Teil II – „Inklusion ist die Akzeptanz von Vielfalt“ – ein Interview mit Patrick Lang, Leiter des Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrums (SIBUZ) in Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin

Im Juni 2015 eröffnete im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf auf dem Bildungscampus Eichkamp das berlinweit erste Schulpsychologische und inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentrum (kurz SIBUZ). Unter dem Dach des SIBUZ wurde das Schulpsychologische Beratungszentrum (kurz SPBZ) und das zu Beginn des Schuljahres 2014/15 gegründete Beratungs- und Unterstützungszentrum für inklusive Pädagogik (kurz BUZ) zusammengeführt. Das SIBUZ bietet Eltern, Schüler_innen, Lehrkräften, Erzieher_innen und weiterem schulischen Personal die Möglichkeit zur Unterstützung und Beratung bei schulpsychologischen, sonderpädagogischen und inklusionspädagogischen Fragen. Konkret für Pädagog_innen gibt es die Angebote Beratung, Intervision, Supervision, Coaching, Mediation, Fortbildung, Beratung von Schulleitungen und Steuergruppen im Bereich der inklusiven Schulentwicklung, Gewaltprävention und Krisenintervention, Koordination schulischer Prävention und eine Inklusionswerkstatt (mit einer umfangreichen Sammlung an pädagogischen Materialien). Für Eltern und Schüler_innen bietet das SIBUZ schulpsychologische, sonderpädagogische und inklusionspädagogische Diagnostik und Beratung, Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs, Vermittlung außerschulischer Hilfe und Sprachstandsfeststellung und Sprachförderung in der Kita an.

Ich finde diesen Ansatz sehr interessant und habe mich mit dem Leiter des SIBUZ in Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf getroffen und mit ihm zu verschiedenen Themen gesprochen. Das Gespräch erscheint nun als kleine Reihe in 3 Teilen auf inklusionswege.de.

Teil I – Fragen zum persönlichen Werdegang, zur Entstehung und Besonderheit des SIBUZ Charlottenburg-Wilmersdorf

Teil II – Fragen zum Thema Inklusion

TEIL III – Fragen zur Beratungs- und Unterstützungsarbeit des SIBUZ Charlottenburg-Wilmersdorf, zur inklusiven Pädagogik und zur Bedeutung der Kinder- und Jugendhilfe

TEIL II – Fragen zum Thema Inklusion

Als nächstes möchte ich mit Ihnen gerne ein wenig über das Thema Inklusion sprechen. Das Thema Inklusion ist ja sehr umstritten, es werden hitzige und emotionale Diskussionen geführt und nach meinem Empfinden werden in vielen Fällen allein durch die Nennung des Begriffs negative Assoziationen ausgelöst. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für diesen Stand des Themas in der Gesellschaft und auch im System Schule? Stimmen Sie mit meiner Beobachtung überein oder haben Sie andere Erfahrungen gemacht?

Meine Erfahrung ist, dass man, wenn man mit Menschen über das Thema Inklusion intensiv ins Gespräch geht, den von Ihnen angesprochenen Widerstand überwinden kann. Unter Inklusion werden ja ganz unterschiedliche Sachverhalte verstanden. Für mich ist entscheidend, immer wieder zu betonen, dass wir uns schon auf dem Weg zur inklusiven Schule befinden, dass jetzt nicht etwas kommt, bei dem wir ganz am Anfang stehen, sondern bei dem wir uns schon mitten im Prozess befinden. Inklusion hat – wie es Andreas Hinz richtig angemerkt hat – einen visionären Anteil und wird nie vollständig erreichbar sein. Inklusion fungiert jedoch laut Hinz als „Nordstern“ für kommende Entwicklungsschritte. Der Gedanke der Partizipation, d.h. die Menschen mitzunehmen, ist dabei auf dem Weg zur inklusiven Schule von entscheidender Bedeutung, weil die Inklusion nicht etwas ist, was sich von oben verordnen lässt.

