„Wir haben gesagt, wir starten einfach“ – Interview mit Claudia Vatter, Leiterin des Ganztagsbereichs „GrüneBirke“–Teil II

Foto: Claudia Vatter

Habt ihr im Team des Ganztagsbereichs einen gemeinsamen Begriff von Inklusion und was ist Inklusion für euch? Du hast es ja eben schon angedeutet, vielleicht nun nochmal etwas konkreter.

Also wir haben keinen Leitsatz oder dergleichen speziell für die Inklusion entwickelt. Wir haben uns in unserem Konzept sehr viel mit dem Bild vom Kind auseinandergesetzt und ich denke, das ist auch unsere Grundlage, mit der wir arbeiten. Ansonsten ist es so, dass die klassische Definition bei der es um die Teilhabe aller geht, das ist, was uns leitet. Von so her gibt es nicht den gemeinsamen Begriff, den wir haben. Und ich finde es auch wichtig, wenn wir über Inklusion sprechen, dass eben dieser Ansatz gilt, es sind eben nicht alle gleich. Deswegen ist es wichtig auch in den Erziehungsstilen eine große Vielfalt zu haben. Auch das bedeutet für mich Inklusion. Es gibt hier Kollegen, die arbeiten stärker nach dem erlebnispädagogischen Prinzip, es gibt Kollegen, die arbeiten stärker angelehnt an montessorische Inhalte. Es gibt Kollegen, die sind laissez-fairer, es gibt Kollegen, die sind konsequenter in der Arbeit. Also es gibt da eine große Bandbreite. Genau diese Vielfalt und das auch auszuhalten auch das ist Inklusion. Weil mit genau dieser Erziehungsvielfalt kann man wiederum auch alle Kinder ansprechen und die Kinder finden dann sozusagen ihren Partner, ihren Erzieher. Beziehungsweise schauen wir auch, welches Kind braucht denn gerade welchen Erziehungsstil. Deswegen haben wir das nicht festgeschrieben, sondern befinden uns in einem stetigen Prozess. Diese Unterschiedlichkeit auch auf der Ebene zu leben und auch da vielfältig zu sein.

Was ganz konkret bedeutet Inklusion im Ganztagsbereich?

Ich denke, das, was ich davor gesagt hab, ist für uns eigentlich gelebte Inklusion. Es kommen sehr viele unterschiedliche Kinder im Schulkontext an und für uns ist Inklusion immer auf den ganzen Tag zu schauen, es nicht separiert zu sehen. Hier ist der Schulalltag und da ist der Ganztags-Freizeitbereich. Sondern für uns bedeutet Inklusion den Ganztag zu betrachten und das Familiensetting und das Sozialraumsetting. Arbeiten im Netzwerk und in Kooperation das ist ein wichtiger Schlüssel im inklusiven Arbeiten.

Was sind deiner Ansicht nach Gelingensbedingungen für die Umsetzung von Inklusion im Ganztagsbereich?

Eine Gelingensbedingung ist tatsächlich ein guter Teamprozess. Das Thema darf nicht aus dem Fokus rücken. Es reicht nicht aus, sich einmal mit dem Thema Inklusion auseinander zu setzen und dann ist es vorbei. Ich denke schon, dass es eine Leitungsaufgabe ist, das Thema Inklusion und alles was dazugehört immer wieder zu thematisieren und auch mit unterschiedlichen Methoden im Team zu platzieren und es tatsächlich das Jahr über nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Das ist für mich eine Gelingensbedingung. Eine weitere Gelingensbedingung sind natürlich auch immer die gesicherten Ressourcen. Das ist dann die politische Ebene auf der man einfach aktiv bleiben muss und auch wenn es mal Rückschläge gibt oder wenn auf der Ebene mal was nicht perfekt in die Wege geleitet wird, dann nicht zu resignieren und zu sagen, da verändert sich ja eh nichts oder da haben wir jetzt schon wieder nicht die Finanzierung dazu, jetzt machen wir das einfach nicht mehr. Also da auch den Biss zu entwickeln dran zu bleiben.

