„Haltung und Umsetzung müssen immer zusammen gedacht werden.“ – ein Interview mit Anett Zeidler

Die „SozDia Stiftung Berlin – Gemeinsam Leben Gestalten“ gründete sich Ende 2013 als Weiterentwicklung aus dem Verein „Sozialdiakonische Jugendarbeit Lichtenberg e.V.“. Die SozDia Stiftung Berlin ist in den Feldern der Hilfen für Jugendliche und Familien, in der Tagesbetreuung für Kinder und im Bereich der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe aktiv.

Im Jahr 2015 führte die SozDia Stiftung Berlin ein Themenjahr zum Thema Inklusion durch. Das Projekt „All Inclusive?! SozDia Themenjahr Inklusion“ wurde sowohl im Voraus, als auch im Nachhinein durch weitere Veranstaltungen begleitet, vorbereitet und nachbereitet. Anett Zeidler, Erwachsenenbildnerin und Projektentwicklerin, leitete das Projekt in der SozDia Stiftung Berlin. Ich habe mit ihr über das Projekt, den Aufbau und die Ergebnisse gesprochen.

 Anett, du hast das Projekt „All Inclusive?! SozDia Themenjahr Inklusion“ in der SozDia geleitet. Bevor wir uns etwas näher mit dem Projekt beschäftigen noch ein paar Fragen zu dir. Was verbindest du persönlich mit dem Thema Inklusion?

Mit dem Thema Inklusion verbindet mich persönlich der Gedanke an den Prozess. Du hast gerade von Projekt gesprochen. Es handelte sich zwar um ein Themenjahr und somit ist es laut Definition ein Projekt, aber Inklusion ist ein fortwährender Prozess, bei dem man kein Ende setzen kann.

Spannend finde ich, dass sich in diesem Prozess auch die eigenen inhaltlichen Schwerpunkte verändern. Bei mir persönlich lag der Fokus vor einem Jahr noch vorrangig auf der Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Mittlerweile verknüpfe ich mit dem Thema auch die Inklusion von Geflüchten in die Gesellschaft oder von Menschen mit den unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen. Diese Themen habe ich bisher nicht unter dem inklusiven Grundgedanken mitgedacht. Inklusion ist eine Haltung und das bedeutet, dass man bestimmte Werte vertritt, die für alle Menschen gelten.

Ein bisschen hast du es ja eben schon angedeutet – was interessierte oder reizte dich daran dieses Projekt, beziehungsweise diesen Prozess zu leiten?

Mich reizte es die Möglichkeit zu haben, Veränderungen bewirken zu können. Inklusion bedeutet für jeden etwas anderes. Und das macht für mich diesen Inklusionsprozess so spannend. Es geht darum, die ganzen unterschiedlichen Stimmen einzufangen und miteinander in Austausch zu bringen und zwischen ihnen zu vermitteln. Es gibt viele Wege der Inklusion und deshalb ist nichts richtig oder falsch. Man kann viele Ansätze vertreten, die aber im Endeffekt alle das gleiche Ziel haben. Nämlich das Ziel, dass wir Menschen in einer Vielfalt gemeinsam leben und unser Leben gemeinsam gestalten wollen. Und das habe ich auch immer wieder in den Arbeitsgruppen und Workshops gemerkt, dass bei dem Thema an vielen Stellen eine unglaubliche Energie und Motivation vorhanden war. Auch wenn vieles manchmal schwierig gewesen ist und überfordernd schien, war der Wille zur Veränderung da. Das hat mich beeindruckt und machte diese Prozessleitung für mich auch so spannend und wertvoll.

Kannst du ein bisschen was zu den Hintergründen erzählen, wie es zu der Entscheidung gekommen ist diesen Inklusionsprozess zu beginnen? Und warum wurde sich für diese Form der Arbeit – ein Themenjahr – entschieden?