Also ist Ihrer Ansicht nach dieser Widerstand eher darin begründet, dass ein unklares und diffuses Bild von Inklusion zum einen herrscht und zum anderen vielleicht auch bestimmte Prozesse schon gelaufen sind, wo die Leute nicht wirklich beteiligt wurden?

Für mich ist es immer wichtig zu klären, was unter Inklusion im jeweiligen Kontext verstanden wird. Der Begriff der Inklusion wird im öffentlichen Diskurs sehr diffus verwendet und meiner Meinung nach sind viele Widerstände – ohne diese bagatellisieren zu wollen – auch auf diese Diffusion zurückzuführen. Mitunter erfolgen Reduzierungen dieses Begriffs: Für einige ist Inklusion z.B. nur eine Sparmaßnahme oder die sofortige Auflösung aller segregierenden Strukturen ohne zusätzliche Unterstützung und es ist natürlich klar, dass ein solches Begriffsverständnis Widerstand hervorruft. Für andere ist Inklusion z.B. wiederum das grundsätzliche Annehmen des jeweils anderen mit seinen individuellen Bedürfnissen, um ihn sozial teilhaben zu lassen – ein Begriffsverständnis, das sehr viel positiver konnotiert ist. Wenn Sie diese Dinge freilegen, entsteht meiner Erfahrung nach weniger Widerstand. Der andere Aspekt, der mir wichtig ist, ist die Frage der Partizipation, die Mitnahme der jeweiligen Akteure vor Ort und die Wertschätzung der Vielfalt an Meinungen, die in diesen Diskussionsprozessen deutlich wird.

Es wird ja immer wieder die Befürchtung formuliert, dass Schüler_innen, die keine Behinderung haben, durch Inklusion benachteiligt werden. Was wäre Ihrer Ansicht nach eine Möglichkeit dem zu begegnen?

Auf dem Weg zur inklusiven Schule ist meiner Meinung nach auffälliges Verhalten von Schülerinnen und Schülern eine besondere Herausforderung. Ich muss streng genommen aufpassen, wenn ich das so formuliere, weil dieser Formulierung letztlich eine individuumszentrierte Sicht zugrunde liegt. Im Grunde handelt es sich um einen systemisch-konstruktiven Prozess, weil ein Verhalten sozial in bestimmter Weise eingeordnet und bewertet wird. Hier ist es wichtig, Kolleginnen und Kollegen intensiv zu beraten und zu unterstützen, aber nicht nur auf einer instrumentellen oder methodischen Ebene, sondern auch auf der Ebene der Haltung. Dass Schülerinnen und Schüler durch die Inklusion benachteiligt werden, denke ich nicht. Und das versuche ich auch immer in Gesprächen deutlich zu machen. Wenn Sie Konflikte in einer Klasse aufgrund von Unterrichtsstörungen oder Verhaltensstörungen haben, ist die Auseinandersetzung damit im Klassenkontext immer für die ganze Klasse ein produktiver sozialer Lernanlass, weil es darum geht, wie ich mit Vielfalt in der Klasse oder mit Schülerinnen und Schülern, die ein anderes Verhalten zeigen, umgehe. Hier gibt es vielfältige Anknüpfungsmöglichkeiten für soziales Lernen der gesamten Klassengemeinschaft. Meiner Erfahrung nach gelingt es gut, Kolleginnen und Kollegen für diese Perspektive zu öffnen. Damit möchte ich jedoch nicht die Herausforderungen, die mit Verhaltensauffälligkeiten einhergehen, bagatellisieren. Ich möchte vielmehr deutlich machen, worin der inklusive Ansatz liegt.

Was bedeutet Inklusion für das SIBUZ und welche Konsequenzen werden daraus gezogen? Gibt es im SIBUZ überhaupt ein einheitliches Verständnis von Inklusion?

