch nochmal maßgeblich verändert zum Beispiel auf der Teamebene, auf der Konzeptebene, auf der Angebotsebene und auf der Ebene der Zusammenarbeit mit den beiden Schulen?

Ich glaube auf der Teamebene ist der Blick erst mal differenzierter geworden und zwar nicht nur für die Kinder mit Behinderungen sondern tatsächlich für alle Kinder. Und auch auf der Teamebene das lösungsorientierte Herangehen an Schwierigkeiten hat sich als Grundhaltung etabliert.

Das finde ich einen sehr schönen Prozess. Es gibt irgend eine Problematik, irgend eine Herausforderung, dann ist nicht der Tenor, das geht nicht, das können wir nicht, das schaffen wir nicht, sondern es ist erst mal diese Überlegung im Team da zu sagen, okay jetzt haben wir irgendwie eine Herausforderung, wie gehen wir sie an, welche Möglichkeiten gibt es. Da hat sich in diesem ganzen Inklusionsprozess ganz viel entwickelt. Auf der Teamebene hat eine fünfjährige Auseinandersetzung auch auf der Fachebene stattgefunden. Und die Kollegen haben sich mit ganz unterschiedlichen Aspekten der Inklusion auseinandergesetzt und von so her ist auch eine hohe Fachkompetenz bei jedem Einzelnen da und nicht nur bei den Fachkräften für Integration, sondern bei allen Pädagogen vor Ort.

In der Angebotsebene gab es z.B. eine stärkere Ausrichtung in den Bereich Psychomotorik und Bewegung. In der Bücherei z.B. ist die Struktur sehr deutlich zu erkennen so dass alle Kinder diese gut nutzen können und nicht nur die Kinder, die kognitiv sehr fit sind. Auf der Angebotsebene hat sich aber auch bei den Ausflügen viel verändert. Wir schauen vorher immer wie die Bedingungen vor Ort sind, ob alle Kinder das Angebot gut nutzen können und wenn wir ein Museum besuchen gehen dann wird vorher überprüft, ob das ein Angebot ist, wo alle Kinder teilhaben können. Also da hat sich der differenzierte Blick ganz klar entwickelt.

Und auf der Konzeptebene?

Inklusion zieht sich wie ein roter Faden durch unser Konzept. Wir haben uns aber auch dazu entschlossen in unserer Konzeption einen extra Punkt daraus zu machen. Aber es fließt in alle anderen Bereiche mit ein. Und das ist, glaube ich, auch so das ausschlaggebende, Inklusion nicht nur als einen Punkt zu sehen, sondern, es muss sich in allen Bereichen abbilden. Auf der konzeptionellen Ebene ist auch nochmal dazu zu sagen, dass wir es als einen Prozess verstehen, es ist etwas, was auf Entwicklung basiert und nichts Festgeschriebenes. Auch ist konzeptionell verankert, dass wir nicht nur in unseren Inklusionstagen mit dem Thema arbeiten, sondern auch kontinuierlich über das Jahr. Wir haben zwei Besprechungen in der Woche, eine pädagogische und eine organisatorische Dienstbesprechung. In der pädagogischen Dienstbesprechung finden Fallbesprechungen statt, es ist aber auch so, dass dort an dem Thema Inklusion auf den unterschiedlichen Ebenen weitergearbeitet wird.

Und mit dem Blick auf Schule? Was hat sich vielleicht durch den Prozess in der Zusammenarbeit mit den beiden Schulen verändert?

Was sich am Standort entwickelt hat ist, dass wir durch den Zusammenschluss der Schulen und unterstützt vom Bezirk unter dem Arbeitstitel Inklusiver Campus arbeiten. Wir sind jetzt auf einem flächendeckenden Weg. Wir waren schon so ein Stück weit am Anfang die Insel sozusagen. Wir haben uns mit dem Thema Inklusion sehr stark auseinandergesetzt. Ich denke auch durch die bezirkliche Entscheidung wird da nochmal ein größerer Prozess daraus und es ist jetzt zum Beispiel auch so, dass es in der Schule eine Fachkonferenz für Inklusion gibt, wo alle Professionen zusammen sitzen und regelmäßig schauen, welche Veränderungen noch am großen Schulcampus geschaffen werden müssen. Es geht natürlich auch noch darüber hinaus. Es waren vor einem halben Jahr Personen aus dem Bezirksamt da, die die Standorte begutachtet haben und auch gesagt haben, dass hier Fahrstühle eingebaut werden müssen. Es ist wirklich ein flächendeckender Prozess, der jetzt in Gang gekommen ist. Ich würde uns da nicht als Motor bezeichnen, sondern einfach nur als ein Teil an einem Campus, der einfach aus einem eigenen Interesse schon früher angefangen hat an dem Thema zu arbeiten.