Im Jahr 2014 hat sich aus dem Verein „Sozialdiakonische Jugendarbeit Lichtenberg“ heraus die Stiftung SozDia gegründet. Eine Stiftung hat einen gesellschaftlichen Auftrag und eine Vorbildfunktion für den Kiez und für die Stadt. Unsere Stiftungskultur knüpft direkt an die Kultur des Vereins an. Ziel der sozialdiakonischen Arbeit ist es, gemeinsam mit den Kindern, Jugendlichen und Familien Partizipation in der konkreten Lebenswelt, in der sie leben, zu erlangen. Sie werden dabei ermutigt und begleitet ihr Leben eigenverantwortlich, aktiv und positiv zu gestalten. In diesem Sinne heißt unser Motto: Gemeinsam Leben Gestalten.

Unsere Kultur als sozialdiakonischer Träger spielt eine entscheidende Rolle, denn sie wirkt nach innen und nach außen. Deshalb wollen wir uns stets qualitativ weiter entwickeln.

Im Jahr 2014 fand ein Leitungsworkshop mit den Einrichtungsleiter_innen, dem Vorstand und mit vielen Menschen aus der SozDia statt, bei dem erörtert und diskutiert wurde welche Themen uns als Stiftung interessieren und in welchen Bereichen wir uns weiter qualifizieren wollen.

Am Ende des Leitungsworkshops gab es zwei Schwerpunktthemen: Inklusion und Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit den MitarbeiterInnen der SozDia wurde festgelegt, dass zunächst Inklusion, danach Nachhaltigkeit tiefgreifender in den Einrichtungen der SozDia thematisiert werden soll.

Im November 2014 wurde dann ein WorldCafè Tag mit allen interessierten Mitarbeiter_innen veranstaltet. Es sollten so früh wie möglich alle Mitarbeiter_innen am Prozess beteiligt werden. Aus der Diskussion darüber, welche Themen uns unter dem Aspekt Inklusion interessieren und was unser inhaltlicher Fokus sein soll, entstanden fünf Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten: Barrierefreiheit, Gender, Migration, Partizipation und Diversität.

Dem Thema Inklusion kann man sich auf unterschiedliche Art und Weise nähern. Warum wurde sich in der SozDia Stiftung für die Form eines Themenjahres entschieden?

Ich denke im Rahmen eines Themenjahres ist es gut möglich eine Plattform zu schaffen, um sich auszutauschen und dem Thema zu nähern. Ein Themenjahr erstreckt sich über einen überschaubaren Zeitraum, so dass man ein Gefühl vermittelt, dass die neuen Aufgaben auch zu schaffen sind. Ein endlos wirkender Prozess, oder ein Projekt, das zwei bis drei Jahre dauert, läuft Gefahr ergebnislos zu enden. Mit Hilfe eines Themenjahres schafft man einen Projektcharakter, mit kleinen Zielen und man vermittelt das Gefühl, dass Schritt für Schritt vorgegangen wird.

Fraglich ist andererseits natürlich, inwieweit es bei dem Thema Inklusion Sinn macht ein vermeintliches Ende zu setzen, denn nach einem Jahr ist das Themenjahr zu Ende und das ist auch das Gefühl, was bei den Mitarbeiter_innen in Bezug auf die Umsetzung von Inklusion entstehen kann, nämlich dass das erst einmal abgeschlossen ist.

Nun wollen wir ein bisschen genauer auf das Projekt schauen. Was waren die einzelnen Elemente des Themenjahres Inklusion?

Das erste Element war die grundsätzliche Unterstützungsbasis von der Leitungsebene und von den Multiplikator_innen. Darum gab es, wie ich eben schon beschrieben habe, am Anfang des Projektes den Leitungsworkshop. In jedem Prozess gibt es Momente, in denen man vieles in Frage stellt und daher ist diese Unterstützungsbasis als Prozessmotor so wichtig. Dann kann auch geschaut werden, was gerade für den Prozess benötigt wird – z.B. ein fachlicher Input oder mehr Zeit.