Was sind deiner Ansicht nach Stolpersteine für die Umsetzung von Inklusion im Ganztagsbereich?

Es ist nach wie vor die personelle Ausstattung, die könnte natürlich nochmal besser und auch gesicherter sein, insbesondere dass auch der Krankenstand entsprechend mit einberechnet wird. Kinder, gerade die auch auf pflegerische Hilfe angewiesen sind, benötigen diese eben täglich egal wie viele Personen vor Ort sind. Und ein weiterer Punkt gerade im schulischen Kontext ist der, dass die Kinder mit Förderbedarf morgens ein Verfahren haben, wo es um den Förderstatus geht und im Nachmittagsbereich haben wir auch nochmal ein Verfahren dazu. Die Schule schreibt Förderpläne, wir schreiben Förderpläne. Da ist das Kind in der Testung, bei uns ist das Kind in der Testung. Also das sind Dinge, bei denen ich denke das das Stolpersteine sind. Das sind Personalressourcen, die dort rein fließen, die nochmal anders gebündelt werden könnten. Ganz klar erhoffen wir uns auch, dass im Zuge einer Verabschiedung des Inklusionskonzeptes auf der Berliner Ebene, mehr in den Fokus rückt, dass Ärzte, Therapeuten, Ergotherapeuten vor Ort am Standort Schule arbeiten. Es ist schon ein wahnsinnier Aufwand, alle miteinander zu verknüpfen. Wenn alles an einem Standort ist, würde es einfacher werden. Das sind nach wie vor Stolpersteine. Ebenso, dass die Diagnostik für die Kinder unheimlich lange dauert. Und natürlich hätten wir hier auch gerne einen Therapieraum. Ich weiß, das ist alles jammern auf sehr hohem Niveau. Vielleicht noch ganz praktische Stolpersteine. Man braucht sich auch keine Illusionen machen. Es ist so, dass Kinder, ich grenze es jetzt mal ein auf Kinder mit Behinderung, nicht immer Spielpartner in der Gruppe finden, nur weil wir inklusiv arbeiten. Das ist nicht etwas, wo automatisch alle lieb und nett miteinander sind. Das muss man realistisch betrachten und sich dementsprechend auch darauf einstellen. Wir befinden uns hier nicht in einem Feld, in dem man sagt, wir arbeiten jetzt inklusiv und die Kinder mit Behinderung sind Teil der Gruppe und haben ganz viele Freunde und sind wunderbar eingebunden. Das ist ein Weg und manchmal funktioniert es und manchmal funktioniert es nicht. Und da müssen wir uns auch den Grenzen bewusst sein.

Du hattest ja vorhin gesagt, dass ihr im Team schon seit langem im Prozess seid und auch sehr intensiv zum Thema Inklusion gearbeitet habt – theoretisch, konzeptionell und inhaltlich. Ich weiß nicht wie die Fluktuation der Mitarbeiter_innen bei euch im Team aussieht. Ist das vielleicht auch nochmal ein Stolperstein, wenn neue Kolleg_innen kommen? Wie geht ihr damit um? Oder ist es eher kein Problem, sie mit einzubeziehen und den Prozess weiter fortzusetzen?

Wir haben ein relativ stabiles Stammteam, was jetzt seit 2007/2008 hier am Standort gearbeitet hat und auch noch arbeitet. Natürlich haben wir eine ganz normale Fluktuation. Aber das sind tatsächlich nicht viele Personen, die uns verlassen oder dazukommen. Und die Personen, die neu zu uns ins Team kommen, die wachsen in das Thema mit rein. Sie erhalten sowohl einmal von mir als Leitung, wie aber auch von der Patin einen Einblick in unseren Prozess. Sie lesen unsere gesammelten Arbeitsergebnisse und sind dann relativ schnell in dem Thema drin. Es ist auch eine Grundzugangsvoraussetzung, sage ich jetzt mal, um bei uns arbeiten zu können. Wer sich bis dato nicht mit dem Thema Inklusion auseinander gesetzt hat und das ist ein Anspruch, den ich in der Zwischenzeit habe, bei Pädagogen müssen eigentlich in der Zwischenzeit zumindest Grundkenntnisse zum Thema Inklusion da sein, wer das nicht hat, der ist bei uns auch nicht am richtigen Platz. Man muss dafür bereit sein. Das muss man sich vorher überlegen und die Frage stelle ich jedem einzelnen. Von so her treffe ich da schon ein Stück weit auch eine entsprechende Auswahl.

