Ist die Forderung nach Inklusion nur eine subjektiv richtige?

Wenn man sich darüber im Klaren ist, dass man in gesellschaftliche und historische Strukturen verwoben ist, dass man geprägt ist durch soziale Kontakte, Bildungssysteme, Erfahrungen, Interaktionen mit der Umwelt, durch ökonomische Bedingungen, Eigenschaften und selbstgewählte und zugeschriebene Zugehörigkeiten, wird es deutlich, dass die eigene Perspektive immer nur eine unter vielen sein kann und niemals universelle Gültigkeit hat.

Wenn ich das nun mit dem Thema Inklusion verknüpfe stellen sich mir die Fragen: Warum ist mir Inklusion wichtig? Warum beschäftige ich mich damit? Warum setze ich mich dafür ein? Warum halte ich Inklusion für richtig und notwendig? Was ist meine Motivation? Und was hat das mit meiner Verstrickung zu tun?

Oder anders herum gefragt: Würde ich, wenn ich anders positioniert wäre, anders auf das Thema Inklusion gucken? Wie wäre dann meine Position zu Inklusion?

Kann ich aufgrund meines gesellschaftlichen Standpunktes nur für Inklusion argumentieren und andere Menschen aufgrund ihres nur gegen Inklusion? Wie viel eigene Anliegen, eigene Interessen liegen in dem Engagement für oder gegen Inklusion? Inwieweit ist die eigene Haltung zum Thema Inklusion determiniert aufgrund der gesellschaftlichen Position?

Ist Inklusion also nur ein subjektives Anliegen aufgrund verschiedener gesellschaftlicher Positionen und Interessen oder ist Inklusion möglicherweise ein objektives Anliegen, welches unter Wegfall der gesellschaftlichen Positionierung und Interessen ebenso als sinnvoll, wichtig und richtig erachtet wird? Das müsste dann begründet werden. Wie aber könnte Inklusion objektiv begründet werden?

Jeder Versuch hier zu argumentieren müsste zum Scheitern verurteilt sein, weil ich Teil der gesellschaftlichen Strukturen bin und daher keine Position außerhalb beziehen kann. Ein objektives Außerhalb zu denken ist, denke ich, unmöglich.

Insofern bediene ich mich an dieser Stelle einem Hilfsmittel – einem Gedankenexperiment. Das Gedankenexperiment heißt „Schleier des Nichtwissens“ und wurde von John Rawls entwickelt. Dieses Experiment ist Teil seiner „Theorie der Gerechtigkeit“. Dieses Gedankenexperiment bewegt sich meiner Einschätzung nach auch nicht wirklich in einem Außerhalb, aber es versucht viele Perspektiven zu berücksichtigen und somit einen Kern heraus zu filtern, auf den sich alle einigen können.

In dem Gedankenexperiment geht es um „eine Art Naturzustand, der so gedacht ist dass niemand weiß, wer er oder sie ist. […] Niemand kennt seine Position in der Gesellschaft, und niemand weiß, wie reich oder arm er ist, wie erfolgreich oder erfolglos, wie gebildet oder ungebildet. Dann neidet niemand dem oder der anderen etwas, niemand hat einen Grund egoistisch zu sein, alle nehmen die gleiche Position bei der Urwahl ein. Sie sind frei, sich vernünftig kooperativ zu verhalten; und deswegen wählen alle als Gleiche und Freie auch gleich und frei. Eine Wahl unter diesen Bedingungen wäre fair. Und man könnte davon ausgehen, dass alle dieselben Prinzipien der Gerechtigkeit wählen würden.“ (Vossenkuhl, SWR2 Aula, 26.12.2013, Manuskript .S. 4)

An dieser Stelle geht es allerdings nicht um die Prinzipien der Gerechtigkeit, sonder darum, ob sich in dieser Urwahl auch für Inklusion entschieden werden könnte. Wenn dem so wäre, dann wäre Inklusion in nach meinem Verständnis etwas objektiv Richtiges und Wichtiges.

Wie würde die Urwahl in Bezug auf Inklusion ausgehen?

Ich habe in diesem Beitrag ein paar meiner Gedanken versucht zu formulieren. Diese sind sicherlich an vielen Stellen unausgereift, zu kurz oder falsch gedacht. Daher würde ich mich sehr über Anmerkungen, Anregungen, Korrekturen, Ergänzungen und Diskussion dazu freuen. Ich verstehe diesen Beitrag eher als Diskussionsanregung, denn als festes Gebilde, zu dem ich sage: „So ist es!“

An dieser Stelle lade ich also herzlich dazu ein, sich darüber Gedanken zu machen und die eigenen Gedanken in den Kommentaren zu teilen und darüber in die Diskussion zu kommen.

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