Dazu gehört dann auch eine Prozessleitung, beziehungsweise Koordination, um den Prozess wirklich nachhaltig anzuregen.

Ein weiteres wichtiges Element waren auf jeden Fall von Anfang an partizipative Methoden, um alle Mitarbeiter_innen am Prozess zu beteiligen. Denn Inklusion ist auch ein Organisationsentwicklungsprozess. In dem Prozess sollte eine gemeinsame Haltung entwickelt und ein gemeinsames Verständnis von Inklusion geschaffen werden. Es gibt verschiedene Methoden zur Partizipation. Wir haben uns für das erwähnte WorldCafè entschieden.

Das dritte entscheidende Element war der Förderpreis. Der Förderpreis wurde vom Vorstandsbeirat der SozDia Stiftung ausgeschrieben. Mitarbeiter_innen in der SozDia konnten sich Fachbereich übergreifend zusammen finden, ein gemeinsames Projekt starten und sich mit ihren Projekten bei uns bewerben. Die eingereichten Projekte wurden von einer Jury begutachtet und vier Projekte haben jeweils einen Preis in Höhe von 2000€ gewonnen. Das Ziel der Ausschreibung dieses Förderpreises war es, dass die Kolleg_innen innovativ und kreativ sein können und sich Gedanken darüber machen, wie eine inklusive Praxis tatsächlich aussehen kann.

Das vierte Element waren die Treffen der Arbeitsgruppen. Diese fanden sechs bis sieben Mal im Jahr statt. Hin und wieder gab es im Rahmen der Arbeitsgruppen einen fachlichen Input, um die Auseinandersetzungen anzuregen und den Prozess voran zu bringen. Hier wurden zwei Ziele verfolgt: Zum einen, dass Mitarbeiter_innen zusammenkommen, um eine Haltung zu entwickeln. Zum Anderen, um handlungsorientierte Methoden zu entwickeln, die von den Teams in der Praxis nachhaltig für die eigene Qualifizierung genutzt werden können.

Das fünfte Element war, dass sich zum Ende des Themenjahres noch einmal die Leitungsrunde getroffen und geschaut hat, was wir in der Zukunft an weiteren Maßnahmen in der SozDia Stiftung umsetzten wollen. Eine solche Runde ist wichtig, um sich zu vergewissern, ob noch alle in einem Boot sitzen und in die gleiche Richtung segeln wollen.

Als letztes Element haben wir einen Fachtag am 9. Februar 2016 veranstaltet. Hier ging es uns darum hauptamtlich Tätige aus der sozialen Arbeit einzuladen sowie Eltern und Angehörige. Gemeinsam haben wir geschaut, wie jede Einrichtung und jedes Individuum eine inklusive soziale Arbeit umsetzen kann und welche Schritte man gehen muss. In Workshops konnten sich die Teilnehmer_innen zu unterschiedlichen Themen weiterbilden. Der Tag war eine wunderbare Plattform um sich auszutauschen und die Lernspiele auszuprobieren. Die kamen sehr gut an.

Wir hoffen, dass wir das Thema durch die Spiele nachhaltig in die Teams reinbringen und somit das gesamte Team davon profitiert. Das ist auch ein wichtiges Element, das über das Themenjahr hinaus geht.

Was genau sind das für Lernspiele und was ist deren Ansatz?

Die Teilnehmer_innen der Arbeitsgruppen wollten während des Themenjahres gerne als Multiplikator_innen fungieren und die besprochenen Themen und Inhalte aus den Arbeitsgruppen in ihre Teams hineintragen. Und da es auf den Teamtreffen, wie sicherlich in vielen Einrichtungen, immer sehr viel zu besprechen gibt, ist die Zeit meist sehr knapp. So ist der Gedanke für kurze, knackige Reflexionsspiele für die Qualifizierung des Individuums und des Teams entstanden. Einige der Spiele können auch sehr gut auf Elternabenden oder auf Festen von Einrichtungen oder Kiezfesten gespielt werden.

