Passen Inklusionsprojekte und Inklusion zusammen?

Liest man die Überschrift dieses Textes, erscheint unter Umständen ein großes Fragezeichen über dem Kopf, denn diese macht einen Widerspruch auf, der auf den ersten Blick als völlig unsinnig erscheint. Und dennoch möchte ich diesen Gedanken, dass sich Inklusionsprojekte und Inklusion möglicherweise widersprechen, beziehungsweise nicht zusammenpassen aufnehmen.

Inklusionsprojekte

Seit einiger Zeit gibt es in unterschiedlichen Kontexten vermehrt Inklusionsprojekte, so auch in der Jugendhilfe. Diese verfolgen offiziell das Ziel, Inklusion umzusetzen, der Inklusion einen Schritt näher zu kommen, Inklusion voranzutreiben. In vielen Fällen geht es dabei um die Anbindung oder den Einbezug einer festgelegten, auf ein Merkmal reduzierten Zielgruppe (bspw. Menschen mit Behinderungen) in bestehende Angebote der Einrichtung oder die Anbindung oder den Einbezug einer festgelegten, auf ein Merkmal reduzierten Gruppe (bspw. Menschen mit Behinderungen) an und in die Einrichtung mit Hilfe spezieller Angebote.

Inklusion

Bei der Inklusion geht es darum, Strukturen und Angebote zu schaffen, an denen alle Menschen teilhaben können. Menschen dürfen nicht aufgrund irgendwelcher Merkmale ausgeschlossen und diskriminiert, ihnen Zugänge erschwert oder verhindert werden. Jeder Mensch gehört selbstverständlich zu der Gesellschaft und jedem Menschen müssen die gleichen Möglichkeiten zur Teilhabe gegeben werden. Bspw. müssen Angebote der schulbezogenen Arbeit so gestaltet sein, dass ihnen alle Kinder/Jugendliche folgen können. Das heißt, dass z.B. Didaktik, Methoden, Sprache und Inhalte auf den Ausschluss von Kindern hin überprüft und ggf. verändert werden müssen.

Der Widerspruch

Der Widerspruch zwischen Inklusionsprojekten und Inklusion sollte an dieser Stelle schon deutlich werden. Während Inklusionsprojekte gezielt eine oder einige konkrete Zielgruppen ansprechen und diese versuchen einzubinden, geht es bei der Inklusion eher um allgemeine Strukturen, die verändert werden müssen, um alle potenziell einzubeziehen.

Auflösung des Widerspruches

Lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Handelt es sich also nur um einen vermeintlichen Widerspruch?

Die Frage ist, ob es Einrichtungen mit Hilfe von Inklusionsprojekten gelingt, ihre Strukturen nachhaltig zu verändern und inklusiv zu gestalten. Das heißt, ob die Projekte dazu dienen, also ein Mittel dafür sind z.B. eigene Strukturen, Angebote, Methoden kritisch zu hinterfragen, zu reflektieren und Exklusion und Separation zu verhindern, also zusätzlich zu dem Projekt für konkrete Personen auch eine Metaebene der Projektarbeit vorhanden ist. Ist dies der Fall, dann wäre der Widerspruch meiner Ansicht nach aufgelöst.

In einigen Fällen wird der Begriff „Integration“ einfach durch den Begriff „Inklusion“ ersetzt und namentlich wird dann aus einem „Integrationsprojekt“ ein “Inklusionsprojekt“. Inhaltlich verändert sich nichts oder wenig. Diese Projekte sind wichtig und leisten einen wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft. Das Miteinander, die Begegnung, der Austausch verschiedener Perspektiven bspw. von Menschen mit und ohne Behinderungen wird gefördert. Aber mit Inklusion haben sie nichts zu tun. Diese Projekte können den Widerspruch nach meiner Auffassung nicht auflösen, sondern verstärken ihn.

Insofern sollte immer aufmerksam geschaut werden, worum es in dem Projekt geht, was die Ziele sind und wen das Projekt anspricht. Ein inflationär gebrauchter Inklusionsbegriff verwässert ihn und den Anspruch, die Gesellschaft grundlegend zu verändern und umzustrukturieren, also inklusiver zu gestalten.

Fragen anstelle eines Ausblicks

Kann eine nachhaltige Strukturveränderung, ein anhaltender Reflexions- und Veränderungsprozess durch ein Projekt gewährleistet werden? Wozu braucht es die Projektform, um Inklusion umzusetzen/inklusiv(er) zu arbeiten? Verstärkt der Projektcharakter von Inklusionsprozessen nicht eher den Eindruck, dass es sich bei der Inklusion um ein zusätzliches Projekt, das bei vorhanden zusätzlichen Ressourcen ergänzend zur alltäglichen Arbeit durchgeführt werden kann, aber bei Nicht-Vorhandensein nicht durchgeführt werden muss?

Muss der Reflexions- und Veränderungsprozess nicht eher in der alltäglichen pädagogischen Praxis stattfinden um nachhaltig zu sein? 

Wie kann ein Inklusionsprojekt aussehen, das seinem Namen und dem Anspruch gerecht wird?

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