Positionspapiere und Leitlinien zum Thema Inklusion, die trotz ihres Alters nicht an Aktualität verloren haben–Teil III

Inklusion: Eine Herausforderung auch für die Kinder- und Jugendhilfe” heißt eine Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums aus dem Jahr 2012.

Im Vorwort von Mike Corsa heißt es: “Inklusion ist Leitbild und Imperativ der aktuellen Debatte um Menschen mit Behinderungen” (S. 4). Und an anderer Stelle werden die Schwierigkeiten benannt, denn “eine bisher segmentierende und damit exkludierende Gesellschaft nach diesen Vorgaben zu reorganisieren, fordert einen breiten gesellschaftlichen Dialog und die Bereitschaft, Systeme aufeinander zuzubewegen in aufmerksamer Wahrnehmung des individuellen Förder- und Unterstützungsbedarfs, den vor allem junge Menschen und ihre Familien haben” (ebd.).

In der Stellungnahme beschränkt sich das Bundesjugendkuratorium bewusst auf Menschen mit Behinderungen.

“Das Bundesjugendkuratorium sieht Inklusion als eine Haltung an, die Gesellschaft verändert und die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen wie auch von Erwachsenen verbessert” (S. 5).

Hier eine fragmentarische, kurze Zusammenfassung der Stellungnahme mit aus meiner Sicht relevanten Aspekten. Die unterstrichenen Zeilen sind entweder Zwischenüberschriften oder fettgedruckte Thesen aus der Stellungnahme, nach denen diese strukturiert ist.

1. Ausgangspunkt: Die UN-Behindertenrechtskonvention

Die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention für die aktuelle Diskussion über Inklusion wird hervorgehoben. Ebenso spielt der Behinderungsbegriff der UN-Konvention eine entscheidende Rolle. Denn die Gesellschaft und ihre Bedingungen und Barrieren stehen im Fokus der Betrachtung und es geht darum “ein gesellschaftliches System der Unterstützung zu schaffen, bei dem die vorhandenen individuellen Möglichkeiten und Potenziale genutzt und ausgebaut werden können” (S. 6). Das bedeutet also: “Im Inklusionsbegriff ist die Herausforderung angelegt, rechtliche, institutionelle und organisationale Verhältnisse so zu gestalten bzw. zu verändern, dass Menschen mit einer Behinderung möglichst nicht eigens in für sie geschaffenen Sonder-Institutionen gefördert und unterstützt werden, sondern wie Menschen ohne Behinderung in gleicher Weise am gesellschaftlichen Leben teilhaben können” (ebd.).

In diesem Abschnitt der Stellungnahme wird auch auf das Inklusionsverständnis Bezug genommen. Der Inklusionsbegriff wurde ausgehend von der Gruppe der Menschen mit Behinderungen im Laufe der Zeit zunehmend losgelöst und um weitere Personengruppen erweitert. Dabei besteht die Gefahr, dass die Kernforderungen der UN-Konvention durch das erweiterte Verständnis aus dem Blick geraten könnte. (Vgl. S.7)

“>>Inklusion<< wird zu einer allgemeinen Leitformel für ein möglichst harmonisches, alle Menschen einbeziehendes gesellschaftliches Prinzip, gegen die sich niemand wenden kann, die aber letztlich unpolitisch wird, weil sie zu wenig mit konkreten politischen Gestaltungsperspektiven verkoppelt ist” (ebd.). Darin besteht die Gefahr.

Deshalb beschränkt sich die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums auf Menschen mit Behinderungen. “Die bewusste Beschränkung auf die Menschen mit Behinderungen folgt der Erkenntnis, dass das Inklusionsprinzip für jede gesellschaftliche Gruppe konkretisiert werden muss und dass durch die UN-Behindertenrechtskonvention ein ausdrücklicher Schwerpunkt bei den Menschen mit Behinderungen gesetzt wurde” (S. 9).