Die Methoden sind handlungsorientiert und so angelegt, dass sie in einer kurzen Zeit zu spielen sind. Ein Lernspiel dauert circa zehn Minuten. Anhand von Fallbeispielen lernen die Teilnehmer_innen zum Beispiel Methoden der Teilhabe von Nutzer_innen oder von Eltern und Angehörigen kennen. Oder sie reflektieren Fallbeispiele einer inklusiven sozialen Arbeit. In einem anderen Spiel lernen sie Kriterien für alternative Kinderbücher kennen und wenden diese an einer Auswahl an Büchern an. Diese Spiele machen sehr viel Spaß. Der Austausch ist garantiert!

Die Lernspiele wurden auch auf dem Fachtag am 9. Februar 2016 präsentiert und können jetzt auch bei uns ausgeliehen werden. Ich habe einen Überblick über die Spiele und die Spielanleitungen online gestellt. Man kann mich aber auch jederzeit anrufen und sich beraten lassen.

Du hast es teilweise schon angesprochen. Vielleicht noch einmal kurz und knapp: Was sollte mit dem Themenjahr Inklusion konkret erreicht werden?

Ein Ziel war es, eine Reflexionsebene zu schaffen, so dass man miteinander ins Gespräch kommt und einen Austausch unter den Mitarbeiter_innen schafft. Sie sollten die Möglichkeit haben ihr Bewusstsein zu schärfen. Das hat, wenn man von einer organischen Organisationsdefinition ausgeht, natürlich auch Auswirkungen auf die Organisation und die Organisationskultur, denn die Organisation lernt ja nur durch ihre Mitarbeiter_innen.

Darauf baute das nächste Ziel auf, nämlich dass wir als Stiftung eine inklusive Kultur ausstrahlen und diese Kultur auch leben wollen.

Weitere Ziele waren handlungsorientierte Methoden für die Berufspraxis zu konzipieren und innovative Ideen und Projekte durch den Förderpreis anzuregen.

Das Themenjahr ist inzwischen beendet. Wie schätzt du in der Auswertung und im Rückblick das Themenjahr in der Umsetzung ein?

Auf der einen Seite war das Themenjahr als Projekt gesehen zu lang. Es bedarf kürzerer Phasen mit klaren Zielen. Haltungs- und Reflektionsarbeit und die praktische Umsetzung inklusiver Ideen und Projekte sollten sich immer abwechseln. Das muss nicht im Jahresrhythmus, sondern kann zum Beispiel im Halbjahresrhythmus stattfinden.

Mitarbeiter_innen hatten diesen Wunsch eingebracht, dass man kürzer gesteckte Ziele nicht nur auf einer Haltungsebene hat, sondern auch auf einer praktischen Umsetzungsebene. So hat z.B. die AG Migration viel über Sprache diskutiert und darüber, wie Menschen, die wenig oder kein Deutsch sprechen oder verstehen oder nicht lesen können, Zugang zu Informationen erhalten können. Also dass man beispielsweise Kitaverträge oder Speisekarten in unserem Ausbildungsrestaurant Kuhgraben oder Infotafeln in der Kita in mehreren Sprachen, in einfacher Sprache und vielleicht durch Piktogramme unterstützt anbringt.

Diese kurz gesteckten Umsetzungsschritte sind wichtig für die Motivation. Denn dann sind konkrete Veränderungen spürbar. Es ist schön, wenn sich meine Haltung oder Einstellung ändert, aber es muss auch Erfolge oder einen Nutzen für meine praktische Arbeit haben.

Auf der anderen Seite ist das Jahr zu kurz. Weil es ist eben kein Projekt, sondern ein Prozess. Und da muss nachhaltiger gedacht werden.

Wie wurde das Themenjahr auf der Ebene der Mitarbeiter_innen angenommen?

Das Themenjahr ist bei den Mitarbeiter_innen sehr gut angekommen und sie haben sich stark in den Arbeitsgruppen engagiert.