Die nächste Frage hattest du im Laufe des Gesprächs auch schon angedeutet. Nun gehen wir nochmal etwas genauer darauf ein. In den Diskussionen zum Thema Inklusion tauchen immer wieder die zwei einander gegenüber stehenden Pole auf – nämlich Inklusion als Ressourcenfrage auf der einen Seite und Inklusion als Haltungsfrage auf der anderen Seite. Wie geht ihr im Ganztagsbereich mit der Ressourcenfrage in Bezug auf das Thema Inklusion um und welche Bedeutung haben die Ressourcen für euren Prozess und was bedeuten vielleicht auch mangelnde Ressourcen für diesen?

Diese Frage taucht immer wieder auf und wir versuchen das in der Waage zu halten. Wenn man sich zu sehr nur auf die Haltung konzentriert und auf der Ebene ist und die Realität nicht mehr im Auge hat, dann ist auch eine Umsetzung nicht möglich. Dann schwebt man tatsächlich in einem Bereich in dem man ganz viele tolle Ideen hat, sie aber nachher nicht umgesetzt kriegt. Und genauso anders herum. Wir wollen uns nicht nur auf die Ressourcenfrage konzentrieren. Wenn wir uns nur darauf konzentrieren, dann würden wir an den Punkt kommen und sagen, das geht nicht und dieses geht nicht und das ist nicht umsetzbar. Deswegen versuchen wir da wirklich eine Balance zu halten und auf beiden Ebenen zu gucken was wir verbessern, was wir erreichen können. Ich denke, da ist Vieles möglich und man kann immer wieder einen Fördertopf auftun. Man kann aber auch mit den Mitteln, die da sind, kleine Veränderungen schaffen. Und ich denke darum geht es und von so her beschäftigen uns diese Fragen, aber sie sind nicht unser Fokus.

Inklusion wird ja immer als etwas Prozesshaftes beschrieben. Du hast es ja auch gesagt, dass es ein Prozess ist. Du hast ja auch schon erzählt, wie ihr den Prozess am Laufen haltet, so dass er im Alltagsgeschäft nicht unter geht. Aus meiner Praxis weiß ich, dass das recht schnell passieren kann. Man hat es vor und dann verschwindet es, weil dann andere Sachen im Fokus stehen. Du hast gesagt, dass ihr diesen Inklusionstag habt und dann auch im Team das Thema nochmal mit aufgreift. Vielleicht kannst du das noch ein bisschen genauer ausführen, wie ihr den Prozess konkret gestaltet.

In den Teamtagen ist es eigentlich immer so, dass sich aus diesem Inklusionstag immer die Arbeitsaufträge für das Jahr entwickeln, die dann in allen möglichen Bereichen auch umgesetzt werden. Wir arbeiten dabei mit Zielvereinbarungen. Wir arbeiten aber auch mit dem Index für Inklusion. Wir haben unterschiedliche Instrumente, wie wir das Jahr über an dem Thema dran bleiben und der Auftakt für das kommende Jahr ist dann immer der Inklusionstag. Aber auch, wie gesagt, in den pädagogischen Dienstbesprechungen gibt es immer wieder Aspekte von Inklusion, die da mit einfließen. Ich arbeite mit einer Spinnnetzanalyse, das ist ein bestimmtes Prinzip, was ich hier für die Einrichtung entwickelt habe. Das ist ein Selbstreflexionssystem zu den unterschiedlichen Punkten, die schon genannt worden sind: Anti-Bias, demokratische Erziehung und so weiter. Damit reflektieren sich die Kollegen nochmal selber – wo stehe ich gerade, welche Aspekte habe ich mehr im Fokus, welche Aspekte habe ich weniger im Fokus. Und das ist auch eine Methode um über das Jahr in der Reflexion darüber zu bleiben. Also letztendlich fließt das Thema Inklusion mindestens 2mal im Monat mit in die pädagogischen Dienstbesprechungen ein. Und auch durch die vielen Fallbesprechungen, die wir haben, ist es natürlich so, dass wir kontinuierlich an dem Thema dran sind.