2. Der Auftrag der UN-Behindertenrechtskonvention: Chancengerechtigkeit und Teilhabe in einem inklusiven Fördersystem 

Inklusion heißt Chancengerechtigkeit und Teilhabe

“Zum Grundverständnis moderner demokratischer Gesellschaften gehört es, den gleichberechtigten Zugang der in ihnen lebenden Menschen zu allen Lebensbereichen zu ermöglichen” (S. 9).

Dazu gehören zum Einen Unterstützungsmaßnahmen und Unterstützungssysteme für Menschen, die den Bedarf dafür haben und zum Anderen aber auch eine Weiterentwicklung von Institutionen hin zur Barrierefreiheit. “Die Funktionsprinzipien und Leistungsmaßstäbe von Institutionen müssen also daraufhin überprüft und ggf. daraufhin verändert werden, dass alle Menschen in ihnen ihre Teilhabepotenziale entfalten können” (S. 11). Die Institutionen müssen sich den Menschen anpassen und nicht die Menschen den Institutionen. (Vgl. S.10f.)

Weiterhin geht es darum, “auf der Basis von Aktivitäten zum individuellen Benachteiligungsausgleich eine gesellschaftliche Situation zu schaffen, bei der individuelle Unterschiedlichkeit grundsätzlich nicht zur Hürde für kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe wird” (S. 12).

“Inklusion aus der hier skizzierten Perspektive versteht sich also gerade nicht als Ansatz zur Verminderung gesellschaftlicher Heterogenität. Sie zielt vielmehr auf eine möglichst weitgehende Annäherung von zunächst ungleichen gruppenbezogenen und individuellen Teilhabe- und Verwirklichungschancen in einer gleichermaßen durch Komplexität, Heterogenität und soziale Ungleichheit charakterisierten Gesellschaft.” (S. 13)

Menschen mit Behinderungen haben ein Recht auf Inklusion 

In diesem Abschnitt wird deutlich gemacht, dass es nicht darum gehen kann, gesellschaftliche Gruppen oder Merkmale von Gruppen nicht mehr zu benennen, denn sonst ist es nicht möglich sich für ihre Rechte einzusetzen (vgl. S. 13f.). “Nicht die Bezeichnung ist das Problem, sondern die daran anknüpfende gesellschaftliche Benachteiligung” (S. 14). Gleichwohl geht es um eine Sprachensensibilität – das heißt Sprache, Bezeichnungen und Begriffe müssen reflektiert werden (vgl. ebd.). Die Politik ist insofern gefordert den Spagat zu schaffen zwischen Benennung von Gruppen/Merkmalen zum nachteilsausgleich auf der einen Seite und die Förderung von Menschen nicht nur aufgrund der Etikettierung (vgl. ebd.).

Um Inklusion zu erreichen, müssen Institutionen sich verändern und aufeinander zubewegen

“Ziel einer der UN-Behindertenrechtskonvention entsprechenden Politik und Praxis muss es sein, die Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten verschiedener Institutionen bzw. Leistungssysteme aufeinander abzustimmen und zu bündeln, damit die Leistungssysteme sich in ihren Angeboten und Handlungen auf eine gemeinsame Intention der Förderung von Teilhabemöglichkeiten der betroffenen Menschen ausrichten und auf diese Weise die Besonderheiten einzelner Systeme tendenziell überwinden” (S. 15).

Es darf keine Strukturen geben, die sich nur auf die Defizite von Menschen und ihrer Reduzierung fokussieren (vgl. ebd.).

Inklusion ist eine Gestaltungsperspektive, die bisherige Rechtsbereiche überschreitet und zu einer verkoppelten Sichtweise bisher getrennt betrachteter Rechtsbereiche auffordert

“Die Umsetzung von Inklusion als gesellschaftliche Zielvorgabe muss vielmehr die Anwendungspraxis in allen Bereichen prägen. Gleichzeitig darf diese schwierige Aufgabe der Verknüpfung und Verkopplung bisher getrennter Bereiche nicht dazu führen, dass einzelne Bereiche wegen komplexer Probleme bei der Überwindung sich verweigern oder hinter dem tatsächlichen oder vermeintlichen Nichthandeln anderer Akteure verstecken.” (S.16)

Die Umstellung auf ein inklusives Fördersystem bedarf der intensiven Konzipierung und begleitenden Planung, damit negative Auswirkungen für die Betroffenen möglichst gering gehalten werden.