Natürlich bildet sich im SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf auch die gesellschaftspolitische Kontroverse um den Begriff Inklusion ab. Es gibt aber einen Grundkonsens einer inklusiven Haltung und das war Teil des Teambildungsprozesses gerade im letzten Jahr. Inklusion ist durchaus kein neues Thema, wenn man es professionsspezifisch betrachtet. Denken Sie an die Humanistische Psychologie, in der viele ähnliche Werte angelegt sind. Bei uns sind einige Kolleginnen und Kollegen tätig, die eine beraterische und therapeutische Ausbildung in diesem Bereich haben. Denken Sie auch an die Integrationspädagogik, die bei uns einige Kolleginnen und Kollegen in den 80er und 90er Jahren mitgestaltet haben.

Grundsätzlich geht aus meiner Sicht der Begriff der Inklusion über den Begriff der Integration hinaus. Ich denke, dass viele Chancen des Begriffs Inklusion vertan werden, wenn man z.B. von „Inklusionskindern“ oder von „Inklusionsklassen“ spricht. Das ist im Grunde eine synonyme Verwendung der Begriffe Integration und Inklusion. Andreas Hinz hat dies sehr gut formuliert, indem er davon ausgeht, dass dem Begriff der Integration ein Zwei-Gruppen-Ansatz zugrunde liegt, d.h. die Kategorisierung von Menschen in „behindert“ versus „nicht behindert“ oder „gestört“ versus „nicht gestört“. Der Begriff der Inklusion geht aus meiner Sicht – und das ist ja die große gesellschaftspolitische Herausforderung – von der Idee der Vielfalt, Heterogenität und Diversität aus. Das ist ein ganz anderer Ansatz, der diesen Zwei-Gruppen-Ansatz überwindet. Das sollte man meiner Meinung nach nicht verwischen.

Heißt das, dass das SIBUZ und Sie ein erweitertes Verständnis von Inklusion, welches alle Dimensionen von Vielfalt betrachtet, haben? Oder begrenzen Sie sich auf Menschen mit Behinderungen? Wie es ja auch häufig der Fall ist in der öffentlichen Diskussion und auch in der Fachdiskussion.

Dem Inklusionsverständnis im SIBUZ in Charlottenburg-Wilmersdorf liegen aus meiner Sicht drei Dimensionen zugrunde. Die erste Dimension ist die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, also die menschenrechtliche Perspektive. Die zweite Dimension ist eine Pädagogik der Vielfalt, wie sie von Annedore Prengel oder anderen konzeptionalisiert worden ist. Das heißt, dass man alle diskriminierungsrelevanten Merkmale in den Blick nimmt. Das können Merkmale wie Behinderung, aber auch Gender, Migrationshintergrund, soziale Schicht usw. sein. Wenn Sie neuere Arbeiten zum Begriff Inklusion betrachten – und das verweist auf die dritte Dimension -, geht es auch um den Abbau von sozialen Barrieren im Sinne von Bildungsbenachteiligung und um Bildungsgerechtigkeit. Sie sehen, dass diese Zielstellungen große Herausforderungen sind, und deswegen ist es aus meiner Sicht immer wichtig, das Prozesshafte auf dem Weg zur inklusiven Schule zu betonen. Inklusion ist kein Zustand, den wir morgen herstellen werden, sondern bei der wir uns in einem Prozess bewegen. Und unsere Aufgabe als SIBUZ ist es, in diesem Prozess beratend und unterstützend mit Blick auf Schule tätig zu sein.

Was ist Ihrer Ansicht nach Inklusion? In wenigen Worten.

Inklusion ist für mich in erster Linie die Akzeptanz von Vielfalt. In dieser Formulierung ist eigentlich alles enthalten.

Ich stelle fest, dass in einigen Fällen das Wort Integration einfach durch das Wort Inklusion ersetzt wird, auf der fachlichen, inhaltlichen, methodischen und individuellen Ebene aber keine wirkliche Veränderung, kein Perspektivwechsel eintritt. Wie grenzen Sie Inklusion von Integration ab? Und woran wird das konkret deutlich, z.B. in den Beratungen?

