Positionspapiere und Leitlinien zum Thema Inklusion, die trotz ihres Alters nicht an Aktualität verloren haben–Teil II

Schon 2009 hat die Deutsche UNESCO-Kommission e.V. in Kooperation mit Aktion Mensch e.V. eine Publikation mit dem Titel “Inklusion: Leitlinien für die Bildungspolitik” herausgegeben. Mir liegt die 3. erweiterte Auflage von 2014 vor. Hier geht es zu der Publikation.

Die Publikation ist in 2 Themenbereiche aufgeteilt:

Teil 1 – Inklusive Bildung: Hintergründe, Konzept, Umsetzung

Teil 1 – Politische Entwicklungen voranbringen

Im Folgenden benenne ich einige, aus meiner Sicht relevanten Aspekte aus der Publikation in fragmentarischer Form.

Teil 1 – Inklusive Bildung: Hintergründe, Konzept, Umsetzung

1.1 Internationaler Kontext

“Armut und andere Faktoren, die zu gesellschaftlicher Exklusion beitragen, beeinträchtigen individuelle Bildungschancen erheblich. Limitierte Bildungschancen wiederum beeinträchtigen die Chancen von Individuen, der Armut zu entkommen” (S. 7).

Des Weiteren werden in diesem Abschnitt einige Zahlen und Fakten zur Bildungssituation weltweit geliefert und Beispiele für Gruppen genannt, “die im Bildungsbereich ausgeschlossen oder marginalisiert sind” (ebd.). Dazu gehören bspw.: missbrauchte Kinder, Flüchtlinge, Arbeitende Kinder, Migranten, religiöse Minderheiten, von Armut betroffene Kinder, ethnische Minderheiten, Mädchen, linguistische Minderheiten, indigene Völker, Straßenkinder, Kindersoldaten, Frauen, Nomadenkinder, Kinder mit Behinderungen, Landbevölkerung, HIV/AIDS-Waisen (vgl. ebd.).

“Wenngleich insgesamt immer mehr Kinder und Jugendliche weltweit Zugang zu Bildung haben, sind viele dennoch von Lernprozessen in ihren Bildungseinrichtungen weitestgehend ausgeschlossen oder erhalten keine qualitativ gute Lehre” (S. 9).

“Lernerfolge [müssen] breiter verstanden werden: als Wertebildung und als Erwerb von Einstellungen, Wissen und Fähigkeiten, die für die Herausforderungen unserer heutigen Gesellschaft benötigt werden” (ebd.)

1.2 Inklusion im Bildungswesen 

1.2.1 Was ist inklusive Bildung

“Inklusion im Bildungsbereich bedeutet, dass allen Menschen die gleichen Möglichkeiten offen stehen, an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre Potenziale zu entwickeln, unabhängig von besonderen Lernbedürfnissen, Geschlecht, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen”(ebd.)

“Inklusive Bildung geht auf die verschiedenen Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein” (ebd.)

“Dazu bedarf es Veränderungen in den Inhalten, Ansätzen, Strukturen und Strategien im Bildungswesen. Diese Veränderungen müssen von einer gemeinsamen Vision getragen werden, die alle Menschen einbezieht, und die von der Überzeugung getragen wird, dass es in der Verantwortung des regulären Systems liegt, alle Lernende angemessen zu unterrichten” (ebd.).

1.2.2 Meilensteine au dem Weg zur inklusiven Bildung

– die Erklärung von Jomtien – 1990 mit dem Titel “Bildung für alle” und dem Ziel Bildung für alle zugänglich zu machen

– Salamanca-Erklärung – 1990 – Weltkonferenz “Pädagogik für besondere Bedürfnisse: Zugang und Qualität” mit dem Ziel von inklusiver Bildung in der Schule

– Weltbildungsforum Dakar – 2000 Aktionsplan und Weg für inklusive Bildung als eine der wichtigsten Strategien, um den Herausforderungen von Marginalisierung und Exklusion zu begegnen” (S.10)

– darüber hinaus gibt es noch verschiedene internationale Erklärungen und Übereinkommen, die inklusive Bildung beinhalten – so z.B. die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

(Vgl. S. 9f.)