In diesem Abschnitt wird auf mögliche Auseinandersetzungen mit Betroffenen hingewiesen, die bei der anstehenden Veränderung die Befürchtung haben, ihre Unterstützung könnte verloren gehen (vgl. S. 16f.). “Mit inklusionsorientierten Wandlungsprozessen sollen negative (Neben-)Effekte dieses spezialisierten Leistungs- und Hilfesystems überwunden werden, dies darf aber nicht zu einer Reduzierung von sachlich erforderlichen Förderansprüchen oder zu Abstrichen in der Qualität zu Lasten der betroffenen Personen missbraucht werden. Die notwendige Förderung muss erhalten bleiben, jedoch müsse die Konstellationen und Formen, in denen qualifiziert und gefördert wird, verändert werden: Die bisherigen Ressourcen für Hilfen müssen in ein System einer konzeptionell einheitlichen Förderung und Hilfe überführt werden, das mit einer verbesserten Effektivität im Sinne des Ziels der Teilhabechancen einhergeht.” (S. 17)

Aus diesem Grund sollen die Prozesse mit den betroffenen Menschen gestaltet werden (vgl. ebd.).

Ganzheitlichkeit und Ausrichtung an der Lebenswelt als Gestaltungsprinzipien von Inklusion

“Ein Konzept von Inklusion orientiert sich an der ganzen Person und ihrer Lebenswelt. Inklusion knüpft daher an der Lebenslage von Kindern und Jugendlichen an und zielt bewusst darauf, die mit den Rollenbestandteilen einer Person bisher verknüpften Trennungen in den Zuständigkeiten zu überwinden […].” (S. 18)

3. Inklusion als Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe

Das Bundesjugendkuratorium stellt fest, dass in der derzeitigen öffentlichen Debatte die Zielrichtung von Inklusion unzulässiger Weise begrenzt wird – nämlich auf das System Schule (vgl. S. 19). “Der fachliche Bezugspunkt der Inklusion muss zuallererst die Orientierung an den Kindern und Jugendlichen selbst, sowie ihre umfassende Förderung sein; Zielgruppenbestimmungen und Fragen des Verhältnisses verschiedener Institutionen zueinander sind dem nachzuordnen” (ebd.).

“Auch Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung sind zuallererst Kinder und Jugendliche mit Bedürfnissen und Problemen bzw. alterstypischen Entwicklungsherausforderungen und –aufgaben wie alle anderen nicht behinderten Kinder und Jugendlichen auch” (S. 20).

“Die mehrdimensionale Neuorientierung der Rolle und Funktion der Kinder- und Jugendhilfe bei der Implementierung inklusionsorientierter Lösungen versteht sich nicht als Selbstzweck, sondern findet ihre Rechtfertigung in der Verbesserung der Lebenswirklichkeit aller behinderter wie nichtbehinderter Kinder und Jugendlicher in ihren Lebensbereichen” (S. 21).

Kindertagesbetreuung 

Die Kindertagesbetreuung arbeitet schon viele Jahre inklusionsorientiert. Dennoch ist auch hier wichtig, dass sich die Institution an die Kinder anpassen muss. (vgl. S 22). Die Kindertagesbetreuung kann “zum Wegbereiter von inklusiven Bildungsverläufen aller  [Hervorhebung i.Original, Anm. d. Verf.] Kinder und Jugendlicher werden” (S. 23). Dafür müssen allerdings die Übergänge zur Schule weiter entwickelt werden (vgl. ebd.). Weiterhin sind Fragen der Diagnostik, der Auswirkungen von Schulkategorien (z.B. Förderstatus) auf die Kindertagesbetreuung und die Förderpraxis in der Kindertagesbetreuung zu bedenken.

