Tagung: BILDUNG MACHT SCHULE: OFFEN, INKLUSIV, GERECHT!

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Am Freitag, den 19.06.2015 veranstaltete die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen in Berlin eine Tagung mit dem Titel “BILDUNG MACHT SCHULE: OFFEN, INKLUSIV, GERECHT. Die Tagung fand in der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule statt. Die auch als “Leuchtturm”-Schule in Bezug auf Bildungsgerechtigkeit und Inklusion gilt.

Im Folgenden nenne ich einige Aspekte der Tagung, die mir wichtig sind. Die Angaben beanspruchen wieder keine Vollständigkeit.

Gestartet wurde mit einer Begrüßung durch Annedore Dierker (Schulleiterin der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule) und Dr. Anton Hofreiter (Mitglied des Bundestages, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen). Annedore Dierker berichtete über ihre Schule – sie hat ca. 1000 Schüler_innen, unterrichtet werden die Klassen 1-13, es gibt 120 Kolleg_innen, die Schule wird zukünftig Schwerpunktschule “geistige Entwicklung”, in einigen Fächern bieten sie individualisiertes Lernen an und die Schule ist auf dem Weg zur Schule für alle. Dr. Anton Hofreiter berichtete, dass die Schere zwischen arm und reich in Deutschland immer größer wird, dass noch immer die (soziale) Herkunft über die Bildungschancen entscheidet und er forderte daraufhin, dass es eine Chancengerechtigkeit unabhängig von sozialer Herkunft geben muss, dass bestehend Maßnahmen in Bezug auf Inklusion  hin überprüft werden sollen und geguckt werden muss, was zielgerichtete Maßnahmen sind und was Maßnahmen sind, die helfen. Des Weiteren sagte Dr. Anton Hofreiter “eine freie Gesellschaft muss ein bisschen Ungleichheit aushalten”. Es geht nicht darum, dass alle Menschen gleich gemacht werden und das gleiche wollen müssen.

Nach der Begrüßung gab es einen kurzen Comedy-Beitrag von Idil Baydar, die als Jilet Ayse auftrat. Danach gab es eine Disskussionsrunde mit der Fragestellung “Wie viel Bildungsgerechtigkeit will unsere Gesellschaft überhaupt? Die Teilnehmer_innen dieser Diskussionsrunde waren Sylvia Löhrmann – Ministerin für Schule und Weiterbildung in NRW, Marco Maurer – Journalist und Autor, Prof. Dr. Marianne Hirschberg – Hochschule Bremen und Idil Baydar – Comedian.

Idil Baydar stellte fest, dass es einen starken defizitären Blick auf Schüler_innen mit Migrationshintergrund gibt. Für Prof. Dr. Marianne Hirschberg ist die Konsequenz für die Bildungspolitik aus der Inklusion ganz klar die Umsetzung und nicht die Frage “wie viel?”. Des Weiteren konstatiert sie, dass die aktuellen Machtverhältnisse der Inklusion entgegen stehen. Es gibt viele Studien, die belegen, dass Inklusion funktioniert und dass die Angst davor, dass leistungsstarke Schüler_innen, wenn die mit leistungsschwachen Schüler_innen lernen, darunter leiden, nicht gerechtfertigt ist. Es ist wissenschaftlich widerlegt und dennoch ist die Angst vorhanden und wirkmächtig. Für Prof. Dr. Marianne Hirschberg geht es bei Inklusion um einen Systemwechsel. Sylvia Löhrmann hält fest, dass langes gemeinsames Lernen wichtig ist für die Erfolge und Förderung von Kindern und Jugendlichen und dass sich die Schulen öffnen und mit außerschulischen Bildungsangeboten zusammen arbeiten müssen. Ebenso stellte sie fest, dass die regelmäßige und anhaltende Diskussion über die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland exkludierend ist und natürlich Auswirkungen auf (nicht nur) junge Menschen und ihr Selbstbild hat.

Nach der Diskussionsrunde fanden parallel 3 Workshops statt. Ich habe an Workshop 1 – “Alle Mittendrin – Bildungsgerechtigkeit konkret” teilgenommen. Die Hauptakteure des Workshops waren Annedore Dierker (s.o.), Prof. Dr. Kersten Reich – Universität Köln und Sascha Wenzel – Freudenberg Stiftung.