1.2.3 Warum lohnt sich inklusive Bildung?

– pädagogische Begründung: “Da inklusive Bildungsinstitutionen alle Kinder gemeinsam unterrichten, müssen sie mittel und Wege finden, bei der lehre auf individuelle Unterschiede einzugehen. Davon profitieren alle (S. 11).

– soziale Begründung: “Inklusive Schulen können durch den gemeinsamen Unterricht Einstellungen zu Vielfalt positiv verändern. Sie bilden damit die Basis für eine gerechte und tolerante Gesellschaft” (ebd.).

– ökonomische Begründung: “International wird davon ausgegangen, dass es auf lange Sicht wirtschaftlicher ist, Schulen einzuführen und zu erhalten, die alle Kinder gemeinsam unterrichten, als ein komplexes System unterschiedlicher Schultypen beizubehalten, die jeweils auf verschiedene Gruppen spezialisiert sind” (ebd.)

1.2.4 Inklusion und Bildungsqualität

In diesem Abschnitt wird die Verzahnung von Inklusion und Bildungsqualität verdeutlicht und welche Ebenen Bildungsqualität umfasst.

1.2.5 Inklusion und Kosten-Effektivität

In diesem Abschnitt werden einige Aspekte aufgeführt, die zeigen sollen, inwieweit inklusive Bildung Kosten einsparen kann.

1.3 Inklusive Bildung in Deutschland

“Im Vergleich mit vielen seiner europäischen Nachbarn hat Deutschland Nachholbedarf. Es sind systematische Anstrengungen notwendig, um Exklusion im deutschen Bildungswesen zu überwinden und Inklusion als Leitbild für Bildungspolitik und –praxis zu etablieren” (S. 15)

1.3.1 Gesetzliche Entwicklungen

Es wird in diesem Abschnitt festgehalten, dass die Bundesländer unterschiedlich weit in der Umsetzung von inklusiver Bildung sind. Einige Bundesländer haben ihre Gesetze angepasst und verändert, andere haben dies angekündigt und einige sehen keinen Handlungsbedarf. Es wird auch deutlich gemacht, dass im Bereich Hochschulbildung und Berufsbildung noch viel zu tun ist. (Vgl. S. 15f.)

1.3.2 Strukturelle Entwicklungen

In diesem Abschnitt werden Zahlen und Fakten zu dem aktuellen Stand von inklusiver Bildung genannt.

1.3.3 Qualität inklusiver Bildung

In diesem Abschnitt werden Statistiken genannt, die belegen, dass inklusive Bildung die Lernleistung  von Schüler_innen erhöht.

1.3.4 Kosten inklusiver Bildung

In diesem Abschnitt werden Zahlen zu den Kosten von inklusiver Bildung in Deutschland genannt.

Teil 2 – Politische Entwicklungen voranbringen

“Inklusive Bildung erfordert flexible Bildungsangebote und dementsprechende strukturelle und inhaltliche Anpassungen in formalen Bildungseinrichtungen, wie der frühkindlichen Bildung dem Schulwesen, der Aus-, Fort- und Weiterbildung und dem Hochschulwesen, ebenso wie in der non-formalen und informellen Bildung” (S. 20)

“Einige wichtige Schritte sind:

– Situationsanalysen auf Bundes-, Landes-, und kommunaler Ebene durchführen, um zu bestimmen, welche Handlungsspielräume und Ressourcen vorliegen, und wie letztere zur Förderung von inklusiver Bildung eingesetzt werden sollen;

– Die Gesetzgebung in Einklang mit relevanten internationalen Übereinkommen, Empfehlungen und Erklärungen bringen, um inklusive Bildung zu unterstützen;

– Für das Recht auf inklusive Bildung sensibilisieren;

– Kompetenzausbau vor Ort unterstützen, um die Entwicklung auf dem Weg zur inklusiven Bildung voranzutreiben;

– Die Ausbildung von Fachkräften im Bildungssystem im Hinblick auf Inklusion überprüfen;

– Kurz- und mittelfristig ausreichend Fachkräfte durch qualifizierende Fortbildungen darin unterstützen, Vielfalt nicht als Problem, sondern als Chance für die Bildung und jeden Einzelnen zu begreifen;

– Konsens über die Konzepte inklusive Bildung und Bildungsqualität herstellen;

– Methoden entwickeln, um die Wirkung von inklusiver und qualitativ hochwertiger Bildung zu messen” (ebd.).