Kinder- und Jugendarbeit

“Insofern sich das Konzept der Inklusion an der ganzen Person und ihrer Lebenswelt ausrichtet und bewusst auf die Lebenslagen der betroffenen Menschen hin orientiert ist, scheint es konzeptionell hoch anschlussfähig an eine Kinder- und Jugendarbeit, die ebenfalls vom Subjekt her denkt und an den je konkreten Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen anknüpft” (S. 26). Gleichzeitig gibt es aber auch ein Konfliktpotenzial, denn es besteht ein Spannungsverhältnis “zwischen dem Selbstverständnis des Arbeitsfeldes, der Eigenlogik selbstorganisierter Jugendarbeit und einem an Inklusion ausgerichteten gesellschaftlichen Leitbild” (S. 26f.). Inklusion kann in den Einrichtungen nicht verordnet werden und es kann keine “>>Zwangsinklusion<< von Sozialbeziehungen” (S. 26) herbeigeführt werden (vgl. ebd.).

Ebenso wird die enge Verzahnung mit der Schule deutlich gemacht, denn viele peer-groups entwickeln sich im Schulalltag und bilden dann auch die Zielgruppen in der Kinder- und Jugendarbeit. Sind bestimmte Personen oder Personengruppen aus der Schule ausgeschlossen, werden sie auch nur schwer in den peer-groups in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit Anschluss finden. (Vgl. S. 27)

“In Bezug auf die Entwicklung einer inklusiven Kinder- und Jugendarbeit ist insbesondere die Sensibilisierung der Träger und der Fachkräfte notwendig, die die Grundvoraussetzungen für die Etablierung eines inklusiven Klimas in Verbänden und Einrichtungen darstellt. Die Verantwortung für die Gestaltung eines inklusiven Angebotes, das für alle [Hervorhebung im Original, Anm. d. Verf.] Kinder und Jugendlichen nutzbar ist, liegt dabei letztlich bei den Trägern.” (S. 28)

“Ziel von Politik, Trägern und Sozialer Arbeit muss es sein, dass alle [Hervorhebung im Original, Anm. d. Verf.] Kinder und Jugendlichen in einem je konkreten Sozialraum eine Teilhabemöglichkeit an allen [Hervorhebung im Original, Anm. d. Verf.]  Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe haben – dies schließt offene und selbstorganisierte Kinder- und Jugendarbeit ausdrücklich ein” (S. 29).

Ambulante Hilfen zur Erziehung

Neben der rechtlichen und finanziellen Unklarheit der Zuständigkeit bei Familien mit Kindern mit Behinderungen (Eingliederungshilfe vs. Kinder- und Jugendhilfe) sind Einrichtungen der ambulanten Hilfen zur Erziehung “auch konzeptionell und methodisch nicht darauf vorbereitet, die spezielle Erziehungssituation von Familien mit behinderten jungen Menschen in den Blick zu nehmen und die Behinderung von Kindern angemessen bei der Bewertung von familiären Lebenssituationen und bei der Gestaltung der Hilfe zu berücksichtigen” (S. 30).

“Will man das Inklusionsprinzip bei den ambulanten Hilfen zur Erziehung zur Geltung bringen, so müssen auch die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe die Kompetenzen mitbringen bzw. erwerben, Behinderung als Element einer familiären Lebenssituation wahrzunehmen, in ihrer Bedeutung für die familiäre Erziehungskonstellation zu bewerten und dementsprechend angemessene Hilfeleistungen zu konstituieren” (S. 30f.).

Stationäre Hilfen zur Erziehung

Auch hier gibt es wieder ein Spannungsverhältnis zwischen Jugendhilfe und Behindertenhilfe. Ob ein Kind oder ein Jugendlicher in eine Einrichtung der Jugendhilfe oder der Behindertenhilfe kommt, hängt von der Begründung seiner Unterbringung ab – ist sie ein Erziehungsproblem, oder liegt die Ursache in der Behinderung? (Vgl. S. 31)

“Für behinderte und nichtbehinderte Kinder und Jugendliche dürfen keine unterschiedlichen Ansprüche an die Hilfegestaltung und an die pädagogische Förderung gestellt werden” (S. 33).