Was sind deiner Erfahrung nach Reaktion von Eltern, Familien, Erziehungsberechtigten zu dem inklusiven Ansatz hier im Ganztagsbereich? In der medialen Diskussion stehen meiner Auffassung nach häufig Ängste und Befürchtungen im Vordergrund. Du hattest ja vorhin auch schon gesagt, wie Eltern mitunter darauf reagieren. Welche Rolle spielen diese Ängste und Befürchtungen in eurer Arbeit und wie reagiert ihr darauf oder was entgegnet ihr diesen Befürchtungen?

Also die Befürchtungen sind, wie ich vorher schon sagte, mein Kind wird nicht genügend gefördert, mein Kind geht in der Gruppe unter, ihr arbeitet offen, mein Kind verschwindet hier vielleicht, mein Kind hat Trisomie 21 und es verlässt das Schulgelände – wie könnt ihr da für Sicherheit sorgen? Also es sind oft ganz banale Fragen, die die Eltern beschäftigen. Ein ganz wichtiges Prinzip wie wir dem begegnen, ist über eine Bezugserzieherarbeit. Jedes Kind hat einen Bezugserzieher und bei Kindern mit besonderen Herausforderungen sind die Kollegen auch oft zu zweit oder zu dritt für das Kind zuständig. Wir nehmen den Eltern auch durch eine ganz enge Elternzusammenarbeit die Ängste. Da reicht es eben nicht einmal im Jahr ein Entwicklungsgespräch zu machen, sondern da sind mehrere Gespräche notwendig. Da ist ganz viel Tür-und Angel-Arbeit wichtig, um den Eltern eine Rückmeldung zu geben, wie der Tag war. Und auch in den Elternabenden widmen wir uns diesen Themen. Wir haben den Eltern erklärt, wie wir inklusiv arbeiten, was dahinter steckt, was unsere Prinzipien sind und wie wir die Kinder so begleiten, dass hier jedes einzelne Kind einen guten Entwicklungsweg gehen kann. Also die Transparenz, über das, wie wir arbeiten, das nimmt ganz viele Ängste. Wir laden Eltern auch gerne dazu ein bei uns im Alltag zu hospitieren. Wir machen unsere Türen auf und sorgen somit dafür, dass die Ängste genommen werden und das ist glaube ich ein ganz wichtiges Prinzip – die Transparenz der Arbeit.

Werden Ängste und Befürchtungen auch von Eltern mit Kindern ohne Behinderung formuliert?

Ja. Und das reicht wirklich von der Frage, ob es ansteckend ist, was das eine Kind hat bis hin zu dem Wunsch, dass das eigene Kind nicht mit dem behinderten Kind spielt. Also da haben wir wirklich die komplette Bandbreite. Und an der Stelle geht es, glaube ich, auch darum Haltung zu zeigen und auch Vorurteile zu entkräften. Da funktioniert aber nicht der Weg das als Lehrmeister zu tun, sondern da funktioniert tatsächlich nur der Weg es ganz praktisch aufzugreifen. Wir arbeiten viel mit Fotodokumentationen, die überall im Ganztag ersichtlich sind, wo die Eltern immer sehen, wie sind die Kinder hier im Ganztag und was machen sie, was spielen sie. Das nimmt den Eltern dann die Sorge. Und es geht natürlich um Aufklärung.