2.1 Entwicklung von inklusiven Bildungssystemen

“Betrachtet man Bildung aus der Perspektive der Inklusion […], so impliziert dies, das das Problem nicht beim Kind, sondern im Bildungssystem selber gesehen wird” (S. 21).

“Eine inklusive Bildungseinrichtung muss eine Vielzahl von Arbeitsmethoden und individuelle Förderung bieten, um sicherzustellen, dass kein Lernender von einer aktiven Beteiligung an der Lerngemeinschaft ausgeschlossen ist” (S. 22).

“Oft beinhalten die notwendigen Veränderungen auch die Entwicklung von alternativen und non-formalen Lernformen innerhalb eines holistischen Bildungssystems, um Inklusion auf allen Ebenen zu fördern” (ebd.).

2.2 Herausforderungen für politische Entscheidungsträger

In diesem Abschnitt werden Hauptanliegen und konkrete Handlungsfelder benannt, die für inklusive Bildung und ihre Umsetzung von Bedeutung sind.

Dazu gehören z.B. Einstellungsänderung und politische Entwicklung, Inklusion in der gesamten Bildungsbiographie sicherstellen, inklusive Curricula, Lehrkräfte und deren Ausbildung, Vernetzung in Bildungsregionen, Ressourcen und Gesetzgebung (vgl. S. 23f.).

2.2.1 Änderung von Einstellungen als Voraussetzung für effektive politische Weiterentwicklung

“Inklusion erfordert zunächst einmal eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Einstellungen und Werten” (S. 24).

“Die Bewusstseinsbildung sollte auf einem klaren, gemeinsamen Verständnis von inklusiver Bildung aufbauen und das Ziel einer toleranten und offenen Gesellschaft verfolgen” (ebd.).

Es folgt eine Checkliste für Maßnahmen zur Beeinflussung von Einstellungen.

2.2.2 Gestaltung eines inklusiven Curriculums

“Ein inklusives Curriculum spricht die kognitive, emotionale, soziale und kreative Entwicklung eines Kindes an. Es basiert auf den vier Säulen der Bildung des 21. Jahrhunderts – a) Lernen, Wissen zu erwerben, b) Lernen, zu handeln, c) Lernen, zusammenzuleben und d) Lernen für das Leben” (S. 25).

“Die zu erreichenden Kompetenzen und Bildungsstandards müssen so differenziert und offen formuliert sein, dass gemeinsames Lernen am gleichen Gegenstand auf unterschiedlichen Niveaustufen möglich ist, daraus individuelle Lern- und Entwicklungspläne abgeleitet und Kriterien für eine individuelle Leistungsrückmeldung und –bewertung abgeleitet werden können” (S. 26).

Es folgt eine Checkliste für inklusive Curricula.

2.2.3 Pädagogisches Fachpersonal und Lernumgebung

Der Aus-, Weiter- und Fortbildung des pädagogischen Fachpersonals aller Bildungsstufen kommt bei der Umsetzung inklusiver Bildung eine zentrale Rolle zu” (S. 28).

“Sie [Lehr- und Führungskräfte, Anm. d. Verf.] müssen Gelegenheit erhalten, ihre Praxis gemeinsam zu reflektieren und die Methoden und Strategien in ihren Lerngruppen und Institutionen zu beeinflussen” (ebd.).

Es folgt ein Profil für inklusive Lehrkräfte und eine Checkliste zu pädagogischem Fachpersonal und Lernumgebung.