“Während in der Kinder- und Jugendhilfe in den vergangenen Jahren intensive Diskussionen über die Bedingungen des Aufwachsens in stationären Einrichtungen stattgefunden haben, beschränkt sich die fachliche Debatte im Bereich der Eingliederungshilfe nach wie vor stark auf pflegerisch-medizinische Fragen und Aspekte der beruflichen Integration” (ebd.).

Es wird festgestellt, die “stationären Einrichtungen der Jugendhilfe haben kaum Erfahrungen mit der Umsetzung inklusiver Angebote. Weder ist auf Seiten der Fachkräfte ausreichend Qualifikation und Fachwissen vorhanden im Hinblick auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, noch sind Einrichtungen konzeptionell, organisatorisch und hinsichtlich ihrer Ausstattung darauf vorbereitet.” (S. 33f.)

In der Umsetzung gibt es des Weiteren die Schwierigkeit, dass Kinder und Jugendliche ohne Behinderungen nicht immer in der Lage sind, sich auf das Gemeinsame Wohnen mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen einzulassen (vgl. S. 34f.).

“Auch wenn man die besonderen Herausforderungen und auch die möglichen Grenzen bei der Realisierung von Inklusion in stationären Erziehungshilfen nicht aus dem Blick verlieren sollte, so gilt die Anforderung Inklusion im Grundsatz auch für dieses Handlungsfeld” (S. 35).

Hilfen für Pflegekinder

“Die Unterbringung in einer Pflegefamilie kann für Kinder mit Behinderungen durch die Familiennähe erhebliche Vorteile in der Entwicklung und im Beziehungsaufbau zur Folge haben. Für viele Kinder ist diese Form der außerfamiliären Hilfen zur Erziehung die Form, die ihren Entwicklungsbedürfnissen am besten entspricht.” (S. 36)

“Für jedes Kind sollte unabhängig von einer Einschränkung eine Pflegefamilie zu finden sein, und jede Pflegefamilie, die ein Kind mit Behinderungen aufnimmt, muss die dafür notwendige Beratung und Unterstützung erhalten” (ebd.).

Schulsozialarbeit

Am Ort Schule sind alle in der Schule tätigen Akteure dazu aufgefordert Inklusion voranzubringen (vgl. S. 38).

“Aus Sicht einer inklusiven Schulkultur sind insbesondere Fachlehrer gefordert, pädagogische Settings zu schaffen, die Inklusionserfahrungen ermöglichen. Hier fällt den sozialpädagogischen Angeboten an Schulen die Aufgabe zu, dies zu unterstützen und ggf. Schüler/innen wie Lehrer/innen für Inklusion zu sensibilisieren, wobei die Schulsozialarbeit in besonderer Art und Weise geeignet ist, für behinderte Kinder und Jugendliche Brücken zum Lebensraum zu bauen und ihnen eine besser Teilhabe auch an außerschulischen Angeboten und speziellen Förderangeboten der Kinder- und Jugendhilfe zu ermöglichen.” (S.38f.)

Dabei geht es nicht darum, dass Schulsozialarbeit die Aufgabe von Integrationshelfern übernimmt, sondern wichtig ist die Frage, “wie Schulsozialarbeit felder sozialen Lernen eröffnen kann, die ein inklusives Schulklima schaffen” (ebd.).

Eingliederungshilfen für junge Erwachsene mit Behinderungen

“Der Prozess der Stigmatisierung, den die Jugendlichen bereits durch den Besuch einer Schule außerhalb der Regelschulen erlebt haben, setzt sich so bei der Berufsorientierung, Berufsausbildung und Einmündung in den Arbeitsmarkt trotz vielfältiger Eingliederungshilfen fort. Insbesondere für geistig Behinderte fehlen Angebote, die in einer begleitenden Form Leben, Wohnen und Arbeiten außerhalb von Heimstrukturen und in der Nähe ihrer Eltern ermöglichen.” (S. 41)

Die Jugendhilfe sollte in der Zukunft mit Angeboten der Eingliederungshilfe und Unternehmen zusammen arbeiten, um die Jugendlichen bestmöglich unterstützen zu können (vgl. ebd.). Auch für Menschen mit Behinderungen muss das Selbstbestimmungsrecht gewahrt bleiben, das heißt sie müssen eine Entscheidung treffen können, welchen Beruf sie wählen (vgl. ebd.).