Für mich ist der Begriff der Inklusion der viel weitergehende Begriff, weil der Integrationsbegriff – wie ich bereits ausgeführt habe – nach meinem Verständnis ein Zwei-Gruppen-Ansatz zugrunde liegt, während der Begriff der Inklusion auf die Dimensionen Vielfalt, Heterogenität bzw. Diversität rekurriert. Wenn sich eine Kollegin oder ein Kollege an mich wendet, weil sie oder er sich überfordert im Umgang mit einem verhaltensauffälligen Schüler fühlt, ist es natürlich klar, dass ich in der Beratung auch auf den Umgang mit diesem Schüler und auf die Belastung der Kollegin oder des Kollegen eingehe. Aber für mich stellt sich auch die Frage, wie die Kollegin oder der Kollege ihren Unterricht didaktisch strukturiert und mit Verhaltens- und Unterrichtsstörungen auch von anderen Schülerinnen und Schülern umgeht. Diese Frage betrifft die ganze Klasse. Wenn z.B. Arbeitsaufträge diffus gegeben werden oder aufgrund mangelnder Binnendifferenzierung im Unterricht einzelne Schülerinnen und Schüler überfordert sind, begünstigt das Unterrichtsstörungen. Die Beratung und Unterstützung zielt dann auf das Lehrerverhalten insgesamt und auf die gesamte Klasse. Dies ist ein stärker systemischer und präventiver Ansatz. Verstehen Sie mich nicht falsch: Mir ist bewusst, dass eine Reihe von Schülerinnen und Schülern ein schwieriges Verhalten zeigt, das für die Pädagoginnen und Pädagogen eine ungeheure Herausforderung darstellt und das wesentlich auf ein schwieriges familiäres Umfeld zurückzuführen ist. Ich will das nicht bagatellisieren. Ich möchte nur deutlich machen, was eine inklusive Beratung und Unterstützung kennzeichnet. Deswegen können Sie inklusive Pädagogik nicht von der Schul- und Unterrichtsentwicklung trennen. Deswegen wäre ein SIBIUZ bei uns in Charlottenburg-Wilmersdorf auch verkürzt, wenn wir uns darauf beschränken würden, nur Einzelfälle abzuarbeiten. Von entscheidender Bedeutung auf dem Weg zur inklusiven Schule ist die systemzentrierte Beratung und Unterstützung im Sinne von Personal-, Schul- und Unterrichtsentwicklung. Und dafür brauchen Sie eine enge Kooperation mit der regionalen Fortbildung und der regionalen Schulaufsicht in ihrem Bezirk.

Welchen Stellenwert hat das Thema Inklusion in Schulen Ihrer Meinung nach für die Umsetzung von Inklusion in der Gesellschaft? Wie beeinflussen sich diese beiden Ebenen Ihrer Ansicht nach?

Natürlich ist die Schule eine ganz wichtige Instanz für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen und in dieser Funktion hat sie eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung. Mir ist aber wichtig zu betonen, dass sich die gesellschaftliche Diskussion der Inklusion nicht nur auf den Bereich der Schule konzentrieren oder gar beschränken darf. Ich sehe im öffentlichen Diskurs zur Inklusion den schulischen Bereich sehr im Vordergrund, aber es sind alle gesellschaftlichen Bereiche aufgerufen, ihre jeweiligen Strukturen und Prozesse unter dem Blickwinkel der Inklusion zu reflektieren und entsprechend umzugestalten.

Hier geht es zu Teil I des Interviews.

Hier geht es zu Teil III des Interviews.

Ein Gedanke zu „Teil II – „Inklusion ist die Akzeptanz von Vielfalt“ – ein Interview mit Patrick Lang, Leiter des Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrums (SIBUZ) in Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin“

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