Sehr positiv war der fachbereichsübergreifende Austausch in den Arbeitsgruppen. Es ist meiner Ansicht nach immer ein Vorteil, wenn man nicht nur in seinem eigenen Fachbereich schaut, sondern auch andere Perspektiven kennen lernt.

Darüber hinaus hat sich durch das Themenjahr ein Verständnis dafür entwickelt, Inklusion nicht nur als Modewort zu verstehen. Inklusion ist mehr als nur ein Ersatzwort für Integration und bedeutet etwas ganz anderes als Integration. Inklusion betrifft auch nicht nur Menschen mit Behinderungen.

Welche Einflüsse und Auswirkungen hatte und hat das Projekt auf die teilnehmenden Einrichtungen?

In der Beantwortung dieser Frage bleibe ich auf der Ebene der praktischen Umsetzung. Zum Einen haben wir die handlungsorientierten Methoden, die für Teamprozesse genutzt werden können. Zum Anderen haben wir aber auch ganz konkrete Umsetzungsvorhaben, wie beispielsweise die Übersetzung von Kitaverträgen oder die Beantragung von Fördermitteln, um Gebäude, Räume und auch Kitaspielplätze barrierefrei zu gestalten.

Für die Auswirkung und Umsetzung von Maßnahmen spielt der Träger eine entscheidende Rolle. Es hängt viel davon ab, was der Träger auch finanziell ermöglicht. Denn es geht um Dinge wie z.B. Förderanträge, Konzeptentwicklung und Prozessbegleitung. Das Personal, was die Anträge schreibt und die Prozesse begleitet muss ja auch finanziert werden.

Des Weiteren wollen wir perspektivisch unsere Homepage barrierefrei gestalten, was dann wiederum Auswirkungen auf die Einrichtungen haben wird.

Also viele kleine Schritte, hinter denen eine ganze Menge steckt und die viel verändern und bewirken können.

Wie wirkt sich das Projekt darüber hinaus in der Stiftung SozDia aus? Du hast ja eben die Homepage erwähnt. Was sind weitere konkrete Auswirkungen?

Neben der barrierefreien Homepage haben wir weitere klare Ziele. Beispielsweise geht es um eine Veränderung unserer Bewerbungsprozesse. Wir wollen auch unsere Organisationsstrukturen verändern, nämlich in Hinblick auf die Vielfalt z.B. in der Mitarbeiter_innenschaft. So sollen Bewerbungsunterlagen ohne Bild eingefordert und dieses ganz konkret in der Ausschreibung formuliert werden. Wir wollen dadurch signalisieren, dass wir offen sind für vielfältige Menschen. Dieser Ansatz, Bewerbungsbilder wegzulassen, entspringt der Annahme, dass man bei der Begutachtung der Bewerbungsunterlagen einfach vorschnell aufgrund von irgendwelchen Mustern, die man sich durch seine Sozialisation angeeignet hat, handelt und entscheidet. Und dem soll dadurch entgegengewirkt werden. Es ist wichtig zu sagen, dass wir Vielfalt wollen und deshalb einen barrierearmeren Zugang schaffen müssen, um sich bei uns zu bewerben.

Darüber hinaus möchten wir mehr partizipative Mitmachmöglichkeiten schaffen und uns in diese Richtung weiter entwickeln – für unsere Mitarbeiter_innen, für die Bürger_innen und für die Nutzer_innen unserer Angebote. Das umfasst etwa niedrigschwellige Zugänge, Möglichkeiten, Angebote in den Einrichtungen selbst mit zu entwickeln und umsetzen zu können und natürlich eine Vielfalt in Angeboten, Zielgruppen und MitarbeiterInnen.

Und natürlich wollen wir auch unsere Öffentlichkeitsarbeit verändern. Die Sprachenvielfalt soll nicht nur in Kitaverträgen berücksichtigen werden, sondern auch z.B. auf unseren Flyern oder auf Plakaten für Kiezfeste.