2.2.4 Vernetzung in Bildungsregionen

“Bei der Umsetzung von inklusiver Bildung sind tragfähige Netzwerke essenziell. Ein abgestimmtes Handeln zwischen Bund, Ländern und Kommunen, zwischen öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft sowie auf kommunaler Ebene ist notwendig.” (S. 31)

“Gefordert sind bei der Umsetzung von Inklusion in der Kommune alle – die Familie, die Nachbarn, Kindergärten und Schulen, Universitäten, Unternehmen, die Gemeinde mit ihren Einrichtungen, zivilgesellschaftliche Vertreter, die sozialen Dienste” (ebd.).

Es folgt eine Checkliste zur Vernetzung in Bildungsregionen.

2.2.5 Unterstützung als Politikkreislauf

“Inklusive Bildungssysteme und Gesellschaften können nur Wirklichkeit werden, wenn sich politische Entscheidungsträger auf allen Ebenen der Notwendigkeit inklusiver Bildung bewusst sind und sich ihrer Umsetzung verpflichtet fühlen” (S. 33).

“Die Priorität von inklusiver Bildung in Politik, Planung und Umsetzung sollte sich in Haushaltsplänen von Bund, Ländern und Kommunen widerspiegeln” (ebd.).

Es folgen Indikatoren für Inklusion im Schulbereich der Europäischen Agentur für Sonderpädagogische Förderung und inklusive Bildung.

Des Weiteren folgt eine Tabelle mit Politischen Anliegen und Maßnahmenempfehlungen für inklusive Bildung.

In der Publikation gibt es einen umfangreichen Anhang (Annex) mit zusätzlichen Informationen.

Annex 1 – “Bildung für Alle” – Die Ziele

Annex 2 – Millenniums-Entwicklungsziele

Annex 3 – Internationale Übereinkommen, Empfehlungen und Erklärungen mit Bezug zu inklusiver Bildung

Annex 4 – Berichte, Aktionspläne, Empfehlungen und Erklärungen aus Deutschland mit Bezug zu inklusiver Bildung

Annex 5 – Bonner Erklärung zur inklusiven Bildung in Deutschland

Annex 6 – Inklusionsanteile im Ländervergleich in Deutschland

Die Publikation schließt mit einer Literaturübersicht

Fazit

Trotz der starken Fokussierung der Publikation auf das System Schule, sind viele angesprochenen Punkte auch für die Kinder- und Jugendhilfe relevant. In einzelnen Ausführungen taucht die Kinder- und Jugendhilfe auch in der Publikation auf, wird aber nicht detaillierter betrachtet. Die allgemeinen Ausführungen zur inklusiven Bildung sind eine gute Grundlage, die eigene Arbeit zu reflektieren und sie in Richtung inklusiver Bildung weiter zu entwickeln. Für Arbeitsbereiche der Kinder- und Jugendhilfe, die im System Schule arbeiten (bspw. Ganztagsbereiche, Schulsozialarbeit) sind klare Aufträge aus den Punkten ableitbar. Für bspw. die Offene Kinder- und Jugendarbeit, Kindertagesbetreuung oder Hilfen zur Erziehung, die ebenso zum Bildungsbereich gehören, müssen sie etwas “übersetzt” und angepasst werden.

Die Publikation bietet meines Erachtens nach eine gute argumentative Grundlage für die Weiterentwicklung der pädagogischen Praxis in Richtung inklusive Bildung und gibt allerhand Material zur intensiveren Auseinandersetzung, sowohl fachlich/theoretisch, als auch praktisch/pädagogisch mit.

Sehr positiv aus meiner Sicht ist auch das erweiterte Inklusionsverständnis, welches das Thema Inklusion nicht nur auf Menschen mit Behinderungen reduziert und Inklusion als Menschenrecht versteht.

Ein Gedanke zu „Positionspapiere und Leitlinien zum Thema Inklusion, die trotz ihres Alters nicht an Aktualität verloren haben–Teil II“

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