4. Schlussfolgerungen: Inklusion ist nicht nur Imperativ, sondern vor allem praktisches Handlungsfeld

“Diese Erörterungen zum Inklusionskonzept sollen verdeutlichen, dass Inklusion eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist,

– die Zeit braucht

– die grundlegende Fragen der Gleichheit von Menschen in dieser Gesellschaft anspricht

– die prozesshaft zu gestalten ist

– die veränderte Rahmenbedingungen (insbesondere bei der Qualifizierung der Fachkräfte und bei der Finanzierung der Angebote) benötigt und

– deren Umsetzung sich nicht einfach administrativ verordnen lässt, sondern einen tiefgreifenden kulturellen Wandel in unserer Gesellschaft und bei den beteiligten Fachkräften gleichermaßen voraussetzt wie als Folge nach sich zieht.” (S. 42)

“Die Inklusionsdebatte verlangt ein verändertes Grundverständnis – weg von einem defizitorientierten Behinderungsmodell, hin zu einer Menschenrechts- und Teilhabeperspektive – sowie auf eine damit verbundene Anerkennung der >>ganzen<< Person in ihren lebensweltlichen Bezügen und ihren Mitbestimmungs- und Partizipatonsrechten bei der Gestaltung von Unterstützungs- und Hilfesettings” (S. 43).

Laut gesetzlichem Auftrag ist die Kinder- und Jugendhilfe für alle Kinder und Jugendlichen da, so steht es in §1 SGB VIII und somit müssen Kategorien und sich daraus ergebende Konsequenzen, z.B. in Angeboten oder Strukturen, reflektiert werden (vgl. ebd.).

“Das Bundesjugendkuratorium spricht sich für eine nachdrückliche, abgestimmte und realitätsnahe Umsetzung von Inklusion aus, die abseits einer imperativen Idealisierung verläuft und sich an den jeweiligen Lebenswirklichkeiten von Kindern und Jugendlichen orientiert, seien diese seelisch, geistig oder körperlich behindert oder nicht. Im Sinne einer Generationenpolitik muss das bedeuten, dass Inklusion nicht nur dann gelungen ist, wen sie Kinder und Jugendliche in >>inklusiven<< Einrichtungen fördert, sondern auch, wenn Inklusion als gesellschaftliches Klima verankert ist uns Erwachsene (nicht nur Fachkräfte, sondern auch Eltern und alle anderen beteiligten) wie Kinder und Jugendliche gleichermaßen verpflichtet.” (S. 44)

Fazit

Die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums bietet eine wunderbare Grundlage zur Auseinandersetzung und Diskussion zum Thema Inklusion und sie bietet ebenso eine Einschätzung zum aktuellen Stand von Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe und zeigt für verschiedene Bereiche Perspektiven, Möglichkeiten und Risiken auf.

Zu Beginn der Stellungnahme werden interessante Punkte zur Diskussion angerissen:

– Ist es sinnvoll Inklusion weiter zu fassen und nicht nur auf Menschen mit Behinderungen zu reduzieren?

– Geraten Menschen mit Behinderungen aus dem Fokus, wenn Inklusion weiter gefasst wird?

– Wie wird Inklusion im öffentlichen und wie im fachlichen Diskurs verhandelt, worum geht es dabei genau und kommt das eigentliche in der UN-BRK formulierte Anliegen noch zur Geltung?

– Wie funktioniert Inklusion in einer auf Ausschluss und Leistung basierenden Gesellschaft?

Die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums ist aus meiner Sicht sehr zu empfehlen – für den Einstieg, für die Weiterarbeit, für ein Innehalten im Prozess zu einer inklusiven Arbeit.

Hier geht es zur Website des Bundesjugendkuratoriums.

Ein Gedanke zu „Positionspapiere und Leitlinien zum Thema Inklusion, die trotz ihres Alters nicht an Aktualität verloren haben–Teil III“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.