Welche Veränderungen nimmst du im Laufe des Prozesses hin zu einem inklusiven Ganztagsbereich bei den Schüler_innen war, sowohl positiv als auch negativ? Also welchen Einfluss hat der Prozess auf die Kinder?

Also wir stellen fest, dass sich die Konflikte minimiert haben und die Konflikte an sich werden von den Schülern reflektierter betrachtet. Das war ein sehr spannender Prozess. Die Kinder hier am Standort sehen es als eine Selbstverständlichkeit einem anderen Kind zu helfen. Und da ist es egal, ob das jetzt ein Kind mit Behinderung ist oder ein anderes Kind, was Unterstützung braucht. Diese Hilfsbereitschaft und auch das Sehen des Anderen, die Rücksichtnahme und auch die Wertschätzung für den Anderen haben zugenommen. Die sozialen Kompetenzen der einzelnen Schüler haben sich in dem Prozess tatsächlich verbessert und das spürt man direkt in der Arbeit. Die Schüler, die jetzt bei uns in der 5./6. Klasse sind, sind in der Lage auf einer Ebene Konflikte oder Probleme zu reflektieren, die dann in die lösungsorientierte Richtung gehen. Und das ist sehr schön. Nichts desto trotz gibt es auch Schüler, die auch ganz klar sagen, mit dem einen Kind da will ich nichts zu tun haben oder keine Lust haben gerade zu helfen. Und ich finde das ist auch in Ordnung. Es kommt immer darauf an, wie man dem begegnet. Nur weil ein Kind im Rollstuhl sitzt, sage ich jetzt mal, muss ich es nicht mögen. Und das ist glaub ich nochmal eine ganz andere Auseinandersetzung die wir auch führen müssen.

Welche Rolle und Bedeutung spielen außerschulische Angebote und Projekte zum Beispiel der Kinder- und Jugendhilfe für die Umsetzung von Inklusion im Ganztagsbereich. Du hattest vorhin kurz die Verzahnung im Sozialraum angedeutet.

Ich glaube das ist ganz wichtig. Also gerade wenn ich an unser Ferienprogramm denke. Schule darf keine Insel sein. Ganztag darf keine Insel sein. Damit die Kinder irgendwann wenn sie den Standort verlassen gut angebunden sind, müssen wir den Kindern die Möglichkeiten hier im Sozialraum aufzeigen. Was gibt es noch darüber hinaus, wo kann ich hingehen, wo sind Ansprechpartner, die ich dann vorfinde und so weiter. Ich denke das ist so das, was Kinder- und Jugendhilfe leisten muss und auch kann und auch sollte. Darüber hinaus denke ich, dass dadurch, dass wir auch mit einer großen Altersmischung arbeiten, dass das einfach auch nochmal ganz viel befördert für die älteren Kinder. Sie können daran wachsen verantwortliche Aufgaben zu übernehmen und die jüngeren Kinder sind gut eingebunden in dieses Gesamtsystem. Die Altersmischung, mit der wir hier arbeiten, denke ich, das zeichnet die Kinder- und Jugendhilfe auch aus. Dass sie nicht altershomogen arbeitet, das ist eine Bereicherung für den inklusiven Prozess.

Und welche Bedeutung und Rolle spielen die Schulsozialarbeiter_innen an der Schule für eure Arbeit und für den inklusiven Prozess?

Die Schulsozialarbeit leistet, glaube ich, einen ganz wichtigen Punkt gerade im Vormittagsbereich. Es ist einfach so, dass viele Schüler, viele Familien eine Einzelfallbegleitung benötigen, die wir im Ganztag nicht leisten können. Sei es nochmal konkret mit Eltern bestimmte Gänge zu erledigen, die sie alleine nicht schaffen oder aber auch mit Schülern nochmal im Schulalltag zu arbeiten, wo wir als Erzieher in der Klassengemeinschaft eingebunden sind, der Schüler gerade aber ein Einzel- oder ein Rückzugssetting benötigt. Das ist glaube ich das, wo Schulsozialarbeit ganz wichtig ist. Und natürlich auch im Bereich der Prävention. Und da komme ich nochmal zu einem Bereich, den ich auch ganz wichtig finde – Gesundheit. Gesundheit lässt sich, denke ich, nicht von Bildung absplitten und auch nicht von dem Bereich Inklusion. Gesundheit muss einen größeren Stellenwert bekommen und da kann die Schulsozialarbeit ganz viel präventiv tun, wenn Kinder und Familien auch dort in dem Bereich Unterstützung benötigen.