Annedore Dierker verwies darauf, dass es in ihrer Schule individuelle Beratung und Begleitung der Schüler_innen gibt und das ein wesentlicher Baustein zur Bildungsgerechtigkeit ist. Und sie betonte, dass die gymnasiale Stufe für eine Gemeinschaftsschule eine maßgebliche Rolle spielt, denn dadurch haben die Schüler_innen eine konkrete Perspektive und können nicht aufgrund ihrer sozialen Herkunft aussortiert werden. Prof. Dr. Kersten Reich nannte dass peer-to-peer-lernen, Lernlandschaften und ein Selbstlernzentrum, eine “Entschlackung und Aktualisierung des Lernstoffs als wichtige Schritte für mehr Bildungsgerechtigkeit. Er verwies darauf, dass aus der Forschung bekannt ist, dass heterogene Lerngruppen erfolgreicher sind als vermeintlich homogene Lerngruppen und das Inklusion in vielen Fällen an der Haltung der Menschen scheitert. Sascha Wenzel berichtete über seine Erfahrungen in der Entwicklung des Campus Rütli und über die Prozesse in der Schule. Als positiv benannte er, dass es keine Elternabende mehr gibt, sondern in regelmäßigen Abständen individuelle Entwicklungsgespräche gibt. Er setzt sich auch sehr dafür ein, dass die Fragmentierung der Bildung abgebaut wird. Das heißt, dass sich Kitas und Schulen in einem Kiez konzeptionell versuchen sollten anzugleichen und für die Kinder und Jugendlichen “rote Fäden spinnen” sollten. Es gab eine interessante Diskussion darüber, welche Funktion, Rolle und Bedeutung sogenannte Leuchtturmprojekte haben – dies wurde von Sascha Wenzel und Prof. Dr. Kersten Reich kontrovers diskutiert. Unter anderem spielten Punkte wie die Übertragbarkeit, der Transfer an andere Schule eine Rolle und auch die Anerkennung, dass Prozesse in jeder Schule anders ablaufen. Aus der Gruppe der Teilnehmer_innen gab es eine Frage zu der Verknüpfung von Digitalisierung und Inklusion, also inwieweit das Thema Digitalisierung in der Diskussion über Inklusion berücksichtig wird.

Nach einer Kaffeepause fand eine zweite Diskussionsrunde statt. Die Frage war: “Wie können Bildungsinstitutionen gerechter werden und was brauchen sie dafür von der Bundespolitik?”. Die Teilnehmer_innen dieser Diskussionsrunde waren Prof. Dr. Kersten Reich (s.o.), Lisa Reimann – inklusionsfakten.de, Prof. em. Dr. Klaus Klemm – Universität Duisburg-Essen und Özcan Mutlu – Mitglied des Bundestages, Bündnis 90/Die Grünen. Özcan Mutlu verwies darauf, dass die Lehrerinnen-Ausbildung reformiert werden muss, dass sich die Haltung der Menschen/der Lehrer_innen verändern muss, denn Inklusion kann nicht verordnet werden. Des Weiteren warb er dafür, sich für eine Abschaffung des Kooperationsverbotes einzusetzen. Lisa Reimann betonte, dass es darum geht, den Blick auf Diskriminierungen zu richten, sich mit Vorurteilen und Diskriminierung auseinandergesetzt werden muss, dass es diesbezüglich Fortbildungen und Reflexionen geben muss, dass die Schulbücher diesbezüglich überarbeitet werden müssen und dass eine inklusive Haltung entwickelt werden muss. Prof. Dr. Kersten Reich nannte einige Aspekte, wie Bildungsinstitutionen gerechter werden können: kostenfreie und verpflichtende Kita, Ganztag, Schule für alle, TeamTeaching, gezielte Auswahl von Lehrkräften und und auch stärkere Auswahl bei Zulassung zum Lehramtsstudium, Veränderung der Lehrer_innen-Ausbildung, Schulen müssen Verantwortung für sich zurück bekommen (z.B. Budget).

Nach der zweiten Diskussionsrunde fasste Özcan Mutlu die Tagung nochmal kurz zusammen und beendete sie.

Fazit

Das System Schule stand im Fokus dieser Fachtagung. Inklusion war nicht das alleinige Thema. Im Kern ging es um Bildungsgerechtigkeit. Das überschneidet sich aber maßgeblich mit dem Thema Inklusion. Für die Kinder- und Jugendhilfe sind zum einen Überlegungen zu der stärkeren Zusammenarbeit (auch konzeptionell) von Kita und Schule interessant, aber auch die Öffnung von Schule für außerschulische Bildungsangebote. Inklusive Schulen kann es im Prinzip nur geben, wenn der Kiez inklusiv ist, es also auch außerhalb der Schule inklusive Einrichtungen und Angebote gibt. Die Bedeutung der außerschulischen Bildungsarbeit für Schule und Bildung insgesamt wird zukünftig sicherlich zunehmen. Insofern ist es gut, zu wissen, in welche Richtung das System Schule sich entwickelt, was dort gerade diskutiert wird und eine Position der Kinder- und Jugendhilfe in diesem Prozess zu erarbeiten.

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