Weiterhin finde ich ganz wichtig, dass wir in der Stiftung erreichen, dass sich alle Mitarbeiter_innen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung einsetzten und gezielt dagegen vorgehen. Dafür ist die Haltung wichtig. Aber unter Umständen bedarf es auch eines Beratungs- oder Unterstützungsangebots für fachliche Impulse oder zum Austausch. Es geht also darum, als Organisation mehr Raum und Zeit zur Verfügung zu stellen, um sich mit solchen Problemen auseinander setzen zu können.

Wurde das Themenjahr aus dem Budget des Trägers oder aus Fördergeldern finanziert?

Das Themenjahr finanzierte sich aus den Mitteln der Stiftung. Also z.B. meine Stelle wurde auch durch die Stiftung finanziert und nicht durch Fördermittel bewerkstelligt. Allerdings haben wir für den Fachtag am 9. Februar 2016 einen Förderantrag bei Aktion Mensch gestellt.

In der Diskussion rund um das Thema Inklusion wird immer wieder deutlich, dass Menschen und Institutionen verschiedene Dinge unter Inklusion verstehen. Gibt es in der SozDia ein gemeinsames Verständnis von Inklusion? Und falls es dieses gibt, wie sieht es aus?

Zu behaupten unsere knapp 400 Mitarbeiter_innen hätten ein gemeinsames Verständnis von Inklusion wäre gelogen. Aber wie ich eben schon gesagt habe, hat sich bei den Mitarbeiter_innen insofern etwas getan, als dass klar geworden ist, dass es um Vielfalt, um Teilhabe und um Wertschätzung geht und auch darum, eine eigene Haltung zu entwickeln.

Und was, wie ich finde, sehr befruchtend für den Prozess ist, ist, dass jeder seinen eigenen Fokus hat, wenn es um Inklusion geht. Und davon ausgehend findet ein Austausch auch über Verknüpfungspunkte statt. Das entspricht einem interdisziplinären und intersektionalen Ansatz und um den zu fördern braucht es unterschiedliche Fokussierungen und Schwerpunktsetzungen von den Menschen, die zusammen über Inklusion nachdenken.

Auf eurer Homepage habe ich gesehen, dass für die SozDia Stiftung sozialdiakonische Werte eine wichtige Rolle spielen. Als erstes ist meine Frage was sind sozialdiakonische Werte? Und was können diese sozialdiakonischen Werte und Grundsätze zur Diskussion zum Thema Inklusion beitragen?

Sozialdiakonische Werte, wie wir sie in der SozDia Stiftung verstehen, bedeutet, die Menschen, die im Kiez leben, wahrzunehmen, wertzuschätzen, ihre Bedürfnisse anzuerkennen, gemeinsam Leben zu gestalten und sie nicht auszuschließen. SozDia Stiftung – Gemeinsam Leben Gestalten ist der Name der Stiftung und das entspricht auch unserem Kurs. Wir vertreten das Menschenbild, dass jeder Mensch es wert ist wahrgenommen und respektiert zu werden. Mit diesem Menschenbild, das alle Menschen wertschätzt, bin ich offen gegenüber anderen Menschen. Das ist das starke diakonische Moment.

Und dadurch ergeben sich natürlich auch viele Verknüpfungen zum Thema Inklusion.

Genau. Mein Konfirmationsspruch zum Beispiel heißt: „Lasset uns nicht lieben mit Worten, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ Das ist 1. Johannes 3,18. Und das ist meine Grundlage, nach der ich auch lebe. Ich liebe Worte. Ich schreibe gerne, ich bin Germanistin und Worte schaffen eine Form von Wahrheit und Wirklichkeit. Aber ausschließlich Worte reichen nicht. Ich muss auch handeln. Nur so sehen andere Menschen was ich denke, welche Haltung ich habe und für was ich mit dem Herzen lebe. Das wird mir die letzten Jahre immer bewusster. Dieser Spruch begleitet mich und das ist für mich mein ganz persönlicher diakonischer Gehalt. Und ich finde er passt gut zum Thema Inklusion. Die praktische Umsetzung zählt. Und zwar von jeder einzelnen Person, von Trägern der sozialen Arbeit, von der Politik. Es braucht eine Haltung und es braucht die praktische Umsetzung. Wer nur redet, meint es nicht ernst.

