Wie geht es weiter mit der Inklusion, wenn diese nicht mehr modisch ist? – Gedanken über die Weiterarbeit nach dem Ende eines möglichen Trends

Diskussionen über Inklusion sind meist sehr emotional und viele Menschen haben eine feste Meinung zu dem Thema. Der Begriff polarisiert und löst meist heftige Kontroversen aus. Immer wieder wird versucht den Begriff wieder positiv zu füllen, aber vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Umsetzung bspw. im System Schule scheint das eher wie ein Kampf gegen Windmühlen zu sein. Doch was bedeutet das für die Arbeit für Inklusion?

Inklusion als Modewort

Der Begriff Inklusion ist ein Modewort. Seit der Unterzeichnung und dem Inkrafttreten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen taucht der Begriff immer häufiger in unserem Alltag auf. Projekte sind inklusiv, Schulen sollen inklusiv werden, es geht um inklusive Jugendarbeit, inklusive Hochschulen, etc. Es gibt viele Foren, Fachtagungen, Diskussionen, Fortbildungen zum Thema Inklusion. Derzeit ist Inklusion ein hochaktuelles und wichtiges Thema nicht nur in der Kinder- und Jugendhilfe. Aktuell lassen sich Fördermittel für Projekte und Aktivitäten gut akquirieren, wenn das Wort Inklusion im Antrag enthalten ist.

Doch wie jede Mode, jeder Trend, wird es auch eine Zeit geben, in der das Thema Inklusion nicht mehr so gehyped wird. Wenn es nach einer Phase der Aufregung und der Schlagzeilen langsam von der Bildfläche der öffentlichen Aufmerksamkeit und des fachlichen Fokus versschwindet, weil es unter Umständen nicht mehr so interessant oder ein neues Thema an dessen Stelle getreten ist.

Doch was passiert dann?

Eine mögliche Antwort liegt meines Erachtens nach in den folgenden zwei Auffassungen von Inklusion.

Inklusion als Paradigmenwechsel

Inklusion ist ein Paradigmenwechsel. In der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen geht es darum, dass der Fokus nicht mehr auf den Menschen mit ihren Beeinträchtigungen und ihren “Defiziten” und “Mängeln” liegt, sondern auf der Gesellschaft und ihren Bedingungen. Und dieses Prinzip beschränkt sich nicht nur auf Menschen mit Behinderungen. Es lässt sich auf alle Dimensionen von Vielfalt übertragen. Es wird also gefragt, was die Gründe dafür sind, dass ein Mensch von einem Teil des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen ist. Und die Gründe dafür werden deutlich in der Gesellschaft verortet. Die Gesellschaft muss sich also reflektieren und fragen, wie und in welcher Form verhindern wir Teilhabe und wie können wir das ändern? Wie muss die Gesellschaft gestaltet sein, dass alle Menschen unabhängig von Eigenschaften oder Merkmalen gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sind? Das ist ein wirklicher Paradigmenwechsel. Und dieses zu vollziehen bedarf einer Menge Arbeit und Umgewöhnung. Wie oft individualisieren wir bspw. Probleme eines Kindes/einer Familie in der Jugendhilfe? Und wie selten fragen wir nach den Bedingungen unserer Projekte, Angebote, Strukturen etc.?

Die Frage lautet also meines Erachtens nach nicht: Wie soll ein Kind an einem Angebot teilnehmen können, wenn es dieses und jenes Merkmal oder diese und jene Eigenschaft hat? Sondern: Wie kann das Angebot aussehen, so dass auch das Kind mit diesem und jenen Merkmal oder dieser und jeder Eigenschaft daran gleichberechtigt teilnehmen kann und selbstverständlicher Teil des Angebots ist? Oder gar: Wie kann das Angebot aussehen, so dass jedes Kind daran gleichberechtigt teilnehmen kann und selbstverständlicher Teil des Angebots ist?

Inklusion als Menschenrecht

Inklusion hat das Ziel, dass alle Menschen gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sind. Es geht darum, Diskriminierung und Ausgrenzung zu vermeiden und die Menschenrechte aller Menschen zu wahren und umzusetzen. In diesem Sinne kann Arbeit für Inklusion auf jahrzehntelange Erfahrungen der Antidiskriminierungs- und Menschenrechtsarbeit aufbauen. Die Ziele von Menschenrechten und Inklusion sind identisch und Inklusion steht als Ziel in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (eine Spezifizierung der Menschenrechte). Inklusion mit den eben genannten Zielen ist ein Menschenrecht.

Ausblick

Auch wenn der Begriff Inklusion eines Tages seine Kraft verliert, die Ideen und Konzepte dahinter sind nicht an den Begriff gekoppelt. Sie haben vielmehr eine lange Tradition in der Menschenrechts- und Antidiskriminierungsarbeit und auch der kritische Blick auf die Gesellschaft und ihre Bedingungen, die einen Ausschluss von Menschen erzeugt, steht in dieser Tradition. Die Menschenrechts- und Antidiskriminierungsarbeit wird weiter fortgesetzt. Unabhängig davon, ob sie nun unter dem Begriff Inklusion läuft oder nicht. Aus meiner Sicht kann der Begriff Inklusion ein Zugpferd für die Inhalte (Menschenrechte, Abbau von Diskriminierung, Gleichberechtigung) sein, um sie in den Fokus der öffentlichen Debatte zu bringen. Aber die Themen passieren auch ohne das Wort, Schon seit vielen Jahren und auch noch viele Jahre. Sich die Frage zu stellen “Was motiviert mich, mich für Inklusion zu engagieren?” ist aus meiner Sicht ein wichtiger Punkt. Engagiere ich mich, weil es von mir verlangt wird? Weil es momentan aktuell und modisch ist? Oder engagiere ich mich, weil ich mich für Menschenrechte und den Abbau von Diskriminierung einsetze und mir diese Werte wichtig sind. Ist ersteres der Fall, dann ist es recht wahrscheinlich, dass es nach dem Ende von Inklusion als Modewort kein weiteres Engagement in diese Richtung gibt. Ist letzteres der Fall, dann ist es recht wahrscheinlich, dass weiter an den Themen gearbeitet wird. Vielleicht unter einem anderen Modewort.

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