In welche Richtung meinst du Gesundheit in diesem Zusammenhang?

Gesundheit im Sinne von Beratung. Ich denke die Vermittlung und die Begleitung, den Schritt zu gehen und sich an den Kinder-Jugendgesundheitsdienst zu wenden oder aber an der einen oder anderen Stelle zu schauen, ob wir jetzt in den Kinderschutzbereich kommen. Natürlich ist das der Auftrag von allen Pädagogen hier vor Ort. Aber ich glaube Schulsozialarbeit kann durch ihren Stand dort nochmal gezielter in die Familienstrukturen reingehen. Sie machen Hausbesuche, sie sehen den Zustand von Wohnungen, sehen wo unter Umständen Unterstützung notwendig ist, weil zum Beispiel Verwahrlosung ein Thema ist. Das hat für mich immer auch diesen Gesundheitsaspekt. Und da kann die Schulsozialarbeit viel leisten. Ich war vor kurzem auf einer Studienreise in Stockholm zu dem Thema Integration und Teilhabe und ich war sehr begeistert von dem Prinzip, dass jede Schule eine Schulkrankenschwester hat. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte für den inklusiven Prozess, wäre das eigentlich etwas, was ich finde, was da sein sollte, weil ich denke, das ist ein wichtiges Thema.

Das ist schon die direkte Überleitung zur nächsten Frage. Was wünschst du dir für die Zukunft in Bezug auf das Thema Inklusion im Ganztagsbereich allgemein und konkret für euren Ganztagsbereich „GrüneBirke“?

Also ganz konkret wünsche ich mir hier für unseren Bereich das wir im Prozess, der jetzt auch im Zuge von der Schulfusion weiter läuft, zu einem differenzierteren Miteinander gelangen, das wir Wege zwischen Schule und zwischen dem Ganztag nochmal optimieren und Personalressourcen anders bündeln. Ebenso wünsche ich mir, dass der Aspekt des lebenspraktischen Lernens auch in der Verknüpfung zwischen Ganztag und Schule einen stärkeren Fokus bekommt. Und ansonsten bin ich eigentlich zufrieden mit unserem Prozess. Wir haben als Einrichtung schon ganz früh damit angefangen und wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir sagen, wir genießen jetzt auch mal das, was wir hier für uns geschaffen haben. Wir gehen weiter, wir entwickeln uns weiter, aber wir freuen uns auch an dem Stand, der jetzt gerade da ist. Allgemein wünsche ich mir, dass Menschen die Angst vor der Inklusion verlieren, weil ich denke, die Inklusion ist eine Chance, eine ganz große Veränderung zu schaffen. Da wünsche ich mir, einen Prozess wo sich viel mehr Einrichtungen und viel mehr Schulen damit beschäftigen, die Ängste Stück um Stück abzubauen, auch die Berührungsängste in Bezug auf Kinder mit Behinderung. Ich wünsche mir, dass Stück um Stück erkannt wird welche Entwicklungschance darin liegt, nicht nur für die Standorte, sondern auch für die Gesellschaft allgemein gesehen.

Claudia, ich danke dir für das Gespräch.

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

2 Gedanken zu „„Wir haben gesagt, wir starten einfach“ – Interview mit Claudia Vatter, Leiterin des Ganztagsbereichs „GrüneBirke“–Teil II“

  1. Ich freue mich, so viel gelebte und reflektierte Praxis im System Grundschule verankert zu sehen. Und wünsche allen, an diesen Prozessen der „Teilhabeermöglichung“ immer dranzubleiben.

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