Wie geht es nach dem Themenjahr mit dem Thema Inklusion in der SozDia Stiftung weiter und welche Ideen gibt es bisher?

Unser nächstes Themenjahr ist zum Thema Nachhaltigkeit, wobei wir es nicht mehr Themenjahr nennen wollen. Wir haben aus dem Themenjahr Inklusion gelernt und sehen das jetzt eher als einen Prozess an und weniger als Projekt. Das Thema Inklusion spielt auch beim Thema Nachhaltigkeit eine Rolle. Wir verstehen Nachhaltigkeit in einem ganzheitlichen Sinn, also nicht nur auf der umwelttechnischen, ökologischen Ebene, sondern z.B. auch auf der sozialen Ebene. Nachhaltigkeit auf der sozialen Ebene soll zum Beispiel dadurch umgesetzt werden, dass alle Bürger_innen in gesellschaftliche Gestaltungsprozesse einbezogen werden. Nachhaltigkeit auf einer sozialen Ebene bedeutet ebenso, dass ich dafür sorge, dass sich alle Mitarbeiter_innen in meiner Organisation wohlfühlen und sich nicht ausgeschlossen fühlen, indem ich beispielsweise darauf achte, dass Krankheitsstände nicht zu hoch sind, Krankheitsursachen in der Arbeit vermeide, auf Pausen achte, für die Mitarbeiter_innen sorge und sorgfältig mit ihren Ressourcen umgehe.

In der Organisationsentwicklung wollen wir verstärkt partizipative Methoden einsetzen. In diesem Jahr soll die SozDia-Strategie, in der es auch um das Thema Nachhaltigkeit geht, mit allen Mitarbeiter_innen diskutiert werden. Mein Wunsch ist es, dass in dieser Strategie das Thema Inklusion weiter mitgedacht wird.

Und darüber hinaus wird das Thema Inklusion direkt weiter geführt, z.B. durch die barrierefreie Gestaltung der Homepage oder durch bauliche Vorhaben.

Welche Empfehlungen kannst du nach den bisher gemachten Erfahrungen anderen Trägern und Einrichtungen in Bezug auf das Thema Inklusion mitgeben?

Ich empfehle auf jeden Fall, dass man sich als Träger oder Einrichtung externe, erfahrene Personen als Prozessbegleiter_innen heran holt und darüber hinaus in den Austausch mit Organisationen tritt, die so einen Prozess schon einmal initiiert haben, um nicht schon gemachte Fehler zu wiederholen, sondern es gleich besser zu machen.

Wir hatten auch eine Prozessbegleiterin, die uns die ganze Zeit begleitet und bei den Workshops neue Impulse gegeben hat. Das ist sehr wichtig. Man ist nicht von vornherein Fachexperte in allem.

Dann ist es meiner Ansicht nach wichtig, den Prozess langfristig nachhaltig zu denken, aber diesen, um die Motivation zu fördern, in kurze Schritte aufzuteilen und mit einer praktischen Umsetzung zu verknüpfen. Haltung und Umsetzung müssen immer zusammen gedacht werden. Das ist ganz wichtig.

Ebenso wichtig ist es groß zu träumen, um ein Ziel, eine Vision zu haben. Gekürzt wird dann in vielen Fällen so oder so, aber der Weg bleibt weiterhin klar.

Und am Ende kann man sich auch mal auf die Schulter klopfen und sich und die eigene Arbeit feiern und wertschätzen.

 Anett, ich danke dir für das Gespräch.

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