Wenn ich zu euch in den Ganztagsbereich komme. Gibt es deiner Ansicht nach irgendetwas, woran ich sofort erkenne, dass es sich um einen inklusiven Ganztagsbereich handelt, vielleicht auch im Gegensatz zu einem nicht-inklusiven Ganztagsbereich?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Wir haben uns ganz gezielt davon abgegrenzt, dass wir das jetzt nicht überall plakativ aufzeigen. Ich denke, die Inklusion zeichnet sich nicht dadurch aus, dass man im Eingangsbereich ein Plakat hat, wo dann ein Mensch im Rollstuhl sitzt. Das empfinden wir auch an der einen oder anderen Stelle als plakativ. Wir haben gesagt wir müssen hier jetzt nicht nochmal Inklusion als Schlagwort an die Tür schreiben, sondern die Menschen kommen zu uns und wir haben uns hier sehr viel mit einer Willkommenskultur auseinandergesetzt. Das ist auch ein Teil im inklusiven Prozess, sich mit der Willkommenskultur der Einrichtung auseinander zu setzen. Und ich denke es ist spürbar, wenn hier Menschen zu uns ins Haus kommen, dass sie lächelnde Personen vorfinden und das sie begrüßt werden und es wird eine Offenheit signalisiert, bei der wir sagen: du bist jetzt hier bei uns, welches Anliegen hast du, wie können wir dir weiter helfen. Ich glaube das ist eher so das, was wir uns auf die Fahne geschrieben haben. Es soll spürbar werden von den Menschen, die in der Einrichtung sind und nicht von Zeichen und Piktogrammen.

Auf eurer Homepage habe ich Schlagwörter gefunden wie demokratische Mitbestimmung aller Kinder, Offene Arbeit, Spiel, Entdeckendes Lernen, Partnerschaften mit Eltern, Interkulturelle Arbeit. Was haben diese Schlagwörter, die alle in eurem Konzept stehen mit einem inklusiven Ansatz zu tun?

Ich denke diese Schlagworte sind unsere Arbeitsgrundlage um zu dem Ziel der Inklusion zu kommen. Wenn ich nicht mit demokratischen und partizipativen Methoden arbeite und das in den Angebotsstrukturen nicht zum Tragen kommt, dann kann ich auch nicht inklusiv sein. Wenn nicht alle mitbestimmen und nicht alle mitentscheiden können, dann sind wir in einer hierarchischen Struktur, die mit Inklusion dann auch nichts mehr zu tun hat. auch die Offene Arbeit ist, denke ich, ganz wichtig um der Individualität der unterschiedlichen Kinder gerecht zu werden. Auch die Partnerschaft mit den Eltern gehört immer dazu. Die Eltern sind die Experten für ihre Kinder und deswegen ist die Partnerschaft nicht davon abzukoppeln. Und darum sind das alles die Bausteine die zum inklusiven Arbeiten führen. Ich denke Inklusion ist der große Arbeitstitel, der gefüllt werden muss mit Methoden, mit Didaktik und auch mit einer Haltung. Und genau diese Dinge unterfüttern dann letztendlich die Inklusion.

Also sind deiner Auffassung nach zum Beispiel Entdeckendes Lernen, Offene Arbeit und Spiel geeignete Methoden für den inklusiven Prozess?

Ja, auf jeden Fall. Gerade die Arbeit in unserer Lernwerkstatt ist tatsächlich eine Bereicherung für alle Kinder. Wenn Menschen unser Haus besuchen und in unsere Lernwerkstatt gehen oder auch in die anderen Räume, wo das entdeckende und forschende Lernen ein Thema ist, kommt oft die Frage, ob die Kinder mit geistiger Behinderung hier überhaupt ankommen und überhaupt einen Zugang finden. Und ich muss das ganz klar mit Ja beantworten. Gerade die Kinder, die in Schule manchmal im Tagesablauf an bestimmte Themen nicht immer angebunden sind, finden hier im Nachmittag über dieses Konzept der Lernwerkstatt eine andere Differenzierung. Alle Kinder kommen dort tatsächlich an und jeder wird einfach an seinem Punkt abgeholt. Der eine beschäftigt sich vielleicht irgendwie drei Wochen nur mit dem Zusammenstecken von Klopapierrollen und dann ist es aber in dem Moment das Lernfeld des Kindes, während ein anderes Kind sich vielleicht mit dem Bauen des Flugzeugs auseinandersetzt. Und wir werten es nicht, sondern es geht auch da um den Prozess des einzelnen Kindes und nicht um das Ergebnis. Das begünstigt die Inklusion dann natürlich auch nochmal.

ENDE Teil I

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews.

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